Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-29 · 5 (29.1.1892) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020905--01078-3025099
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 76 Vrstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 5 die Antisemiten Oesterreichs und Deutschlands. Das sind die neuesten Enchüllungen über das Blutmärchen und der Staatsanwalt ist es, der im Gerichtssaale diese furchtbaren Anklagen gegen diese Partei «Hebt. Jede andere Partei winde nach sokhen Enchüllungen aus dem Dasein verschwinden. Diese Partei aber wagt es noch andere Parteien zu beschimpfen und anzufallen. Die Schulbuben lachen einander aus, wenn der Gegner nur die Beschimpfungen wiederholt, die ihm zugerufen wurden. Einer ähnlichen knabenhaften Manier begegneil wir in dem Leitartikel des „Deutschen Volksblattes" lvelcher der Affaire Laur gewidmet ist. Das genannte Blatt spricht von Beleidigungen, deren Mitglieder seiner Partei im Parlamente ausgesetzt sein könnten. Nun ftagen wir: „Wo werden Berichterftlüter auch arischer Abkunft unter Mißhandlungen ins Freie befördert." Antwort: „In dm Antisemitenversammlungm." „Wo werdm geachtete Bürger, Wähler und Steuerzahlerarischer Abstammung durch die Ordner beleidigt, verhöhnt und können nachdem der Wink vom Präsidententisch Gehorsam gefundm, nur unter dem Schutze mannhafter Freunde den sichern Mckweg finden. Antwort: „Zn den Antisemitenversammlungen". „Wo ist die Diskussion oft genug in Raufereien ausgeartet, wo wurden Messerstiche ausgetheilt, wo sind Antisemiten, wie Cornelius Vetter, Psenner u. A. nrtt Ohrfeigen regalirt worden?" Antwort: „In den Antisemitenversammlungen." „Zu welcher Partei gehörten Diejenigen, welche kranke Frauen durch arge Drohungm ängstigten, welche in Wirthshäusern nichts ahnende Gäste mit ihrm Frauen mißhandelten?" Antwort: „Zur Partei der Antisemiten." Und das Organ dieser Partei, das „Deutsche Volksblatt" stellt sich noch entrüstet darüber, daß ein französischer Antisemit die gebührende Züchtigung und einige nicht antisemitische Ohrfeigen empfangen hat. Gegm die eingebildete Gefahr einer Ohrfeige im Parlamente hat das „Deutsche Volksblatt" die furchtbarsten Drohungen in Bereitschaft, eine sizilianische Vesper und eine Bartholomäusnacht. Das ist die Liebe des „Dmtschm Volksblatt" zu Wien und Oester-reich, das sind seine Wünsche für unsere Vaterstadt. Doch das Alles ist nicht so ernst zu nehmen. Die antisemitischen Parteiführer sind mü Backenstreichen so vertraut, wie mit dem Lügen und Verläumden. Und das Volk? Wir meinen, auch das Volk wird sich von einer Partei lossagen, die als größtes parlamentarisches Ereigniß in ihrer Geschichte eine Ohrfüge zu verzeichnen hat, die verurtheilt ist durch Kammer und Senat der französischen Republik wie durch eine allgemeine Abstimmung, und deren Erfolge in den Prozessen von Corfu sich wiederspiegeln. Diese Partei wird langsam dahinsterben, wird ohne Sang und Klang aus dein Dasein scheiden. „Und sieh! und sieh" — heißt es in der Romanze „Belsazar" — „da kams hervor wie Menschenhand." Es ist kein ttagischer Abschluß; eine Ohrfeige ist die Katastrophe dieser Partei. Heuchlerische Sqlbstgerechtigkeik. In einer jener clericalen Flugschriften schärferer Tonart welche in tausenden Exemplaren unter der bäuerlichen Bevölkerung verbreitet werden, begegnete uns dieser Tage ein Aufsatz über die Juden in Rußland, welcher cs wohl verdient, niederer gehängt zu werdm. Der Verfasser hat nicht übel Lust, die Regierungsweisheit des russischen Czaren zu preisen und die grausanien, gegen die Juden verfügten Maßregln begreiflich zu finden angesichts jener abscheulichen pestartigen Fäulniß und Corruption, welche in der gesammten russischen Gesellschaft grauenerregend sich ausbreitet. Er sieht in diesen betrübenden Erscheinungen die Juden als Träger und Förderer und zur Beweisführung dienen chm die Judm in Deutschland, welche „die christliche Obrigkeit schon im vorigm Jahrhundert zu einem ehrlichen Lebenswandel zu erzichm eifrig bemüht war, die aber in Folge eines natürliche Hanges zum Schacher diesen wohlgemeinten, von christlicher Nächstenliebe eingeflößten Bvnühungen einen unbesiegbaren Trotz und Widerstand mtgegmsetzten." Daß aber die russische Regierung ihre katholischen und deutschen Unterthanen mit derselben Härte und Grausamkeit verfolgt, wie die Juden, das wird den bäuerlichen Lesern verheimlicht. Thatsache ist, daß die russische Hetzpresse gegen die Katholiken und Deutschen dieselbe Sprache führt und dieselben Anklagen erhebt, wie gegen die Juden. Ueber die Leiden und Verfolgungen der Stundisten, die in moralischer und wirthschaftlicher Beziehung die Elite der russischen Bevölkerung bilden, schreibt I. B. Lanin in der „Contemporary Review“: „Seit dem Juli vergangenen Jahres geht die Orthodoxie und die Bureaukratie auf. Grund von Beschlüssen einer Synode zu Moskau mit schrecklichster Grausamkeit vor. Die Polizei hat das Recht, Stundisten in die orthodoxen Kirchen zu treiben; Land dürfen sie nicht mehr erwerben, genau wie die Juden; die Kinder von Stundisten werden den Eltern genommen und in orthodoxe Familien zur Erziehung gegeben. Ein Stundist, der in Gemeinschaft mit Anderen die Bibel liest oder der vorpredigt und dabei betroffen wird, wird ohne Urtheil nach Sibirien deportirt; der Verdacht dieser „Verbrechen" berechtigt den Gouverneur, den Betreffenden zeitweise in die Minen zu senden. Ergänzt werden diese Bestimmungen durch ein weise ersonnenes System von Geldstrafen; jede Uebertretung hat hohe Bußen zur Folge, daraus ergibt sich der materielle Ruin vieler Familien, und denen wird nun die Gründung einer neuen Existenz unmöglich gemacht, indem sie in ihrem Paß das Wort „Stundist" eingetragen «halten. Ein Mann aber mit diesem Paß wird in jeden! neuen Dorfe von der Polizei weiter gehetzt. Das System gegen Juden und Sttmdisten ist also völlig das nämliche: Geistige Unterdrückung, materieller Ruin, Verschickung. Die Einzelfälle, die Lanin mittheilt, sind entsetzliche. Er macht drei hervorragende Stundisten namhaft: Markoff, Koondrikoff und Kostromeen; alle Drei sind verschickt worden. Dem Ersteren nahm man drei Kinder, dem Zweiten vier Kinder und dem Dritten sieben Kinder und ordnete ihre orthodoxe Zwangserziehung an. Die Frauen dürfen den Männern zwar in die Verbannung folgen, aber auch diese „Vergünstigung" hat man in erfindungsreicher Weise zu einer Marter für die Stundisten umgeschaffen. Bei den Etappenmärschen, die die Stundisten unter militärischer Begleitung zurücklegen, werden nämlich des Nachts die Frauen von den Männern getrennt, und man legt Werth darauf, daß die Frauen, denen man ihre Kinder genommen hat, mit den Soldaten in demselben Raume untergebracht werden. Der Nest ist Schweigen. Und solche Regierungsmaximen werden als Ausfluß höchster Weisheit in Oesterreich gepriesen. Wer sich über die Ursachen und die Trägerder Corruption in Rußland unterrichten will, der braucht blos die Zeitereignisse mit voruttheilslosen Blicken zu verfolgen. Im Laufe dieses Monats findet in Minsk ein Proceß statt, in dem es sich um haarsträubende Mißbräuche in der Minsker Einberufungsbehörde handelt. Die Untersuchung begann im Jahre 1883. Im Laufe dieser Zeit sind zwei Angeklagte gestorben; einigen gelang es, zu flüchten, so daß noch vier Personen auf der Anklagebank Platz nehmen: Der Krcisadelmarschall und Vorsitzende der Minsker Einberuftlngsbehörde, wirklicher Staatsralh C h o m e n t o w s k y, das Mitglied dieser Behörde, Collrgienrath Dobrowolsky, der Schriftführer Collegienrath Kozlowsky und das Mitglied des Minsker Stadtcathes G a b ri lo w it s ch. Der wirkliche Staatsrath Annenkoff vom dirigirenden Kameralhof in Orel, Vorsitzender der dortigen Ab Heilung des „Rothen Kreuzes", wurde plötzlich wegen Unterschlagung von 24.000 Rubeln aus der Caffe des „Rothen Kreuzes" des Dienstes entlassen. Die Antisemiten, vor Allem das Vergani'sche Lügenblatt, faseln von einem jüdischen Getteidefälscher in Rußland, Namens . Puchardt, der aber ein guter Arier, ein Stammesgenosse der! Stöcker und Schönerer ist. Geradezu verlogen und geschichtsk fälschend ist das Dictum, „daß die christliche Obrigkeit in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.