Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 5 (29.1.1892)
- Date
- 1892-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr* 5, Wien. 29 Jänner 1892. IX. Inhr-nn- Centralorgan für die gefammten Interestm des Iudenthums. -#- Eigenthümrr: Keichsraths-Abgr»rd«eter vr. Kloch. -0*0- Erscheint jeden Freitag. n W Man abotmtrt Inet allrn PttffanffaUra drs In- und Anslsnür». Bezugspreis: Halbjährig » fl. Einzelexemplare SL kn Anzeigeu: Die 4mal gespaltene Petitzeile 1» kr. N. ft. Poflstsreasfenamr Elrnringvrrftrllr Nr. 810.876. LrLartion u. Administration: S Wien 1. Roihenihurmstraste 99. Inhalt: Leitartikel: Die Hetze gegen Ungarn. — Schau' Dir die Hand nur an! — Heuchlerische Sell-stgerschtigkeit. — Hin Nachspiel zur Judenhetze in Korfu. — Vom Antisemitenmarkt. — Korrespondenzen: Wien, Budapest, 82. 8. V. Raab, Prag, Horazdowitz» Sambor. Frankfurt a. M., Berlin, Paris, Petersburg, London, Washington. — Vermischtes: Wien, Währing, Proßnitz, Straßnitz, Graz, Innsbruck, E. B. Agram, Sniatyn, Podgorze, Berlin, Hannover, Wiesbaden, Stettin, Straßburg, Paris, Brüssel, London, Odessa. — Feuilleton: Der Golam. — Literatur. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Inserate Die Hetze gegen Ungarn. Zur Zeit des berüchtigten Protestes Tißa-Eßlar, als die antisemitischen Gistblüthen im ungarischen Parteileben plötzlich emporgeschossen, da war das Reich der Stefanskrone der Wallfahrtsort aller antisemitischen Agitatorm Europas. Die nationalen Gegensätze und Borwtheile existirten nicht und waren verwischt innerhalb des internationalen Antisemitismus. Auf dem berüchtigten Antisemiten-Eongreß fraternisirten nationale Rumänen, deutsche und französische Chauvinisten mit den magyarischen Antisemiten. Nun hat sich das Bild völlig geändert. Der gesunde politische Sinn der magyarischen Nation hat die Krankheit überwunden und die Träger dieser Pest aus seiner Mitte ausgeschieden. Die ehemaligen Wortführer der Judenhetze betheuern öffentlich ihre Besserung. Einer der blutrünstigsten Wortführer dieser Leute, ein reformirter Geistlicher, der im Abgeordnetenhause die wildeste Sprache führte, erklärte seinen Wählern, daß der Antisemitismus in Ungarn keine Berechtigung mehr habe, und daß er niemals ein Kampf gegen die Race und gegen den Glauben, sondem nur gegen gesellschaftliche Auswüchse gewesen sei. Der letzte und einzige Anttsemit, der noch als solcher candidirt, ist genöthigt, mit der Fiedel in der Hand von Dorf zu Dorf seines Bezirkes zu ziehen und den Leuten etwas vorzugeigen, nur damit sie ihn anhören. Sein Kortes begleitet ihn dabei auf der Clarinette. Die Recipirungsbestrebungen der ungarischen Juden finden bei allen Parteien gleichmäßige Unterstützung, und Graf Czaky hat in Temesoar Zeugniß abgelegt, daß auch die Regierung diese Gleichberechtigungs-Tendenz zu fördern geneigt ist. Diese Wandlung der Dinge in Ungarn hat eine brutale Hetze des internationalen Antisemitismus gegen die magyarische Nation entfesselt. Fürst Bismarck, der Erzfeind Oesterreich-Ungarns, hat gelegentlich der Publication der Handelsverttäge die Parole ausgegeben, die deutschen Antisemiten fielen im Chor ein und ihre Bundesgenossen im österreichischen Parlamente, die Herren Lueger und Consorten, helfen wacker mit. Herr Vergayi, der große Biedermann, der seinerzeit seinen ungarischen Genossen Verhovay den besten Volksmann Ungarns gepriesen hat — und an Ehrlichkeit gleichen die beiden Herren einander vollständig — dieser polnisch-italienische Urgermane V e r g a n i, publicirte einen Aufruf des deutschen Antisemitenbundes in Berlin voller Gehässigkeit und voller Schmähungen gegen das magyarische Volk. Der deutsche Anttsemttismus vergießt Thränen des Mitleides über die Lage, „der ihrer nationalen Rechte beraubten Slaven, Clovaken, Ruthenen, Serben, Slovenen und Eroaten" im Reiche der Stefanskrone. Diese freiwillige Offenbarung des Antisemitismus wirkt wahrhaft verblüffend; eine solche Selbstcompromittirung hat noch niemals eine Partei an sich vollstreckt. Man weiß nicht, was man an dieser merkwürdigen Kundgebung bewundern soll, die Dummheit oder die Böswilligkeit oder die bodenlose Unkenntniß der ungarischen Verhältnisse. Die Magyaren werden in dem Berliner Aufrufe de r Semiten gleichgestellt; die Magyaren find Fremde aus Asien wie die Juden, die Deutschen in Ungarn aber, obwohl über die Enfftehnng ihrer Colonien die genauesten Daten vorhanden sind, sollen ihre Sympachien für die Magyaren verleugnen, um sich mit Serben und Slovaken zu verbinden. Durch die Verbrüderung mit den Ausläufern des Panslavismus aber behauptet inan, die Wohlfahrt des Dreibundes zu fördern während man das stolze, ritterliche und starke Volk, das Volk der Magyaren, dessen berühmter Sohn, Graf Julius Andra ssy zusammen mit dem Fürsten Bismarck die ersten Grundlagen des Dreibundes geschaffen hat, in unerhötter Weise attaquirt und beleidigt. Das muß zur Probe genügen. Den Panslavismus zur Rechten, die französische Revanche zur Linken, so wandelt diese Partei deutsch und nur deutsch und unverfälscht deutsch der Zukunft entgegen. Zum Danke für die Gewogenheit, welche Fürst Bismark den antisemitischen Vereinen gewidmet, so daß mit hoher Begünsttgung der Antisemitismus anstatt des Culturkampfes die Zeitungen beschäftigen konnte, haben die Anttsemiten eine Brücke zwischen dem deutschen Staatsmanne und dem General Boulanger geschlagen. Mit Rücksicht auf das tragische Ende des Generals wollen wir seinen individuellen Werth nicht weiter in Bettacht ziehen. Klar ist, daß Fürst Bismarck einen Theil seiner Erbschaft übernimmt.