Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 3 (15.1.1892)
- Date
- 1892-01-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 59 Orsterrrichischr Aus Elsaß-Lochringe«, 28. Dec. Ein rühmlicher Act kindlicher Liebe, dessen Heldin eine junge Israelitin aus Oberbergheim (Ober-Elsaß) war, ist in einer kürzlich veröffentlichen Sammlung von Anecdoten aus der französischen Revolution verzeichnet. Der Vater dieses Mädchens sollte als verdächtig von dem Revolutionscommissär Otto, einer Kreatur des öffentlichen Anklägers Schneider, verhaftet werden. Reiset Gerschel, so hieß das Mädchen, gab aber ihren Vater für krank aus und überliefert sich selbst dem Reoolutionstribunal in Straßburg. Der Richter, welcher Kenntniß von der edlen Handlungsweise des jungen Mädchens hatte, sprach Reisel und den Vater frei und stellte ihr ein Zeugniß über ihre edle That aus. Das Original dieses Schriftstückes, das vom 3. Nivose des Jahres II der Republik datirt und von dem Präsidenten des Tribunals Mainone und drei Assessoren unterzeichnet ist, brfindtt sich im Besitze eines Einwohners des unterelsässischen Städtchens Oberehnheim, des Herrn Jacob Wertheimer, dessen F«m die Enkelin der Heldin ist; Frau Wrrcheimer erinnert sich ganz gut, in chrer Jugend aus dem Munde ihrer Großmutter die Geschichte gehört zu haben. Stoicholm. Die Regierung hat die Unterhandlungen mit der französischen Regierung behufs Wiedererneuerung des Handelsvertrages zwischen den beiden Staaten dem jüdischen Senator und Generalkonsul Fränkel von hier übertragen. Derselbe stcht bei Hofe in hoher Achtung. Bei Gelegenheit des jüngstm Hofballes war seine Tochter die Erste, welche vom Kronprmzev zum Tanze engagirt wurde. Kimberley. Vor einiger Zeit fand Hierselbst eine zahlreich besuchte Versammlung unter Vorsitz des Bürgermeisters statt, welche zum Zwecke hatte, die Sympathie für die russischen Juden, praktisch zu bethätigen. Außer dem Bürgermeister sprachen auf derselben fast nur noch Geistliche der englischen Hochkirche, der Dissidenten, der Katholiken und Juden. Die ernsten und beredten Ansprachen hatten dm erfreulichen Erfolg, daß für dm russischm Unterstützungsfond sofort 5000 Mark durch Subscription gezeichnet wurden. Mosern. Reisende in dm von der Hungersnoth heimgesuchten Distrikten Rußlands erzählm, unter dem Volke hensche der feste Glaube, daß die Hungersnoth eine Sttafe Gottes für die <m den Juden verübten Grausamkeitm sei, da die Distrikte, in welchm die Juden am meisten zu leiden habm, besonders schwer heimgesucht würden, während nach der Sanct Petersburger „Novosti" in dm wenigen Orten, wo die Judm nicht moleftirt werdm, die Calamität nicht in derselben Stärke verspürt wird. Moskau. Herr M. Hamburg wurde 1888 zum Professor der Musik am hiesigen Conservatorium ernannt, nachdem er bereits 8 Jahre als Direktor der kaiserlichen Musikschule zu Varonej vorgestandm hatte. In beiden Fällen stand er in Staatsdimstm und erftmte sich der Gunst seiner Vorgesetzten. Im Februar 1890 erhiett er durch Herrn Shestakovsky die Mittheilung, daß er nicht länger im Amte bleiben könne, wenn er sich nicht zur Staatsreligion bekehren würde. Derselbe erklärte chm gleichzeitig, daß er sich vergeblich bemüht habe, dieses absurde Gesetz gegen die Juden aufzuhebm, da viele seiner besten Lehrer und Schüler Juden seien. Die Regierung ließ sich jedoch in Nichts ein. Der Gouvemeur von Moskau, Prinz Dolgoroucky machte zudem noch dem Herm Shestakowsky «um strmgen Vorwurf wegen seines Eifers für die „räudigen Judm", die keines Menschen Achtung verdienten und mit Besen aus dem Lande hinausgefegt werden müßten. Herr Hamburg verließ in ttmer Anhänglichkit an die Religion der BAer das Vaterland und seine zahlreichen Freunde und begab sich nach Amerika. Nom. Signor Jona Ottolenghi spendete 300.000 Lire zur Errichtung eines Armen-Asyles in Acqui. Das Kinderasyl in derselbm Stadt, welches keine jüdischm Insassen hat, wird hauptsächlich durch die Munificenz Ottolenghi's erhallen. Wochenschrift. Nr. 9 Arabien. Aus Sana in Jemen (Arabien) sind Nachrichten über die Belagerung dieser Stadt eingelangt, welchen wir folgendes entnehmen: Die Belagerung begann am 14. Juli und endigte am 10. October, mehr als 40.000 Insurgenten nahmen au derselben Theil. Wahrend die Stadt fortgesetzt bombardirt wurde, herrschte in derselben eine fürchterliche Hungersnoth. Unter den 40.000 Einwohnern der Stadt sind 3000 Juden. Die türkische Garnison hielt sich sehr tapfer, trotzdem sie sehr vom Hunger zu leiden hatte und Tag und Nacht auf dem Posten stehen mußte. Der Chef der Insurgenten, Mollah Salah Eddin, aus der Stadt Laadah, ließ verkünden, er werde die im ganzen Lande Jemen befindlichen 60.000 Juden entweder zum Islam bekehren oder vernichten. Während der letzten Tage der Belagerung hatten die Insurgenten sich der Stadt bereits bis auf 1000 Fuß genähert. Am 10. October erschien die türkische Entsatzarmee und befreite die Stadt aus ihrer peinlichen Situation. Der türkische Befehlshaber Achumed Feig! Sacha wurde von allen Einwohnern, besonders aber von den Juden, als Befreier bewillkommt. Obwohl jetzt Frieden in Jemen herrscht, leben doch die Juden in steter Angst, da Mollah Salah Eddin entkommen ist und eine neue Armee zu sammeln trachtet. Washington. Der Congreß der Bereinigten Staaten beschloß eine Vorlage wegen Absendung eines mit Korn beladenen Schiffes nach Rußland für die hungernde Bevölkerung. Der Senat nahm die bezügliche Resolution an. Die Vertretungskammer debattirte zwei Tage über dieselbe Frage; in der Debatte kam ein starkes Gefühl der Abneigung gegen Rußland wegen der von der Regierung des Czarm gegen die Juden ergiffenen Maßregeln zum Ausdruck. Schließlich vertagte das Unterhaus die Beschlußfassung über die angelegte Resolution, was mit einer Ablehnung gleichbedeutend ist. Jerusalem. Nachdem sämmtliche Actien der Eisenbahn Jaffa-Jerusalem placirt sind, steht dem Ausbau der Linie nichts mehr im Wege. Die Vollendung soll in fünf Monaten erfolgen. — Jerusalem wurde jüngst von heftigem Regen und gleich darauf folgenden ungewöhnlich starkem Schneefall heimgesucht. Das strenge Wetter hat viel Elend unter den Juden, insbesondere unter den russischen Einwanderern verursacht. Feuilleton. Lebbe's Weier. (tein Bild aus dem Leben der Gaffe von Dr. Mar Grünfeld.) Eigentlich hieß er Meier-Beer. Man nannte ihn aber am liebsten in der Gaffe Rebbe's Meier. Nicht als ob man eine Verwechslung seines Namens mit dem, zu jener Zeit auch schon in weiteren Kreisen bekannt gewordenen Eomponisten der „Hugenotten" befürchtet hätte. Denn mit diesem großen Manne hatte unser Meier nichts gemein, weder hatte ihn der Genius der Musik beschattet, noch hätte er aus seinem Vermögen Stiftungen für arme Musiker machen können und zwar' aus dem einfachen Grunde, weil er Gold und Goldeswerth nicht besaß. Dafür besaß er eine stupende Kenntniß in den Labyrinthen der talmudischen Halacha, ein Erbstück seines seligen Vaters, der Rebbe (Rabbiner) gewesen in der „heiligen Gemeinde". Nach ihm nannte man ihn mit einem bei unseren Vätern beliebten Patronymikon am liebsten Rebbes Meier. Wenn ich sage, sein Vater sei Rabbiner gewesen, so darf man beileibe nicht an irgeild eine wohl dotirte Pfründe denken. Ja, wenn der Talmud Brot gegeben hätte, danit wäre freilich unseres Meiers Vater in Schätzen geschwommen, hätte sich ans Goldhaufeu wälzen können, wie jener Heliogabal, römisch-kaiserlichen Angedenkens. Aber unser Rebbe war ein furchtbar unpraktischer Mensch. Vom ftühen Morgen bis zum späten Abend saß er über den großen Talmudfolianten, summte, sinnend und singend deren schwierigen, juristischen Inhalt vor sich hin, zerbrach sich seinen Kopf über dem Studium der verworrenen Diskussionen, über Eigenthum und Besitz, Kauf und Verkauf und vergaß dabei gänzlich darauf, daß er eine ziemlich große Familie zu ernähren hatte und weder Felder noch Gelder besaß, über deren Besitz er so scharfsinnig dialektische Abhandlungen „lernte", Deutungen gab und populistische Turniere auszufechten verstand.