Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Scirc i Vrflrrrrichischr Wochrufchrist. Nr 12 Dik Stellung eines Tramrrayconducteurs erschien ihm in diesen Tagen eine glänzendere als die eines Ministers. Es gelang ihn', einen solchen Posten zu erhalten, und er war glücklich. Aber er war ein Lehrer, gewohnt, zwischen Büchern zu sitzen, Kinder;n unterrichten. Draußen auf der Straße war er scheu, schüchtern, unbeholfen, ungelenkig, eine säst lächerliche Figur, dieser arme Teufel. Er zwickte die Karten schlecht ab, er machte in die gebrauchten Umsteigkarten kein Loch» er übersah einen Passagier, er erhielt Rügen und Straftouren und schließlich wurde er krank und wurde entlassen. Das Elend kam wieder in's Haus. Ein Kind, ein überaus aufgeweckter, talentvoller Junge, wurde scrophulös und der Marin rannte sich die müden Füße ab, um den Kleinen nach Grado zu bringen. Der Knabe wurde geheilt, sein Talent entwickelte sich in glänzevder Weise. Er absolvirte als Vorzugsschüler die ersten Gymnasial- Elassen, er zeigte sich als ein hervorragendes Talent auf der Violine, er erhielt im stenographischen Wettschreiben den ersten Preis. Das Kind hielt den Vater aufrecht. Nach einigen Wochen kam er zur Wiener Tramway-Gesellschaft, zuerst als Taglohner. Er reinigte draußen in Dttakring die Schienen. Aber er arbeitete gerne, er arbeitete ja für seine Frau, für seine Kinder. Endlich konnte er als Eonducteur fahren. Es ging ihm besser. Da wurde er krank an den Füßen. Nicht Jeder hält eine solche Arbeirsleistmlg aus, wie sie der Tramway-Eonducteur durchmachen muß! Man glaubte ihnr nicht, daß er krank sei. Er brachte ein Zeugniß des Professor Lorenz, der erkürte, daß Lubinger wirklich leidend sei, daß er nicht simulire. Das nützte Nichts. Er wurde entlassen.' Er schrieb herzzerreißende Briese, er nahm die Intervention einflußreicher Persönlichkeiten in Anspruch, er blieb entlassen. Trostlos schaute ihn, das neue Jahr entgegen. Er hatte gekämpft, er hatte gerungen, er hatte die niedrigste Arbeit verrichtet, er hatte Schnee geschaufelt, der arme Lehrer in seiner Noth — seine Kräfte hatten ihn verlassen. Sonntag stürzte er sich vom vierten Stockwerke hes Hauses in der Pfeffergasse herab und blieb todt. Seine in Währing Gürtelstraße Nr. 27 wohnhafte Frau erhielt eine Vorladung zum Polizei-Eommissariat. Dort wurde es ihr mitgetheilr, daß sie — Witwe sei. Der Schmerz, die Verzweiflung der Frau und der Kinder sind unsagbar. Die Familie ist verloren, der Hossnungsvolle starb, eine Blüte, die der Reis im Aufteben erstickt hat. Ein furchtbares Los harrt der Armen, deren Ernährer, des Kampfes müde, sich den Tod gegeben hat. Wer sich dieser unglücklichen Familie erbarmen will, sende seine Spende an die Adresse der Frau Dr. Lieben, Wien, I. Seitenstetteng. 4. M. Prag» 21. Dezember. Der Verein zur Verbreitung jüdischer Wissenschaften „Afike Jehuda“ eröffnerc verflossenen ("Sonntag sein Wintersemester, mit einem geistvollen Vortrage fe Herrn M. Friedma n n, Lectors am Beth Hainidrasch in Wien. Herr- Fried.mann ist als Capacität auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft zu bekanut, als daß mau nicht hätte erwarten dürfen, er werde das zu besprechende Thema „Der Rabbinismus ist der Frieden" in äußerst fesselnder Weise behandeln. Zu Beginn seines Votkrages wies der Rlcküer darauf hin, daß das Hauptziel des hundertfach verzweigten talmudischen Lehrgebäudes der Friede sei. Die Nonn, daß das tägliche Gebet nicht blo. in der hebräischen, sondern sn jeder beliebigen Sprache verrichtet werden dürfe, sei von den Rabbinen festgesetzt und ein Zeichen des Friedens. Der Redner besprach weiter die Ersetzung des Opfer- und Räucherculrus durch Verlesung der betreffenden Thoravorschristen und sagte, am deutlichsten trete die Friedenstendenz des Rabbinismus bei einem Vergleiche der biblischen Poesie mit der rabbinischen hervor. Der Vortragende schloß seine Ausführungen mit den Worten: „Nicht der seine Feinde bewältige ist der Starke, sondern derjenige ist der wahre Held, der seine Leidenschaften besiegt." Als der Redner geendet, erscholl stürmischer Beifall und die anwesenden Rabbiner und jüdischen Gelehrten beglückwünschten chn zu seinem Erfolge. — Am 19. d Ai. feierte eine, durch seine Wohtthätigkeit in beit weitesten Kreisen bekannte Persönlichkeit, Herr Samuel Fis che l im Vereine mit seiner Gattin Anna das Fest der goldenen Hochzeit. Herr Samuel Fischet ist Präsident des Vereines für geregelten Gottesdienst, Ausschußmitglied des Volksbildungsvereines und des israel. Freitisch-Vereines, Ausschußmitglied der Repräsentanz der Landesjudenschaft für Böhmen und Mitglied der meisten humanitären und wissenschaftlichen Vereine Prags. In allen diesen'Stellungen bechättgte Herr Fis che l ohne sich im geringsten vorzudrängen eine solche Selbstlosigkeit, daß er selbst in Prag, einer Stadt, deren Judenschaft so viele opferwillige und hochherzige Menschenfreunde in ihrer Mitte zählt, in die erste Reche gestellt zu werden verdient. . Um die Tempelgememden machte sich Herr F i s ch e l insbesondere durch die Einführung des Jugendgottesdienstes verdient. Für seine hervorragenden Leistungen auf dem industriellen Gebiete wurde I Hera- Fischet von Sr. Majestät durch die Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes belohnt. An seiner unb seiner Gattin Ehrentage sprach eine Unzahl von Gratulanten beim Jubelpaare vor, nahezu alle Vereine hatten Deputationen entsendet und die Zahl der einlausenden brieflichen und telegraphischen Glückwünsche hat noch heute ihr Ende nicht gefunden. Möge das Jubelpaar noch lange Jahre seiner Familie und seinem wohllhätigen Wirken erhalten bleiben! Berlin. Wie die sogenannten christlichen Antisemiten über ihre Stiefbrüder bit „Racen-Antffemiten" denken, zeigt folgende Notiz des frommen „Reichsboten": Die antisemitischen deutsch-sozialen Blätter oder vielmehr deren Redacteur Theod. Fritsch fahren fort, die Personen des alten Testamentes in der unflätigsten Weise zu beschimpfen — so zwar, daß wir es nicht über uns gewinnen können, die Rohheiten abzudrucken. Er redet von „Spitzbuben, H . . . . und Wuchergeschichten". Wenn er behauptet: „der Gott Christi ist keineswegs identisch mit dem Jehovah und Schaddai dcs Iudenthums" und Christum als Arier bezeichnet, so zeigt das jedem Kundigen, welche Stellung der Mann auch zu dem Christenthum einnimmt. Daß mit einem solchen Antisemitismus keift Christ etwas zu schaffen haben kann — ift selbstverständlich. Wie gefährlich aber 'die Agitation einer solchen Richtung unter unser e rn Volke i st, liegt cuf der Hand. Was die jüdische Presse dem Volke allenfalls noch vom Chriftenth um gelassen hat, das würde ihm eine solche a n t i s e nt itische Agitation, die sich noch dazu i n d e n M a n t e l d er Christen freund lichkeit hüllt, nehmen. Wenn sich unser Volk erst angewöhnt, in diesem Tone von den Männern des alten Testanients und von diesem selbst zu reden — dann wäre dem Faß völlig der Boden ausgeschlagen — und die Sozialdemokratie könnte die Erbschaft antreten. Es ist deshalb Pflicht, diesem naturalistischen Racen- Antisemitismus als einer großen Gefahr entgegenzu treten. Die konservative Partei hat alle Ursache, sich mit demselben unverworren zu halten, um so mehr aber muß sie selbst die Abwehr der Schädigungert in die Hand nehmen, welche unser Volk von dem Jndenthum erleidet. Jetzt sehen die Herren „um Stöcker", welche Elemente sie in denen „um Böckel" entfesselt haben, und möchten dieselben gern wieder los werden. Der Kritik der Racen- Antlsemiten durch den „Reichsboten" haben wir nichts hinzuzufügm. Karlsruhe. Da die A n t i s e m i t e n den Verbuch machen, in Baden Boden zu gewinnen, so dürfte es nicht uninteressant sein, aus der Kriminalstatistik für das deutsche Reich, welche für das Berichtsjahr 1889 im Verlage von Pnttkammer und Mühlbrecht in Berlin, 1891 erschienen ist, Nachstehendes sestzunaneln: Unter der badischen Gesainmtbevölkerung von 1,650.000 befinden, sich 27,000 Juden. Von den badischen Gerichten wurden 1889 wegen Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögen 5311 Personen abgeurtheilt. Von diesen gehören 2052 der evangelischen, 3204 der katholischen, 46 der jüdischen Confession an, 9 unbekannt welcher Consession. Die Juden bilden in Baden den 61. Theil der Gesammtbevölkerung, während nach dem P r o z e n tsatz der Bevölkerung 87 Verurtheilungen aus Juden fallen sollen, kamen thatsächlich nur 46 Verurtheilungen vor. Diese' arntliche Statistik, der antisemitischerseits gewiß nicht der Vorwurf gemacht werden kann, daß sie von Semiten aufgestellt ist, widerlegt die von den Antisemiten gegen die Juden vorgebrachten Verdächtigungen wegen Wuchers und Betrugs aus das glänzendste. Wären die Juden so gemeingefährlich, übten sie einen demoralisirenden Einfluß aus, wie die Antisemiten in ihren Zeitungen in betrügerischer Weise dem Publikum vorzumachen suchen^ so müssen doch diese Thatsachen auch aus sttasrechtlichem Gebiete Ausdruck erhalten. Nun ist es ein bekanntes Manöver der