Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 3 (15.1.1892)
- Date
- 1892-01-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020903--01041-3025060- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3 Oesterrrichischr Wochenschrift. Sette 4L Moriz Schars, der den schwachköpfigen Jungen durch Hypnosen zur Zeugenschfft präparirte, entleibte sich selbst. Maurer, der Redacteur des Nyiregyhazaer Antisemitenblattes, der seine Zeitung während der Verhandlung mit schwarzem Rande erscheinen ließ, ist ebenfalls gestorben. W i e Vrrhovay, der Redakteur des berüchtigten „Függetlens'g" und journalistischer Ober- Matador des Prozesses vom Schauplatze verschwunden, ist nur allzu bekannt. Zuletzt, doch nicht als Letztes diene die Thatsache, daß ein hochgestellter Mann, der in die damalige Verhandlung nicht zu Gunsten der Juden eingegriffen kürzlich in ein unheilbares Gehirnleiden verfiel. 8io Lrsmsit. Amygdalus. „FreUand" Von Frl. Louise Freyhan in Breslau. Im August vorigen Jahres fand in Pörtschach eine Versammlung der Mitglieder von „Freiland" statt. Zu diesen Mitgliedem gehören bereits hervorragende Männer und Frauen aus Oesterreich und aus vielen Theilen Deutschlands. Schlesien war gar nicht vertreten. Der Grund konnte nninöglich darin 'gefunden werden, daß wir Schlesier uns erst dann einer Idee zuwenden, wenn sie Fleisch und Blut in der Praxis gewonnen hat. Wenn nichts anderes, so würden unsere vielen Dichterschulen den unumstößlichen Beweis geben, daß wir Ideologen find. Wenn also Niemand unter uns Notiz von diesem neuen Staats-Ideal genommen hat, so kann es nur daran liegen, daß „Freiland" in mehr als einem Sinne noch eine torra incognita für das Publikum ist. In „Freiland" stellt sich der Verfasser, Dr. Hertzka, die Aufgabe, einen Staat zu constituiren, der den Beweis liefern soll, daß der vernünftige Socialismus die einzig berechtigte Grundlage für die moderne Staatsverfaffung ist, und daß die persönliche Freiheit durchaus in einem socialen Staate bestehen kann. Durch den letzteren Punkt ist der Gegensatz des Hertzka'schen Buches zu Bellamie gekennzeichnet. Hertzka erklärt ausdrücklich, daß der Socialismus, von dem er spricht, gleichweit von Communismus und Nihilismus entfernt ist. Denn Communismus ist- Die Nutzanwendung, welche der Hunger aus dem Lehrsätze zieht, daß die Arbeit der Menschheit nicht ausreiche, um Ueberfluß für Alle zu erzeugen und Nihilismus ist die Schlußfolgerung der Verzweiflung aus jener anderen Lehre, daß Cultur und Civilisation unvereinbar seien mit wirthschaftlicher Gleichberechtigung. Im Gegensätze hiezu zeigt der Verfasser, daß der Socialismus, den das mosaische Gesetz, der Buddhismus und Christus gepredigt haben, nur durch die Cultur und Civilisation zur Verwirklichung gebracht werden kann. Das Jrrthümliche der Forderung, die das Christenthum aufstellt, besteht nämlich darin, daß es die Armuth Allen empfiehlt. Ärmuth aber wird stets hindernd auf Kunst und Wissenschaft einwirken, sie nie zur Entwicklung kommen lassen. Die Menschheit hat, wie der. Verfasser sagt, in allen Phasen ihrer Entwicklung, die Lösung der socialen Frige angestrebt. Wenn sie im Anfang noch weit entfernt von dem allerbescheidensten Begriffe der Gerechtigkeit und Freiheit blieb, ' so waren die mangelnden Hilfsmittel Schuld, die der Mehrzahl es unmöglich machten, sich geistige Muße zu gestatten. Sollte überhaupt Cultur entstehen, so mußte die Knechtschaft der Meisten es den wenigen einzelnen Menschen ermöglichen, Culturbedürfnlsse und Culturfähigkeiten zu erhalten, sonst wäre Barbarei das Schicksal Aller gewesen. Barbarei aber war der erste natürliche Zustand, der Menschen, wo der Kampf um's Dasein noch ein ganz unmittelbarer ist, jeder Mitlebende ein unbequemer Concurrent und die Losung ein Ausrottungski-ieg Mer gegen Alle. Der Beginn der Arbeit, und das ist ja Cultur, bringt die Wendung zum Bessern; frellich noch langsam aber stetig. Die Arbeit und innerster Reihe der Ackerbau, erlöste den Menschen aus der barbarischen Roheit, denn er sah ein, daß er aus dem Leben des Nebenmenschen noch mchr Vortheil ziehen könne, als aus dessen Tod. So machte der Mmsch den Nebenmenschen zu seinem Sclaven und da er bald sich bewußt wurde, daß die höhere Cultur auch die Macht sei, so lag es in dem Vortheile der Wmigen, die Sclaverei immer weiter und weiter zu verbreiten. Abor sie war nicht bestimmt, ewig zu dauern. Eine neue Wendung in der Beschäftigung der Menschen mußte sie, die bisher eine culturelle Nolhwendigkeit war, zum Culturhinderniß stempeln und ihre Abschaffung verlangen. In dem Maaße nämlich, als sich der Menschheit die Geheimnisse der Naturkräste allmählig entsiegelten; die Menschen dieser Kräfte Herr wurden und sie in ihren Dienst stellten; in eben dem Maaße mußten aus den Sclaven freie Herren werden, Herren jener Maschinen, die jetzt ihre stählernen Knechte sind. Dem Einwurfe, daß dem Socialismus, der Me zu Herren macht, die eigentlichen Triebfedern, die uns zur Arbeit spornen, fehlen werden, begegnet der Verfasser, indem er diese Triebfedern näher untersucht. Sie sind Eigennutz und Eigenthum. Eigennutz bedeutet Arbeit zum eigenen Nutzen. Unsere Arbeiter aber werden nicht zur Arbeit gespornt durch ihren eigenen Nutzen, sondem durch ganz etwas anderes, durch den Hunger nämlich. Sie haben zwar Freiheit der Selbbestimmung, aber so wenig, wie sie zu ihrem Nutzen im Grunde arbcite-r, so wenig trägt ihnen die Arbeit Eigenchum ein. Für die große Masse also sind jene Triebfedern nur conventionelle Lügen; die Masse arbeitet zum Nutzen Anderer und zur Eigen» thnms-Vermehrung Anderer. Gerade der Socialismus, den Hertzka vertritt, spricht dem vernünftigen Egoismus das Wort Er will, daß Jeder ans Eigennutz und um de- Eigenthumswillens arbeite: also keine all emeine Armuth, sondern allgemeiner Reichthum. Keine Abschaffung allen Vermögens, sondern richtige Verwendung der Cap Italien; keine Abschaffung der Concurrenz; aber Concurrenz ohne Ausbeutung. Wie dieser ideale Staat consttnirt werden soll, darüber gibt der Verfasser einen sehr ausführlichen Bericht. Obgleich er den Staat auf ganz nroderner Grundlage aufbaut, so läßt er ihn, um freie Hand zu haben, auf der jungfräulichen Erde Ostafrikas entstehen. Das Land ist geographisch und climatisch außerordent» lich günstig gewählt. Die Ansiedler bringen aus Europa alles mit, was zum Ausbau einer neuen Gesellschaft nothwendig ist. Außer hoher Intelligenz, allen geistigen und mechanischen Fertigkeiten, allen Kenntnissen auf den verschiedenen Gebieten der Wissenschaften und Künste auch einen reichlichen Borrath der nöthigsten Instrumente und Hilfsmittel, um die Einwanderung zu ermöglichen und neue Wohnstätten zu errichten. Das Capital ist von vornherein durch freiwillige Spenden aufgebracht worden. Der herr.nlose Boden gehört Allen und wird Niemandes Eigenthum. Aus den vorhandenen Summen werden die Kosten für Bestellung des Feldes, der Ackergeräthe, kurz aller Mittel bestritten, die zur Heroorbringung der dringendsten Lebensbedürfnisse möglich sind. Aber Niemand wird, im Gegensatz zu Bellamie zu einer bestimmten Thätigkeit verpflichtet. Die persönliche Freiheit des Einzelnen überläßt es dem Ackerbauer, auf welchem Felde er arbeiten will. Die freieste Eonc -rrenz sorgt dafür, daß auf keinem Gebiete Ueberfülle einttitt, denn in dem Augenblicke, wo zu viele sich an einer Production betheiligen, wird ihr Ertrag für den Einzelnen geringer, während ein weniger überfülltes Gebiet, dem Einzelnen reicheren Erttag abwirft. Da die Gesellschaft selbst die Maschinen und alle anderen Hilfsmittel zur Verfügung stellt, so braucht für diese Maschinen kein Aequivalent gezahlt zu werden. Der Ertrag der Arbett gehört also ohne Abzug denjenigen, die sie geleistet haben und diese können die Arbeit umso schneller, umso leichter und umso besser leisten, je vollkommener die Maschinen sind, die chnen zu Gebote stehen. Statt nun das Capital nutzlos anzuhäufen, ist Freiland darauf bedacht, es nutzbringend anzulegen. Die Capitalien werden nämlich durch eine Centtalbank so verwaltet, daß ein Jeder sein Conto bei dieser Bank hat. Dadurch ist die Bank in den Stand gesetzt, die Angaben uud Einnahmen eines Jeden zu controlliren. Dadurch entsteht für die Gesammt-