Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-15 · 3 (15.1.1892) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
3 (15.1.1892)
Date
1892-01-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020903--01043-3025062
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3 Orfirrrrichischr Wochenschrift. Sette 43 auf sich zu wenden, um immer aufs Neue dem Gatten zu gefallen, denn harte Arbeit macht sie nicht gleichgültig, wie ihre unglücklichen Mitschwestern der alten Civilisation, gegen die zarteren Empfindungen des Lebens. So stimmt das freiere Leben die Seelen feiner und besser. Da es aber eine bekannte Thatsache ist, daß der moralische Zustand der Menschheit in dem Verhältnisse besser wurde, als ihre Knechtschaft wich, so darf man wohl annehmen, daß auch in Freiland die vollständige Freiheit des Individuums ein erhöhtes Selbstgefühl zur Folge haben muß. Was in Freiland geplant ist, wird sich im Großen und Ganzen verwirklichen müssen. Je mehr die Maschinen dem Menschen die für ihn unwürdige Arbeit abnehmen, desto größer muß sein Freiheitsdrang werden, und dieser muß ihn politisch zum Niederreißen aller Vorurtheile führen und praktisch zum Aufbau einer neuen socialen Welt. Warum wir neuerdings auf dieses Hertzkä'sch: Vach zurückkommen? Aus keinem andern Grunde, als weil in demselben ein großer Triumph des jüdischen Gedankens sich offenbatt. Die Juden, welche man durch viele Jahrhundette hindurch als Träger des Kapitalismus geschmäht und verfolgt, waren es gerade, welche den modernen Socialismus geschaffen, seine Thronen ausgebildet, sein Lehrsystem aufgerichtet und für seine Ziele die Massen entflammt haben. Sie waren dem Socialismus Propheten und Apostel, aber auch unter denen, welche für die Freiheit des Individuums strebten und kämpften, sehen wir hervorragende Juden. Politischer und wirthschastlicher Liberalismus gehörte gleichsam zum Dogma der Juden und wird noch heute als „jüdisch" geschmäht. Dieser sonderbare Gegensatz schien ein Räthsel; Socialisnnrs und schrankenlose wirthschaftliche und politische Freiheit, das was als gemeinhin für unvereinbarliche Gegensätze galt, schienen im Judenthum vereint. Aus seiner Mitte gingen Apostel beider Lehren hervor, und man konnte nicht begreifen, wie diese Gegensätze im Judenthum sich einen. Freiland bringt dieses Räthsels Lösung und Aufklärung. Es bildet die Späthese nereint die Jdealedes Socialismus mtt jenen der Freiheit und bildet dadurch allein einen Triumph des jüdischen Intellektes, welcher seit jeher beide Ideale unverrückt hochgetragen. Lefefrüchte. Indische Wetterkunde. Dr. M. G a s t e r tu London schreibt darüber in der Jubiläumsnummer des ,Jew Chronicle": In einem Gebetbuch aus De men, welches ungefähr im Jahre 175V herausgegeben wurde, finden sich eine Menge solcher Deutungen und Weissagungen von der Hand des Verfassers, einige :'n hebräischer, einige in arabischer Sprache, einige mit Bezug auf jüdische, einige mit Bezug auf mohammedanische Monate. Es ist eine Sammlung aus verschiedenen Quellen, ich gebe vie interessantesten wieder. Zur Beachtung werden hier nur jene Tage gewählt, welche den Beginn der vier Jahreszeiten bezeichnen, die Tekufot, die Sommer- und Winter-Sonnenwende und die Tag- und Nachtgleiche. Diese werden für kleinere Neujahrstage angesehen, gleichsam als bildete jede Jahreszett einen Zeitraum für sich. Die Tekufot waren besonders für die astrologischen Berechnungen von großer Bedeutung, Uir erwähnen ihrer hier aber nur mit Bezug auf die Meteorologie, wnser Text beginnt wie folgt: „Die Berechnung der Tekufot. R. Abraham, dessen Andenken gesegnet sei, schrieb: Wenn die Tekufah des Tebet auf einen Mittwoch oder auf einen Samstag fallt, so ist Hungersnoth zu erwarten, fällt sie auf einen Montag oder Donnerstag, so folgt ein Jahr von mtttelmäßigem Charakter. Gott schütze vor einem Jahr, dessen Tekufot, auf einen Mittwoch, Freitag oder Samstag fallen. Die Tekufah des Nissan an einem Sonntag ist von guter Vorbedeutung für .das kommende Jahr." So weit seine Worte. Deroben genannte Abraham ist wahrscheinlich Abr. Jbn Ezra, das Cttat aus Rrschith Chokhma, das ihm zugeschrieben wird, und das im Hebräischen bis nun nicht herausgegeben wurde, aber wohlbekannt ist aus der lateinischen Uebersetzung. Das nächste Kapitel beginnt:,, Wenn die Tekufah des Nissan auf einem Sonntag fällt, so bedeutet daS Krieg, Tod, Schnee und Regen, die Saaten werden im Uebermaße gedeihen, es werden Mondesfinsternisse eintreten, und das Volk wird große Noth leiden". Und in derselben Weise wird vorhergesagt, was geschehen wird, wenn die Tekufah auf einen Montag und sofort auf jeden anderen Tag der Woche fällt: Ein anderes Kapitel handelt vom 1. Tebet; ich gebe nur den 1. Paragraph wieder: Die griechischen Weisen sagen: „Wenn der erste Tebet auf einen Sonntag fällt, so ist der Winter gut, die Erde wird reichlich mit Wasser getränkt, die Zeit der Ernte ist trocken, die des Einsammelns windig, gute Früchte, Ueberfluß an Honig und Wein, und nur die Schafe gedeihen nicht recht." So geht es fort alle Tage der Woche hindurch. Das ist griechische Meteorologie. Das folgende Capitel handelt ausschließlich vom Vorhersagen des schlechteu oder schonen Wetters. „Wer da wissen will, wann und wie viel Regen das kommende Jahr bringen werde, der beobachte folgende drei Tage, in denen viel Weisheit verborgen ruht: den 13., 14. und 15. des Tammus (die Zeit der Sommerwende). Wenn der 13. Tammus ein trüber Tag sein sollte, so wisse, daß es die ersten 4 Moncne, TammuS, Ab, Elul und Tischri regnen wird. Ist am 14. Tammus schlechtes Wetter, so fällt die Regenzeit auf die zwetten 4, wenn am 15. trübes Wetter ist, auf die letzten 4 Monate im folgenden Jahre, denn jeder dieser 3 Tage gilt symbolisch für 4 Monate. Regnet es z.^B. nur die ersten 3 Stunden am 13. Tammus, so weissagt dies Regen für die ersten 3 Tage der ersten 4 Monate und so fort. Regnet es an keinem dieser bedeutungsvollen Tage, so muß man Gott um Regen bitten. Regnet es am 19., so ist das ein Zeichen, daß die Früchte anfangs tyeuer, aber zu Ende des Jahres billiger sein werden." Dann folgt ein Capitel über die Beobachtungen, die man am Neujahrstage gemacht. „Fällt dieser auf einen Montag, so steht ein kaltes Jahr bevor, das Obst gedeiht, es regnet viel die Flüsse treten aus, Krankheiten herrschen unter hervorragenden Persönlichkeilen. große Noth, dafür ist aber Alles in Hülle und Fülle vorhanden. Fällt er auf einen Donnerstag, so giebt es auch viel Regen, aber wenig im Sommer, die Flora gedeiht, viele Frauen sterben desgleichen die unteren Thierclassen (Schafe), es gibt wenig Oel. Angst und Noth hen scheu im Volle, Sorge und llnruhe stehen dem Könige bevor. Vom Tebet bis zum Sivan Dürre und Theuerung, aber nachher Ueberfluß und Freude." ^SMMNäMLM. Wien. (Hochverrath und Antisemitismus.) Wir erhalten nachstehende Mittheilung: Der Turnverein in Sechshaus ist einer der ältesten Turnvereine in Oesterreich. Er wurde vor fünfundzwanzig Jahren beim Wiedereintritte des Staates in das Verfafsungsleben gegründet. Die Turnvereine waren in der Reactionszeit wie vor dein Jahre 1848 als polittfch gefährlich verboten, weil Vater Jahn, der Begründer der Turnkunst, mtt dem Stigma des Demagogen behaftet war. Der Turnverein in Sechshaus hatte bei seiner Gründung nicht im Entferntesten das deutschnationale Moinent im Auge, weil es damals überhaupt in Oesterreich nicht gekannt war. Die Turnvereine sollten nur der Pflege. der Turnkunst als phystsches Erziehungsmittel dienen und höchstens den idealen Zweck haben, den Volksgeift zu heben, der in dem früherem Regime in dem Wirthshausleben erstickt worden war. Selbstverständlich, daß sich an der Gründung des Turnvereines in Sechshaus auch Juden betheiligten, wett sie immer Förderer jeder guten Sache sind, Judm wurden eifrige und thätige Mitglieder desselben. Im besten Einvernehmen wirkten lange Jahre hindurch Christen und Juden in diesem Vereine bis die unselige antisemitische Bewegung in's Land kam und unter anderen auch diesen Verein mttriß. Die jüdischen Mttglieder wurden nun aufgesordett, ihren Austritt anzumelden, was sie auch chaten. ohne ihren berechtigten Anspruch auf Rückerstattung ihres Antheils an den Turnhallen-Bausond geltend zu machen. Man benachtheiligte die Juden um ihre erworbenen Rechte, man betrog sie um ihren Besitzantheil, und nannte dieses schmähliche Handeln „arisch-germanisch". Am 6. 7 und 8 December 1891 feierte dieser Turnverein das Jubiläum seines sünfundzwanzigjährigen Bestehens. Bei dem geringsten Rechtsgesühl hätte man mindestens auch diejenigen Juden dazu einladen sollen, die an der Wiege desselben mttgeftanden hatten. Der Antisemitismus hat sich aber nichts vergeben gewollt, und es erhielt kein einziger Jude. eine Einladung zu dieser Jubiläumsfeier. Den Schluß der Feier bildete eine Theatervorstellung, inszenirt durch den Obmann des Ausschusses für den Turlchallen-Bausond, und auch zu dieser Theatervorstellung hatte kein Jude Zutritt, obwohl die Kosten derselben aus einem Fond, flössen, an dem Hiden berechtigten Anspruch hatten. Dabei ist der Umstand besonders bemeckenswetth daß der Obmann dieses Ausschuffes für den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.