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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-08 · 2 (8.1.1892) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
2 (8.1.1892)
Date
1892-01-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mr. 2 Orstrrrrichlfchr Wochenschrift. Gerte L- Eine Geschichte der Exegese ist noch nicht geschaffen, auch nöchnicht ein Werk, das feststellte, wie im babylonischen und palästinensischen Talmud Exegese getrieben wird und wurde. Mal kann den Versuch von H irsch f eld aus dem Jahre 1840 (Haachische Exegese) wegen seiner absoluten Unwissenschaftlichkett mislungen nennen.. Der Zukunft bleibt es Vorbehalten, die Frage zu beantworten: Was haben die babhlonischen und . palästinensischen Talmudgelehrten von Bibelexegese verstanden? Es wird mir wohl nicht als Unbescheidenheit gedeutet werden, wenn ich sage, daß die wissenschaftliche Beantwortung dieser Frage mich feit langer Zeit beschäftigt; und gerade deshalb hatte ich reichlich Gelegenheit Bachers kostbare Arbeiten kritisch durchzuprüsen und dem rastlosen Gelehrten zu jeder Stunde Dank zu wissen für seine reichen Gaben. Zn der „Agada der Palästinensischen Amoräer" sind behandelt: Chanina ben Chama, Jannai, die Söhne Chijas, Jonathan ben Eleasar, Hoschajah, Jose ben Zimra, Simon ben Jehozadak, Josua ben Levi, Alexander, Jochanan, Simon ben Lakisch, Jose ben Chanina, Chama ben Chan in, Samuel ben Nach man, Simlai —, ein Zeitraum von etwa 70 Jahren. Eines der unfangreicheren Capitel ist das überChaninabenChama. Dieser entschieden babylonische Verhältnisse kennende Amoräer ist als solcher auch durch seine Sentenzen charakterisirt. Nur in Babylonien konnte der Satz entstehen: „Vierzig Jahre bevor Israel nach Babel in Exil kam, würden daselbst zum erstenmale Dattelpalmen gepflanzt, weil Jsr. nach der Süßigkeit der Dattelftucht gierig war, durch welche die Zunge an die Süßigkeit der Thora erinnert wurde"; denn die Cultur der Dattelpalme bildete nachweislich einen Hauptzweig des Ackerbaues in Babylonien. In den zahlreichen; babylonischen Original - Keilschrift - Urkunden welche aus den Zeiten des Nebukadnezar, Cyrns, Darms, Nabunid u. A. m. geftmden wurden, sind viele Kaufscheine über D a ttelbau m feld er, Kauf- und Pachtbriefe über Dattel - früchte; selbst die Abfälle dieser Baumgattung bilden einen Handelsartikel. Mit Datteln wird bezahlt und Dattelfrüchte sind eine Hauptabgabe bei den Opferspenden für die Götter. Ich will zur Beleuchtung und als Beweis eine solche Urkunde in getreuer Uebersetzung hierherstellen: „Zwei Gur (babylonisches Maß) Datteln, Nest der tarnte des Feldes vom elften Jahre des Darius, des Königs, gehörig Jddina-Nabu (Gott Nebo-gab), Sohn des Nabn-banzir (Nebo gab Samen), Sohnes vom Schmied, zu erhalten von Baltu (Leben) im Marcheschwan; in Babylon wird erliefern." „Ein Gur Datteln, reif, gehörig Nabu-ana-Mirichtam (?), Sohn des Bel-nadin-ablu (Bel gab einen Sohn); zu erhalten von Jrba, Sohnes vom Schmied; im Monat Kislimmu (Kislew) in Babel wird er liefern. Zeugen: Baschia, Sohn des Kidin-Marduk rc. rc. Datum: Babylon am 6. Taschrit (Tischri) 23. Jahr des Darius, Königs von Babel und der Länder." Die überaus große Pflege, welche die babylonische Agricultur dem Dattelbaum an gedeihen ließ, verursachte, daß diese Pflanze, welche ja mit ein Hauptnahrungsmittel der Orientalen bildet, geradezu heilig gesprochen wurde. Unzählige Male kehrt auf den assyrisch-babylonischen Reliefs der „heilige Baum" wieder und wird in der Ornamentik möglichst viel angebracht; in den Ezechiel'schen Visionen über den Tempel spielt die Palme — sie ist auch bei den Phöniciern verehrt — insofern eine Rolle, als sie zu Wand- und Fensterverziemngen angewendet wird. So erÜärt es sich auch, daß Chanina einen Palmzweig an Stelle seiner Unterschrift setzt, wie Bacher richtig bemerkt: in Erinnerung an die Palme seiner babylonischen Heimat. Doch das führte uns zu weit ab. Echt aus Kenntniß babylonischer Cultur hervorgehend ist der Satz: Israel wurde deshalb nach Babylon exilirt, weil die Sprache der Babylonier der Sprache der Thora verwandt ist. *) *) Es muß bemerkt werden, daß die altassyrische Literatur sich nachweisbar bis in das zweite nachchristliche Jahrhundert erhalten hat. Die Erben waren die Perser und Meder und Jahrhunderte lang blieben die alten Vorstellungen, Gebräuche und Anschauungen der Affyrer-Babylonier zu Recht bestehen. Charakteristisch für Chanina ist es auch, daß er aus Jer. 32, 44 folgert, daß der Kaufvertrag in zweierlei Weise, mit drei oder zwei Zeltgen, ausgefertigt werden solle, denn, diese Sitte herrschte in dem hochentwickelten Rechtswesen der Babylonier allenthalben und am Ende vieler Rechtsurkunden kann man die Formel lesen: „Je ein Duplikat ist von jeder der Parteien genommen."**) Für die drei in der Bibel genannten Monatsnamen gibt Chanina Etymologien und knüpft daran die Bemerkung, daß die sonst üblichen Monatsnamen aus Babylonien gekommen seien. Das ist bekanntlich nunmehr festgestellt, da wir die keilfchriftlichen Monatstabellen ja besitzen. An Chanina's Ausspruch reiht (Bacher S. 412) Simon ben Lakisch die Bemerkung, daß auch die Engelnamm von dorther kämen, lvas ebenfalls erwiesen ist. Mit großer Sorgfall sind Bache rs Noten zum Abschnitte „Chanina" gearbeitet und sie bieten eine Fülle ernster wissenschaftlicher Untersuchungen in gedrängter Kürze und in anspruchslosester Form; dies gilt für das ganze Werk. Wir werden auf einige besonders interessante Anmerkungen noch Hinweisen. Ein ganz vorzüglich gelungenes Capitel ist das über Josua ben Levi. Sein Characterbild ist prächtig herausgearbeitet und wir sehen den Mann ganz vor uns. Er ist es, um dessen Namen sich ein ganzer Legendenkreis geiooben hat und von dem wundersame Abenteuerlichkeiten überliefert werden. Sein Besuch in Paradies und Hölle gehört zu den merkwürdigsten Dingen, welche in der Agada erzählt werden. Es sei mir gestattet, darüber eine Benrerkung zu machen. Trakt. Erubin S. 19, b.: „Sieben Namen hat die Hölle u. s. w." ist der Ausgangspunkt aller Dinge, welche über die Hölle im hebräischen Schriftthum überliefert iverden. Diese sieben Höllmnamen wurden sieben Höllenabtbeilungen zugeschrieben. König David ruft siebenmal „wehe". (Trakt. Sotah 10, d) über Absalom, gemäß den sieben Wohnungen der Unterw 'lt. Die Siebenzahl an sich ist allerdings bei fast allen Völkern des Orient und Occident eine volksthümlich-heilige; kein Wunder, denn der siebente Tag ist fttr dm Schöpfer heilig. Die Siebentheilung der Hölle, parallel mit dm siebm Himmeln ist zurückzuführen auf eine uralte babylonische Sage „Die Höllmfahrt der Jschtar", (Schräder, Giessen 1872) ein Bolksepos, in welchem die Göttin Jschtar (Astarte-Astorvt Venus) bei ihrem Besuche in der Unterwelt die sieben Höllenthore durchschreiten muß; ausführliche Beschreibungen der Höllenbewohner und deren Qualen, finden sich in dem erwähnten Epos. Diese Sagen über die Hölle blieben, wie uns unttügliche Ueberlieferungen beweism, bis in die neupersische Zeit erhaltm; sie drangm tief ins Volk und es ist nicht der geringste Zweifel, daß die Geschichte von „Josua ben Levi" ein Niederschlag jmer uratten Poesien sei. Man findet im Midrasch zu dm Psalmm kleinere Höllmbeschreibungm, welche an jme Erubinstelle anknüpfm. Vom Talmud und Midrasch aus drangm die Traditionen immer weiter. In dm „A bschnitten des R. E l i e s e r" (7. Jahrh. n. CH.) in Nachmaui's „Thor der Vergeltung" (12. Jahrh.) find dann wette und brette Ausarbeitungen des Themas. Jmman u e l R o m i, ein Freund Dante Alighieris, des Dichterbei Divina comedia, hat den Stoff poetisch bearbeitet, und es wttd noch nachzuweism sein, ob nicht die sieben Höllentheile in Dante's i n f e r n o von Immanuel veranlaßt find. Ebmso finden wir Höllmbeschreibungm in Ri e t i 's (14. Jahrh.) romantisch-phantastischem „Mikdasch-Meoth" in Jacob Olamo's (16. Jahrh.) „Eden arukh" das nicht minder phantasiereich und an manchm Stellm wirklich poetisch ist und endlich in Z a k u t's merkwürdiger Dichtung „Tofte arukh".) **) Vgl. meine „Studien; u m babylonische». Rechtswesen" in der »Zeitschr. s. Assyr." 1881/90 Seite 2» fl.

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