Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 OrNrrrrichischr WochrnschrW. Sette IL Böckel und Genossen, daß, wenn ein Jude angeschuldigt wird, jede einzelne gerichtsseitig vor genommene Handlung, wie Verhaftung, Ladung von Zeugen, Zustellung der Anklageschrift, Anberaumung der Hauptverhandlung, Veröffentlichung des Urtheils re. in einem besonderen Artikel berichtet wird, um dem Publikum, welches weder aus den speciellen Inhalt der Artikel, noch auf die Namen der angeschuldigten besonders achtet, weis zu machen, es handle sich um verschiedene Fälle und verschiedene Personen. Erfolgt in erster oder in höherer Instanz eine Freisprechung, so wird solche einfach todtgeschwiegen. Das ist kurzweg eine Seitens der Antisemiten verübte unehrliche Handlung. Man kommt beinahe zur Einsicht, daß Böckels Genossen für sich die zweifelhafte Ehre in Anspruch nehmen, daß nur unter Christen bezw. unter ihren Genossen Verbrechen und Vergehen verübt werden dürfen, die Juden dagegen lauter Engel sein müßten. Es ist allgemein bekannt, daß die antisemitische Presse den Offenburger Wucherprozeß arlszubeuten suchte. Davon, das; schon seit 1886 die aus Juden und Christen bestehende Offenburger Wucherbande gerade jüdischerseits bei der Staatsanwaltschaft angezeigt wurde, daß schon vor einigen Monaten der Alliirte dieser Bande, der katholische Schmied Andreas Roser in Ottoschwanden, wegen Betrugs, Urkundenfälschung, Verleitung zum falschen Zmgniß von der Strafkammer Freiburg zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurtheilt wurde, daß noch über einem weiteren Freiburger Katholiken, welcher mit der Offenburger Bande in reger Geschäftsverbindung stand, das Damoklesschwert schwebt, ist bis heute in der antisemitischen Presse, weil es nicht in ihren Kram paßt, auffälligerweise nichts erwähnt worden. Frankfurt a. M. In Nummer 48 dieser Blätter wird an einem Artikel des „Israelit und Jetchurun" mit der Ueberschrift: „Die Eröffnung der Frankfurter Jeschibah" Kritik geübt. Wir sind weil davon entfernt, für diesen überschwenglichen Artikel eiutreten zu wollen, fühlen uns jedoch veranlaßt, die Angelegenheit klar zu stellen, überzeugt, daß solches willkommen sein wird. Der Herr Einsender ging von der Ansicht aus, daß. nachdem zwanzig Lichter bereits vorhanden sind, es nicht viel auf sich haben könne, wenn auch das einundzwanzigste angezündet wird. Wenn das Letztere ganz gleicher Natur wäre, wie die ersten, dann allerdings hätte Herr- Referent recht, wäre es überflüssig dies einundzwanzigste anzuzünden. Es sind aber beide ganz verschiedener Natur, haben ganz verschiedene Aufgaben zu lösen. Qhne dem Bestehenden zu nahe treten zu wollen, denn jede Leistung auf dem Gebiete von Talmud Thora ist anerkennenswerth, müssen wir doch sagen, daß, so wie die Verhältnisse einmal liegen, auch bei dem größten Eifer des Vortragenden in der alten Anstalt nur wenig geleistet werden kann. Die jungen Leute besuchen nämlich das Gymnasium, und au den schulfreien Nachmittagen, also dreimal in der Woche, wird der jüdische Nnterricht ertheilt. Es stehen demnach den drei der Thora getvidmeten Nachmittagen sechs Vormittage und viel Nachmittage gegenüber, welche dem Derech Eretz geweiht sind, die erstere kommt daher sehr ru kurz und ist alles Andere eher als die von Rabbiner Hirsch angestrcbte Verbindung von Thora und Derech Eretz. Dazu kommt, daß die jungen Leute jedenfalls stark zu arbeiten haben, um im Gymnasium nicht zurückzubleiben, zumal sie wohl nicht mit großen Vorkenntnissen in dasselbe eingetreten sein mögen. Wenn sie ihre freien Nachmittage dem jüdischen Unterrichte widmen, so entziehen sie sich schon einen großen Theil ihrer Arbeitszeit; sich nun gar für den jüdischen Unterricht vorzubereiten, das Gehörte zu repetieren und zu verarbeiten, dazu bleibt ihnen sicher keine Zeit. Das Wesen einer Jeschibah besteht in der Vertiefung in den Gegenstand, das kann jedoch auch mit dem besten Willen auf diese Weise nicht erreicht werden. Das ist aber das Uebel unserer Zeit, daß man glaubt genug gethan zu haben, wenn man dem jüd. Wissensfache die Zeit widmet, die anderweitig nicht in Anspruch genommen wird, auf diesein Wege gar will man nun Rabbiner, künftige Lehrer unseres Volkes ausbilden. Es ist nicht zu verkennen, daß ein Jeder der nicht die unterste Stufe der Gesellschaft einnehmen will, sich eine gewisse Bildung aneignen muß. Die Bildung gibt dem Menschen seine Stellung im Leben. Es ist das so allgemein anerkannt, daß eine Meinungsverschiedenheit darin nicht stattfindet. Der Rabbiner muß dem Gebildetsten in seiner Gemeinde, dem Arzte und dem Advocaten an Bildung gleichstehen, wenn er nicht die Leitung seiner Gemeinde in deren Hände übergehen sehen will. Ist aber eine solche Bildung vorhanden, so fragen wir: ist das genügend? Gehört nicht vor allem jüdisches Wissen, gründliches jüdisches Wissen dazu? Weist ihn sein Beruf nicht vor Allem auf die jüdische Wissenschaft hin? Wer ein tüchtiger Arzt werden will, muß uoch einige Jahre am Krankenbett in den Spitälern Erfahrungen sammeln, ehe er in die Praris eintreten kann. Der Advocat muß längere Zeit als Referendar dienen, um sich für seinen Beruf vorzubereiten, nur der Rabbiner soll nach einem dreijährigen Besuch der Universität und nach» dem er während dieser Zeit für seinen künftigen Beruf mit dem dringend nöthigen Wissen ausgestattet worden, im Stande sein, ein Rabbinat zu bekleiden. Es ist wohl möglich, daß er bei einigem Fleiße und guten Anlagen die Hattoroh erlangen kann — ein Lamdon ist er nicht, bei irgend schwierigen Fragen muß er sich an seinen Lehrer oder an einen sonstigen Lamdon wenden. Wie aber, wenn diese nicht inehr da sein werden, wenn die Wenigen, welche ani dielen Titel Anspruch machen können, in ein besseres Jenseits eingegangen sein werden, was dann? In der bisherigen Weise werden keine Lamdonim ausgestellt. Bei aller Würdigung der hier und auswärts bestehenden Veranstaltungen, bei aller Anerkennung ihrer Leistungen, die gar nicht entbehrt werden können, müssen wir doch sagen, daß noch ein Höheres zu erstreben ist, daß eine Stelle geschassen werden muß, welche sich die höhere Ausbildung der Hörer rrnd ihre Einführung in die Tiefen der jüdischen Wissenschaft, die Heranbildung zu Lamdonim zur Aufgabe stellt. Eine solche Gelegenheit zum tieferen Studium der Thora ohne gleichzeitigen Besuch anderweitiger Bildnngsanstalten soll die neue Veranstaltung bieten; darum ist die Unterrichtszeit auf Vormittags gelegt v. . - es müssen daher, insofern später der Rabbinerberuf ergriffen werden sock, die humanistischen Studien vorher oder nachher absoloirt werden. Wenn auch einige Ungarn als Schüler ausgenommen wurden, so ist das doch nicht gleichbedeutend mit einer Unterschätzung humanistischer Bildung. Für den Anfang waren indeß junge Leute nöthig, die bereits hinreichende, talmudische Kenntnisse besitzen, um ihre deutschen, in den jüdischen Disciplinen weniger fortgeschrittenen Genossen für den Vortrag vorzubereiten und mit ihnen zu repetiren. Es sind auch deutsche Jünglinge ausgenommen worden, wovon einer die Universität schon durch sechsSemester besucht hat. Wenn erst das Bestreben, noch weitere deutsche Hörer heranzuziehen, den gewünschten Erfolg haben wird, dann kann und wird auch eine wissenschaftliche Vorbildung beim Eintritt in die Anstalt verlangt werden. Es sollen übrigens nicht ausschließlich Rabbiner herangebildet werden, Jünglinge, die sich später dem kaufmännischen Berufe widmen wollen, sind ebenfalls willkommen; denn oft vermag ein Kanfmann mit gründlichen jüdischen Kenntnissen noch mehr für unsere heilige Thora zn wirken, als selbst der Rabbiner. 2b es möglich sein wird» das Ziel zu erreichen und Lamdomin auszubilden, wer vermag dies im voraus zu sagen? Aber schon der Versuch dürfte Anerkennung verdienen, keinesfalls jedoch scheinen Angriffe gerechtfertigt. Die Schwierigkeiten, die entgegenstanden und noch entgegenstehen, sind in keiner Weise zu unterschätzen, es ist deshalb auch die Ankündigung in bescheidener Weise erfolgt; dir siegcssichere Anslass ing des „Israelit und Jeschurun" iü demnach weder berechtige, noch der Sache selbst förverlich. Wenn solche einen Erfolg gehabt hat, so ist derselbe nur der bereits bestehenden Veranstaltung zu gute gekommen und hat, die rühmlichst erwähnten zwanzig Lichter ergänzt. Denn viele junge Leute, die hiehergekommen sind, um in die neue Anstalt einz itreten, die aber weil von vornherein nur die Zulassung einer beschränkten Anzahl von Hörern projektirt war, nicht ausgenommen werden konnten, haben sich an Herrn Dr. Horowitz gewandt. Vielleicht mag das Vorgehen der Religionsgesellschaft auch die Auffindung eines Dokuments in dem Gemeindearchiv, das der bestehenden Veranstaltung erhebliche Mittel zuführt mit veranlaßt haben, indem daraufhin wohl nach einem solchem gesucht worden sein mag. Daß Herr Rabbiner Hirsch s. A. selbst keine derartige Anstalt ins Leben rief, hatte nicht darin feinen Grund, daß er sie für überflüssig hielt; sondern weil die Zeit dafür noch nicht gekommen war. Die erste Gründung des Herrn Rabbiner Hirsch s. A. war die Realschule ihre Errichtung bot auch mannigfache, große Schwierigkeiten und es bedurfte der Einsetzung seiner vollen Kraft und der Unterstützung vieler Mitglieder der Religionsgesellschaft, um sie auszusühren; die Gründung einer Religionsschnle würde weit weniger Schwierigkeiten bereitet haben, er betrachtete solche aber auch als einen möglichst zu vermeidenden Notbehelf. Nach fünfundzwanzig Jahren, nachdem das neue Realschulgebäude errichtet war, wurde die Israelitische Volksschule gegründet; nach weiteren 10 Jahren, nachdem solche ihr eignes Heim erlangt und das neue Nolksschulgebäude dieser Tage eingeweiht wird, war es an der Zeit mit einer neuen Gründung vorzugehen. Das ist nun geschehen; wir wünschen der neuen Veranstaltung besten Erfolg und hoffen, daß dieser Wunsch vielseitig getheilt wird. VkrmiMes. Wien. Trauungen vom 37. December 1891. Im Temp el der inneren Stadt wurden getraut: Herr Dr. Ludwig Pollak mit Frl. Sidoma Munk; Herr Benedict Schlesinger mit Frl. Malvine Fischer. Im Tempel der Leopoldstadt wurden gekraut: Herr Jacob Liechtenstein mit Frl. Antonia Lasch; Herr Joses Abeles mit Frl. Helene Feldmahr; Herr Sigmund Födemeffy mit Frl. Adele Quetsch; Herr Dr. Ludwig Pisk mit Frl. Eugenia Pollak. — Am 17. Jänner 1892 findet in Lemberg die Trauung des Herrn Heinrich Blatt, Buchhalter der Firma Gustav Wotitz in Wien mit Frl. Rosa Stäuber statt. Wien. (Israelitische Kind erb erv-ahranst alt). Sonntag den 30. December 1891 fand in der isr. Kinderbewahranstalt in der Leopoldstadt, wie alljährlich die Gründungs-