Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 58 Oesterreichischr Wochenschrift. Nr. 4 der bei euch wohnt (4 B. M. 15, 16)." „So versöhnt der Priester die ganze Gemeinde der Kinder Israels, so wird ihnen vergaben sein und dem Fremden der in ihrer Mitte sich aushalt (4 B. M. 15, 25, 26)." „Nach drei Jahren sondre alle Zehnten aus von deinem Ertrage dieses Jahres und lege ihn in deine Thore. Dann komme der Levite, der keinen Theil und Erbeigenchum mit dir hat, und der Fremdling und die Waise und Wittwe, die in deinen Thoren sind, daß sie essen und satt werden. (5 B. M. 14, 28, 29)." „Gleichwie der Herr, euer Gott, der große und starte Gott, der feine Person ansieht und Recht gegen Wittwen und Waisen übt, den Fremdling liebt nnd ihm Brot und Kleidung gibt. Also sollt auch ihr den Fremdling lieben, denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Aegypten. (5 B. M. 10, 17,19)." „Du sollst nicht beugen das Recht des Fremden und Waisen, (5 B. M. 24, 17)." „Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, der Waise und der Wittwe beugt. (5. B. M. 27. 19)." „Auch der Ausländer, der nicht von deinem Volke Israel ist, betete der König Salomo, nachdem er den Tempel erbaut hatte, „wenn er aus einem fernen Lande kommt und betet zu diesem Hause, so höre du es im Himmel und thue Alles, um was dich der Ausländer anruft. (1 Kön. 8, 41, 43)." „Suchet das Beste der Stadt, spricht der Herr Zebaoth zu dem in Babylon gefangenen Israel, iir die ich euch gefangen habe führen lassen und betet für sie zu dem Herrn (Jerem. 29, 7)." „Und dieses Land sollt ihr unter euch nach den Stämmen Israels vertheilen unter euch und unter die Fremden, die sich unter euch aushalten, und sie sollen euch sein, wie die Söhne Israels. Pie sollen unter den Stämmen Israels um das Erbtheil mitloosen, und es soll geschehen, in dem Stamme, worin einer als Fremder wohnt, sollt ihr ihm seinEigent h u m geben", spricht der Herr (Ezech .47 ,21, 23) „Sein wird's in der Folge der Zeiten, daß die Völker schmieden ihre Schwerter zu Sensen und ihre Speere zu Winzermessern: nicht hebt Volk gegen Volk das Schwert und nicht lernen sie fürder den Krieg," sagt der Profet Micha, wie es auch Jesaias um dieselbe Zeit ausspricht, so daß es ein im Volke lebendes Ideal gewesen sein mußte. Und wir zitirten hiemit noch nicht alle einschlägigen Stellen des A. T. Die Propheten waren nichts Anderes als die Verkörperung des Volksgeistes, der edelsten Volksidee! War es nicht das Hebräerthum, welches durch die Idee von der Einheit des Menschengeschlechtes, von der gemeinsamen Abstammung aller Völker von einem einzigen Elternpaare — der Menschenverbrüderung die tiefste und heiligste Grundlage gegeben? Wo hat also Professor Pfleiderer her, daß den alten Hebräern die Fremden als Barbaren, als recht- und wehrlose Menschen, nicht viel bester als die Thiere galten? Spricht aus den obigen Zitaten Härle und Grausamkeit gegen die anderen Völker und „eine rohe Gesinnung, die den modernen Menschen empören?" Klingt aus der Profeten Worte blos eine A hn u n g des Humanitätsprinzipes? Oder zeigt das Alles nicht deutlich, daß das Judenthum durch das konkrete Gesetz des Mosaismus von allem Anfänge an zum Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller Menschen er-zogcn. Professor Pfleiderer glaubte vielleicht seine falschen Behauptungen auf einige Sätze des Alten Testaments stützen zu können, welche zur Erhaltung des Glaubens an den einigen Gott und die einige Menschheit, hart sich gegen das Heidenthum auslasten. Aber wenn wir die Methode unserer Gegner anwenden wollten, was könnten wir nicht Alles aus dem Neuen Testamente, in welchem die volle Reife des Humanitätsgedankens liegen soll, herauslesen. Welche Ausschließlichkeit in nachstehenden Sätzen: „Für sie (die Apostel) bitte ich, nicht für die Welt, nur für sie, und auch für die, welche durch chre Lehre an mich glauben werden" (Joh. 17, 9). Jesus antwortete dem Nicodemus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn nicht Jemand aus dem Wasser und dem heiligen Geiste geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen" (Joh. 3, 5). Jesus sprach zu den Aposteln: „Geht in alle Welt/ verkündet das Evangelium allen Völkern! Wer glaubt und sich taufen läßt, wird selig werden, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden" (Marc. 16, 15). „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben, wer aber an den Sohn nicht glaubt, der wird das ewige Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm" (Joh. 3, 18). „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Friede zu senden auf Erden; ich bin nicht gekommen Frieden zu senden auf Erden, sondern das Schwert, denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter und die Schnur wider ihre Schwieger mutter". (Mat. 10, 34). „Der nichtchristliche Mann wird durch die christliche Frau und die nichtchristliche Frau durch den christlichen Mann geheiligt, sonst wären eure Kinder unrein." (1. Cor. 7, 14). „Der Ungläubigen Theil wird im brennenden Schwefelfeuersee sein." (Ossenb. 21, 8). „Wenn Jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre nicht, so nehmt ihn nicht ins Haus und begrüßt ihn nicht." (11. Joh. 1, 10). Diese und noch viele andere Sätze in: Neuen Testamente zeigen nach menschlichem Verstände gerade nicht von der völligen Höhe des Humanitätsgedankens; aber wer wird an dem einer andern Religion heiligen Schriftthume Kritik üben, wie es unsere Gegner m ihrer Brutalität an dem unserigen machen. Einen anderen Weg zur Herabsetzung des Judenthums schlägt der Geh. Sanitätsrath Dr. Brinkmann in Berlin in dem von ihm jüngst erschienenen Werke: „Kirche und Humanität in ihrer Bedeutung für das geistige und leibliche Wohl" ein. In dem Kapitel: „Judenthum und Humanität", tritt der Verfasser als förmlicher Apologet des Alten Testamentes auf, indem er viele der von uns oben zitirten Sätze anfuhrt und dazu bemerkt: „Die Gewalt dieses Gesetzes ist eine so bedeutende, daß die Frage wohl berechtigt ist, die Prof. Oertli in Bern in dem von Karl Hilty herausgegebcnen „Statistischen Jahrbuche der Schweizerischen Eidgenossenschaft" (Jahrgang 1890, S. 257) aufwirft, ob nicht der Geist der Israel. Gesetzgebung mächtig wäre, die tiefe sociale Kluft nuferer Tage anszufiillen, wenn wir ihr den gebührenden Einfluß auf unsere Rechtsbildung, und was noch mehr ist, ans unser praktisches Verhalten einräumten. Aber der Pferdefuß kommt nach. „Dennoch", sagt der Verfasser weiter, „ist diese Gesetzgebung zu keiner Zeit in das Wesen des Voltes eingedrungen, und dieselben Klagen, die in so beweglicher Weise namentlich von den Profeten Jeremia und Hosea über die egoistischen Neigungen des Volkes Israel geführt wurden, bilden noch heute den Gegenstand der Sorgen und des Kummers seitens der Edlen im Volke." Und auf diese Voraussetzung folgt Schlag auf Schlag, denn der Verfasser war ein Deutscher und kann seine angeborene Voreingenommenheit nicht überwinden. Er wirft uns vor: Intoleranz, Nationales, oismus, seit Jahttausenden genährten Ehristenhaß, wir seien ein Volk im Volke, im vollen Gegensatz zu den Sitten, Gewohnheiten und Anschauungen des deutschen Volkes und den alten Haß wie ein frommes Vermächtniß in uns tragend, nüchtern und überlegend schlagen wir durch unser Erwerbsleben dem Wohlstände und dem Rcchlsbcwußtsein tiefe Wunden. „Nur einige fortgeschrittene Elemente des jüdischen Volkes," fährt der Verfasser fort, „haben an der Hand ihres großen Weltweisen Spinoza eine philosophisch - religiöse Auffassung gewonnen, die als letztes Resultat und einzige Rettung des Volkes Israel aus seiner Jsolirung und seinem verderblichen National-Egoismus den Glauben an Jesus Christus erkennt." Das also ist des Pudels Kern. Die Juden sollen sich taufen lassen. Und darum wird Lüge um Lüge auf das Judenthum gehäuft. Vor Allem ist die Prämisse falsch, daß die Gesetzgebung zu keiner Zeit in das Wesen des Volkes eingedrungen sei. Die jüdische Gesellschaft wurzelte aus mosaischem Boden,