Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 2 (8.1.1892)
- Date
- 1892-01-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020902--01021-3025039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 22_Orstrrreichrschr Abreise des Czaren einstürzte, sie lächeln, wenn von einer neuen nihilistischen Verschwörung in Charkow berichtet wird, sie Ücheln, wenn alle Völker darin übereinstimmen, daß der Bcherrscher aller Reußen von Furcht gMütttlf, durch seine einsamen Gemächer wandelt. Aus Furcht nicht etwa vor den Anschlägen der gehchten, zur Verzweislung getriebenen Juden, sondern aus Furcht vor dm—N at i on a lru ff e n. Wir aber wissen, daß die Geschichte des jüdischen Volkes nicht in Räthseln spricht, daß die Feuersäule Ms noch immer voranzicht aus unserem Wege und daß sie verheerend und versengend sich niedersenkt auf die Bedränger und Bedrücker unseres Volkes; wir wissen, daß der schirmende Gott, der einst die egyptffche Tyrannei in den Wellen dÄ Memes begmb, noch immer sich ankündigt in gewaltigen Zetten. Man muß nicht an Wunder glauben, um diese Zeichen zn verstehen, um die strmge Gerechtigkeit zu begreifen, die vor unseren Augm waltet. Es vollziehen sich ja nur Thatsachen, diese Thatsachm aber sind wunderbar, wie die Wege Gottes. » * * Nach diesem zuckenden, von innerer Fäulniß zersreffenen Rußland wenden die Anttsemitm der ganzen Welt ihre Blicke. Das „heillge" Moskau ist zum Mekka des Antisemitismus gewordm. Dir Civllisation des Westens, die Humanität Europas gitt nichts mehr; die Barbarei des Ostens ist das große Ziel, dem die modernen Socialreformer aus aller Herren Länder zustreben. In Rußland ist jenes Ideal verwirklicht worden, dem sie in Dmtschland, in Oesterreich-Ungarn, in Frankreich va^Mich zustrÄm — die Austreibung der Juden. Kein nationaler und kein polittscher Gegensatz beirrt sie in ihrer Verehrung für die russischen Machthaber. Hier hat der StaNdpMkt der Race keme Geltung, den der Deutschnationale gegen die Judm einnimmt, hier nimmt das stolze Bewußtsein der Menschenwürde, das der Germane und der Franke zur Schau trägt, keinen Anstoß an einer schrankenlosen Despotie, welche die Knute über einem Volk von Sklaven schwingt. Die Schönerer und Vergani, die Lueger und Schneider-, die Verhovay Md Simonyi, die Böckel und Liebermann, die Vaschaty und die Drumont, sie Alle, Alle rühmen und preisen mit verzückten Blicken Rußland als die mächtige Veste des Judenhasses. Aber wie denn? Ist nicht der Vorwurf der Corruption die schärfste Md wirksamste Waffe des Antisemitismus gegen die Juden? Predigt man nicht täglich in Wort und Schrift, daß die Juden allein die Blutsauger, die Ausbeuter der arischen Bölker sind, daß Lug Md Trug, Käuflichkeit und Unsittlichkeit r«r darum in aller Wett herrschen, well der Jude mit seiner Habgier, feiner Gewiffenlostgkell, seinem materialistischen Geiste, einer Genußsucht olle Schichten der Bevölkerung vergiftet. NM denn, RußlMd ist heute ein judenreines Land! Es tvecht seine Juden aus und was nicht ausgetriebm wird, ist t«$&fer und elender als der verachtete Paria der Inder. Man küM heute unmöglich mehr auch nur von dem geringsten jüdischen Einflüße in Rußland sprechen. In diesem judenreinen Lande aber harscht eine Corruption, wie sie beispiellos dasteht in da Geschichte aller Zeiten und Völka. Die Hrmgersnoch entvölkert ganze Provinzen, die Regierung weist Millionen an zur Austheiluug von Nahrungsmitteln und Saatkorn. Die Millionen aber verschwinden und statt der Nahrung wird den verzweifelnden Bauern Sand gereicht. An diesem unerhörten, unmenschlichen Betrüge ist kein Jude becheiligt, er ist rein arisch. Wochenschrift.Nr. 2 Eine nationalruffische Monatsschrift „Wjestnik Levropy" schrieb dieser Tage das freimüthige Bekenntniß nieder: „D i e Ausbeuter unseres nationalen Elends, die Getreidespeculanten und Händler, ebenso wie die Wucherer und Erpresser sind echte Russen, aus russischen Familien,^ die vorgefallenen Unordnungen erwiesen sich ebenfalls als rein russische." „Diese traurige Lage, auf welche die Thatsachen ein so grelles Licht werfen, läßt keinen Raum für die gewöhnliche Racen- und Religionshetze: cs ist uns jetzt entschieden nicht um fremde Sünden zu thun, unsere eigenen haben sich gar zu sehr angehäuft." Und wieder weist die Regierung Millionen an, um Straßen und Eisenhahnen zu bauen, wobei das hungernde Volk Arbeit und Lohn finden kann. Die Straßen und Bahnen werden nicht gebaut und Niemand weiß, wo die Millionen hingekommen sind. Der Czar spendet eine ungeheuere Summe — sie verschwindet, die öffentlichen Sammlungen ergeben große Beträge — sie verschwinden. Arische Taschen nehmen sie auf. Aber endlich soll und muß etwas geschehen. Im Kaukasus liegt Getreide in Mafien, nur fehlt es an Transportmllteln und an Pächtern, um es in die nothleidenden Districte zu führen. Da muß der aus getriebene Jude helfen. Die Regierung schließt mit jüdischen Spediteuren Verträge, damit sie zu Wasser und zu Land, auf dem schwarzen Meere und Über österreichische Bahnen die Getreidcvonäihe nach dem Norden schaffen. Groß und gewaltig ist die Gilde der russischen Kaufleute. Die russische Regierung aber traut ihnen nicht, sie traut nur den Juden, die sie verjagt hat und die sie im Augenblick der Noch wieder zurückrust, um sie dann wieder gu verjagen. Wo in Rußland ein Fortschritt wahrnehmbar war, wo Handel und Industrie einen Aufschwung nahmen, wo der Noch gesteuert, dem Elend abgeholfen wurde, war es alles Verdienst der Juden. Seit der Bedrückung und Vertreibung derselben stocken Handel und Wandel, würgt der Hunger Hunderttausende dahin, wüthet die Pest durch zahlreiche Strecken, fehlt es an thatkräftigen Händen, die arbeiten. Die Feuersäule Gottes hat sich herabgesenkt auf das frevlerische Reich, ein Strafgericht der sichtbarsten Art vollzieht sich zur Warnung und Mahnung der anderen Völker, auf daß nicht auch sie die Gesetze der Menschlichkeit und der Gesittung verletzen. — Drstsudsnten und Nntirorruptionisten. Das anttsemitische Hetzorgan ' „Deutsches Volksblatt" bringt mit großem Wohlbehagen und bekannter Tendenz eine Liste lebender und verstorbmer jüdischer Defraudanten und Wucherer. Als wenn es keine christlichen und antisemitischen Wucherer gäbe. Wir erinnern an den Wucherer Alois Ferbüß ausMähr.- Neustadt, an die arischen Volksbeglücker des Creditvereines „Mittelstraße", an dm anüsemittschm Pr-ofeffor und Wucherer Dr. Hermann Sevin, an die Wucherer in der Redaction des Antisemitenblattes „Geldmonopol" in Cassel, an dm antisemitischm Defraudanten in Graz und zahlreiche Genossm. Der Unterschied besteht nur darin, daß die Juden einen Wucherer meiden, daß kein jüdischer Rechtsanwalt dessen Vertretung übernimmt und daß er wie ein Paria behandelt wird.