Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 3 (15.1.1892)
- Date
- 1892-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Orstrrrrtthischr Wochrnschrifk. Nr. 3 . Elfte L8 menschliche Würde erinnert, bereits dem Teufel verkauft und verpfändet hat. Die Bestie im Menschm ist Herr geworden und sie heult in der Runde, um die Bestie auch bei Andern zu wecken. Das ist die Bedeutung der Redefreiheit in den antisemitischen Versammlungen. Man ermuthigt, man bestärkt sich iit den schlechten Gesinnungen, indem man sie öffentlich zum Vortrage bringt und man geht weiter, wie auf dem Wege des Zasters, bis man die äußerste Grenze erreicht hat. Ein solches Beispiel ist von verwerflicher Wirkung; indem man allen '^Rücksichten entsagt, schamlos Bekenntnisse ablegt, die man fast sorgfältig verborgen hätte, wird die Bestie im Menschen erst vollständig seffellos. Will man noch mehr erfahren, will man über die Tragweite des Antisemittsmus Aufschluß erhalten, dann lese man die Briefe des Mechanikus Schneider, welche der- Herausgeber dieser Wochenschrift im Abgeordnetenhause zur Mittheilung gebracht hat. Von welchem Standpuntte aus man die Gefahren betrachtet, welche Gesellschaft und Staat in unserer Zeit bedrohen, immerwird der Antisemitismus als eine wesentliche Verstärkung derselben erscheinen.. Der erwähnte Mechaniker Schneider nun war es, der in einer solchen Wähleroersammlung sich in Ausdrücken ergieng, die als Entblößung des innersten Kerns des Antisemitismus, als Bekenntniß seines innersten Gedankens uns bestätigen, was längst kein Geheimnis mehr ist und die man mit Verachtung bei Sette legen könnte, wenn es sich eben nur um den Mechaniker Schneider handeln würde, wenn seine Rede nicht die Bestimmung hätte, eine Anzahl von Staatsbürgern dem Haffe und der Verachtung preiszugeben, wenn nicht Alles darauf berechnet wäre, die Bestie im Menschen zu wecken. „Die Juden — sagte der Mechaniker Schneider — haben die Handelsverträge gemacht, die Handelsverträge, welche den Gewerbe- und Bauernstand ruiniren." Es wäre interessant zu erfahren, welchen Vortheil die Juden davon haben sollen, daß sie Gewerbe- und Bauernstand ruiniren; allein so weit geht das kritische Urlheil einer Wahlerversammlung^in welcher der . Mechaniker Schneider das Wort führt, nicht. Dort gilt es für ausgemacht, daß die Juden die Handelsverträge gemacht haben und die Handelsverttäge müffen schlecht sein, weil sie das Werk der Juden sind. Mau hat gleichzeitig eine Waffe gegen die Handelsverträge und gegen die Juden. Die Handelsverttäge bilden das stolze Werk derselben Regierung, welche den Antisemiten die ausgedehnteste Hetzfreiheit gewährt, weder habm Juden beim Vertrage intervenirt, noch wurden sie zu Rache gezogen. Warum werden die Verttäge als „Judenarbeit" verleumdet? Den Jungczechen dictiren die ruffischen Sympathien, die panslavistische Gesinnung, das Verhallen. Was aber wollen die Dragoner Liechtensteins? Sie fürchten von der ftiedlichen Gestaltung des internationalen Wirlhschaftslebens, von der gegenseitigen Annäherimg der Völker, von dem Beginn des ökonomischen Friedens eine Beruhigung der in ewiger Auftegung zitternden Leidenschaften. Darum der Kampf gegen den witthschaftlichen Friedensttactat im Parlament und in dm Volksversammlungen, darum wird dem Volke - vorgeredet, der Handelsvertrag ist von den Juden für die Juden gemachtwordm. Das Alles ist so ungeheuer dumm, daß sogar der Mechaniker Schneider damit durchsallen würde, wenn eben der Antisemittsmus nicht seineSchuldigkeit gethan, und die Bestie im Menschen längst schon geweckt hätte. Antisemittsmus, Anarchismus und der brutalste Klaffenegöismus erklären sich gegen die Verttäge und,die Schlagworte werden dem Schneider aus der Ferne zugeschickt, um nicht seine mechanische Erfindungskraft in Anspruch zu nehmen. Er hat es ja auch' von dem berüchtigtm Ahlwardt dem Berliner Schneider, gehört, daß die Juden vom deutschen Nationalvermögm bereits 337 Milliarden in der Tasche haben, währmd für die Nichtjuden nur sechzehn Milliarden übrig bleiben. Es ist nur merkwürdig, daß die größten deutschen Fabriksunternehmungen, fast der ganze Grund und Bodm, ferner der größte Theil des Handels sich in den Händen von Deutschm befinden, welche keine Judm sind. Allein der Schneider, der Liechtenstein, der Lueger sagen es und die Heerde glaubt es. DieJuden haben die Handelsverträge gemacht und die deutschen Juden haben siebenundzwanzig Milliarden. Und das Alles vollbringen die Juden, obgleich sie keine Menschen sind. Der Mechaniker Schneider behauptet es wenigstens, daß die Juden keine Menschen sind. Das darf man angesichts der Staatsgrundgesetze in Oesterreich von österreichischen Staatsbürgern sagen, von einer Glaubensgenossenschast, aus deren Mitte gerade auf österreichischem Boden Männer mit den seltensten Verdienstm und den glänzendsten Eigenschaften, Zierden der Wissenschaft und Wohlthäter der Gesellschaft heworgegangen sind. Freilich Zeugen- und Stampiglienfälscher, Beuschelritter und Meineidige erringen heute die Palme. Und dann erzählle der Mechaniker Schneider, wie die Juden einmal in einer Stadt ihr Hab und Gut in Bündeln zusammentrugen und wie sie dann vollständig ausgeraubt, die Stadt verlassen mußten. „Zu diesem meinem politischen Ideal," erklärte er, „muß es auch bei uns kommen." Hat man eine Vorstellung von dem politischen Ideal des Mechanikers Schneider? Sein politisches Ideal ist Raub und Plünderung und zunächst erklärt er, daß der Jude kein Mensch, daß er somit außerhalb des menschlichen Rechtes steht. Hat aber der Antisemittsmus den Anarchie mus genügend verbreitet, dann wird man finden, daß das Gebot der Nächstenliebe jüdischen Ursprungs ist und daß der Mensch überhaupt nur sein „Ich" zu vertreten hat und in dem Andern nicht den Menschen zu achten braucht. Das Verständniß auch für solche Lehren ist vorhanden. Die Bestie muß erst Blut lecken! Das „politische Ideal" Schneiders wurde von der Versammlung mit Hochrufen geseiett. Es brüllte die Bestie im Menschen. Sie sahen schon die aufgehäuften Milliarden und Jeder glaubte, an seine Stärke und war entschlossen,das Meiste davon zu tragen. Und wenn ein anderer das Geschäft stört, so wird er niedergeschlagen, selbst wenn dieser Andere der Mechaniker Schneider selber sein sollte. Das aber ist die Redesrecheit der Antisemiten und so wird die polittsche Volkserziehung bei uns betrieben. Die Männer, welchen Oesterreich seine fteiheitlichen Errungenschaften verdankt, waren politische Idealisten und Kraft ihres Glaubens an Frecheit, Recht und Menschlichkeit beherrschten sie den öffentlichen Geist. Damals war die Bestie im Menschen gefesselt und die Dämonen wagten sich nicht, aus chren Höhlen hervor. Jetzt ist die Redeftecheit für diejenigen vorhanden, welche die Frecheit verleugnen, verhöhnen und bekämpfen und welche Raub und Plünderung als ihr politisches Ideal erklären. Die antisemitischen Agttatoren gleichen dem Thierbandiger im ersten Capitel des „Juif errant“ der den Appetit seiner Löwen und Tiger reizt und sie dann entfesselt. Man lese die Phantasie-