Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 60 Vrstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 4 „Wer sind die Gutachter und Sachverständigen," wehklagt das „Deutsche Volksblatt," „auf deren Aussage hin Morris de Jonge als geistesgestött gebrandmarkt wird? Es sind die Juden Dr. Auerbach, Dr.-Bär und Professor Dr. Mendl. Konnten keine deutscher Beobachter für den Geisteszustand des Morris de Jonge gefunden werden? Liegt nicht die Befürchtung nahe, daß Juden einem abtrünnigen Stammesgenossen gegenüber eine gewisie Voreingenommenheit haben?" Merkwürdig in dieser ganzen Affaire ist die Erscheinung, daß die Antisemiten sich so warm des Judenburschen Morris de Jonge annehmen und an ihr Dogma: „Jud' bleibt Jud!" ganz vergeffen. Auch wir muffen daher diesen Prozeß als „für die antisemitische Bewegung hochbedeuffam" halten, denn er stellt vor Aller Augen die Thalsache fest, daß die ganze Bewegung nur gegen die moralisch besten, ehrlichen und verdienstlichen Juden gerichtet ist, während die verkommenen jüdischen Lumpen von ihr hochgehalten und geschätzt weiden. Und je größer der jüdische Lump, destomehr erfreut er sich der Theilnahme rmd Sympathien der Herren Antisemiten. Dieser Morris de Jonge, ein Lump ohnegleichen, ein Unikum im Judenthume, ein Sohn, der dem Vater flucht, erscheint als ein Stück Franz Moor auf jüdischem Boden, wo für ein solches Kind der Tod war, während bei dem Mustervolke der Arier Saturnus selbst das Beispiel gab, wie man sich seines Erzeugers entledigt. Diesen Morris de Jonge haben aber die Antisemiten aus besonderem Grunde ins Herz geschloffen, weil sie in ihm sich selbst verkörpert, das Sinnbild des Antisemitismus sehen, das Idol ihres Prinzipcs verehren, in chm sich selber abspiegeln! Denn was ist denn dev Antisemitismus anders, als die christliche Zivilisation, die ihren Erzeuger, das Judenthum verflucht? Die alte Mutter schmäht und ihr in's Gesicht spuckt? Die Anttsemiten verwahren sich gegen die Annahme, daß der Antisemitismus der mittelalterliche Judenhaß sei. Sie haben Recht. Der Fanatismus des Mittelalters hat immer doch noch eine gewisie Pietät gegen das Zudenthum, aus dessen Cchooß das Ehriftenthum heworgegangen, bewahrt, die Kirche hat es in das Ghetto, wie in das Ausgedinastübchen verwiesen, sie hat ihm alle Freiheiten und -alle Genüsse des Lebens versagt, aber sie wollte es nicht Hungers sterben lassen und gab ihm wenigstens e in Gewerbe frei. Der Antisemitismus jedoch kennt gar keine Schonung für's Judenthum, ganz wie dieses liebenswürdige Söhnchen des Rentiers de Jonge, der aufgegangen in das deutsche Studententhum, das in der Regel solche Früchtel zeitigt, seinen „Alten" verflucht, weil er bei chm nicht mehr pumpen kann. Das „Deutsche Volksblatt" ängstigt sich, „daß wenn die Mitglieder des Vereines gegen den Antisemitismus sich den Prozeß Morris de Jonge zum Muster nehmen, dann kann es sehr leicht dahin kommen — kein Mensch bürgt uns dagegen — daß alle antisemitischen Führer und sonstige dem Judenthum unangenehme Leute von jüdischen Irrenärzten besichtigt und auf deren Attest hin ins Irrenhaus speditt werden.,, Herr Vergani kann jedoch gettost sein. Kein jüdischer Arzt wird es wagen, chn als wahnsinnig zu erklären, da doch alle Welt weiß, daß er den Antisemitismus nur als profitables Geschäft betteibt. Die Zeit aber, die alle Wunden heilt, ist auch ein Psychiater, sie wird gewiß den Antisemitismus als Wahnsinn erkennen, die Masten heilen und diese werden dann nicht, wie Morris de Jonge gegen Dr. Bär, an dem Arzt sich rächen, sondern an den Führern, die in ihrem eigenen Interesse den Wahnsinn des Volkes ausbeuteten, ihn für" den lichtesten Moment des Volksgeistls, für die höchste Culturerrungenschast ausgabcn — dann werden Vergani und Consorten ausgespielt haben. Frömmigkeit als Gewerbe. Es ist eine schöne, vielleicht auch eine praktische und jedenfalls eine aufopferungsvolle Idee, als stolze Versicherungsgesellschaft auf den Weihnachtsmarkt zu erscheinen und das anzubieten, was eben eine Versicherungsgesellschaft anzubieten.in der Lage ist. Da steht sie die elegante Dame in Sammt, Seide und köstlichem Pelz, mit Gold- und Brillantenschmuck, das Kohlenhäferl nicht zu vergeffen, neben den r taten Verkäufern, welche von Frost geschüttelt ihre Kleinwaare und ihre Tannenbäumchen an den Mann zu bringen suchen, da steht sie und flüstert schalkhaft lächelnd zu: „Bitte, nehmen Sie diese niedliche Weihnachtsgabe mit nach Hause, sie kostet nichts, und denken Sie an uns, wenn Sie gelesen haben." Wie wissen es, daß wir bereits 1892 schreiben, daß die Maskenbälle des Carnevals bereits auf Gäste warten und daß das letzte Weihnachtsbäumchen bereits der Flamme geopfert ist; aber die Originalität der Idee erregt unsere Bewunderung und bester spät als nie; so geschieht es denn, daß wir uns heute mit der Weihnachtsreklame der Versicherungsanstalt „Janus" beschäftigen. Denn um diese wichtige literarische Produktion handelt es sich, um das „Mahnwort" des „Janus" und als Entschuldigung für die Verspätung mag uns bienen, daß dieses Mahnwort erst jetzt zu unserer Kenntniß gelangt ist. Die Broschüre hat 18 Seiten klein Format und ist sauber gedruckt. Der geistreiche Verfasser ist nicht genannt, nur, daß die Broschüre „alle Rechte Vorbehalten" im Selbstverläge des „Janus" erschienen ist. Den äußern Umschlag des kleinen Buches, dünner Pappeudeckrl, schmückt in schön verschlungener Schrift der Titel: „Der Papst und die Lebensversicherung. Ein Mahnwort." Dem folgt ein zweites Titelblatt, das vermöge des quergedruckten Titels in zwei Dreiecke gelheilt ist. Das obere Dreieck enchält das päpstliche Wappen und den Namen des Papstes: Leo XIII. auf dem untern Dreieck sieht man drei Damen, welche mit der Hand winken, vermuthlich um zur Versicherung zunr „Janus" einzuladen Was nun den Inhalt der Broschüre betrifft, so läßt er kaum vermuthen, daß der Verfasser sich jemals ernsthaft mit einer ökonomischen oder socialen Frage beschäftigt habe. Er beabsichtigt, dem Versiicherungswesen ein katholisch-confessionellcsMerkmal aufzuprägen. Am Eingänge wird der König Salomo zitirt, dann das Wort des Fürsten Bismarck vom „praktischen Christenthum" und endlich die Encyclika des Papstes vom 17. Mai 1891, die sich mit der sozialen Frage beschäftigt. Nach dieser frommen Einleitung und nachdem so hohe Autoritäten an uns vorübergezogen, gibt sich der geehrte Verfasser einen Ruck, fliegt durch die Luft, schlägt einen Purzelbaum und steht wieder auf den Füßen um der Stadt und den Erdkreis zu verkünden, daß man die Mahnungen des Papstes in religiösem. Sinne am Besten befolgt, uild gleichzeitig im Dienste „des praktischen Christenthums thätig ist, wenn man zu einer Versicherungsgesellschaft geht lind dort sich eine Polizze erwirbt. Ein kurzer Trommelwirbel bildet den Beschluß, wir sehen die Centrale und die Filialen des mit besondern Vorzügen ausgesiattetcn „Janus" geöffnet und wir hören es deutlich. „Nur h'enein spaziert." Der Bismarck will es und der Pcpst will es auch; die Anhänger Schönerers können kommen, eben so gut wie die Anhänger des Prinzen Liechtenstein. Nur keine Ausrede; nur h'errein spaziert." Die Originalität der Idee hat, wie gesagt, unfern Beifall. Es geschieht viel um zur Weihnachtszeit die Kunden anzulocken, aber das geht noch über die redenden Bilderbücher, über die Nähmaschine in der Westentasche, über das Telephon im Hemdknopfe, noch über den photographischen Apparat in der und den photographischen Apparat am Jagdgewehr. Was wollen olle Heroen des Inserats gegenüber diesen machtvollen Mahnwort bedeuten? Man denke sich die heitere Stimmung eines Weihnachtsabends wenn der Hausvater erklärt, daß er die Weihnachtsgeschenke durch eine Lebensversicherungs-Polizze ersetzt hat. Die Zeit ist realistisch, aber so realistisch ist sie denn noch nicht, daß das „memento mori“ des „Janus" am Weihnachtsabend au feine fteundliche Aufnahme rechnen könnte. Wir haben es mit einer ungeschickten geschmacklosen Rcclame zu thun und wir könnten aus jede weitere Bemerkung verzichten, wenn die Sache nicht denn doch etwas tiefer ginge,