Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 2 (8.1.1892)
- Date
- 1892-01-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Orstrrretchische Wochenschrift. Seite LS Bei den Antisemiten aber zählen die arischen Wucherer zu den Honoratioren, sie werden mit den höchsten Ehrenämtern, Abgeordneten-Mandateu u. s. w. betraut (viele Pickenbach) und der General-Oberst der Antisemiten, Hof- und Gericht?advokat Dr. Lueger hat berüchtigten jüdischen Wucherern Rechtsbeistand geleistet! Derart ist die vielgepriesene antisemitische Moral beschaffen. Mit Recht sagt der katholische Pfarrer Tr. Friedr. Frank: „Fast möchte es scheinen, als ob auch unter den Antisemiten gar manche nur deswegen sich gegen die jüdischen Wu cherer ereifern, und dieselben aus dem Deutschen Reiche vertrieben wissen wollen, weil sie ohne die lästige jüdische Concurrenz ihre sauberen Geschäfte mit um so größerem Erfolge betreiben m öch ten." Das „Deutsche Volksblatt" thut aber als ob die Vorgänge in Budapest ihrem ganzen Umfange nach seiner Auffassung unzugänglich wären. Und' doch bedürfen sie kaum einer eingehenden Würdigung. Der Harrptcassier eines judenreinen Geldinstitutes, der Budapester Ersten vaterländischen Sparcasse, Herr Piufsich, hat mehr als eine Million Gulden gestohlen, sich sodann angesichts einer Cassenrevision erschossen und wurde gestern bei großer Detheiliaung in einem mit Kränzen reich geschmückten Sarge und mit dem ganzen Pompe eines Leichenbegängnisses erster Elaste begraben. Defraudation und Millicnen-Diebstähle gehören nun allerdings nicht mehr zu den unerhörten Geschehnissen, und daß der Verbrecher aus Furcht vor der irdischen Gerechtigkeit die Waffe gegen sich selbst richtet, ist ein gewöhnlicher Abschluß der Verbrecher-Romane, wie des Verbrecherlebens selbst. Aber daß ein Millionendieb und Selbstmörder mit einer Feierlichkeit in die Erde versenkt wird, als wäre es ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, das wirft ein merkwürdiges Licht auf das, was man gemeiniglich „öffentliche Moral" nennt, das erinnert an die Grazer A n t i s e m i t e n, wie sie ihren geselbstmordeten Defraudanten feierten. Des Räthsels Lösung liegt in derThatsache, daß der Budapester Defraudant nicht blos seit je ein w n t h e n d e r A n t i s e m i t war, sondern zu den H a u p t a c t e u r c n beim DramaTisza-Eßlar gehörte, welche dieses Schauspiel aufführten. Piussich besaß Häuser und ein Gut, seine Wohnung war glänzend ausgestattet, seine Kuhställe electrisch beleuchtet, erhielt sich Maitresten, für die ihm nichts zu theuer w ir, ja, als eine derselben an Lungentuberkulose erkrankte, sandte er eigens einen Arzt zu Koch nach Berlin. Erhatte Equipage und zahlreiche Dienerschaft, zu den Festlichkeiten auf seinem Schlosse bei Waitzen beförderte er seine Gäste aus der Hauptstadt in Extrazügen. Der Schwindler Piufsich hatte mit der abgefeimten Vorsicht eines Gewohnheitsverbrechers alle Aufzeichnungen, Rechnungen und Briefschaften vernichtet, die vielleicht geeignet wären, auf eine Spur seiner Verbindungen zu führen. Nur ein altes Notizbuch findet sich vor, in welchem Aufzeichnungen über einige Transactionen in exotischen Werthen enthalten sind, die an der Budapester Börse weder notirt noch gehandelt werden. Man glaubt daher, vielleicht nicht ohne Grund, daß der Betrüger seit lange unter fremdem Namen an ausländischen Börsen unter Beihilfe von Agenten spielte. Dian erinnert sich in den derZ Börse und den Banken nahestehenden Geschäftskreisen nunmehr an manche Einzelnheit, die schon zur Zeit ihres Vorfalles ungewöhnlich war, aber im Drange der Geschäfte nicht weiter beachtet wurde. Dahin gehört die von mehreren zuverlässigen Gewährsmännern behauptete Thatsache, daß eine hiesige Wechselstube im Monat November durch einen Agenten einen sehr namhaften Betrag ungarischer Papier-Rcite um 60 Kreuzer unter der Wiener Notirung veräußern ließ. Man erinnert sich an diese unerhörte Transaction so genau, daß man uns sogar den Curs angeben konnte. Die ungarische Papier-Rente notirte an jenem Tage 100.70, und der Verkauf erfolgte zum Curse von 100.10. Man kennt auch den Agenten, der die Transaction im Aufträge ausgeführt hat, und derselbe wird von den Behörden über die näheren Umstände einvernommen werden. Die Vaterländische Sparcasse duldete keinen Juden in chrer Mitte; ohne Juden defraudir^ es sich viel angenehmer) Herr Piufsich hat sich auch an privatem Besitz vergriffen, kurz er handelte nach der Moral des Herrn Verhovay; und Alle, welche an dieser Defraudation betheiliat erscheinen, sind rastenreine Arier. Die Nachrichten die arrs Deutschland kommen bieten nicht minder interessante Erscheinungen. Aus Vechta (Oldenburg) wird der „Kölnischen Ztg." gemeldet: Unbeschreibliches Auffehen im ganzen Großherzogthume machte die Flucht des protestarrtischen Pastors Müll er aus Goldenstedt. Der 48jährige Mann verstand es, das Verträum seiner Vorgesetztm und seiner Gemeinde immer mehr zu befestigen. Er war Vorsitzender und Protokollführer des Kirchenrathes in einer Person. Er fertigte nun vollständig erfundene Protokolle an, die der Oberkirchenrach in Oldenburg, der keine Ahnung von dem Betrüge hatte, genehmigte. Einer Gegenzeichnung irgend einer beauftragtm Person in Goldenstedt bedurfte es für Protokolle nicht, Müller hatte freie Hand. Er war sehr erfinderisch. So ließ er die Gemeinde z. B. beschließen, ein billiges Landgut für 75.000 Mark anzukaufen aus dem Grunde, weil dasselbe nicht in „katholische Hände" fallen sollte: Müller wußte die Protokolle die der Oberkirchenrath genehmigt hatte, noch weiter dahin cuszugestallten, daß er mit der Erhebung des Geldes bei den betreffenden Banken beauftragt wurde. Die Summen die Müller untcrschlagen hat, können die Höhe von 100.000 bis 200.000 Mark erreichen. Das Ganze ist noch gar nicht zu übersehen. Bezeichnend ist ein Brief, den Müller auf seiner Flucht von Bremen aus an den oldenburgischen Obcrkrrchenrath richtete, der von der „gehorsamen Meldung" des Verbrechers spricht. Cr bittet sogar noch, für seine Frau und .Kinder sorgen zu wollen, gibt an, er sei mit dem Lloyddampfer- „Elbe" nach „drüben" gereist. Und was den Fall Sommerfeld anlangt, so consiatirt die „Kölln. Zeitg." in einem Rückblick auf sein Treiben: All das ist von der „besseren G e s e l l s ch a f t" mitverschuldet. An der Tafel des einen Sommerfeld saßen nicht nur Geldleute, sondern auch Herren mit sehr vornehmen Namen, und in „vertrautem Kreise" wo man sich gehen lassen konnte, hat man mit diesen Leuten verkehrt. Häufig ließ man sich Vertraulichkeiten gefallen, aus „Geschäftsrücksichten". Man glaubt nicht, wie viel Mitglied er der oberen Stände im Geheimen ander Börse spielen, nicht nur Männer, sond ern auch F r a u e n. Man staunt, mit welcher Sicherheit so manche vornehme Dame über Spielpapiere spricht und wie genau sie die Art des Verfahrens kennt. So ist diese Seite des Börsenlebens von der mittleren und besten Gesellschaft unterstützt worden, und warum? Auch aus Genußsucht, des leichten Erwerbes willen. Seinetwegen drückte man ein Auge zu, wenn der- Börscnmann sich im Verkehre Vertraulichkeiten erlaubte; seinetwegen setzte man mehr aufs Spiel als man durfte; zuletzt vertraute man ihm vielleicht Alles an, um nur noch mehrzu gewinnen. Gewiß haben viele kleine Leute nicht gespielt sondern im besten Vertrauen ihr Geld zur Aufbewahrung anvertraut; sehr oft aber sind Betrüger unk» Betrogene von dem gleichen Dämon geleitet gewesen: der Lebesucht, die mit den Mitteln nicht wählerisch ist, wenn sie nur Geld gewinnen kann." Ein antisqmittscher Musteiladvokat. „Der ganze Mann war Achselträger und trat bald auf diese, bald auf jene Seite, um sich die Gunst beider zu sichern. Hatte er sich vorhin für die Partei des Adels erklärt, so trat er nun zu dem Abschaum der Bürger über." Mit diesen Worten, die sich auf irgend einen modernen Antisemitenführer zu beziehen scheinen, schildert Dio Cassias in seiner Römischen Geschichte (XXXVI 26) den großen Redner, Staatsmann und Advocaten Cicero. Unsere Antisemiten, die von römischer Geschichte wohl nicht viel mehr wissen, als in „Knigges Conversations-Lexikon"