Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 2 (8.1.1892)
- Date
- 1892-01-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Cicero 9× ep/1024888
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Nr. 2 Oestrrretchifche Wochenschrift Ausdruck „punische Treue" zum geflügelten Worte ward. Von den 'Griechen hatte schon der alte Cato gesagt: „Das ist das schändlichste und ungeberdigfte Volk das mit seiner Literatur alles corrumpiren will. Das schlimmste ist, daß es seine Aerzte nach Rom schickt, denn sie haben geschworen, uns alle mit ihren Arzneien zu vergiften und sie lassen sich das Honorar nur zahlen um dadurch das Vertrauen zu gewinnen und uns desto sicherer auszurotten." Es ist derselbe, vielbewunderte echte Römer, der Censor Cato, der seinem Sohne empfahl, in seinem Dienst alt gewordene und Kranke Sklaven zu verkaufen. Und dreihundert Jahre später verhöhnte Juvenal (in der drittm Satire) in gleich böswilliger Weise „die sich überall eindrängenden" Griechen: „Rhetor, Grammatiken, Messer des Feldes und Bader und Maler, Arzt, Seiltänzer, Prophet und Magier. Alles versteht ein Hungriges Griechlein; steigt wenn man ihn heißt, in den Himmel." Rach diesen Proben können wir berechnen, welchen Werth die römischen Verleumdungen der Juden haben. Und Cicero verstand - die Kunst des Verleumders und Schmähers anderer Völker besonders gut?) Als er den Aemilius Scaurns gegen dm Ankläger und Zeugen aus Sardinien aufgetreten warm, zu vertheidigen hatte, schimpfte er in maßloser Weise auf alle Sardinier, setzte aber, ganz in der Weise inancher unserer Antisemiten hinzu: „ich glaube indessen, daß cs Ausnahmen gibt und daß sich auch einige ordentliche Sardinier finden, die die Laster und Fehler ihres Volkes abgelegt haben."**) Als er den von Galliern angeklagten Prätor M. Fontejus zu vertheidigen hatte, erhob er sich zu noch ärgeren Verläumdungen aller Gallier, „welche in Race und Sitten sich von allen anderen Völkern unterscheiden." — Wohlgemerkt, hier ist nicht von Juden oder Semiten, sondern von Galliern, echten Ariern die Rede. — „Die Gallier", fährt Cicero fort, können nicht beeidigt werden, denn man schwört ja bei den Göttem, aber während alle anderen Völker die Götter fromm verehren, führen diese Krieg mit allen Göttern. Sind sie tttdjt (vor mehr als zweihundert Jahren) von ihrer fernen Heimat aufgebrochen, um den Tempel Apollos in Delphi, das Orakel der Welt zu plündern und zu zerstören? Und haben nicht Gallier (vor mehr als dreihundert Jahren dieses Capitol und den Tempel Jupiters belagert, Jupiters, bei dem wir alle Eide schwören? Und wer weiß nicht, daß sie noch setzt ihren Göttem Menschenopfer bringen?" u. s. w. Hätte Cicero einige Jahrhunderte später gelebt, so würde er den Galliern wahrscheinlich vorgeworfen haben, daß sie Christum gekreuzigt haben und zu Ostern Kinder verspeisen. — Nach dem Borangeschickten muß uns das, was Cicero in der Vertheidigung des Flaccus gegen die Juden äußerte, noch verhältnißmäßig gelind erscheinen. „Was nun die Anklage wegen des jüdischen Geldes betrifft", sagte er, „so hat der Ankläger nur deshalb diesen Platz (non longe a gradiims Aurelico) gewählt, weil sich ihrer da eine große Menge findet. Man weiß ja, wie sie stets Zusammenhalten und Einfluß auf die Versammlungen zu erlangen wissen. Ich werde daher so leise sprechen, daß mich nur die Richter hören sollen. Es fehlt ja nicht an Menschen, welche diese Leute gegen mich und die Besten aufhetzen und da will ich ihre Hetzerei nicht erleichtern. Da die Juden immerfort aus Italien und aus den Provinzen •) Dies wurde den Römern später von den „germanischen Barbaren" gehörig heimgezahlt: „Wir", sagte Liutprand, der Gesand^ Kaiser Otto H. in Byzanz, „können kein größeres Schimpfwort als da^ Wort Römer. Alles was feig, niederträchtig, habsüchtig, unsittlich, ver. logen und lasterhaft ist, nennen wir römisch." (Relatio de legation* Constantinop.) e **) Fragm. Orat. pro M. Aemelic Scanre 38—44. Gold nach Jerusalem schickten, so hat Flaccus die GoldauSfuhr aus Asien verboten. Ist das nicht höchst lobenswerth? Gerechte Strenge war es, sich diesem barbarischen Aberglauben zu widersetzen, höchste Standhaftigkeit war es, das Geschrei der Juden, mit dem sie in Volksversammlungen so viel ausrichten, zu verachten. Er hat ja das Geld nicht gestohlen, er hat so und so viel in Achamea, so und so viel in Lavdicca u. s. w. in die öffmtlichen Caffen eingezahlt."*) Also hat Flaccus nicht blos die Ausfuhr verboten, wie Cicero anfangs sagte, sondem das Geld confiscirt. Er hat dann eine gewisse Summe dem Staate überliefert, aber Cicero hütet sich wohl anzugeben, wieviel er confiscirte und ob er alles Co^fiscirte ablieferte. „Wo ist also da das .Verbrechen?" fährt er fort. „Mm stellt zwar entgegen, daß Pompejus nach der Einnahme Jerusalems nichts aus dem Tempel entnahm, aber er unterließ eS wohlweislich, nur um einer so argwöhnischen und böswilligen Bevölkerung keinen Anlaß zu verleumderischen Reden zu geben. Auf die Religion der Juden, der Feinde, nahm er keine Rücksicht, nur auf seine Ehre . . . Jeder Staat hat seine Religion, wir Römer die unserige. Als Jerusalem noch unversehrt war, die Juden in Frieden lebten, ließ sich ihre Religion mit dem Glanz der unseligen, mit dem Ansehen unseres Reiches gar nicht vergleichen, umsoweniger jetzt, da dies Volk uns seine feindselige Gesinnung gezeigt hat und seine Niederlage und Unterwerfung bewiesen haben, wie beliebt es bei den Göttern ist.**) — Wie ich bereits erwähnt habe, ist Pompejus, nicht wie Cicero sagt, als Feind des jüdischen Staates, sondern als Pwtector einer Partei nach Jerusalem gekommen und hatte also nach den Begriffen civilisirter Nationen kein Recht, zur Plünderung des Tempels. Aber Cicero spricht eben' nach dm Begriffen des römischen Volkes, dem die Plünderung und Ausbeutung anderer Völker als Hauptzweck der Kriegführung galt und dem das Nichtausplündern als Anomalie erschien. Auffallender erscheint ein anderer Widerspruch in Cicero's Rede: Wenn die Juden, wie er sagte, in Rom so viel Macht besaßen, daß sie durch chr Geschrei den großen Redner und Vater des Vaterlandes einschüchtern konnten, wenn sie so vielen Einfluß auf die römischen Volksversammlungen hatten, so waren sie gar nicht unterjocht und die Götter ihnen durchaus nicht so feindselig, wie er im nächsten Abschnitte seiner Rede höhnend behauptete. Dieser Widerspruch hat den Commentatoren des Cicero viel zu schaffen gemacht und sie haben sich Mühe gegeben, durch allerlei Conjecturen ihn zu lösen. Mir aber scheint das Benehmen der modernen Antisemüen die beste Lösung zu bieten. Sehen wir doch, wie diese dm armen Juden verhöhnen und verspotten, arme jüdische Hausirer in roher Weise quälen, um einen Augenblick später über die Allmacht des jüdischen Kapitals zu jammern und die ganze Welt als in jüdische Sklaverei versunken zu schildern. Und das Wort Judenknechtschaft finden wir auch bei Cicero. Als sein Vater starb, theilte er seinem Freunde Atticus die Nachricht in folgender Weise mit: „Fontejus hat'" das Haus des Rabirius in Neapel um 130.000 Sestertien gekauft; mein Bruder verträgt sich gut mit seiner Frau; mein Vater starb am 23. December. Wenn Du Gelegenheit findest, so kaufe für mich einige Statuen. Ich fteue mich sehr, mit meinem Tusculum." Und über den Tod der Großmutter dieses Freundes, machte er sich in einem Briefe an denselben geradezu lustig.***) Man glaube aber nicht, daß Cicero ein gefühlloser Mensch war, nur gehörte sein ganzes Gefühl, seine ganze Zärtlichkeit den — Steuerpächtern. *) Adolf Stahl (TiberiuS VI Cap. 5) nannte die That de» Flaccus sehr euphemistisch „Entfremdung der Tempelsteuer* und ei» Dr. Sam. CH. Schirlitz (Vorschule zu Cicero S. 106) sah in der Confis, catiou des von frommen Juden zu religiöse» Zwecken gesammelten Geldes nur jüdischen Schachergeist und Geldhandel. Hätte es sich darum ge« handelt» so würde Cicero nicht stets vom Aberglaube» gesprochen habe». ** i Oratio pro L. Fiacco XXVIII ***) Epist ad Atticom I 6, I 3.