Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 2 (8.1.1892)
- Date
- 1892-01-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«f ~" Seite ss Orstrrretchifchr Wochenschrift. Nr. S Da war ein gewisser C. Gäbmms Statthalter von Syrien. Er war früher ein guter Freund des Cicero gewesen, aber dieser war unter seinem Consulat und unter seiner Mitwirkung aus Rom verbannt worden und das konnte ihm Cicero nicht verzechen. Hatte er früher den Gabinius einen braven, um den Stack verdienten Mann genannt, so schilderte er ihn fortan als Ungeheuer. Uns scheint, daß er keines von beiden war. Als römischer Statthalter wird er wohl gesucht haben, sich auf Kosten der Provinzbewohner zu bereichern, aber er war doch etwas menschlicher, als die meisten seiner Collegen. Er scheint wirklich der Ansicht gewesen zu sein, daß der Mchtrömer „sozusagen auch ein Mensch sei" und nicht blos zur Ausbeutung dmch römische Beamte und Steuei-pachter erschaffen wurde. Mügüch ist es auch, daß er diesen grollte, weil sie chm keinen Ancheil am Gewinne gaben. Wie dem auch sei, er bWvm in Syrien den römischen Steuerpächtern und ritterlichen Wucherern scharf auf die Finger zu sehen und sich der armen ausgebeuteten Provinzialen anzunehmen. Das mußte natürlich dvr gut«» Cicero aufs Tiefste kranken und seine zärtlichen Gefühle auf das Empfindlichste verletzen. Wie jammette er da vor dem Senat: „O, Die armen Steuerpächter! Gabinius hat sie in die Knechtschaft der Juden und Syrier gegeben, dieser M Sklaverei g^ormen Böller. Und ich Unglücklicher, der ich dm Pächtern soviel (wie viel Millionen?) zu verdanken habe und mit ihnen leide! . . . Durch die Habsucht und Grausamkett des Gabinius sind sie ganz ruinirt worden und es wäre nöchig, sie aus der Staatscasie zu unterstützen.*) Daß alle diese Merüchen Wucherer und Steuer-pächter keine Juden, sondem echte Römer, reine Aner, wie man heute sagm würde, waren, das braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. — Cicero selbst wußte übrigens noch andere Mittel, um zu Gelde zu kommen. ME es ihm schlecht zu gchen anfing, verstteß er unter nichtigen Vorwänden seine Frau, von der er schon erwachsme Kinder hatte und heiratete als Zwemndsechzigjahriger ein ganz junges Mädchen, deren Vormund er war, um in den Besitz ihres Vermögens zu gelangen. So erzählt Plutarch, der auch von einer feindlichen Begegnung Ciceros mtt einem Juden berichtet. Es war nämlich ein der jüdischen Religion anhänglicher Quintus Cäcilius, früher Quästor des Verres in Sicilien, welcher unter Verdrängung des Cicero die Anklage gegm Verres führen wollte. Es erscheint uns aber unwahrscheinlich, daß ein Jude oder jüdischer Proselyt, damals ein so hohes Amt im römischen Reiche bekleidet hätte und findet sich auch in der Rede Ciceros gegen Cäcilius (Oivinatio genannt) weder das von Plutarch mitgetheille Wortspiel mit dem Schwein (verros) noch sonst irgend eine Anspielung auf dessen Judenthum. Cicero bchandelt den Cäcilius durchaus als einen chm Äenbürtigen römischen Bürger, der nur deshalb nicht geeignet sei, als öffentlicher Ankläger gegm Verres aufzutreten, weil er mtt diesem befreundet, fa zum Theil dessen Mitschuldiger war und überdies nicht die erforderlichen juristischen Kenntnisse und Erfahrungen besaß.**) Man hat auch die griechischen Lehrer des Cicero, den Stoiker Posidonius aus Achamea genannt, Rhodiensis und den Zchetor Apolonius Molo, welche allerlei Verleumdungen über die Judm ausftrenten, für dessen Judenhaß verantwortlich machm wollen. Wer nach dem, was wir über das Verhältniß der Römer zu allen anderen Nationen und das des Cicero zu dm Steuerpächtern und Geldmännern gesagt haben, bedarf es Ämsowenig einer besonderen Erklärung seiner Judenfeindschaft, als seiner Gallier- oder Sardinierfeindschaft. Ungestraft durfte Cicero andere Völler vor Gericht und im Senat, wo sie nicht vertteten waren, beleidigen und verföuittben, aber muthiger und ehrlicher als rnoderne Antisemiten wagte er es auch, die Großm und Mächtigen, wo er sie im *) Oratio de Provinciis consolaribus V. **) Plutarch hat vielleicht diesen CäclliuS mit dem von Guidas rwähnten Grammatittr Cäcilius verwechselt, der unter August lebte und ein fteigelasseuer Jude aus Sicilien war. Unrecht glaubte, anzugreifen, und dies brachte ihm den Tod. Der Triumvir Antonius, dm er auf das Heftigste und Rücksichtsloseste angegriffen und beschimpft hatte, kümmerte sich nicht viel um die Unverletzlichkeit des Volksvertreters und ließ ihn durch seine Soldaten tödten und Kopf und Hände auf der Rednertribüne anschlagen, wo er seine schönsten Reden gehalten hatte. Vorher aber hatte Fulvia, die Gattin des Antonius sich den Kopf bringen lassm, ihn angespiem, die Zunge herausgezogen und mit ihren Haamadeln durchstochen. Und Fulvia war keine barbarische Semitin, sondern eine civilisirte Römerin, Und ziehen wir zum Schluß das Facit der politischen Thätigkeit Ciceros, so finden wir, daß er mit all' seinem Wissen, seinem Talent und seiner unübertrefflichen Rednergabe doch nur 'der Zerstörung der freien Verfassung Roms, der Alleinherr-, schuft des Octavius vorgearbeitet hat. Auch hier ließen sich Analogien mit dem modemen Antisemitismus finden, M. L Budapester Brief. 27. Dezember. Das große politische Ereigniß der vorigen Woche: Die Auslosung ves ungarischen Abgeordnetenhauses hat die Wahlbewegung wieder in den Vordergrund geschoben. Nach Ablauf der ersten fünfjährigen Reichstagsperiode werden nun die politischen Gemüther abermals aufgerüttelt und die Wähler vor die Urne gerufen. An welchem Tage, ist zur Zeit zwar noch nicht bestimmt, doch werden schon im ganzen Lande von jeder Partei die Fahnen entfaltet, die Trommeln gerührt und Parteistimmung gemacht. Die größten Anstrengungen hierin macht wohl die neue Nationalpartei, ehedem staatsrechtliche Opposition, welche in agitatorischer Hinsicht nun mehr sogar die einstige Linke, dermalen in die unabhängige und 46 er Partei zerfallen, übertrifst. Was wir Juden von einem eventuellen Siege dieser neuen Partei zu erwarten hätten, das schlummert freilich noch in der Zeiten Hintergründe, doch wenn es politische Ehrlichkeit gibt und Versprechen gehalten werden müssen, so wird sie der providenzielle Führer und zukünftige Ministerpräsident der Nationalpartei nicht zu Schanden machen und die den Juden in seinen Wahlreden so oft zugesicherte ungeschmälerte Freiheit auch aufrecht erhalten. Selbstverständlich tritt nun, nachdem die Reichstagsauflösung schon offiziell verkündet wurde, auch die Regierungspartei energisch in die Wahlagitation und angesichts des materiell und geistig sich immer mächtiger entwickelnden Landes, dürfte aller menschlichen Berechnung nach die bisherige, liberale Partei am Ruder bleiben. Nur eine Partei, die seit 1881 noch in jeder Wahlcampagne wahre Orgien feierte und bei jedem Turnus als Popanz durch die Wahlbezirke zog, hat bisher noch kein Lebenszeichen von sich gegeben. Wir meinen die Partei der Antisem., . . . doch lassen wir die Todten ruhen. . . . Dafür will dieses Mal ein Theil dr Judenschaft als geschlossene Phalanx in den Wahlkampf treten. Mehr als 40 hervorragende jüdische Männer haben sich an die Spitze einer Bewegung gestellt, die die endliche Rezipierung der jüdischen Religion anstrebt. So wunderlich dies auch am Ende des neunzehnten Jahrhunderts aus dem wahrhaft freiheitlichen Lande der Magyüren klingen mag, so besteht doch noch heute, ein viertel Jahrhundert nach der Emanzipation d i e Anomalie, daß der Jude politisch im vollsten Maße alle die Rechte, wie der Bekenner der herrschenden Religion genießt, seine Religion aber bisher immer nur noch toleriert ist. Welche Verwickelungen privat- und gemeinrechtlicher Natur gerade aus dieser Anomalie Hervorgiengen, davon zeugen die vielen Aktenstöße im Cultusministerium und welche Verletzungen religiöser Gefühle sich aus diesem traurigen logischen und psychologischen Gegensatz ergaben, davon sprechen auch so manche ministerielle Erlässe, die, man muß wohl zugeben, immer bans, fide geschrieben wurden, aber jedesmal ein Memento der Pariastellnng unserer Religion waren. Daß diese Stellung zur Folge hatte, daß bei Festsetzung des Budgets der jüdischen Religion die lächerlich geringe Summe von 5000 fl. gleichsam nur als Knochen hingeworfen, und jüdische Deputationen bei offiziellen Empfängen nicht nach den protestantischen, sondern nach der Korporation von Advokaten oder Lehrern rangirt wurden, das sei nur so nebenher erwähnt.^ Charakteristisch ist immerhin auch dies. Wer eigentlich die Schuld an diesen leidigen Verhältnissen trägt? — Wir glauben, die ungarische Judenschaft so gut wie das Ministerium, als Initiator der Gesetzgebung. Hatte das Judenthum sich im Jahre 1869. als der selige Eötvös dazu die Hand bot, organisirt, so wäre die Rezipierung schon längst gesetzlich vorgenommen worden. Man kann aber auch den Satz unikehren, wie Manche behaupten und sagen: Wäre die jüdische Religion schon rezipiert, so wäre auch das jüdische Gemeindewesen schon längst organisirt. Doch an wenl immer auch die Schuld liege, das Eine steht außer allem Zweifel, daß unser Ministerpräsident gerade jetzt einer großen Sorge ledig wäre, wenn wir einen Landesräbbiner oder Consistorialpräsidenten hätten. Er müßte sich nicht den Kopf zerbrechen, wen er an Stelle des kürzlich verstorbenen Dr. Hirschler in das Magnatenhaus erj neune. Wie Diogenes einst mit der Laterne am hellichten Tage einen