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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-15 · 3 (15.1.1892) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
3 (15.1.1892)
Date
1892-01-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 8 Srstrrrrlchischr Wochenschrift. Sette LS Die Gemeinde aber, für welche er „lernte", blieb ihm seinen schmalen Gehalt regelmäßig — schuldig. Es geschah freilich zu Zeiten, daß die drängende Noch, welche sich selbst hinter den schnellsten Reiter setzt, ihn zwang, das so tief schlummernde, schuldige Gewissen der Gemeindrälteften aus seinem tiefen Schlafe zu erwecken. Hatten diese einige Stunden über das Wohl und Wehe der Gemeindemitglieder nachgedacht — es war freilich immer mehr Wehe dabei, denn es handelte sich meist um Steuerauftheilungen — dann tat der schüchterne Rebbe vor, der sich aus seinen Träumereien über Besitz und Eigenthum aufgerafst und hielt eine zwar nicht wohlgesetzte, aber desto eindringlichere Ansprache an den Gemeindevorsteher, ihn an der Gemeindeschuld ihm gegenüber mahnend. Diese Anrede begann mit folgenden stereotypen Worten: „Badozses (meine Herren) wovon soll ich mit Weib und Kindern leben?" Es klangen diese Worte ähnlich wie die berühmten Worte „Sein oder Nichtsein" in dem nicht ganz unbekannten Monologe Hamlrt's. Hatte der Rebbe seine Rede beendigt, dann zog er sich als Partei in seiner Sache zurück. — Die Aeltesten der Gemeinde beriethen weiter. Aber, wie die Geschichte erzählt, nicht so lange, wie über die Steuerquoten. Wieder wurde der Rebbe berufen. ..Ihr habt Recht, Rebbe", so begann nun der sokratische Spruch des Rosch Hakohol (Gemeindevorstehers). „Ihr könnt ohne Gebalt nicht leben, wir sehen es ein, zum nächsten Seman (Semester) soll Abhilfe geschehen; indessen lebt wohl, Rebbe; Babojsea, wißt Ihr, daß wir heute schon 5 Munden berochen? Mein Weib, soll leben, wird schon mit dem Nachtmahl warten, Gott gebe, sie soll nicht böse auf mich sein." Nach dieser erhebenden Schlußrede erhoben sich die Aeltesten und eilten zu den heimischen Penaten, „damit die Suppe nicht kalt werde". Und unser Rebbe wartete weiter bis zum nächsten Seman. Da mau aber, selbst in jenen Zeiten, vom Talmud allein nicht leben konnte, so bemerken wir hier zue Erklärung für weniger Eingeweihte, daß unseres Rebbe schmaler Erwerb meist in jenen milden Gaben der Gemeindemitglieder bestand, welche man in der katholischen Kirche Sport« ln, bei uns euphemistisch Emolumente zu nennen pflegt. Meier war des Rebbe ältester Sohn; er wollte sein Nachfolger im Amte werden. Unpraktisch genug war er dazu, so wie sein Vater. Auf einer etwa zwei Stunden von seiner Heimatsgemeinde entfernten talmudischen Universität (Jeschiba), sollte er sich die feinsten dialeltischen Kunstgriffe erwerben, um als geschickter Taucher aus dem Meere des Talmud die edelsten Perlen talmudischen Schar sinn es holen zu können. Sein Leben auf der Jeschiba glich dem der anderen Talmudjünger (Bochurim). Elend und Talmud, das war die Devise für diese künftigen Lehrer in Israel. Was die Magenfrage anbelangt, so wurde diese durch das sogenannte , „Tägerssen" gelöst, freilich nicht bei Allen in günstiger Weise. Das Menu bestand bei den Meisten in Bohnen und „Bochurim- Brust"; man denke bei der letzteren Bezeichnung nur nicht an etwas cannibalisches; man versteht vielmehr darunter jene knorpeligen Fleischtheile des Rindes, welche guter Zähne und eines noch besseren Magens bedürfen. Glücklicherweise erfreuten sich die meisten Bochurim dieser beiden so wichtigen Theile des menschlichen Körpers. Unser Meier war aber nicht nur der schärfste „Bochur" im Talmudkampfe, sondern auch im Essen. Das wußte seine gute Mutter. Und nicht einmal hat sie eine wahrhaft heroische Probe der Liebe zu chrem Aeltesten abgelegt, indem sie ihm manche von Meier besonders geliebte Leckerbissen — Kreppel standen da obenan — in die Jeschiba brachte, den fast zweistündigen Weg mit leichtem Fuße zurücklrgend; „damit Meier-Leben auch einmal etwas Besseres esse, als Bohnen und Bochurim- Brust". — In der Jeschiba wäre Meier fast verheirathet worbet». Das kam so: Ein reicher Häutehändler hatte sein Auge auf ihn geworfen und begehrte ihn zum Gatten seiner Tochter. Nach einem talmltdischen Ringkampfe war es, Meier war wieder lorbrergeschmückt aus demselben hervorgegangen; da trat besagter Handelsmann an ihn heran, lud ihn zum Essen ein und nachdem Meier tüchtig gespeist und mit Andacht und Würde das „wenn Du gegessen und Dich gesättigt, so sollst Du preisen den Ewigen, Deinen Gott" gesprochen, rückte Red Machel mit seinen Heiratsplänen heraus. Meier war damit zufrieden. Einige Wochen hielt er sich im Hause seines zukünftigen Schwiegervaters auf, studierte aus dessen Talmudfclianten — es waren echte, alte, geweihte Exemplare — ohne daß es ihm in den Sinn gekommen wäre, seine Zukünftige kennen zu lernen. Und als er nun eines Tages — er studierte gerade die Halacha über Kauf imb Verkauf — vertieft wie er war, Händler abgewiesen hatte, welche seinem Schwiegervater einen günstigen Kauf seiner Kalbshäitte antrugen und der Concurrent Reb Machel's so zu einem schönen Nutzen kam. da hörte für diesen der Spaß auf; er verabschiedete Meier, dessen „Bestimmung" es nun war, unbeweibt durchs Leben zu wandeln, nur talmudische Käufe abzuschließen und in wichtigen Rcchtsangelegenheiien Partei bald für Abaje, bald für Rabba zu nehmen. Um diese Zeit war es, da tnrgen sie Meiers Vater hinaus in's „Haus der Welt", wo seine gute Muiter bereits ausruhte. Seine Geschwister waren „in die Welt" gegangen; die Schwestern hatten schlecht und recht sich verheiratet, die Brüder waren in größeren Städten weltlichen Beschäftigungen nachgegangen. Meier aber wartete darauf, man werde ihm das Rabbones in seiner Killah antragen; er würde vielleicht noch heute darauf warten, wenn er nicht gleichfalls schon ruhte draußen auf dem Friedhofe, der sich hinter dem Orte weit, weit hinstreckt. Eine neue Zeit schuf neue Bedürfnisse Die Talmud-RebbeS fegt» sie hinweg und setzte an deren Stelle moderne Prediger. So war Meier von der Tagesordnung abgesetzt worden, er hatte einem „deutschen" Redner weichen müssen, dem aber die Gemeindeältesten den Gehalt nicht schuldig bleiben dursten. Meier spann sich nun immermehr in seinen Talmud ei». Ihm hatte der Vater außer der legitimen Anwartschaft auf daS Rabdinat hinterlassen: Einen alten Kasten mit vielen alten Büchern» es waren merkwürdigerweise auch einige alte deutsche Romane darunter, so die von Spindler, von der seligen Louise Müblbach, von Elauren und Schillers Werke, nicht ganz vollständig, „die Räuber" besonders zerfetzt; ferner den Hausschatz der Beer's, als da waren, einige zinnerne Teller, ferner Eßzeug, Gabeln und Messer, altväterische Gläser, eine silberne Sederschüssel und ein vergoldetes Charosestellerchen. Daß natürlich zu dem kostbaren Erbe des Vaters auch der Tallis und die Tefillin desselben gehörten, deren „Botim", vom Preßburger Sofer angefertigt, von gewaltig imponirender Größe waren, brauche ich wohl nicht zu bemerken. Von den deutschen Büchern entäußerte sich Meier iu eigeuthümlichcr Weise, welche zeigt, daß man alts einem Bochur „alles machen kann", selbst einen Bücherverleiher. Man konnte sie . ämlich für ein kleines Entgelt bei ihm entlohnen. Dies sowohl, wie die auch ihm zukommenden „Emolumente", waren sein Erwerb. Seine Bedürfnisse waren aber so schmale, daß er von diesen Einkünften noch alljährlich zu seinem Stammcapitale manches kleine Sümmchen schlagen konnte. Besagtes Capital bestand in einem Schatze alter Speciesthaler, welche er in einem alten Strumpf fürsorglich eingenäht in einem verborgenen Winkel des alten Kastens hinter einrni Talmudfolianten, welcher die Tractate Lada Kama, Baba Mezia und Baba bathra enthielt, gefunden. Nach Meier Bochurs oder Reddes Meier deutschen Büchern aber war große Nachfrage, Besonders beliebt, bei den Schöllen der Gasse war „Kaiser Joses" von Louise Mühlbach und die Romane deS rühr- und thränenseligen Elauren, den der treffliche Hauff so göttlich verspottet. Diese Werke der deutschen Literawr halfen über manchen langweiligen Sabbath-Nachmittag hinweg und auf die Blätter der ohnehin vergeldren Bücher, fiel manch« Thräne aus schönem Auge. Auch in Naturalien wurde Meier-Bochur — welcher nun als richtiger Hagestolz durch das Leben wanderte — der Tribut für die Bücherentlohnung geleistet. Besonders muthige Seelen luden ihn, namentlich an Festtagen, zum Mittagessen ein. Da zeigte nun Meier, daß ihm etwas geblieben war aus der seligen Jugendzeit, die für ihn ach schon so weit war, namentlich der gute Magen. Ein köstliches Geschenk in unserer traurigen Karlsbader Zeit. Er vernichttte mit wahrer Simsonstärke erstaunliche Reihen von „Pessachknödeln" nnd nachdem er fie vernichtet, stehe, da merkte man ihm nicht an, waS groß« Arbeit ,r gechan. In feinem Neste freilich war Schmalhans Küchenmeister. Bohnen kamen zwar auf seinen Tisch, aber selbst die Nachbarschaft der Bochurim-Brnst ließen sie oft vermissen, Natürlich war Meier-Bochur oder Rebbes Meier Menschenfeind geworden; bei ihm läßt sich der Pessiimismus wenigstens erklären. Seine Liebe übertrug er „ganz und voll" wie der große Frankfurter Menschenfeind auf die Thiere; aber nicht auf Hunde eoncentrirte er fein liebebedürftiges Herz, sondern auf Hühner. Er pflegte und mästete fie und zog einige Prachtexemplare auf, für welche er bei einer landwirthschastlichen Ausstellung ei» e große silberne Medaille erhielt. Das war Meiers letzte Freude, fast hätte ich gesagt, seine einzige in seiiiem sonst freudenlosen Leben. Ein strenger Winter kam; er forderte viele Opfer. An einem Sabbat-Nachmittage, draußen stürmte und schneite es gewaltig, da wurde dem Dienstmädchen von Rosch Hakohols Hannele, welche „Friedrich den Großen" überbrachte, nicht aufgethan bei Rebbes Meier, denn er war am Bormittag, während man im Gotteshause die Geschichte von Jakobs Tode vorlas, zu seinen Vätern selig versammelt worden. „Halb erfroren, halb verhungert", das war des Gemeindearztes nüchterne Erklärung von Rebbes Meiers Tode. Als fie ihn hinausgetragen, auf den guten Ort und hierauf zehn Männer sich in seinem Zimmerchen versammelten, um für ihn das Todtengebet zu verrichten, da brannte ein wohlthuendes erwärmendes Feuer im Ofen, denn in Meiers Holzkamnier hatte man einen genügenden Borrath Brennmaterial gefnnden, der nun den Armen der Gemeinde zu Gute kam. Auch der Strumpf mit dem kostbaren Inhalt, fand sich laut Testament vor. Meier hat ein Keren Kajemes, ein „ewiges Angedenken" für seine Eltern und für sich errichtet. An seiner Eltern und seinem Sterbetage, sollte aus de» alten Msebna-Eremplaren gelernt und Kaddisch gesagt werden. Was aber mit Elauren und Louise Mühlbach geschehen ist, weiß ich nicht; wer kann auch Alles wissen? Literatur. Elischa ven Aduja-Acher. quellenmäßig dargestellt von Dr. Samuel Back, Bezirksrabbiner und Prediger der israel. Cultus» gemeinde Smichov. Herausgegeben als Jubelfchrift zum siebzigsten Geburtstage deS Herrn Dr. Adolf Jellinek, Prediger der israel. CultuS-

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