Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Oesterreichischr Wochenschrift. Seite 59 der soziale Charakter des Judenthums verwirklichte immer die demselben gegebenen Grundgesetze. Gewiß aber ist die jüdische Lehre mehr in dasWesen der Juden eingedrungen,als die semitischchristliche Lehre in das Wesen der arischen Christen. Zeigt Einen von Euch, der nach der Bergpredigt lebt, der "auch seine linke Backe darreicht, wenn man ihn auf die rechte schlägt, der auch den Mantel gibt, wenn man ben Rock von ihm fordert, oder der auch seine Feinde liebt und denen wohlthut, die ihn hassen. Und wie diese Prämisse falsch, so ist das ganze Gebäude daraus Lüge. Der Jude war immer tolerant nach hm Worte des Propheten: „Alle Nationen mögen wandeln, ein Jeder im Namen seines Gottes!" Der Jude hatte niemals einen anderen National-Egoismus, als das hohe Bewußtsein seiner Mission, ein Werkzeug in der Hand der Vorsehung zu sein zur Vereinigung und Verv r ü d e r u n g der Menschheit. Aus denr Vorwurfe des Christcnhasses spricht nur ein böses Gewissen. Die Geschichte hat keinen einzigen Act des Hasses unsererseits gegen Staat, Nation und Gesellschaft, welche uns so fürchterlich behandelten, aufzuweisen. Ihr aber habt mit dem Gebote der Liebe im Munde uns zu Tausenden hingeschlachtet. Zu einem Volke im Volke habt Ihr uns erst gemacht, indem Ihr uns von allen Lebensweisen ausgeschlossen, und dennoch ist es eine Lüge, daß wir in vollem Gegenfatze zu den Sitten, Gewohnheiten und Anschauungen des Volkes stehen, unter dem wir leben! Ach, nur haben leider zu viel von Euch angenommen, zum Schaden des Judenthumes. Eure Laster, Eure nationalen Laster haben auch uns nun ergriffen, daran leiden wir. Und die größte, ganz vom Antisemitismus getränkte Lüge ist, daß wir durch unser Erwerbsleben dem Wohlstände und dem Rechtsbewußtsein tiefe Wunden schlagen. Ihr gönnt uns einfach nicht, daß wir leben und von den freiheitlichen Gesetzen Gebrauch machen. Um uns den Glauben an unsere Mission zu nehmen, bestreitet der Verfasser, daß das Judcnthum jemals, so oft sich ihm auch die Gelegenheit dazu darbot, eine Völker erziehende Mission ausgeübt habe. Nun, mit dem Schwerte in der Hand, wie andere Religionen, haben wir sie allerdings nicht erzogen, aber wir haben durch unsere Existenz gewirkt, durch unser Beispiel angezogen und für die Verbreitung allgemeiner menschlicher Grundsätze niemals etwas anderes als die Entwicklung des Menschengeschlechtes in Aussicht genommen. In einem Lande wohnend, das ün Knotenpunkte der drei Welttheile des alten Continents gelegen, und von allen Völkern passirt werden mußte, formte Jeder von uns lernen, und unleugbar hat unser Leben in höchst bedeutenden Momenten auf die Gesellschaftlichkeit der übrigen Menschenwelt eingewirkt. Wie nach dem 1. Buch der Könige, Cap. 20, die Diener des in einem Kriege gegen Israel unterlegenen Königs von Aram zu ihrem Herrn sagten: „Wir haben gehört, daß die Könige von Israel barmherzige Könige sind, laß uns zum Könige Israels hinausgehen; vielleicht läßt er Dich leben," und dann der König von Israel zu dieser Gesandtschaft: „Lebt Euer König noch, so ist er mein Bruder" — so sind gewiß auch andere Züge aus dem jüdischen Charakter in die Völker eingedrungen, und man darf kühn behaupten, daß alles Menschliche, das sich seit viertausend Jahren in der Völkergeschichte äußerte, aus dem Judenthum hervorgegnngen war. Am Merkwürdigsten ist aber, wenn ein Christ dem Juden eine völkererziehende Mission abspricht. War das Christenthum nicht völkererziehend? Nennt Ihr nicht die heutige Civilisation christlich? Und wer Anders hat das Christenthum der Welt gegeben, als das Judcnthum? Doch Ihr leugnet mit Eurem Hasse, daß das Christenthum Euch erzogen, trotzdem Ihr immer das Christenthum im Munde führt, wie der Verfasser in folgenden Phrasen: „Wenn erst das Judenthum voll aufgegangen sein wird im deutschen Leben, in Gebräuchen und Sitten, wenn es den Freuden und Leiden des Volkes nicht mehr kalt gegenübersteht, wenn es seine Arbeit und seine Sorgen theilt, dann lüetfrm von ihm die sittlichen Motive des christlichen Lebens erkannt werden, dann erst wird das alte Testament befreit werden von den Banden der Nationalität, dann werden die ethischen Kräfte, die im Judenthum liegen, in wahrhaft humanem Sinne verwerthet werden zur gemeinsamen Arbeit für Menschenwohl und Völkerfreiheit." Nein, das Judenthum will nicht aufhören zu sein, aber es theilt die Leiden und Freuden, die Arbeiten und Sorgen aller Völker. Die sittlichen Motive des christlichen Lebens werden wir erst erkennen, wenn der Judenhaß aufhören und der evangelische Spruch von dem Span und dem Balken beherzigt wird, damit man nicht mehr uns apostrophire, für Menschenwohl und Völkerfrieden zu arbeiten, während seit zweitausend Jahren unter der Herrschaft christlicher Mächte die Menschenrechte confiscirt waren und blutiger Völkerkrieg auf der Tagesordnung stand. Der Verfasser schließt mit dem frommen Wunsche: „dem Volke Israel in allen seinen Theilen und nicht allein in den gebildeten .Kreisen das Christenthunl in seinem wahren Wesen zu zeigen, dazu müßte eine Art innerer Mission organisirt, cs müßten Schriften verbreitet und erklärt werden, besondere Schulen, Vorträge, überhaupt eine ganz reformatorische Kraft müßte hier Platz greifen." Nur zu! Errichtet Missionen über Missionen, Ihr werdet das Jrdenthum nicht vernichten. Das Judenthum muß um Euretwillen bestehen. Ihr müßt ja noch lange, lange beim Judenthume in die Schule gehest, um gute Christen zu werden. Der Prozeß gegen Dr. Morris de Ionge. Unter dieser Ueberschrift bringt das „Deutsche Volksblart" in der Abendausgabe vom Montag den 18. d. M an erster Stelle einen Artikel, den es mit den Worten einleitet: „Eine für die antisemitische Bewegung h 0 chbedeutsa me Gerichtsverhandlung, fand am.4. Januar vor den Schranken der Strafkammer des Landgerichtes 1 in Berlin statt." Nun erzählt der Artikel natürlich mit antisemitischer Färbung den Gegenstand des Prozesses, der „für die antisemitische Bewegung so hochbedeutsam" war. Es ist dies die seit nahezu zwei Jahren von den antisemitischen Blättern so oft wiedergetnetete Geschichte von Morris de Jonre. Dieser vom lüderlichen deutschen Studeutenleben verrückt gewordene junge Mann, ist der Sohn des jüdischen Rentiers de Ionge in Köln und hat noch drei ältere Brüder, die den Besitzstand des Hauses wahren und der Verschwendungssucht des Bruders, der, rvenn auch Jude, doch als „Wurzen" wie man Wienerisch sagt, voir den deutschen Studenten mißbraucht wurde, nicht die Zügel schießen lassen wollten. Darüber gerieth der physisch, geistig und moralisch verkommene junge Mann in völlige Verrücktheit und schrieb Briefe, in denen er seinem Vater in der schre cklichsten Form flucht. Die Familie erwirkte nun die Jnternirung des Wahnsinnigen in einer Irrenanstalt. Zufällig wohnte Morris de Ionge in dem Physikatsbezirke des Geheimen Sanitätsrathes Dr. Bär, und dieser hatte von Amtswegen den Geisteskranken zu untersuchen und das Attest zu dessen Jnternirung auszustellen. Nach achtmonatlichem Aufenthalte in der Maison de Sänke in Schöncberg wurde Morris de Ionge als geheilt entlassen. Und nun rächte er sich damit, daß er mehrere Artikel gegen Dr.Bär in der antisemitischen „Kreuzzeitung" schrieb, die ihm ihre Spalten so weit als möglich östnete. Infolge dieser Artikel wurde Freiherr von Hammerstein, Chefredakteur der „Kreuzzeitung,"und Morris de Ionge wegen Beleidigung des Dr. Bär geklagt, worüber am 4. Januar d. I. die Schlußverhandlung stattfand, die damit endete, daß die Irrenärzte richtig und im besten Glauben gehandclt haben, aber Hammerstein freigesprochen, nachdem erden Verfasser der beanständeten Artikel nannte, gegen Monis de Ionge aber das Verfahren niedergeschlagen wurde, da er sich laut Gutachtens der Sachverständigen zur Zeit, als die Artikel gegen Dr. Bär erschienen, in einem Zustande der Geistesstörung befunden und seine freie Willensmeinung nicht besessen habe. Diese Urtheilsbegründung gefällt den Antisemiten nicht,