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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-15 · 3 (15.1.1892) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
3 (15.1.1892)
Date
1892-01-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 3 Orstrrrrichifche Wochrnschrifl. Sette 49 Unterbringung entlassener Gefangener ohne Unterschied der Religion, des Alters und des Geschlechtes, bei denen nach ihrem Vorleben und ihrer Führung in der Strafanstalt angenommen werden darf, daß sie durch Arbeits-Nachweis nicht allein sich bessern, sondern auch vor dem Rückfall bewahrt bleiben werden. Der Erfolg der in dieser Hinsicht bislang Seitens der hiesigen Vereine „zur Fürsorge für entlassene Sträflinge" gemachten Bemühungen blieb'im Allgemeinen hinter den Erwartungen zurück, da das, in dem einen oder anderen Falle vielleicht wohlbegründete Mißtrauen der Arbeit- Geber nicht so leicht zu besiegen war. Nunmehr haben diese Bemühungen eine Centralisation 'durch Bildung einer Comission erfahren, die den Namen „Arbeit-Vermittlungs- ComMission für entlassene Gefangene" führt und durch vereintes Wirken Vieler ihren Zweck erreichen will. Aus der Geschäftsordnung sei hier der § 1 wiedergegeben, welcher die der jüdischen Gemeinde hierbei zufallende Rolle angiebt. Derselbe lautet: „Eine aus Mitgliedern der hiesigen Vereine zur Fürsorge für entlassene Gefangene, sowie aus Vertretern der jüdischen Gemeinde gebildete Commission bezeichnet sich: „Arbeit- Vermittlungs-Commission für entlassene Gefangene." Zweck dieser Commission ist: Entlassenen Gefangenen ohne Unterschied der Religion, des Geschlechts und Alters bei ihrer Entlassung aus der Hast sofern sie darum bitten und dazu geeignet erscheinen, durch Vermittlung von Arbeit und Unterkommen den Uebergang zu einem ordentlichen Lebenswandel in der menschlichen Gesellschaft zu erleichtern, um sie dadurch zu bessern und vor Rückfall zu bewahren." Damit ist in geräuschloser Weise ein Werk echter Menschenliebe vollbracht, das mancher „christlich-socialen" Schöpfung ruhig an die Seite gestellt werden darf. London. 2. Januar. Der „Evening Standard" bringt eine Wiener Correspordenz folgenden interessanten Inhaltes: Der wohlbekannte russische jüdische Bankier Herr M. Poliakoff, der den hohen Rang eines Staatsrathes mit dem Titel Excellenz bekleidet, und dem kürzlich vom Czar der Stanislaus-Orden erster Elaste verliehen ward, hatte eine Unterredung betreff der Judenfrage mit M. Pobyodonostzeff, dem Alles beeinflußenden Procurator der heiligen Synode. An diesen Beamten stellte er die Frage, ob es wahr sei, daß die jüngsten Befehle zur Vertreibung der Juden aus Rußland auf seine Initiative erlassen wurden. Pobyodonostzeff erwiderte: „Es ist so. Ich übergab dem Czaren ein Memorandum und das war die Ursache der Befehle, von denen Sie gesprochen. In diesem Memorandum betonte ich, wie nützlich es für Rußland wäre, wenn wenigstens einige tausend jüdische Familien zum orthodoxen Glauben bekehrt und dadurch mit der russischen Rasse assimilirt werden könnten. Der erste Weg hierzu würde sein, so wurde festgestellt, die alten Gesetze gegen die Juden auszuführen, da der besser bemittelte und zugleich benöthigte Theil derselben, wie Manufacturisten, Kausteute 1. Gilde, Doctoren, Juristen u. s. w. sich eher taufen als sich von Haus und Heimat vertreiben lassen würden und so gezwungen wären, den jüdischen Glauben abzuschwören. Wir Russen gebrauchen frisches Blut für unsere Rasse, und das könnte nirgends bester gefunden werden, als bei dm Juden, deren Sparsamkeit, Fleiß, Reinlichkeit, Häuslichkeit, Wissensdurst und deren außerordentliche Anlagen für den Handel gerade die Eigenschaftm sind, die uns mangeln und die unsere Riste durch die Vermischung mit jüdischem Blute erhalten würde. Wir dürfen uns mit dem schlechten Theil der Juden nicht vermischen, da wir ihre bösen Eigenschaften nicht noch den unsrigen hinzufügen dürfen. Bei den besseren Elasten der Juden kann ich aber so wenig wie bei Ihnen, Herr Poliakoff, schlechte Eigenschaften finden. Wir hoffen die Juden zu erhalten, wenn wir sie mit der Ausweisung bedrohen. Alles dies stand in meinem Memorandum, und in einer Audienz, die ich hatte, sprach Seine Majestät persönlich die Hoffnung aus, daß ein Zehntel von den tausenden Juden dm orthodoxen Glauben annehmen und alsdann Russen würden. „Ich frage Sie jetzt, Herr Poliakoff, wollen Sie das Beispiel geben und sich bekehren?" Dieser Herr antwortete: „Ich bin weder ein Manufacturift rc. noch habe ich es nöthig meinen Glauben zu wechseln, um im Genuß des. größten Theiles meines Vermögens zu bleiben. Wenn Sie aber wünschen, daß ich meine Energie, Erfahrungen und jenen Theil meines Vermögens in anderen Ländern verwerthen soll, so weisen Sie mich einfach aus. Hiermit hatte die Unterredung ihr Ende und Herr Poliakoff berichtete sofort den Inhalt Herrn Baron Hirsch und einigen anderen Mitgliedern des intemationalen Comitös für die russischen Juden. Es ist Thatsache, daß viele russische Juden zum orthodoren Glauben übergetreten sind und viele andere dasselbe thun, da sie nicht die Kraft besitzen, angeficht des Looses 100.000 armer Glaubensgenossen zu widerstehen. London, 3. Januar. Die Tageszeitungen veröffentlichen folgenden, von zwei Vorstandsmitgliedern der nichtjüdischen „Gesellschaft zur Unterstützung verfolgter Juden" (Syrian Colonisation Fund) Unterzeichneten Aufruf: „Mr. Scott Moncrieff telegraphirt aus Jerusalem: Bis Weihnachten herrschte starkes Regenwetter, in der darausfolgenden Nacht fiel ca. 6 Fuß hoher Schnee. Ich habe heute 40 außerhalb Jerusalems wohnende Familien besucht und Bro) unter dieselben vertheilt. Die Noch ist sehr groß. Das Schneegestöber herrscht gegenwärtig noch. Wir haben selbst oft die großen Schneestürme in Jerusalem mitgemacht, welche die Stadt und die sie umgebenden Gebirge innerhalb weniger Stunden bis zu einer großen Hohe bedecken. Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich von dem Elend der armen Inden eine Vorstellung machen, welche schlecht gekleidet, in leichten, baumwollnen Gewändern einhergehen» in armseligen, ofenlosen Wohnungen leben, sogar ohne jedes Heizungsmaterial, um sich warme Speisen oder Getränke zu verschaffen. Gegenwärtig hat der Winter die hungernden Flüchtlinge ebenso überrascht, wie die Menge Armer, die stets am Hungertuche nagen. Entsetzlich ist die Lage der außerhalb der Stadt Campirenden. Letzten Winter wurden einige von ihnen unter einem elenden Schutzdache aufgefunden, das sie sich aus leeren Blechbüchsen zum Abhalten des Regens errichtet hatten. Außer dem Betrage von Lstr. 50 <1000 M. » den wir allwöchentlich nach Jerusalem senden, können wir ans telegraphischen Wege nur solche Unterstützung gelangen lassen, die uns zu diesem Zwecke bewilligt wird, ans daß Mr. Scott Moncrieff seine Bemühungen „Menschenleben zu retten," fortsetzen kann. Gestern abends fand im Clubhaufe der jüdischen Arbeiter eine große öffentliche Versammlung der E h o w e w e Zion statt. Der g»räumge Saal war bis auf die äußersten Ecken und Gänge gefüllt als der Vorsitzende, der unermüdliche „Conlmandeur" des östlichen Zweiges des Vereines, Herr Josef Prag, die Versammlung eröffnete. Es wurde ein Brief von Lieutenant-Colonel Goldsmid (der bekanntlich in nächster Zukunft nach Argentinien geht, um das Baron v. Hirsch'fche Colonisationswerk zu leiten) verlesen, worin dieser Führer der englischen Chowewe Zion erklärt, er gehe nach Argentinien in der Absicht, dortselbst praktische Erfahrungen auf dem Gebiete des Colonisationswesens zu gewinnen, die er später in den Dienst der seinem und aller Chov. Z. Herzen am nächsten stehenden Sache der- Colonisation Palästina's stellen wolle. Auch in Argentinien werde er der Chov. Z. nicht vergessen und mit der innigsten Theilnahme die Bewegung befolgen. Sein innigstes Hoffen sei, bei seiner Rückkehr aus der Argentinischen Republik die Chowewe Zion bestens organisirt, kräftig entwickelt und zum Handeln reif zu finden. An die Verlesung dieses Briefes, dem andauernder Beifall folgte, knüpfte der Vorsitzende eine Ansprache an die Versammlung, in welcher er über dasjenige sich ausließ, was die Chov. Z. in den letzten Wochen beschäfttgte. Unter Anderem machte er die sicherlich sehr bedeutsame Mittheilung, daß am 11. Januar in Ed in bürg eine große Versammlung zu Gunsten der ColonisirungPalästinas durch Juden abgehalten werden soll. Die Spitzen der Aristokratie, leitende Männer der Politik und der Gesellschaft, wie der Herzog von Argyl, Earl of Aberdeen und andere Männer, deren Namen vom besten Klang in England sind und zu den angesehensten in Schottland gehören, haben ihre Betheiligung an diesem Meeting, das einen demonstrativen Charakter tragen und als der Willensausdruck des schottischen Bottes betrachtet werden soll, z u g e s a g t. Man erwartet, daß die Lon-

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