Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020904--01058-3025078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ur. 4. Wie«, 22 Jauner 1892 ILIahrgang M. Centralorgan für die gesammten Interesten des Iudenthums. ff—--—.- -X R. ft. Postsparkassen amt vlraringvrrftrtzr Nr. 810.976. Ard artton u. Administration: S Mir« 1. »othrnthurmstratzr 39. X -X -#- Eigenlhümer: Keichsralhs-Abgrordneler Dr. Kloch. -- Erscheint jeden Freitag. X Man adonnirt bei allen Pofianstaltrn des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl Einzelexemplare 2S kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. X Inhalt: Leitartikel: Nationalität und Humanität. — Der Proceß gegen Tr. Morris de Zange. — Frömmigkeit als Gewerbe. — Wirkungen in der Ferne. — Der Erzbischof von Köln für die russischen Juden. — Cardinal Manning. — Zur Rabbinerwahl in Lemberg. — Moses. — Correspondenzen: Wien, Budapest, Prag, Karlsbad, Berlin, Wiesbaden, London. — Vermischtes: Wien, Döbling Dobrisch, Patzau, Jungbunzlau, Boskowitz, Budweis, Budapest, Mainz, Straßburg i. E., Mühlhausen, Leipzig, Rom, New-Castle, Tanger. — Feuilleton: Wie man verkommen kann. — Brieflasten. — Wochenkalender. — Inserate Nationalität und Humanität. Es ist ein merkwürdiges Sündenregister, das unsere Feinde über uns zusammengestellt! Wir wären nach demselben zugleich: Aufgeklärte und Finsterlinge, Atheisten und Starrgläubige, Kosmopoliten und im Judaismus eingesponnene Nationale, staatsunfähige Ideologen und kalte Realisten, die Klügsten .und die Dümmsten, hochmüthig und kriecherisch, erwerbssüchtig und verschwenderisch, unsere Rasse sei inferior und doch sollen wir Literatur, Kunst, und Wissenschaft, Historiographie, selbst die Politik der Staaten beherrschen, kurz wir besäßen die gegensätzlichsten, feindlichsten und sich unbedingt ausschließenden Eigenschaften. Wenn sie dieses Register immer nach einander ableierten, müßte jeder logisch Denkende den Unsinn darin sofort erkennen und den Schluß ziehen, daß keiner dieser Borwürfe wahr sein könne. Aber unsere Feinde sind schlau. Sie Heilen sich in der Arbeit. Jeder Einzelne von ihnen wählt sich nur ein Kapitel aus diesem Sündenregister zu feinem Angriffe gegen uns. Der Eine z. B. behandelt unseren Atheismus, der Andere unsere Starrgläubigkeit u. s. w. . Bislang hörten wir die Anklage gegen den jüdischen Kosmopolitismus von Muckern und Nationaleir, den Vorwurf unseres Sonderlebens von den Hegelianern, die alles Positive vernichten wollten, an dem unverwüstlichen Judenthum aber zu Schanden wurden. Tie Zeiten haben sich jedoch geänder-t. Der Vorwurf jüdischer Ausschließlichkeit wird uns jetzt von den Ultras des Nationalitätsprincipes und den Machern in Religion zugeschleudert. .Zugegeben diese national-jüdische Exclusivität bestünde wirklich: wie können Deutsche Jemanden den Nationalismus zum Vorwurfe machen? Welche Nation hat denn je das nationale Princip mit solcher Schärfe und Consequenz aufgefaßt,^ wie das moderne Deuischthum Bismarckischer Fraktur mit seinem Superioritätsdünkel und Fremdenhaß? Und was bezweckt dieser Vorwurf im Munde eines Deutschen? Will man, daß der Jude den jüdischen Standpunkt aufgebe und Deutscher sei? Wenn aber die deutschen Juden solches verbuchen— und wer war ein besserer Deutscher als Auerbach, Börne, Gabriel Rfeßer, Lasker und Sanders, —was geschieht? man stößt sie zurück, will sie nicht als Deutsche haben, schreit über Verjudung des Deutschthums, wenn sie ihr Deutschthum reklomiren. In ihren Zielen klarer sind die Mucker. Sie verfolgen Missronszwecke. Nachdem selbst der für den Glauben der Väter ndifferenteste Jude doch nicht leichten Herzens die Fäden durchschneiden kann, die ihn durch eine vierthalbtausendjährige Geschichte mit den Genossen der Religion seiner Väter verbinden, so muß ihm das Judenthum so häßlich als möglich gemalt werden, daß er sich dessen schämt. Und wie könnte das ausgiebiger geschehen, als wenn man ihm, „beweist," daß das Judrnlhum gegen den höchsten Fortschritt der Zeit, gegen die Menschheitsidee verstößt und national-egoistisch sei. Aber sie gebrauchen zu diesem Zwecke die verwerflichsten Mittel, Fälschung und Entstellung. Da hat der Professor Otto P fl e id e rer jüngst einen populären Vortrag über die Gegensätze der Begriffe Nationalitär und Humanität geh. lten und stellte darin den Satz aus: „Als Mensch fühlte der Grieche und Römer und Hebräer nur insoweit, als er sich als Bürger seiner Volksgemeinschaft fühlte, und als Mitmenschen erkannte er nur seine Volksgenossen an, nicht die Fremden, die ihm als Barbaren, als recht- und wehrlose Menschen, nicht viel besser als die Thiere galten". Der alte Hebräer, behauptete Psleiderer weiter, habe ein sittliches Gefühl der Pflicht nur gegen seine Volksgenossen gehabt, sei nur in diesem Verhältniß einer selbstlosen Hingebung und Treue, eines opferwilligen Heroismus fähig gewesen, mir dieser Selbstlosigkeit gegenüber dem eigenen Volke seien jedoch Selbstsucht, Härte und Grausamkeit gegen die anderen Völker, Barbarei und Sklaverei und eine Rohheit der Gesinnung Hand in Hand gegangen, die den modernen Menschen empören. Professor Pfleiderer gab in seinem Vortrage gnädigst zu, daß die Prosetcn des alten Testamentes eine Ahnung des Humanitätsprincipes hatten, dessen volle Reife liege aber erst im Neuen Testamente. Wie kann ein Professor der Theologie so den offenkrindigsten Worten des alten Testamentes in's Gesicht schlagen!! Ist nicht das ganze Alte Testament erfüllt von deur Geiste der Menschenschätzung im weitesten Sinne des Wortes? „Wer das Blut eines Menschen vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden, denn im Ebenbilde Gottes hat er den Menschen gemacht" (1 B. M. 6). „Wer einen Menschen schlägt, daß er' stirbt, der soll getödtet werden" (3 B. M. 21, 12)." „Wie ein Eingeborner aus euch, soll auch der Fremde sein, der sich bei euch aushält, du sollst ihn lieben, wie dich selbst, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Aegypten (3 B. M. 19, 34)." „Wenn dein Bruder verarmt und sein Vermögen neben dir wankt, so sollst du ihn unterstützen, den Menschenbruder, den Fremden, wie den Einheimischen, daß er bei dir lebe (3 B. M. 35, 35)." „Ein Gesetz, ein Recht soll euch und dem Fr-emdling sein,