Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 5 (29.1.1892)
- Date
- 1892-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Oefierrrichische Wochrnfchrkst. Sette 75 Leben der Anderen mitleben muß, daß erst aus dem Dasein der Gesammtheit sein Dasein Werth empfängt. Die Worte Menschlichkeit und Humanität schließen somit eine große Wahrheit in sich, sie bezeichnen jene Anschauungen und Gesinnungen, durch die der Mensch sich zum Menschen erhebt. Die Juden sind Menschen, denn sie haben der Welt die zehn Gebote gegeben und jene Sonntagsfeier, aus der map gerade in antisemitischen Kreisen so viel Aufhebens gemacht. Was Moses für die Juden gethrn, ist wenig gegen das. was ihm die Menschheit verdankt. Man vergleiche doch die Bibelauflagen in den fremden Sprachen mit den Bibelausgaben im Urtexte für die Juden und man hat dann annähernd einen statistischen Werthmesser, um zu erfahren, inwieweit die Juden das Leben der Andern lebten und was sie für die Weltgeschichte bedeuten. Die Juden sind die Blutzeugen dieser Bibel, ein tausendjähriges Martyrium haben sie getragen, um der Menschheit die höchsten Ideen in ihrer Reinheit zu bewahren, sie opferten Leben und Eigenthum, Glück, Ruhe, Sicherheit und Ehre dieser Welt wurden von ihnen hingegeben der höchsten Ehre willen aus Treue gegen die Wahrheit des Glaubens, der ihnen heilig war. Und doch wäre cs ihnen ein Leichtes gewesen, das Glück der Erde zu erkaufen, wenn sie sich nur zu einem kleinen Opfer ihrer Uebcrzeugungen verstanden hätten. Große Versuchungen hat nach der Legende der Patriarch Abraham bestanden; jeder Jude im Mittelalter hat Größeres vollbracht. Die Juden sind Menschen in der höchsten Bedeutung des Wortes und aus ihrer Mitte gingen Mustermenschen, leuchtende Persönlichkeiten hervor in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart. Das aber sagen wir, nicht um die Zeugnisse einer weltgeschichtlichen Mission aufzusrischen, auch nicht um eine Aeußerung zurückzuweisen, die nur den Redner und seine Gesinnungsgenossen degradirt, sondern um es klarzu stellen, inwieweit der Antisemitismus einen Rückbildungsproceß bedeutet und wie weit er sich von Allem entfernt, was den Menschen zum Menschen macht. Der Antisemitismus war gleich in seinen Anfängen das, was er bis zur Stunde geblieben — der Ausdruck dcs striktesten Egoismus in seiner verächtlichsten Form. In den tiefsten Culturzuständen bei den Bewohnern des Feuerlandes, bei den Papuas der Südsee findet man Reflexe dieses Egoismus. Der Wilde geht unbekleidet und kennt keine Scham. Denn die Anstandsgesetze der Anderen sird für ihn gänzlich bedeutungslos. Im trägen Beharren bei den angestammten Gewohnheiten, wie in der Aeußerung seiner Energie bei der Befriedigung seiner Bedürfnisse und Leidenschaften nur zeigt der Wilde, daß er für die Welt außerhalb seines Jchs keine rein menschliche, keine ihn zum Bessern aneifcrnde Empfindung besitzt. Und doch verdient der Wilde noch den Vorzug, denn er hat nicht die Waffen, nicht das Raffinement der Civilisation. Viel bedcnllicher ist das Zurücksinken civilisirter Menschen in den Zustand der Wildheit. Hier hat man das Geheimniß der antisemitischen Rücksichtslosigkeiten, Rohheiten, Lügen und Verleumdungen. Welchen Werth hat die Wahrheit, welchen Werth haben die Gesetze der Sittlichkeit, wenn der Begriff der menschlichen Solidarität uns zu einenr leeren Nichts geworden? Jedes Gefühl der Verantwortlichkeit erlischt, denn die menschliche Seele ist dem Menschen entwichen und man brüstet sich mit den gemeinsten Handlungen, sobald man sich vor der Bestrafung frei weiß. Die Antisemiten werden allerdings einwenden, daß sie irn Namen einer Partei, eines Volkes, einer Race sprechen. Die Wandelbarkeit ihres Standpunktes in dieser Richtung beweist hinreichend, daß ihrem Bekenntnisse Ernst, Aufrichtigkeit und logische Consequenz fehlen. Und tvas soll man erst zu den Bündnissen des Antisemitismus sagen? Arierthum, Deutschthum, gallischer Chauvinismrts, jungczcchischer Hussitismus, feudales Junkerthum, christlich-sociale Agitation, Most'scher Anarchismus, das waren die Ingredienzien dieses Hexenkessels, und er verbreitete keine lieblichen Düfte. Sollen wir erst Diejenigen nennen, welche das Femr ant Hexenkessel schürrten, den Herrn Laur in Paris, den Hofprediger Dr. Stöcker in Berlin und Den und Den und Den aus unserer nächsten Nachbarschaft? Das ist eine sonderbare Gesellschaft, solidarisch verbunden im Kampfe gegen die sittliche, menschlich natürliche Grundbedingung der Civilisation. Das Bekenntniß der Race dokumentirte man damit, daß nian alle Vorzüge, alle grrten Eigenschaften der Race verleugnete. Das Bekenntniß der Nationalität manifestirte sich darin, daß man die Ideen und Prinzipien der hervorragendsten Geister der Nation verhöhnte und in den Schlamm hinabzerrte. Das Bekenntniß der Partei aber war nur ein Mittel, um Stimmen zu locken, um ein Gefolge anzuwerben. Dann äußerte sich die antisemitische Brüderlichkeit darin, daß jeder Streber in der Partei die Herren Mitstreber weit mehr fürchtete als alle Juden des Erdenrundes, denn aus der Beschaffenheit seines eigenen Jchs wußte er, wessen er sich von einem Andern zu versehen habe. Der Antisemitismus wurde zum Mittel für die gemeinsten selbstischen Zwecke. Man heftete die Fledermausflughäute zusammen, welche der Aberglaube einer überwundenen Culturperiode zurückgelassen hatte und wollte damit in die Höhe fliegen. Nun schöpfte Jeder aus einem dunkeln Bewußtsein der Race oder der Nationalität das Recht, sich so ungenirt als denkbar zu benehmen. Der Brodneid war das wesentlichste Hilfsmittel. Jeder, der in einem Juden einen Concurrenten erblickte, war fest überzeugt, die ganze Miffion des Judenthums bestehe darin, ihm diesen Concurrenten auf den Hals zu setzen. Alle Erfahrungen und Lehren der Geschichte, alle Aufschlüsse und Ergebnisse der Wissenschaft wurden mit einer Leichtigkeit ignorirt, wie sie nur den seichtesten Naturen zu Gebote steht. Hinsichtlich der einfachsten ökonomischen Elemente, wie über Angebot und Absatz, über die Vermittelung zwischen Produzenten und Consumcnten, über die Wirkungen der Concurrenz, über die Preise der Waaren, über das Verhältniß des beweglichen Capitals zu den liegenden Gittern; über die Bedingungen des Credits, über das Wesen des Sozialismus und der von ihm angewendcten Mittel, über die Bedingungen des kleinen Handwerks, der kleinen Bauernwirthschast, der Latifundien und der landwirthschaftlichen Industrie, über die Fragen, die das Verkehrswesen tangiren, mit einem Worte über Alles was für Staat und Gesellschaft, für den Erwerb des Einzelnen und für den Reichthum der Gesammtheit Wichtigkeit besitzt, erzeugte und benützte man eine Begriffsverwirrung, undurchdringlicher als der Nebel in den Straßen Londons, undurchdringlicher als die egyptische Finstcrniß. Wo die Lüge nicht mehr ausreichte, nahm man zur Fälschung der Thatsachen seine Zuflucht. Tie Ignoranz appellirte an die Ignoranten und es fand sich eine große Gemeinschaft. Wer wollte Alles wiederholen, was hinsichtlich der Juden behauptet wurde? Diese Partei hat zum Morde und zur Plünderung aufgereizt und sie hat Viele, die sich von ihr verleiten ließen, ins Verderben gestürzt. Diese Partei mißbrauchte die Justiz zu falschen Prozeffen. Diese Partei hat das Blutmärchen aufgeftischt, obwohl Jeder bei der geringsten Geschichtskenntniß von der gänzlichen Haltlosigkeit dieses scheußlichen Erzeugnißes des Religionshasses sich überzeugen konnte. Diese Partei hat die Presse beschimpft, ohne des Werthes und der Leistungen der Presse eingedenk zu sein. Diese Partei hat überhaupt alles beschimpft und besudelt, was nicht zu ihr gehörte. Ein Leffing galt ihr so viel, wie ein Mommsen und diese Partei der Undankbarkeit beschimpfte den Liberalismus während sie seine Errungenschaften mißbrauchte. Diese Partei wagt noch zu existiren, wagt noch der Welt vors Gesicht zu treten. In der neuen Sprache Griechenlands wird die namenlose Schande dieser Partei verkündet. Aus den Prozessen, welche an die Judenverfolgung auf Corfu sich knüpfen, ergibt es sich, daß diese Partei Galeerensträflinge als Beamten benützte, daß sie zu Mordthaten ihre Zuflucht nahm und sich dabei der Unterstützung der Polizeiorgane erfreute. Der Zweck aber war nackter Raub, die Griechen der Insel wollten den Besitz der Juden auf wohlfeile Art an sich bringen. Wer aber hat die Habgier geweckt, von welcher Sette kam die erste Idee, von welcher Seite wurde das Blutmärchen nach Corfu getragen? Die Hände sind Esau's Hände und unter Efau meinen wir