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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-08 · 2 (8.1.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
2 (8.1.1892)
Date
1892-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IX. Jahrgang. Nr. s. Mir«, 8. Kanner Crntralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. L. k. Posttz>arr«ffensmk Dlrsringvrrkrtzr Lr. 810.976. Lrdartion u. Administration: Wir» 1. Lothenthurmprastr SS. Eigenthümer: Keich»r»th»-Ad-e«rd«eter vr. Ktoch. Erscheint jeden Freitag. Man adonnirt bei allen Postanstalte» de» In- und Ausland«*. Bezugspreis: Halbjährig 4 st,. «iuzelexemplare « kr Anzeigen: Me 4mal gespaltene Petitzelle ir kr. Jnyatt: Leitartikel: Die Züchtigung der Volker. — Defraudanten und Anticorruptionisten — .Ein antisem. Mustcradvocat. — BudapesterBrief. — Erste Sitzungdes Vorstandesder EultusgemeindeWien, aufGrund der Verordnungen des k. k. Ministeriums für Eultusjund Unterricht vom 24.December Z. 25.194. — Dr. Gustav Kahn, niederösterreichischer Landesschulrath. — Die Agade der Palaestinenstschen Amoräer. — Korrespondenzen: Wien, Preßburg, Berlin, Leipzig, — Vermischtes: Wien, Ung.-Brod, Humpoletz, Bisenz, Kimpolung,Znaim, Leipnrk, Neutitschein, E. B. Karlsbad, Lemberg, Groß-Bittse, Leipzig, Berlin, Ratibor. — Feuilleton: Ein Bild aus dem Leben. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Inserate. Dir Züchtigung der Völker. Waffnet Euch mit allem Rüstzeug der materialistischen Weltanschauung, wehret Euch mit dem ganzen Fürwitz Eurer eingebildeten Weisheit, führet Vernunft und Wissenschaft ms Feld, um unwiderleglich zu erweisen, daß die überlieferten Wunder der Vergangenheit bloße Dichtungen waren poetisch becwlagter Schriftsteller oder der Niederschlag der Volksphantasie; über die Thalsüchen der Gegenwart, die täglich mit eherner Zunge zu Euch sprechen,kommt Ihr nicht hinweg. Diese Thatsachen vollziehen sich vor den Augen der staunenden Welt, als etwas Wunderbares, der Ausfluß einer ewigen Gerechtigkeit, die jeder Schuld chre Strafe zumißt und dauernd und unwandelbar über den Sternen waltet. Wo der Dichter davon spricht, daß die Weltgeschichte das Weltgericht sei, wo der Gläubige den Finger Gottes steht, dort spricht die moderne Wiffenschaft von dem Gesetze der Eausalität, dem ursächlichen Zusammenhänge. Die Ausdrucksform ist eine andere, der In* halt ist derselbe geblieben, der Begriff von dem Bestehen einer Gesetzlichkeit, die unabhängig von dem Willen des Einzelnen die Thaten der Menschen wagt und richtet und Lohn oder Straft bestimmt. Gegen göttliches und menschliches Gebot hat sich Rußland vergangen. Nicht seit heute und gestern, seit Jahrhunderten haben die russischen Gewalthaber allen Gesetzen der Humanität und der Eivilisation Hohn gesprochen. Die Geschichte dieses großen Reiches trieft von Blut und die Greuel, die an Millionen wehrloser Menschen verübt wurden, sind unermeßl.ch. Unermeßlich aber sind auch die Strafen, die im Lauft der Jahrhunderte über das russische Reich verhängt wurden. Bon Iwan dem Grausamen bis auf unsere Tage haben Verschwörungen, Soldatenaufstände, Palastrevolutionen, Bauernrevolten, haben die Würgengel der Pest und der Hungersnoch den russischen Staat wie die Zuckungen einer--ewigen.Krankheit durchwühlt. Das Schauspiel aber, welches Rußland in dm letzten 'Zähren' darbietet, findet nur in der pharaonischm Geschichte seines Gleichm. Nur dort könnm wir ein ähnliches Beispiel der furchtbarsten Grausamkeiten und zugleich des furchtbarsten Strafgerichtes suchen. Während zahllose Länderstrecken dieses weiten Reiches unbebaut bleiben aus Mangel an Arbeitskräften, weite Wüsten noch rrnbewohnt sind, vertrieb man die Juden aus ihrem Heim, als ob kein Raum mehr wäre fürsie! Kein Recht und kein Erbarmen, sie schienen gottverlaffm! Man sah es nicht, daß die Feuerfaule, die einst dm Kindern Israels bei ihrem Auszuge aus Egyten leuchtete, den armm russischen Judm nicht voranzog, als sie zu Tausenden den Leidensweg aus den Wohnsitzen ihrer Väter in eine neue Heimat, an entlegme Küstm antreten mußten. Aber wir sehen, wie sie ihnen nachfolgt! Nennt es, wie Ihr wollt, nennt es das Gericht der Weltgeschichte, nmnt es ein göttliches Wunder oder ein Gesetz der Eausalität, aber die Thatsache steht vor uns, fmchtbar, grausig, geistig erschütternd: die Thatsache einer ungeheuren Sühne für eine ungeheure Schuld. In weüm Landstrichm wüthet die Pest, Hunderttausende rafft der Hunger dahüh der Bodm versagt dem Fleiße die erhofften Früchte und gegen den Ezaren erhebt der Mord sein dräuendes Medusenhaupt. Aber schlivlmer noch, viel schlimmer: In dm Speichern des Kaukasus, auf den Eisenbahnsiationm verfaulen unermeßliche Mmgm Getreides, die dm hungerndm Menschm Rettung bringm könnten, und dort, wo dem darbenden Volke Brot gereicht werdm soll, verwandelt sich das Brod in Stein, das Mehl in Sand. Die Berichte aus Rußland sagm, daß gewiffenlose Eommissionäre an dieser Verwandlung Schuld seim. Wir wollm es glauben; aber lebten wir in einer minder aufgeklärtm Zett, lebten wir in einer Zeit, wo der Wunderglauben, noch stark und mächtig war, dann würde man nicht von Eorruption, sondem von der strasmden Hand Gottes, von einem Fluche des Himmels sprechm, durch welchm das Wunder dieser Verwandlung vollbracht wurde. Diese H e ims uchung Gottes, von welcher Rußland betroffm worden, ist uns Fürwitzigm eine Mahnung — an den altm Gott Jftaels. Die Zweifler und Vernünftler lächeln noch immer, sie lächeln, wmn erzählt wird, daß der Perron des Bahnhofes in Gatschina einm Augenblick nach der

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