Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-22 · 4 (22.1.1892) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
4 (22.1.1892)
Date
1892-01-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020904--01063-3025083
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gvte 63 Oestrrreichkfchr Wochenschrift. Nr. 4 für die Sache der Fremden in China entwickelt, der berühmten und von den Antisemiten so bejubelten Theorie von der Ga st¬ und Wirthscultur erinnern. Niemand Geringerer als Hartmann, der Philosoph des Unbewußten, hat diese Theorie verkündet, nach welcher die autochthonen Bewohner eines Landes berechtigt sind, sich der Fremden Zuzügler, der „Gäste" d. h. der eingewanderten Bevölkerung kurzweg zu entledigen, wenn sie glauben, daß deren Sitten, Gewohnheiten und Bestrebungen ihrer eigenen National-Existenz zum Schaden gereichen könnten. Die Theorie wurde zur practischen Nutzanwendung gegen die europäischen Juden construirt. Wir wissen nicht, ob der gelehrte chinesische Hetzer Scheu außer Confucius noch eine andere Autorität anerkennt. Aber wenn er die Vertreibung und Vertilgung der „fremden" Christen in China predigt, so predigt er durchaus im Geiste des deutschen Philosophen Hartmann und seiner begeisterten, antisemitischen Korybanten. Auch das wissen wir nicht, ob der chinesische Verfasser der Hetzschrift, „Tod der Religion des Teufels" zu den ständigen Lesern des „Deutschen Volksblatt" gehört. Aber zwischen dem National-Chinesen Scheu und dem „Germanen" Vergani besteht doch eine ganz merkwürdige Wahl- und Jdeenverwandtschaft und Herr Scheu könnte sich die Anregung zu seiner Flugschrift ganz gut aus den Spalten des „Deutschen „Volksblatt" geholt haben. Denn derselbe Vergani, der heute von sittlicher Entrüstung über die Fremdenversolgung in China trieft, hat vor einem Jahre noch direct gegen die Fremden in China gehetzt und zwar in der irrigen Annahme, daß sich im himmlischen Reiche eine Anzahl Juden befinden, welche sich nachher als Christen erwiesen. Die Chinesen sind ein treffliches Volk, sie haben eine vieltausendjährige CuÜur, aber sie sind leider ein bischen stehen geblieben, und haben mit der Aufklärung Europas nicht gleichen Schritt gehalten. So ist es zu erklären, daß diesen neugeworbenen Kampfgenossen die Unterscheidung zwischen Juden und Christen noch nicht ganz geläufig ist, daß sie aber in den letzteren nicht etwa die Träger des hochstrebenden, arischen Geistes, sondern nur tüte die Arier in den Semiten, Fremd e sehen, die ihrer Eigenart und ihrer Existenz gefährlich werden. Vielleicht hat die hiesige, chinesische Gesandtschaft die Hetzartikel Berganis seinerzeit pünktlich nach China gelangen lasten. Dort aber ist derselbe jedenfalls nicht verstanden worden, denn die nationale Wuth hat sich gegen die Christen gewendet. Wir begreifen den Schmerz und den Zorn des Herrn Vergani; doch in Jahresfrist haben die Antisemiten in einem fulminanten Flugblatt den Kaiser von China als einen in gelber Farbe 'gefärbten Antisemiten gefeiert und ihn den europäischen Souveränen als Muster vorgeführt.jDie antisemitische Pagode wackelt sogar in etwelchen gedankenhetzerischen Flugschriften mit dem bezopften Haupte! Und heute muß man es erleben, daß aus der erhofften Judenverfolgung in China die grausamste Christenverfolmng wird. Ja, um des Himmels willen, wissen denn die Söhne des himmlischen Reiches gar nichts vom Taünud, von Dühring und Lagarde! Misten sie nichts von Rothschild und der israelitischen Allianz! Wie konnten die ehrsamen Mandarinen und Gelehrten den großen Chineser Vergani nur so unverantwortlich blamiren! Ueberdies, der Kaiser von China ist mit europäischen Sitten und Cultuszuständen nicht ganz vertraut. Die gleiche Entschuldigung können jedoch der Schah von Persien und seine Minister nicht für sich in Anspruch nehmen. Nasr-ed-Din, der „Mittelpunkt des Weltalls" war dreimal in Europa und wenn Fr sich hier auch zuweilen etwas ungebührlich benommen hat, so weiß er doch sehr wohl, was ein Jude und ein Christ ist. Und trotzdem — es ist unerhört — ist auch in Persien in den letzten Tagen eine Christenverfolgung ausgebrochen, die hohen Orts protegirt wird. Ein Telegramm aus Tiflis bezeichnet die Lage der Christen in Persien als sehr gefährdet. Die gegen die Engländer entstandene Erregung wird auch auf die anderen Europäer ausgedehnt, so daß eine ausgebreitete Christenverfolgung befürchtet wird. In Teheran wurden Proklamationen angeschlagen, welche jedem Perser, der die Tramway benützt, mit der englischen Bank Geschäfte eingeht, oder mit Tabak handelt, mit dem Tode bedrohen. Man sieht, der Christenhaß in Persien arbeitet mit denselben Schlagworten, wie der Judenhaß in Wien. Die Erregung richtet sich gegen den christlichen Tramway-Reitzes von Teheran, gegen die christliche Banken-Corruption und gegen die christlichen Tabakmonopolisten. Tramwan-, Bankenschwindel und Monopol — man glaubt auf einer Wiener antisenritischen Wähleroersammlung zu sein und den Fürst Liechtenstein wieder zu hören. Es ist doch sonderbar, daß die Perser ein solch treffliches Verständnis; für die Gebräuche der arischen Cnltur zeigen wollen. Ja, es ist zehn gegen eins zu wetten, wenn das „Deutsche Volksblatt" in Teheran' erschiene, es auch noch gegen die corrupte arische Presse weitem würde, wie bei uns zu Lande die Antisemiten gegen die jüdische. Die Theorie von den Gast- und Wirthsvölkern zeigt plötzlich ihre Reversseite in China und in Persien. Was den Juden in Europa geboten wird, das muß den Ariern im Orient billig sein. Ob Herr Vergani diese Lehre beherzigeil wird, hängt allerdings davon ab, wie lange ihm noch die Casse des Prinzen Liechtenstein offen stehen wird. — Derx Erzbischof von Köln für die russischen Inden. Köln, den 12. Januar 1892. In Anschluß an das Berliner-Central-Comits für russische Juden, das unlängst einen intercoilfessionellen Aufruf zu Gunsten der Emigration erlassen hat, hat auch das hiesige Provinzial-Comitä sich bemüht, ein interkonfessionelles Comite zu Stande zu bringen. Es hat in der That die hervorragendsten Staats- und bürgerlichen Beamten und Männer ausgezeichneter sociale^ und gesellschaftlicher Stellung hiesiger Stadt für die gute L-ache zu gewinnen verstanden. Ebenso haben die Localcomite's in Düsseldorf, Crefeld u. A., die sich dem hiesigen Provinzialcomite angeschlossen hatten, in gleichem Sinne mit großem Erfolg gewirkt. Was aber ganz besonders hier hervorgehoben werden soll, ist die sympathische Stellung, die der Kölner Erzbischof dem menschenfreundlichen Unternehmen gegenüber einnimmt. Der Herr Rabbiner Dr. Frank besuchte dieser Tage den Oberhirten der Kölner Diöcese, um denselben gleichfalls um eine Unterschrift für den demnächst zu erlassenden Aufruf zu bitten. Aus Gründen, die hier unerörtert bleiben inüssen, die aber ihre volle Berechtigung haben, konnte derselbe seine Unterschrift nicht geben, richtete aber am andern Tage folgenden Brief an den Rabbiner: „Köln, den 10. Januar 1892. Indem ich Ew. Ehrwürden den Aufruf des Berliner- Central Comitö's zur Unterstützung der in Rußland gegenwärtig hart bedrängten Juden ergebenst zurücksende, nehme ich um so herzlicheren Antheil an dem traurigen Loose Ihrer dortigen verfolgten Glaubensgenossen, als wir Katholiken die unablässige grausame Bedrückung unserer polnischen und ruthenischen Glaubensgenossen dortselbst auf's schmerzhafteste empfinden. Ich kann den edlen Bestrebungen des Comitäs, welche den aus ihrer Heimat indirect Vertriebenen ein anderweitiges Unterkommen zu beschaffen sich bemühen, nur den besten Erfolg wünschen. In hochachtungsvollster Ergebenheit Dr.Ph.Krementz Erzbischof von Köln. An den Rabbiner der jüdischen Gemeinde Herrn Dr. Frank Ehrwürden Hier." Es wirdjeder Glaubensgenosse über diese menschenfreundliche Theilnahme eines so hochgestellten Kirchenfürsten sich freuen, und wollen wir noch hinzu fügen, daß derselbe auch einen materiellen Beitrag zu der guten Sache in Aussicht gestellt hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.