Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 3 (15.1.1892)
- Date
- 1892-01-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 44 Oeyerrerchische Wochenschrift. Nr. 3 Tarnhrllm-Baufond ein gewisser Herr Zappert ist, der einer jüdischen Familie entstammt und viele nahe Anverwandte in Wien hat, die noch Juden sind. Wenn dieser Herr die Lächerkchkeit nicht scheut, nun ein wachender Antisemit zu sein, wäre es jüdischerseits leicht möglich es Ln suhlen zu lasten, denn Herr Zappert ist seines Zeichens Appreteur und wird fast ausschließlich von Juden beschäftigt. Das bei dieser Jubiläumsfeier verletzte jüdische Empfinden muß jedoch schweigen gegen das bei derselben verletzte patriotische Grjuhl. Im Saale wo das Fest abgchalten wurde, stand eine kolossale Büste Bismarcks von Blumen umkvänzt und hörte man Hochrufe auf diesen erklärten Feind Oesterreichs, während man weder ein Bild unseres erlauchten Kaisers sah, noch einen Hochruf auf den Herrscher hörte, wie es bei jedem öffentlichen Feste üblich ist, daß man des Kaisers gedenkt. Der Obmann oder Sprecher dieses Vereines ist aber ein Herr Gmard Ullmann. Reserve-Oberlieutenant in der Armee Sr. Ma'estät! Herr Eduard Ullmann ist Beamter der Depositenbank. W'.r sind gewohnt den Beamten der Geldinstitute im antisemitischen Lager anzutresten, obwohl die Antisemiten sich vor dem Kapitalismus bekreuzigen und in ihm nichts anderes als die Brutstätte der Corruption sehen, wir staunen daher nicht über die Jnconsequenz des Herrn Ullmann, solchen zweien Herren, wie dem Kapitalismus und dem Antisemitismus zugleich zu dienen, aber wir erschrecken vor der Thatsache daß ein k. k. Offizier der Obmann eines Vereines ist, der bei seiner Feier dem Feind Oesterreichs Ovationen darbringt und des Kaisers von Oesterreich nicht erwähnt, und müssen so laut als möglich alle patriotisch gesinnten Kreise zu der Erkenntniß wecken, daß der Antisemitismus Hochverrollh und Anarchie bedeutet. In der That ist es unerhört und sollte der Ausmeiksamkeit der Militärbehörde nicht entgehen, daß ein österreichischer Reserveofficier, wenn er auch als Antisemit eine gewisse Immunität genießt, ohne Widerspruch an einem österreichischen Turnfeste theilnimmt, bei welchem keine Büste des Kaisers, sondem die Bismarck's aufgestellt wird und die hochverrätherische Gesinnung der Jünger Schönerers propagirt wird. Jedenfalls ist es gut, daß man die Juden aus solchen Vereinen ausschließt; wir Judm sind kaisertreu, staatstreu, wollen und müssen schon darum auf die Ehre verzichten, in solcher Gesellschaft ein Vereinsleben zu pflegen. Wie». Herr Dr. Psenner jammert in einem Leitartikel darüber, daß ein so großer Perzentsatz der Arier Analphabechen find. Von Ungarn schreibt er: „tjfaufj Reli gion 8 - Bekenntnissen stellt sich das Verhältniß Derenlgen, welche lesen und schreiben können in Percenten wie folgt: Röm.-Kath. 55*48 Männer, 43 04 Frauen Gricch.Kath. 17*65 ,, 928 „ Griech.-Orient. 16-41 11*69 „ Eoang. A. C. 69 38 „ 60*26 „ Evang. H. C. 63*11 „ 53*58 „ Unitarier 56'66 39*79 „ Juden 70-55 „ 69*71 „ Daraus berechnen wir, daß unter der gesammten christlichen Bevöllerung Ungarns nur 4644 Perent Männer und 36 20 Percent Frauen des Äsens und Schreibens mächtig sind, daß dagegen von den Juden 70*65 Procent Männer und 59*71 Procent Frauen lesen und schreibe» können. Wundert cS da noch Jemanden, wenn in Ungarn der christliche Arbeiter, Bauer und Handwerker von den Juden leicht übervortheilt werden kann?- Run aber sind die Herren von den „vereinigten Christen" jckerzeit für die Verkürzung der Schulzeit, für die Einschränkung der Schulpflicht, für die Herabsetzung des Lehrzieles, kurz für die BerWmmeruug der Volksbildung mit Feuereifer eingetreten. Wo sind also die wahren VoWfreunde? Die Juden haben noch jckerzeit einer erweitertm ausgedehnten Volksbildung das Wort gesprochen. Den Antisemiten dünkt die Volksbildung ein schwerer Schaden, weil der Gebildete sich über den wahren Charakter dieser P.rrtei, und ihr schädliches Wirken leichter ein Urcheil bildet. Wie». (Oesterreichisch-Jsraelitische Union.) Unter enormen Zudrange seitens seiner Mitglieder, sowie zahlreicher Gäste, unter welchen sich die Gemeinderäthe Lang und Seiler, sowie viele Obmänner von demokratischen Vereinen befanden, hielt dieser Verein Samstag, den S. Jänner d. I. eine Versammlung ab, in welcher Magistratsrath Dr. Ferdinand Kronawetter über „Die Ausgabe der Demokratie in Oesterreich" sprach. Der Redner, mit Hochrufen empfangen, schilderte die Thätigkeit der französischen Demokratie und ging dann auf die Aufgabe der demokratischen Partei in Oesterreich über. Diese fordert gleiches Recht für Alle österreichischen Staatsbürger ohne Unterschied der Nationalität, Rare, Confession und Größe des Besitzes. Alle Staatsbürger sollten gleichen Ancheil an der Gesetzgebung haben; leider aber machen sich die Sonderbestrebungen in nationaler und socialer Hinsicht auf Kosten der Gesammtheit des Volkes geltend. Schon seit 1848 hemmen extremer Nationalismus, sowie das Bestreben der priviligirten Classen, ihre Monopole zu behalten, .jeden politischen und socialen Fortschritt. Die große Masse des Volkes ist ^politisch rechtlos, daher ist es möglich, daß in der Residenz Tausende Menschen exiftiren, die sich nach der vorrevolutionären Zeit sehnen. Im Interesse des arbeitenden und producirenden Volkes halten die österreichischen Demokraten mit aller Entschiedenheit an ihrer wichtigsten Forderung, des allgemeinen, gleichen und directen Wahlrechtes. Wegen dieser Forderung sind die Demokraten so viel verfolgt worden. Durch die jetzige Wahlordnung ist der Großgrundbesitz allmächtig und die Schmerling'sche Verfassung, welche dem Großgrundbesitze solche Privilegien einräumte, ist keine freisinnige. Die Großgrundbesitzer nutzen ihre politischen Vorrechte auch ökonomisch aus, indem sie alle Lasten auf Wien wälzen. Die demokratische Partei steht aus dem Boden der Kremsirer Verfassung von 1848; sie nimmt gegen jede Vergewaltigung einzelner Nationalitäten, Confessionen oder Classen Stellung; sie ist die erste Partei gewesen welche für die Rechte der Besitzlosen und somit auch der Arbeiter eingetreten ist, und deshalb wurde sie verfolgt. Dr. Krön uw etter erwähnte hierauf der für die arbeitende Bevölkerung so drückenden indirecten Steuern, polemisirte sodann gegen die Petroleumsteuer und schloß seine Rede mit folgenden Worten:, „Dieses, sowie der große Egoismus der privllegirten Classen, welche Nationalprämien für Zucker und Branntwein erhaltene erklären die Verbittenmg der Kleingewerbetteibenden, die ein Beute der antisemitischen Demagogen geworden. Rur der Sieg der demokratischen Partei führt zur Gesundung der Zustände in Oesterreich." Die Rede, die zu den besten gehört, die Dr. Kronawetter in den letzten Jahren gehalten, wurde stellenweise stürmisch applaudirt und erreichte der Beifall seinen Höhepunkt, als Dr. Kronawetter seine Rede schloß. Minutenlange Hochrufe auf Kronawetter durchbrausten den Saal, und Alles drängte sich an den gefeierten Volksmann, um ihn zu beglückwünschen. Es sprachen noch die Herren Hutmacher B ielitz, Redacteur Fleischer, die Gemeinderäthe Lang und Seiler, welch' letzterer vor den Salon-Antisemiten warnte, Herr* Marcus, Oberlehrer Bauer und Herr Dr. Frankl. In vorgerückter Stunde schloß die Versammlung. Wie» Herr Johann Hauswirth, Restaurateur, II. Praterstraße 62, sendet uns betreffend den in der vorigen Nummer der „Oesterr. Wochenschrift" erwähnten nächtlichen Besuch des Mechanikus Schneider nachstehende Berichtigung, welche wir im Wortlaute nachstehend wiedergeben. Gleichzeitig erhielten wir von anderer Seite, u. zw. von einem Herrn Carl Seebold aus Zittau, welcher zufällig bei seiner Anwesenheit in Wien im Locale des Herrn Johann Hauswirth Gelegenheit fand, die Bekanntschaft des Herrn Mechanikus Schneider