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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-15 · 3 (15.1.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
3 (15.1.1892)
Date
1892-01-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Orflrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 33 volle Schilderung Eugen Sue's und man hat einen farbenreichen Bericht über antisemitische Wählerversammlungen, wie sie bei uns stattfinden. Wir aber erheben im Namen der Juden Protest gegen die Duldung, die sich uns gegenüber in verletzende Unduldsamkeit verwandelt. Wir verlangen, daß die Gesetze auch den Juden gegenüber einmal zur Wahrheit werden, und daß ihnen nicht das Gefühl der Gleichberechtigung fortwährend durch Erscheinungen getrübt werde, welche mancherlei Zweifel erzeugen müssen. Die Redefreiheit darf nicht zur Waffe in der Hand eines Terrorismus werden, der den Antisemitismus als Mittel bettachtet, um den Krieg gegen Staat imb Gesellschaft wirksam verbreiten zu können. Vergant, der russische Osstriosus. Jenes Rußland, das seit Jahren beit Krieg gegen Oesterreich-Ungarn rüstet, welches unser geschworener Feind im Orient ist, jenes Rußland, welches allein noch in Europa das absolutistische Regime in der furchtbarsten und grausamsten Weise repräsentirt, jenes Rußland, welches alle Gesetze der Menschlichkeit mit Füßen tritt und sich gegen das Eindringen des civilisatorischen Geistes aus dem Westen mit ehernen Mauern abschließt, jenes Rußland hat endlich auch in der österreichischen Reichshauptstadt eine journalistische Vertretung gesunden. Das „Deutsche Volksblatt" Ernst Vergani's läßt, jede Maske fallen, es bekennt sich offen als Organ der russischen Politik und selbstverständlich auch der russischen Barbarei, wie es sich schon vor Wcchen als Organ der preußischen Junkerpartei bekannt hat. Wir wissen nicht, ob Herr Bergani aus den geheimen Fonds der russischen Regierung eine ziffermäßig festznstellende Subvention bezieht, und da wir es nicht wissen, werden wir es auch nicht behaupten. Gewiß aber wird man in St. Petersburg früher oder später sich der Pflicht der Dankbarkeit gegenüber jenem Manne erinnern, der trotz seiner österreichischen Staatsangehörigkeit, trotz seines Mandates eines österreichischen Volksvertreters im Herzen der Monarchie das Lob ihres unversöhnlichsten Gegners anzustimmen und dessen Handlungen in Worten der Begeisterung zu preisen wagt. Es hat eine Zeit gegeben, in der Herr Vergani mit der österreichischen Regierung zu kokettiren beliebte, in der Hoffnung, als Officiosus den Einzelverschleiß für sein Blatt zu erhalten. Nachdem jedoch die österreichische Regierung begreiflicherweise auf die Dienste dieses Ehrenmannes verzichtete, ist Herr Vergani ein — russischer Officiöser geworden. Im Abendblatte vom 9. d. M. veröffentlicht das „Deutsche Volksblatt" eine Schilderung des elenden Zustandes der russischen und polnischen Juden aus der Feder der Reiseschriststeller Lankenau und Oelsnitz. Wir bemerken, daß diese Schilderung nicht tendenziös gefärbt ist und daß sie das traurige Leben der in einen Winkel des russischen Reiches zusammengepserchten jüdischen Bevölkerung zumeist der Wahrheit entsprechend darstellt. Eine tendenziöse Färbung erhält dieser Bericht erst durch den Commentar, den Herr Vergani demselben folgen läßt. Er läßt sich wörtlich folgendermaßen vernehmen: „Daß solche Zustände, die entsittlichend und verderbend auf das eigene Volk wirken, nicht länger geduldet werden konnten, liegt wohl auf der Hand. Dem russischen Staate blieb füglich keine andere Wahl übrig, als „Russe oder Jude!" Die Entscheidung war hier nicht schwer. Der Krankheitsstoff, der am Marke dieses Staates zehrte, mußte entfernt werden, sollte dieser Körper gesunden — und das konnte nur durch eine sogenannte Gewaltcur geschehen. Mit der Entfernung der Juden glaubt man auch der Beamtencorruption steuern zukönnen, denn auch in die sem Falle erblickt man in dem „Hebräer" das treibende Element. Rußland begeht somit kein schreiendes Unrecht, keine empörende Rohheit, wenn es sich der Juden durch Zwangsausweisungen entledigt, sondern handelt als weiser Staat, dem das Wohl und Wehe seiner Staatsangehörigen am Herzen liegt. Deshalb nicht gleich über die Einrichtungen eines Reiches den Stab gebrochen, der helfend seinem Bauernstand zur Seite steht und sich nur den Unwillen der feilen Judenpresse zugezogen hat — vor Allem geprüft und geurtheilt, geschieht das, so wird aus manchem Saulus noch ein Paulus werden." Man sieht, Herr Vergani nimmt sich kein Blatt mehr vor den Mund, offen und rückhaltslos tritt er als Vertheidiger Rußlands und jener Maßregeln aus, welche dazu bestimmt sind, den russischen Chauvinismus ins Maßlose zu steigern, um ihn einmal als einen mächtigen Factor im Kampfe gegen Oesterreich und Deutschland verwenden zu können. Im Abendblatle vonr 13. Jänner kam ein neuer Artikel zur Berhimmlung der Barbarei. Ja, Vergani ist der Bannerträger des russische Chauvinismus, der künstlich bis zur Kriegslust genährt und aufgestachelt wird. Die Behauptungen, aus welche er seinen obigen Dithyrambus auf die russische Staatsweisheit gründet, werden wir in Folgendem näher untersuchen und aus ihre Wahrheit hin prüfen. Zunächst aber muß daran erinnert werden, daß jme chauvinistische Strömung der ofsiciellen russischen Kreise sich ja nicht blos gegen die Juden allein richtet, sondern gegen alle Elemente, welche dem orthodoxen Stockrussenthum nicht genehm sind. Ans Moskau wurde der preußische:: Kreuzpeilung berichtet: „In verschiedenen nothleiderdm Go.wcnrements wurden Flugschriften verbreitet, in denen die Deutschen als die Ursache der H u n g e r s n o t h bezeichnet werden. In Folge dessen befürchtm die daselbst ansässigen Deutschen den Ausbruch einer gegen die Deutschen gerichteten Volksbewegung. Einem noch unkonttolirbaren Gerüchte zufolge sollen bereits im Gouvernement Pensa mehrere Deutsche ron der Volksmenge ermordet worden sein." Auch die Deutschen werden ausgettiebm, und nicht blos die Deutschen, sondern alle Fremden, welche katholisch oderprotestantisch sind. Täglich kommen Berichte über die rücksichtslose Russificirung der deutschen Oftseeprovinzen, über Drangsalirungm deutscher Staatsangehöriger und über die Bedrückung der Katholiken. Genau dieselben Vorwürfe, welche man gegen die Juden erhebt, werden auch gegen die Deutschen und Katholiken gerichtet, genau mit denselben Schimpfnamen wie die Juden werden auch die Deutschm und Katholiken belegt. Denn der Deutsche in Rußland ist thatsächlich ebenso eine Gesahr sür das Stockrussenthum wie der Jude; er ist mäßig und anspruchslos wie der Jude, er ist arbeitsam wie der Jude, er hängt an der Familie wie der Jude und er schließt sich an Seinesgleichen an, rvie der Jude. Würde der Deutsche in Rußland saufen und saullenzen, wie der eingeborene Russe, dann ließe man ihn vielleicht ungeschoren, weil nicht zu befürchtm rväre, daß er durch seine guten Eigenschaften ein wirthschaftliches Uebergewicht über dm Russen erlange. Indem also das russisch-osficiöse „Deutsche Volksblctt" die Ausweisungsmaßregeln der russischen Regierung gegen die Juden vertheidigt, straft es seinen eigenen Namen Lügen, schlägt es mit roher Faust dem Teutschthum selbst ins Gesicht, das in Rußland ebenso mit Füßen getreten wird, wie das Judenthum. Hat denrr Vergani bei dm deutschm Agrariern, bei den preußischen Junkerrr seine Rechnrrng nicht gefunden, daß er so im Hlmdumdrehen aus einem deutsch-polnisch-italienischen Saulus ein moskowitischer Paulus wird? Und nun zu der verlogenen Behauptung, daß die „Hebräer" in Rußland das „treibmde Element" der Beamtencorruption sind. Man weiß, daß in Folge der Judengesetze vom Mai 1888 die russischen Juden auf eine kleine Anzahl westlicher Gouvernements, auf das sogenannte Niederlassungsgebiet, beschränkt sind, wo man sie zusammengedrängt hat, wie die Häringe und wo sie elmd verkommm, weil sie in diesem mgm Raume keinen genügendm Unterhalt finden. Man weiß ferner, daß die gegenwärtige Hungersnoch fast ausschließlich Gouver-

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