Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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©rite 70 Or-rrreichischr Wochenschrift. Nr. 4 Boskowitz Samstag Abends fand hier die Wahl eines neuen Rabbiners statt. Die beiden Parteien, welche in der hiesigen isr. Cultus-Gemeinde seit langen sich befehdet haben, einigtm sich nun um Herrn Dr. Hirsch, den Sohn des Hamburger Oberrabbiners zum Prediger und Rabbiner von Boskowitz zu wählen. Möge die Eintracht, welche sich bei dieser Wahl gezeigt hat, auch künfttghin im Schooße der Gemeinde segensreich walten. Budweis. Hier starb im 85. Lebensjahre nach langen: und schwerem Leiden der jub. pract. Arzt, Ehrenbürger der Stadt Wällischbirken, Vorstand des israelitischen Wohlthätigkeitsvereines und Beerdigungsbruderschast rc., Herr Markus Fantl. Der Tod dieses wackeren Mannes eriveckte in allen Kreisen der Bevölkerung aufrichtige und herzliche Theilnahme. Der Verstorbene hatte durch 56 Jahre seinen ärztlichen Beruf erfüllt. 36 Jahre hat er in Wällischbirken, 20 Jahre in Budweis gewirkt. Während dieser Zeit war er ein treuer Freund der Armen und Leidenden, von welchen Tausende bei ihm Genesung und väterliche Unterstützung fanden. Die Stadt Wällischbirken zeichnete ihn durch die Ernennung zum Ehrenbürger aus. Die Bewohner von Budweis bewiesen durch zahlreiche Betheiligung an dem Begräbnisse, wie werth ihnen der verstorbene Menschenfreund gewesen. Budapest, 7. Jänner. Se. Majestät der König hat zun: Präsidenten jenes Schiedsgerichtes, welches in Angelegenheit der „Adria" eventuell zu fungiren haben wird, für 1892 unseren Glaubensgenossen Moriz Wahrmann, ernannt. Mainz, 5. Jänner. Auch hier hat sich aus angesehenen Bürgern der Stadt ohne Ansehen der Partei und aus den Geistlichen aller Consesfionen ein Comitä zur Unterstützung der bedrängten russischen Juden gebildet. An der Spitze des Ausrufs sind der Oberbürgermeister Dr. Oechsner und die Beigeordneten verzeichnet. Straßburg i. E., 4. Jänner. Anläßlich der gestrigen Einweihung der Sttaßenbahnlinie Kehl-Lichtenau-Bühl, an berauch seine Königliche Hoheit der Großherzog Friedrich von Baden persönlich theilnahm, ist dem Herrn Blum-Auscher, Präsident des israelitischen Connstoriums und Straßburger Verwaltungsrathes, der sich un: das Zustandekomnren des Unternehmens genannter Sttaßenbahnlinie zahlreiche Verdienste erworben hat von Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzog von Baden der Orden vom Zähnnger Löwen erster Classe verliehen worden. Mühlhausen (Elsaß). Die hiesige Handelskammer- Hat Herrn Lazams Lantz, Präsident des israelitischen Consistoriums des Ober-Elsaß zum Vice-Prasidenten gewählt. Leipzig. (Antisemitische Ehrenmänner.) Aus Leipzig schreibt man uns: Der zweite Vorsitzende des deutsch-socialen (antisemitischen) Resormve rein es, der Buchhandlungs-Gehilfe Blobel, hat sich, wie nunmehr bekannt, jahrelang salscheBuchungen zu Schulden kommen lassen. Der Prinzipal Blobels, welcher der antisemitischen Agitation seines Angestrilten freien Lauf ließ, hat Blobel jetzt dm Laufpaß gegeben, nachdem er durch die falschen Buchungen zu Schaden gekommen ist. Auch des von ihm in einer buchhändlerischen Vereinigung bekleideten Ehrenamtes, sowie seines Amtes im deutsch-socialen Reformverein ist Blobel enthoben worden. Rom, 6. Jänner. Hen- Polaccu, Gesandtschaftssecretar in Paris, ist zum Geschäftsträger in Haag (Holland) ernannt worden. New-Castle, 12. Jänner. Gestern fand in Edinburg ein von den Spitzen der christlichen Bevölkerung überaus zahlreich besuchtes Meeting zu Gunsten der Colonisirung Palästina's durch Jude:: statt. Die Delegirten der Londoner Chovevei Zion Society, Herren Elim d'Avigdor und Prag, entwickeln in ausführlicher Darlegung die Ziele der Ohovevei Zion. Herr Dr. Macgregor stellte in glänzender begeisterter Rri>e dw Anttag auf Gründung eines Zweigvereins für Schottland, welcher einstimmige Annahme fand. Ein aus den hervorragendsten Notabilitäten besehendes Comite wurde gewählt, an dessen Spitze als Präsident Sir William Muir, als Secretär Reverend W. Paterson stehen. Tanger, 20. December. Am 14. v. M. fand in Tetuan in imposanter Feier die Grundsteinlegung des Gebäudes statt, welches das Centtalcomite ber „Alliance israölite“ daselbst zur Aufnahme der beiden Alliance-Schulen errichten läßt. Feuilleton. Wiq man verkommen kann. Ich besuchte vor Jahren ein kleines Kaffehaus in der Umgegend der Börse wegen der billigen Tarife bei einer Menge fremder Blätter in demselben. Die Stammgäste dieses Lokales bilden ehemalige Börsianer, die in dem gefährlichen Strudel dieses so gleihnerischen Goldstromes untergegangen und sich doch von der Nähe der Stätte ihres einstigen Glückes nicht trennen können, wie Jeremias von den Trümmern Jerusalems, oder die jetzt von der Mildthätigkeit ihrer noch glücklich schwimmenden College«: ihr Leben fristen. Denn wenn die so arg verleumdete» Börsianer auch für^ jeden Unglücklichen eine offene Hand haben, so herrscht unter ihnen für die Schiffbrüchigen ihrer einstigen Standesgenossen noch ein besonderes Solidaritätsgefühl, vielleicht, weil Jedem von ihnen dasselbe Schicksal vorschwebt und das Mitleid doch eigentlich nichts anderes ist, als das Sichversetzen in die Lage des Elenden. Der genaue Beobachter kann bemerken, wie nach dem jedesmaligen Schluß der Börse jeder der Herren von seinem Leibarmen erwartet wird, dem er im Vorübergehen eine Spende reicht. Nicht selten sind dies Guldenzettel. — Ein solcher Elient eines Börsen-Patriziers schien mir auch ein Mann zu sein, dem ich fast täglich in dem in Rede stehenden Kasfehause am Lesetische in einer französischen oder englischen Zeitung vertieft, begegnete. Manchmal nahm er auch an den Debatten theil, die von den Gästen über die verschiedensten Materien geführt wurden und ich hatte Gelegenheit, sein reiches Wissen und sein richtiges Urtheil zu bewundern. Er war ungefähr ein Vierziger, sah immer bleich und verstört aus, abelordentlich gekleidet, wie die Klasse der Gentleman-Proletarier. Dann sah ich ihn wieder wochenlang nicht. Eines Abends ging ich spät aus einer Vereinsversammlung in meine Wohnung in der oberen Donaustraße. Auf meinem Wege von der Augartenbrücke fließ ich auf einen menschlichen Körper. Ich erschrack, beugte mich zu ihm hinab und überzeugte mich, daß es nur ein Schwerbetrunkener war. Mit großer Mühe stellte ich ihn auf die Füße und erkannte in ihm meinen Tischgenossen aus dem Kasfehause. Aus Schonung seiner Ehre wollte ich ihn keinem Wachmanne übergeben, sondern führte ihn in meine Wohnung, wo ich ihm in einer Kammer, die mit altem Rumpelwerke gefüllt war, ein Lager bereitete, auf das er wie ein Klotz niederficl. — Es war gegen Mittag, als sich in der Kammer Etwas zu regen anfing. Als ich hineinsah, hatte mein Gast den Kopf unter der Decke hervorgestreckt und blickte mich verdutzt an, als könnte er sich nicht zurcchtsinden. — Endlich schien er sich doch über die Situation klar geworden z» sein, und seine bleichen Wangen färbten sich roth vor Scham. Ich wies ihm an, wo er sich waschen und seine Kleider von dem Schmutz des Straßenpflasters reinigen iönne. Nach einer halben Stunde trat er mit gesenkten Blicken vor mich hin und streckte mir die Rechte entgegen. Wie er jetzt gebürstet und gewaschen vor mir stand, sah er trotz seiner abgetragenen Kleidung wieder einem Gentleman ähnlich und ich schüttelte ihm, wie einem alten Bekannten die Hand, „Verzeihen Sie, mein Herr", sagte er, „die unangenehme Mühe, die ich Ihnen durch Jhre^Güte bereitet habe„- „Nicht der Redc werth", fiel ich ihm lachend ein, um ihn« über die peinliche Eurschuldigung hinwegzuhelfen. „Sie hatten wahrscheinlich gestern ein Malheur, das dem solidesten Manne zustosscn kann, in Gesellschaft etwas zu tief in das Glas geguckt zu haben." „Leider trifft Ihre gütige Entschuldigung meiner Handlungsweise nicht zu. Es war gestern kein Ausnahmsfall." Ich sah ihn betroffen an und sagte: „Bei Ihrer Bildung und als Jude, der Sie doch sind, wie ich vermuthe?" „Ich bin's und bin's doch wieder nicht; ich bin ein getaufter Jude." „Da haben Sie schnell eine nichtjüdische Sitte erlernt." „Von dem Zwiespalt mit mir, in den ich durch den Uebertritt gerieth, stammt mein ganzes Unglück. Dieser Schritt brennt mir auf der Seele, daß ich die Erinnerung an ihn am liebsten mit meinem Leben ersäufen möchte." Er war, während er sprach, meiner Einladung gefolgt und hatte sich neben mich auf einen Stuhl gesetzt. Er stützte den Kopf in die Hände und kraute mit deu Fingerspitzen in den Haaren, wie Jemand, der seine Gedanken zu sammeln sucht. „Ich bin wahnsinnig gewesen, Herr", fing er plötzlich wieder erregt zu sprechen an, „wahnsinnig, denn ich könnte heute vermögend nnd glücklich sein, wenn ich nicht wahnsinnig gewesen wäre. Die Geschichte läßt sich kurz erzählen. Mein Vater war ein reicher Mann und ließ mich auf das Sorgfältigste erziehen und ausbilden. Es hätte gute Früchte tragen könne«:, wenn ich nicht wahnsinnig gewesen wäre, mich in ein christliches Mädchen, zu verlieben, in ein armes christliches Mädchen, daS nicht anders mein Weib werden wollte, als wenn ich mich taufen lasse.