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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-29 · 5 (29.1.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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:jsm- SMrejregsrKTasaar-wwa Gelte 74 Oestrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 5 Der deutsche Antisemiten-Bund sammelt also Geldbeiträge — V e rh o v a y und Vergani werden hoffentlich nicht die; Casperer sein — zu Gunsten der verfolgten Nationalitäten in Ungarn. Das Wiener Antisemitenblatt publicirt Dankadressen der -ungarischen Rumänen an die gebrandmarkte Clique der preußischen „Kreuz-Zeitung"; man ermünteit sich gegenseitig im Feuereifer zum Kampfe gegen die bestehende Ordnung und gegen die Grundsäulen des Staatswesens. Es ist klar, Bismarck in seinen! Hasse gegen Oesterreich. einerseits, in seinem Streben andererseits, die Friedens- Mächte zu entzweien und Deutschland zu ifoliren, ist. der ceheime Chorführer; unsere Antisemiten, welche inuuerwährend sein Lob verkünden und ihm bereitwillig Heeresfolge leisten, schrecken vor keinem Baterlandsverrath zurück. s Endlich muß ab er auch den maßgebenden Kre isen in Cisleithan ien d ie Erkenntnißausgehev, daß eine weitere Duldung dieser Agitation nicht ftattfinden darf, ohne den Staat nach außen hin in Peinliche Verwicklungen zu bringen. Schau' Dir die Hand nur an! Die spanische Legende von „Don Juan" erzählt Folgendes: Don Inan, der an einem Ufer des Ebro spazieren geht, bittet übermüthig den Teufel, der am andern Ufer des Ebro promenirt, um Feuer für seine Cigarre. Der Teufel geht auf den Spaß ein, reicht mit seiner Hand über den Strom hinüber und Don Juan, ohne aus der Fassung zu gerathen, zündet ruhig seine Cigarre an. Das „Deutsche Volksblatt" vermag Angesichts einer weitreichenden Hand nicht wie Don Juan seine Kaltblütigkeit zu bewahren. Der französische Dkputirte Laur empfängt zwei Ohrfeigen und das „Deutsche Volksblatt" flennt wie ein altes Weib, schluchzt, kreischt, schimpft und geberbet sich wie eine toll gewordene Meerkatze. Das liebe Blatt; was es unverhofft gefunden, das hat aus's Tiefste es empfunden. Es gibt den Gefühlen seiner Partei Ausdruck, namentlich den Gefühlen der Führer seiner Partei. Welche Macht der Sympathie; auf französischem Boden hat Herr Laur seine Rolle ausgespielt; aber beim „Goldenen Luchsen" in Hernals kann er sich noch als Zugkraft bewähren. Das Geohrfeigtwerden ist auch den Wiener Parteiführern der antisemitischen Secte eine liebe Gewohnheit. Herr Dr. Psenner hat bei einer Volksversammlung in der Rathhaushalle eine schallende Ohrfeige erhalten und wurde daraufhin im ersten Wiener Bezirk zum Candidaten für den Reichsrath proclamirt; allein es war ein Parteigenosse, dem er den Backenstreich verdankte. Bei der „schönen Schäferin" haben Wiener antisemitische Größen, Abgeordnete und Gemeinderüthe, Ohrfeigen, Rippenstöße und Fußtritte mit einander ausgetauscht. Herr Laur indessen wurde aber in solcher Art von einem M i n i st e r geehrt, — dairiber ist Herr V e r g a n i untröstlich. Wir kommen auf die Ohrfeigengeschichte im französischen Parlamente zumck, hauptsächlich einer Bemerkung wegen, die wir an diese denkwürdige Episode knüpfen wollen. Der gezüchtigte Deputirte und das stennende „Volksblatt", das ist eine häßliche Illustration, namenlos häßlich in Bezug auf die Figuren; aber diese Illustration ist wichtig für die Zeitgeschichte, denn sie zeigt, wie tief eine Partei zu sinken vermag und wie tief der Antisemitismus gesunken ist. Statt uns in Erötterungen über die Anstandsregeln des Parlamentarismus zu ergehm, statt strammen Sinnes zu wiederholen, daß Ohrfeigen wohl ein letztes Mittel, aber keineswegs ein logisches Argument sind, werfen wir die Frage auf: Wie ist es möglich geworden, daß ein Vertreter des souveränen französischen Volkes trotz seiner Unverletzlichkeit im offenen Parlamente von einem Minister mit Ohrfeigen traktitt werden kann? Wie ist eS mögLch geworden, daß Volk und Parlament der Republik dieses Schauspiel ganz natürlich finden, daß keine Stimme, die irgendwie Gewicht hätte, sich für den geschlagenen und beleidigten Deputirten erhebt, daß der Minister nicht der moralischen Verurtheilung unterliegt, obgleich er sich einer höchst brutalen Handlungsweise schuldig gemacht hat? Ist diese „Ehrung" eines Deputirten ein Zeichen der Verrohung unserer Zeit und wenn man sich zu dieser Annahme hinneigen wollte, welche Partei hat diese Verrohung herbeigeführt und welche Ursachen sind hier in Mitwirkung getreten? Oder vielleicht darf man nicht die Zeit anklacen, sondern ist es nur eine Partei, eine Sekte, die den Ausnahmszustand gegen sich herausbeschworen hat und durch eigene Schuld der Aechtung verfallen ist? Das sind die Fragen, die uns interessiren und die von einem allgemeinen parteilosen Standpunkte aus, selbst wenn man sich der Objektivität befleißigt, zu welcher der Historiker verpflichtet ist, als das Wichtigste erscheinen dürften. Wollten wir aber diese Fragen erschöpfend beantworten, dann müßte dieser Artikel sich zum mehrbändigen Buche dehnen, wir müßten bei einer- Zeit anfangen, wo der Antisemitismus noch nicht bestand, bei Caffagnac dem Aelteren unter Napoleon HI. und müßten aufhören bei der letzten Wählerversammlung an dem bekannten Orte, bei den Helden des heimischen Antisemitismus. Das „Deutsche Volksblatt" will das Gesicht nicht sehen, das ihni ans dem Spiegel entgegenstarrt und der Spiegel sagt doch die Wahrheit. So lohnend es nun wäre, eine Geschichte des parlamentarischen Tones zu schreiben, deren Bedeutung ja weit über die Grenzen des internen parlamentarischen Verkehrs hinausreichen würde, so müssen wir uns doch auf jene Berührungslinien zwischen dem Antisemitismus und der öffentlichen Diskussion beschenken, welche die Eigenart des Antisemitismus am leichtesten erkennen lassen. In diese Berührungslinie fällt die Aeußen ng eines Wiener Antisemitenführers: „Die Juden sind keine Menschen." Man wird zugeben, daß die Angehörigen einer Glaubensgenossenschast, welche der Menschheit die größten Ideen und aufs Höchste verehrte Wohlthäter gespendet hat, durch eine solche Beschimpfung das Recht erhalten, sich allergesellschaftlichen Rücksichten enthoben zu fühlen und daß eine solche Beschimpfung in ihrer brutalen Unsittlichkeit eine weit schärfere Verurtheilung rechtfertigt, als die Aufwallungen in einer französischen Kammer mit ihren fatalen Consequenzen. Was ist's denn, das den Menschen zum Menschen macht, ihn hoch über die Thierwelt erhebt, hoch über alle Vierhänder, bei denen die Menschenähnlichkeit noch viel weiter ginge als beim Schimpanse oder Gorilla? Die Antwort lautet: Das wahre Wesen des Menschen offenbart sich in dem Altruismus, in der Fähigkeit, des Individuums, das Leben der Gesammtheit mitzuleben. Wir setzen voraus, daß Jeder auch weiß, bis zu welchem Grade die Gemüthseigenschaften des Menschen sich bei den Thieren wiederfinden. Bei den edleren Thiergattungen, wenn sie sich der menschlichen Pflege und Erziehung erfreuen, beim Löwen des Andronikus, beim Pferde der Araber, beim indischen Elephanten, bei unseren Hunden entdecken wir bereits die Eigenschaften der Treue, der Opfcrwilligkeit und eines strengen Pflichtgefühls. Allein selbst der berühmte Hund von St. Bernhard, der vierzig Menschen das Leben rettete, kann immer noch nicht zur Verwechslung mit dem verführen, was der durch das Leben und Stteben für die Welt außerhalb seines Jchs zu Stande gebracht hat. Gleichviel, ob wir an die Schöpfungen der Staaten, an die Wohlthaten der Gesetzgebung, an die treue und ritterliche Kameradschaft im Kriege, an die Solidarität im Frieden denken, gleichviel, ob wir die Anfänge im Leben des Jägers, Hirtens und Ackerbauss ins Auge fassen oder die staunenswerthen Leistungen einer entwickelten Civilisation auf dem Gebiete der Künste und Wissrnsch ften, des Handwerks, der Jndustrie und des Handels, ob wir uns für einen Leander begeistern oder einen Winkelried, für die Entdecker, Erforscher und Eroberer neuer Erdtheile, oder für kühne Erfinder, Denker und Dichter, immer drängt sich uns die Wahrnehmung auf, djzß der Mensch im Dienste der Menschheit steht, daß, in welcher Stärke auch selbstische Motive milwirken, er doch, um die dem Menschen allein gehörende Sphäre zu erreichen, er das

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