Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4 Oesterreichifche Wochenschrift. Seite 63 Cardinal Manning. Am 13. d. I. starb Cardinal Manning, der höchste Würdenträger der katholischen Kirche Englands. Zur Charakteristik des verstorbenen Erzbischofs von Westminster der nicht allein das anerkannte Haupt des Katholizismus in England, ein Pfeiler des Papstthnms in England, sondern überharrpt einer der bedeutendsten katholischen Kirchenfürsten war, mögen die folgenden Züge aus seinem Leben dienen: Nicht allein als Verfechter der päpstlichen Macht- und Unfehlbarkeits-Politik, sondern auch als Träger der Sozialpolitik des Vatikans trat Cardinal Manning in das scharfe Licht der Zeit. Man hat ihn mit Unrecht den Urheber der pästlichen Sozialpolitik genannt. Er war von dem aufrichtigsten Streben beseelt, fair die arbeitenden Classen eine bessere Lage anzubahnen und versäumte keine Gelegenheit, diese Gesinnungen auf socialpolitischem Gebiete zur Geltung zu bringen. So ist in den letzten Jahren sein Name, insbesondere anläßlich des denkwürdigen Ausstandes der Londoner Dockarbeiter und dann bei der lebhaften Bewegung genannt worden, welche sich in England gegen die barbarische Behandlung und Austreibung der Juden in Raaßland erhoben hatte. Beim Dockarbeiterstrike (August und September 1889) hatte der Cardinal sich als Vermittler zwischen den Directoren der Docks und den Arbeitern durch seine arbeiterfreundliche Gesinnung hervorgethan. Am 30. August hatten Manning und der Vertreter des Lordmajor von London, Aldermann Lusk, eine Unterredung mit den Directoren, wobei der Cardinal besonder-s bemüht war, einen Ausgleich der schwebenden Zwistigkeiten zu Stande zu bringen. Die Arbeiter lehnten damals, wie erinnerlich, in einem Hydeparker Massenmeeting (8. September) den Ausgleich ab, worauf ein von dem Kardinal, dem Lordmajor und dem Bischof von London unterzeichnetes Schreiben die Strikenden von neuem zur Annahme der von den Directoren gestellten Bedingungen ermahnte. Cardinal Manning bemühte sich zugleich für die Arbeiter bei den Directoren, indem er den Letzteren vorschlug, schon vom 4. November 1889 an den Arbeitern sechs Pence per Stunde zu bezahlen, ein Vorschlag, welchen das Btiifecomite ann.chm, die Directoren jedoch mit der Erklärung ausschlugen, daß sie die Lohnerhöhung erst mit 1. Jänner 1890 eintreten lassen könnten. In dem zweiten Monstre- Meeting der Dockarbeiter am 15. September im Hydepark sprach Arbeiterführer Burns dem Cardinal den wärmsten Dank für die Energie und Hingebung aus, welche derselbe zur Herbeiführu 'g eines Ausgleichs entwickelt hatte. Wenige Tage später war dieser Ausgleich abgeschlossen und der Strike, welcher fünf Wochen lang die Londoner Geschäftswelt beunruhigt unb geängstigt hatte, beendet. In einer Ansprache an eine Deputation Londoner Juden am 31. October 1890 sagte Cardinal Manning: „. . . In England, wo durch Gleichheit des Gesetzes und brüderliche Liebe jede ehrliche Laufbahn den Juden offen steht, sind unsere jüdischen Mitbürger den Gesetzen gehorsam unb gemeinnützig. Sie nehmen Theil an unserer Kraft und vergrößern sie. Leider ist es nicht überall so. Ursache und Abhilfe des Uebels liegen aber in der Hand derjenigen die über die Juden klagen und sie beschuldigen. Der Mensch ist ein Product seiner Herren. Strafgesetze machen ehrliche Menschen zu Schuften; und gesellschaftliche Zurücksetzungen schaffen Gehässigkeiten, die den Schwachen vernichten und Männer zum Wahnsinn treiben. Je größer die Macht, um so größer sollte die Humanität sein und die Toleranz gegen diejenigen, die durch Jahrhunderte schwerer Leiden heruntergekommen sind. Sie haben auf den Antheil angespielt, den ich 1883 an der allgemeinen Entrüstung über die Verfolgung Ihrer Glaubensgenossen in Rußland genommen habe. Empfangen Sie mein Versprechen, daß ich, so Gott will, auch jetzt wieder thun werde, was ich 1882 gethan habe." Als am 10. Dezember 1890 in der Londoner Guildhall in Sachen der russischen Juden das große Protestmeeting zusammentrat, an welchem sich unter Vorsitz des Lordmajors die Blüthe der englischen Jntell gen; betheiligte, war Cardinal Manning, durch eine heftige Erkältung verhindert, sich persönlich an den Verhandlungen zu betheiligen. Sein großer, humaner Sinn sprach jedoch aus den beredten Worten, jenes an den Oberrabbiner Adler gerichteten Schreibens, worin er sein Ausbleiben durch seinen leidenden Zustand entschuldigte. Er hatte beabsichtigt, die Resolution in Betreff der an den Czar zu richtendenBittschrift für die bedrängten russischen Juden selbst in der Versammlung einzubringen; seine Gesundheit gestattete es nicht, die Resolution aber, von seinem Geiste erfüllt, gelangte zur einstimmigen Annahme. In jenem Schreiben an Dr. Adler legte der Kirchenfürst alle jene Gründe dar, welche die Intervention Englands zu Gunsten der russischen Juden rechtfertigen und eine Intervention aller Staaten in dieser Sache der Menschlichkeit rechtfertigen würde. Wenn auch die ebenso beredten als ehrerbietigen Worte, in. welchen jene Bittschrift abgesagt war, beim Czar in taube Ohren sielen, so bildet diese selbst doch einen Ruhmestitel, auf dem Gebiete humanen Wirkens, an welchem dem Heimgegangenen Kirchenfürsten ein schöner Antheil für alle Zeiten gesichert bleiben wird. Cardinal Manning war eiue fruchtbare, streitbare Feder. Letzteres trat insbesondere auch in seinen Polemiken mit Mr. Gladstone hervor. Abgesehen von seinen Jugendschriften aus der protestantischen Zeit, hat der Verstorbene eine große Anzahl von Streitschriften und theologischen Werken versaßt. Aus dem erwähnten herrlichen Schreiben mögen nachstehende Schlußsätze hier einen Platz finden: „. . . Können Männer, denen man die Rechte der Bürger verweigert, Patrioten sein? Können Menschen, denen man vielleicht erlaubt zu athmen, nicht aber den Boden zu besitzen, auf dem sie stehen, die doppelte Steuern zu zahlen haben von dem Brod, das sie essen, die zwar als Kanonenfutter gut sind, aber keine Aussicht haben, im Range vorwärts zu kommen — kann eine solche heinrat- und vaterlandslose Gemeinschaft an dem Leben des Volkes Theil nehmen, das sie verachtet oder das Land lieben, das sie verleugnet? Mir scheint, für jedes Volk, das dergleichen zu erdulden hätte, und lebte es in Centrat-Afrika, hätten wir nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, unsere stimme zu erheben. Um wieviel mehr für ein Volk, das in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besondere Ehrerbietung verlangen darf; ein Volk mit einer heiligen, fast viertausendfährigen Geschichte, mit einer Gegenwart, die kein anderes aufzuweisen hat: überall zerstreut und trotzdem von ausgeprägtem Charakter, vereinzelt und trotzdem unverändert, voller Unglück ohne Heim und Vaterland; bewahrt für eine Zukunft voll besonderer Gnade. Auf diesen Punkt will ich nicht weiter eingehen, nur will ich bemerken, daß derjenige, der nicht an ihre Zukunft glaubt, ein oberflächlicher Leser nicht nur der alten jüdischen Schriften, sondern unserer eigenen sein muß. Es ist nicht unsere Pflicht, ihren Kummer zu vermehren, oder ungerührt und thatenlos zuzusehen, wenn andere sie steinigen. Wenn wir den Willen unseres Herrn verstehen, der für sie in seiner letzten Stunde betete, schulden wir chnen die Gerechtigkeit des alten Testaments und die Liebe des neuen. Ihr aufrichtig ergebener Henry Edward Cardinal Erzbischof 8. Dezember 1890. Zur Rabbinerwahl in Lemberg. Von G. Wolf. Zunächst mag hernorgehoben werden, daß ich mit den jetzigen internen Verhältnissen der israelischen Gemeinde in Lemberg durchaus nicht vertraut bin und ebensowenig sind mir die Candidaten bekannt. Ich kenne sie nur vom Hörensagen oder aus Zeitungsberichten. In solcher Weise erfuhr ich, daß jetzt die Rabbinerstelle besetzt werden soll und daß vielfache Jntriguen mitspielen, und da sei es mir gestattet, eine Reminiscenz vorzubringen.