Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 3 (15.1.1892)
- Date
- 1892-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. Wie». IS. fSinter 1898. IX. Jahrgang. Centralorgan für dir gefammten Interessen des Indenthums. n- - a K. ft. Postsparkassen amt 1 * -#- Man adonnirt bei alle» Clearingverkehr Nr. 810.976. Eigenthümer: Keichsralhs-Akgeordneler Dr. Kloch. PostanstalEen des ln- und Auslände». Lrdartion u. Administration: »Ir« -- Bezugspreis: Halbjährig 4 ss. Einzelexemplare IS kr. L, Lothrnihurmstragr 89. I X . - 3 Erscheint jeden Freitag. Luzeigeu: Die 4mal gespaltene -.'J. Inhalt: Leitartikel: Die Bestie in der Volksversammlung. — Vergani» der russische Osficiosus. — Briefe aus Ungarn. — »Freiland". — Lesesrrchte. — (?ci reff er ben $rn: Wien, Baden, Budapest, OL. Lemberg, Brody, Berlin, Breslau, London, — Vermischtes: Wien, EB. Jcirr.it, Prag, Biiimi, EL. Cclzturg, Proßnitz, Tabor, Czerncwitz, Pest, Berlin, Augsburg, Elsaß-Lothringen, Stockholm,Kimberley, Moskau, Rom, Arabien, Washington, Jerusalem. — Feuilleton: Rebbe's Meier. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Inserate DieBestie in der Volksversammlung. Die Plakate melden eine Wählerversammlung; diejenige aber, welche die Versammlung einbemfen, leisten dasür Bürgschaft, daß Alles vermieden werden wird, was an eine weite politische Discussion, an eine verständnismäßige Erörterung öffentlicher Angelegenheiten erinnern könnte. Mit solchen Dingen wirlMnan die hochgeehrten Gäste nicht langweilm. Es versammeln sich auch keine Wähler; vielmehr nur eine öffentliche Beschimpfung der mit dem Wahlrechte ausgestatteten Bürger wird geplant, nur eine Verhöhnung wesentlicher Prinzipien der Staatsgrundgesetze, eine Erschütterung und Zerstörung jener Grundlagen, auf denen der Gesellschaftsbau ruht. Das nennt man eine Wähleruersammlung, ein Aushängschild, das Niemanden täuscht; in Wahrheit handelt es sich um eine gesprochene Judenhetze und die Stunden bis Mitternacht werden damit ausgefüllt, daß man in fortwährender Steigerung ohne Unterbrechung die niedrigsten Instinkte zu befriedigen sucht, bis endlich berauscht von Bestialität die Gäste nach Hause gehen, um das Gehörte weiter zu tragen hinein in die Familien und in die Werkstätten. Dort prügelt dann der wackere Arier seine Ehegattinoderden Lehrbuben. Das nenntman Wählerversammlungen und das sind die Gifthütten des Volkes. Wenn man von Ausschreitungen bei diesen Versammlungen sprechen würde, hätte man nicht das Richtige getroffen; die ganze Versammlung vielmehr ist eine Auflehnung gegen die Autorität des Gesetzes und gegen jedes gesunde Rechtsgefühl. Eine Notiz über eine solche Versammlung gieng dieser Tage durch die Blätter und sie veranlaßt uns von Neuern zu der Frage, ob denn die Autorität des Gesetzes erlischt, sobald die antisemitischen Führer aus dem Schauplätze erscheinen, ob denn die gesetzliche Ueberwachung einer antisemitischen Versammlung nicht stattfindet, oder gänzlich wirkungslos bleibt, wir fragen, aus welchem Grunde die Juden des gesetzlichen Schutzes beraubt sind, auf den sie volles Anrecht haben und endlich auch, ob es denn gut sei, für den Staat, wenn die Bevölkerung über die Wirkung der Gesetze in Zweifel und Verwirrung geräth. Mit der schrankenlosen Toleranz gegenüber den antisemitischen Ausschreitungen ist eine schwere Verantwortlichkeit verbinden. Duldsamkeit wird hier zur Begünstigung. Die ruffische Regierung wird beispielsweise für die Ausschreitungen der ruffischen Preffe verantwortlich gemacht, weil sie vermöge der Censur die Preffe beherrsche; die Schlußfolgerungen aus dieser Analogie ergeben sich von selber überall, wo der Staat eine Ueberwachung und zu einer solchen Ueberwachung sich verpflichtet hält. Redefreiheit — das ist ein schönes Wort und eine^hohe, unveräußerliche Errungenschaft wird damit bezeichnet. Warum soll man dem Menschm die Frecheit des Wortes und damit auch die Freiheit des Denkens verkümmern? Es ist nur merkwürdig, daß man gerade den Antisemiten gegenüber eine so liberale Gesinnung entwickelt, daß man die Frecheitsprinzipien anwendet, damit die reactionarsten Bestrebungen sich ungestört entfalten können: Mit stoischer Philosophie erträgt man es, daß den Juden die ärgsten Beschimpfungen zugeschleudertwerden; Je leidenschaftlicherdieAntisemiten auftreten,um so mehr wissen diejenigen sich zu mäßigen, welche dm Leidmschaften mtgegm zu wirken berufen sind. Redefreiheit — wir werden es versuchen, diese Frage etwas mehr zu beleuchtm. Die Redefrecheit auch in dm freiesten Staaten hat ein gewisses Maß von sittlichen Gefühlm zur Voraussetzung. Die Sprache ist es, die die Menschm tfut Menschen macht. Wenn aber die Sprache nur benützt wird, um den Beweis zu bringen, daß der Mensch alles Menschliche abznstreifen vermag, welchen Werth und welche Bedeutung hat dann die Redefreiheit? Bor dem Untersuchungsrichter hat der wildeste Verbrecher Redefteiheit und es wäre dem Untersuchung richter nur willkommen, wmn derjenige, der in seine Macht gegeben, sein Innerstes aufschließm würde. Der Untersuchungsrichter will und muß in die Abgründe Hineinschaum, welche da dem Blicke sich öffnm. Aber gerade vor dem Untersuchungsrichter suchen die Meisten ihr wahres Wesen zu verbergen und heucheln moralische Gesinnungm, die sie nicht besitzm. Anders in dm sogenannten Wählerversammlungen; da offenbart sich das innerste Wesm einer Rohheit; wie es nur dort möglich, wo man alles Menschliche abgestreift, und Alles, was a» die