Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 4 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 67 „Die Ausbeuter unseres nationalen Elends, die Getreidespeculanten und Händler, ebenso wie die Wucherer und Erpresser sind echte Russen, aus russischen Familien, die vorgefallenen Unordnungen erwies Ln sich ebenfalls als rein russisch e." „Diese traurige Lage, auf welche die Thatsachen ein so grelles Licht werfen, läßt keinen Raum für die gewöhnliche Racen- und Religionshetze. Es ist uns entschieden nicht um fremde Sünden zu thun, unsere eigenen haben sich gar zu sehr angehäuft." Die Panslavisten sind über diese Thatsache entsetzt und greifen zu den Mitteln der Lüge. So erhielt die „Narodni listy" vom 15. Januar einen Petersburger Brief, welcher alle Schuld auf die Juden wälzt. Natürlich sind sämmtliche Daten dieses Briefes erlogen. Man will den westlichen Slaven Sand in die Augen streuen und die Russen freunde beruhigen und man greift wiederum zu den mittelalterlichen Mitteln, die Juden als die Ursache des Unglückesdarzustellen. Der Redaction der „Narodni listy" scheinen auch erlogene Berichte aus Petersburg willkommen zu sein, sie reclamirt blos die Wahrheitspflicht bei den gegnerischen Blättern. So ist im Frühblatt Nr. 12 passirt, daß sie einen Hetzartikel des „Deutschen Volksblattes" unter Angabe der Quelle, also mit Berufung auf diese Autorität publizirte, während auf der andern Seite derselben stummer ein altczechisches Blatt verhöhnt wurde, weil es aus dem „Deutschen Volksblatt" etwas Nachtheiliges über die Jungczechen entnehmen zu dürfen glaubte, das sei keine verläßliche Quelle. Ob die Leser des Blattes über diese komischen Bocksprünge sich Gedanken machen, wissen wir allerdings nicht. Karlsbad. In der vorletzten Nuinmer Ihres Blattes brachten Sie die Nachricht von der bedeutenden Spende, welche die Firma Löbl Schottländer der „Karlsbader si e iw. Feuerwehr" zukommen ließ. Ihr Correspondent bezweifelt, daß diese Spende die hier rauchenden Antisemitenbrände zertreten könne. — Hier wäre der Beweis: Bei den dieser Tage stattgefundenen Gemeinderathswahlen wurden 7 Juden ins Collegium berufen. — Es wäre aber nur ein Beweis, ist aber keiner, weil nichts zu beweisen. Daß die geehrten Stadtbürger — besonders im Winter, dessen Langeweile sie sogar zu Zeitungslesern macht — ein klein wenig in Antisemiticis arbeiten, ist ihnen bei der neuen, leider so alten Strömung nicht zu verdenken, zumal es nicht ernst gemeint und keinerlei Einfluß auf unser öffentliches Leben ausübt. — Ein anschauliches und fröhliches Bild unserer städtischen Verhältnisse und ein schönes Zeugniß für den Patriotismus und die kluge Besonnenheit der Judenschaft Karlsbads bieten die oben erwähnten Wahlen. Das Losungswort der unter der Führung des genialen Kn oll entstandenen, leitenden Partei ist der Fortschritt. Die Opposition vertritt öffentlich eine Zeitung, die von einem Juden — ein allgenrein sehr geachteter Mann — nett und nüchtern redigirt wird. Diese Opposition begann rrun nach dem Tode Knoll's mit wuchtiger Kraft und lang aufgespeichertem Zorne an den bestehenden Verhältnissen zu rütteln. An der Spitze dieser Sparsystempartei standen die zwei bedeutendsten Etablissementsbesitzer Karlsbads. Sind auch diese Beiden keine Judenfeinde, der eine sogar Mitglied des „Vereines gegen den Antisemitismus" und trotzdem, daß der öffentliche Vertreter der Oppdsition, ja auch einzelne Parteimänner derselben Juden, so schlossen sich ihnm dennoch, mit wenigen Ausnahmen, nur alle unzufriedenen leeren Männer an, die wohl nicht offene Antisemiten sind, doch nöthigen Falles und wenns Mode würde, unstreitig die ersten am Plane wären. Dem gesundem Sinne der Juden Karlsbads ist es nun mit in erster Reihe zu danken, daß die alte Partei Sieger blieb. Mit Ausnahme Weniger wurde einig und geschlossen für die „Fortschrittspartei" nicht nur gestimmt sondern auch rüstig gearbeitet. Nicht zum geringen Theile ist es den Juden zu danken, daß der wüste Lärm der Opposition den Ortsbewohnern zu Kopfe gestiegen ist. Und es war diese Einigkeit der Juden nicht nur Selbstzweck, sondern auch weiser Patriotismus, da die bestehende Stadtleitung eine vom Staate anerkannt musterhafte ist. Wenn nun unter den neuen Stadtverordneten sieben Juden sich befinden, so ist dies nicht nur Lohn für ihre rastlose Thätigkeit, sondern auch ein Beweis, daß man jüdische Arbeitskraft und Intelligenz wohl zu würdigen versteht. Es bleibt nur der Wunsch übrig, daß diese Verhältnisse zum Segen der Stadt fortbestehen mögen. Die jüdischen Stadtverordneten sind: Die Aerzte Dr. Löwy, Dr. Löwenstein, Veit Benedikt, Gustav Lederer, Alfred Schwalb. Hoffen wir, daß die Gewählten durch Tüchtigkeit und ernstbescheidenes Wirken auch den leisesten Schatten des Antisemitismus aus dem Kreise unserer Stadtgemeinde verscheuchen werden. Berlin. (Spekulationen eines freiconseroativen Grafen.) Die „Freisinnige Zeitung" weift darauf hin, daß die antisemitische Hetze, welche den Rector Ahlw ardt und später Morris de Jonge als Opfer des Judenthumes darzustellen suchte, bei den beiden Gerichtsverhandlungen, die auf diese Persönlichkeiten Bezug hatten, ein entschiedenes Fiasco gemacht habe. Hinsichtlich des Rectors Ahlwardt wurde die Betheiligung desselben am Ordens- und Titelschachw dargethan; in Betreff des Monis de Jonge, welcher angeblich wegen seines Uebertrittes vom Iudenthum zum Christenthum mit Hilfe jüdischer Aerzte unberechtigt als verrückt erklärt wurde, haben die psychiatrischen Sachverständigen vor Gericht festgestellt, daß derselbe wirklich irrsinnig sei. Änknüpfend hieran envähnt das Blatt des neuesten Falles, in welchem ein Opfer angeblich jüdischer Habsucht geschaffen werden sollte, in folgender Weise: Graf Gersdorff hatte es zu Wege gebracht, daß ein jüdischer Vermittler Abrahamsohn, der ihm bei Grundstückskäufen aus der Noth geholfen, durch den Staatsanwalt verhaftet wurde, weil er durch betrügerische Vorspiegelungen es verstanden haben soll, seine Vermittlungs-Provision bei dem Grafen Gersdorff in die Höhe zu treiben. Als diese Verhaftung in Berlin stattfand, wurden von antisemitischer Seite besondere Extrablätter in den Straßen ausgerufen, um darzuthun, daß wieder einmal der jüdische Verfolger eines braven Edelmannes entlarvt worden sei. Am Schluß der Berliner Gerichtsverhandlungen ist nun Abrahamsohn vorläufig gegen Caution aus der Hast entlassen worden, da nach dem bisherigen Ergebniß der Verhandlungen der Angeklagte nicht mehr in dem Umfange wie bisher verdächtig erscheint. Die Verhandlung selbst mußte vertagt werden, weil der edle Graf, welcher die ganze strafrechtliche Verfolgung veranlaßt hatte, es vorgezogen hatte, der Gerichtsverhandlung fernzubleiben. Erst durch ein Telegramm aus Wien theilte der Graf mit, daß er krank sei. Schon nach demjenigen, was durch die bisherigen Gerichtsverhandlungen in der Sache bekannt geworden ist, würden jetzt die Semiten, wenn sie den Antisemiten Gleiches mit Gleichen! vergelten wollten, ein halbes Dutzend der schönsten Flugblätter gegen den christlichen Adel deutscher Nation loslassen können. Graf Gersdorff ist Reichsritter des Johanniter-Ordens, Kammerherr, Besitzer von zwei Majoraten, steiconservativer Abgeordneter für Rothenburg-Hoyerswerda und war dazu noch bis zum Herbst vorigen Jahres Landrath von Hoyerswerda. Er führt den besonderen Titel als Landältester und ist auch Mitglied des Provincial-Landtages für Schlesien. Aus den bisherigen Proceßverhandlungen ist schon klargestellt, daß selbiger Graf Gersdorff die Herrschaft Driesen- Steinbruch für 5 Millionen Mark gekauft hat, ohne selbst dazu einen Pfennig verfügbares Geld zu besitzen. Da eine hypothekarische Beleihung durch eine Bodenkreditbank nur im Betrage von 372 Millionen Mark möglich war, so hatte Gersdorff zur Herbeischaffung der übrigen Gelder die Mitwirkung des Abrahamsohn in Anspruch genommen. Diesem ist es denn auch gelungen, dem Grafen Gersdorff sogar 2 Millionen zu verschaffen durch Manipulationen, welche es möglich machten, die Wälder in den Forsten der gekauften Herrschaften für den „freien Hieb" verfügbar zu machen. Wir haben also hier gewinnsüchtige Spekulationsgeschäfte vor uns, welche ohne jede reelle Unterlage sich aufbauen auf einer projectirten Waldver-