Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020901--01009-3025026- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr 1 Oesterrrichischr Wocherlschrist. <Stiu u Volksblattes" nicht ohne Vortheil weiden dürsten. Eines dieser Recepte führt die Ueberschrift: ..Die Cousine Arthurs" und lautet: Der Dieb gesellt sich einer freundlichen jungen Dame zu. Nachdem die stille Gesellschaft gebildet ist, bezeichnet der Chef der neuen Firma seiner Genossin den ersten besten ihnen begegnenden ältlichen Herrn, dessen Weste mit einer glänzenden Goldkette geschmückt ist. Die „junge Dame" geht geradeaus auf den Bezeichneten zu, hält im ihr fein behandschuhtes Händchen vor beide Augen und begleitete die Procedur mit den schelmischen Worten: „Rathe wer ich bin Neunmal in zehn Fällen geht der Herr auf dem Leim ..Elementine!" ruft er, in der Meinung, irgend eine Bekannte vor sich oder vielmehr hinter sich zu haben. „Keine Idee!" — „Also Clara . . oder Sofies -- ,.Dn bist auf der Spur . . . rathe noch einmal!" Und während der arme Tropf mit geschlossenen Augen noch sein bischen Hirn zermartert, um seine Erinnerungen zu sammeln, hat ihm der Dieb mit aller Gemächlichkeit die Uhr aus der Tasche escamotirt. Kaum ist die Beute in Sicherheit, zieht die Genossin plötzlich die Hand von der Stirne des Opfers, gibt sich geschickt den Anstrich höchster Verlegenheit und ruft stotternd, während sie das Weite sucht: „O, mein Herr! Entschuldigen Sie tausendmal ... ich hielt Sie für meinen Cousin Arthur." Man liebt das Kosen des „Deutschen Voltsblattes bleibt nicht ohne Nutzen. kß. Evien. f21 r isch er Lebensmittelw uch ev.j Das calumniate nudacter seitens der Antisemiten richtet sich bekanntlich gegenüber beit Juden besonders auf das Gebiet des Getreide- und Lebensmittelwuchers. Wie ungerechtfertigt diese kühne Verdächtigung die Juden trifft, ist unzählige Male nachgewiesen worden; ebenso die Thatsache, daß die profundesten Arier den, Kornwucher als Specialität und in meisterhafter Weise betrieben haben. Daß sich die biederen Arier auf ihren Vortheil verstehen und daß bei ihnen stets die ausgesprochenste Geldgier, niemals aber das Gefühl und die Rücksicht für die ärmsten Volksclassen Grundsatz ist, konnte man erst kürzlich gewahr werden. Am 31. December wurden bekanntlich die Wiener Vororte in den Verzehrungssteuerrayon einbezogen und in Verbindung damit auf einige Consumtibilien der städtische Octroi ausgedehnt. Diesen Umstand benützten jedoch die Kanfleute, Greißler und Wirthe der Vororte, um eine progressive, die Verzehrungssteuer weit überragende Hinaufsetzung der Preise;u insceniren, welche sich als der crasseste Lebei.smittelwucher derlarirt. In den Vororten gibt es aber keine jüdischen, sondern ausschließlich arische, zumeist echt in der Wolle gefärbte antisemitische Kaufleute, Greißler und Wirthe. Man hat jedoch nichts vernommen, daß die antisemitischen Blätter oder die Antisemitenführer gegen diesen Lebensmittelwucher, der gerade die gegenwärtig bedrängten ärmsten Bevölkerungselassen schwer trifft, Einspruch erhoben hätten. Wenn ein Arier, insbesondere ein antisemitischer, das arme Volk bewuchert, drückt man sich und schweigt sich schön aus. So gebietet es die antisemitische Moral! EB. Wie». (D as Weihnachts-Avancement der R e f e r v e - O f f i e i c r e ) bringt, wie ■ alljährlich, so auch diesmal eine stattliche Zahl Beförderungen Einjährig-Freiwilliger von Juden. Bon den 1793 Beförderten sind nämlich über ein Viettheil Glaubensgenossen und vertheilen sich dieselben auf die Hauptwaffengaltungen ziemlich gleichmäßig. Von bekannten Namen sind in der Beförderungs-Liste zu finden: Oscar v. Eisenstädter (Infanterie), Victor Ritter von K l a r w i l l, Arthur Freiherr von M o r p u r g o (Cavallerie), Victor Porges Edler von Portheim (Geniewaffe) und Pmrl Ritter v. Sonnenthal (Cavallerie). Ferner Lieutenant Heller. (Sohn des Directors Heller von der Hohen Warte) Lieutenant Paschel es (Sohn des Prager Buchhändlers) und viele Andere. Man wäre thatsächlich versucht, auf die Anomalie hinzuweisen, welche in den Personalverhältnifsen im Kriegsgegenüber dent staatlichen Civildienste besteht. Des Kaisers Rock wird beim Militär hoch in Ehren gehalten, nur Derjenige darf ihn tragen, dessen Charakter- und sonstige Eigenschaften vollste Integrität besitzen. Nun gibt es -in der Armee viele Tausende jüdische Officiece des activen tntb — was ganz gleich zu halten — des Reservestandes. Der kaiserliche Kriegsherr befördert alle Tüchtigen und Befähigten, die demselben vom Kriegsminifter in Vorschlag gebracht werden, ohne Unterschied der Religion. Wenn die Juden im Civilftaatsdienste tief bedauerlicher Weise Zurücksetzungen erdulden müssen, so trägt hieran wohl nur der Umstand Schuld, daß die Ernennungen bis zur 6. Beamten-Rangclasse von Seiner Majestät den Ressortchefs überlasten sind. Wir enthalten uns, zu einem Conclusum zu gelangen, weil sich dasselbe aus der Logik der Thatsachen von selbst ergibt. Wien-, den 28. Dezember 1891. Im Rahmen der üblichen Chanukafeier fand gestern die Eimveihung des von den Herren Gebrüder W i l h e l m und David Ritter von Gutmann gespendeten und vom genialen Architekten Fleischer in maurischem Style erbauten, neuen, israelitischen Mädchenwaisenhauses in Döbling, Feldgasse 37, statt. Das Fest begann mit einem vom Obercantor Singer, des langjährigen, verdietrstvollen Gesanglehrers componirten, und von dem Zöglingen des Institutes unter Harnioniumbegleitung überaus weidevoll gesungenen Chorliedes „Odjshokianisoni41, worauf Herr Dr. I e t i i tt e t in umfangreicher und trefflicher Rede zuvörderst die Bedeutung des Institutes und die p'ülantropischen Bestrebungen des unermüdlichen Wohlthäters zeichnete, deren Mimificenz das Haus erbauen ließ. Die allgemein beifällig aufgenommene Rede wurde mit der Absingung eines von S. Singer componirten und von ihm am Harntonium begleiteten 2. Chorliedes mit deutschem Texte „Da der Herr uns treulich, stützte", umrahmt, tvorauf ein Waisenmädchen in gut gesetzten und vortrefflich vorgetragenen Worten den Dank der Gesämmtzögliuge aussprach. Diit dem Anzünden der Chanukalichter und der Absingung der Chanuka und Volkshymne, war der eigentliche Festact beendigt, tvorauf in dem hellerleuchteten Turnsaale die Vertheilung der Festgeschenke an die Zöglinge statkfand. Außer den Vorstandsdamen, der Frau Baronin von K ö n i g s w a r t e v Hosräthiu von Pfeifer, Soste von G u r m a n u, Reg. F r i e d l ä n d e r, Baronin Oppenheim, Frau Ottilie Bondv, Frau Emilie Singer, Fräulein von Biederm a n tt, Cäcilie A dler, Frau Dr. von M a u t n e r, sowie den Fnstinlkscuratoreu Herren S. T r e 6 i t s ch, Moritz Hirsch, Baron Oppenheim jun., u. A., waren noch anwesend die Damen Jda von Guimawu, Frau von B i e d e rm an n , Frau K a r p e l c s, Gattin des Herrn Vorstand-Obmannes, Moriz K a rp ei es, Frau Dr. G r üufeld, k. x. Der Gemeindeoorstaud ward durch, die Herrett Vizepräses Gustav S i tu o tt, Dr. Stein und Dr. Stern vertreten, denen sich Herr Oberrabb. Dr. G ü d e tti a n n, Reichsrathsabgeordneter Dr. B l o ch,'Director H eile v, Direcwr F i s ch e r und eine tveitere, beträchtliche Anzahl diftinguirter Persönlichkeiten anschloß. Selbstverständlich waren auch die Vorsteher des Waisen-Bereines mit dem unerntüdlichen Secrerär Herrn Josef Schiff bei der Feier, welche die Krönung ihrer B. strebuugen brachte, zugegen. Das überaus praktisch gebaute, 'ich feierlich repräsentirende, von der Jttstitutsdirectorin Frau Flora B r u ck sowohl administrativ als didacufch trefflich geleite.e Haus bot ein .farbenprächtiges Bild eines lieblichen Festactes. Dröge dieser freundliche Eindruck atich die fernere Stimmung der segensreichen Thätigkeit dieses Hauses bilden und mögen die edlen Spender und hochherzigen Fnstitutsvorsteherinnen in jedem Mädchen, welches» etwerbssähig die Anstalt verläßt, in dem Bewußtsein, selbst zur Förderung dieses Liebeswerkes beigetragen zu haben, reichen und erbebenden Lohn finden. Wien. «.Jüdische Armuth in Wien». Ein Selbstmord! Etwas Alltägliches! Ein entlassener Tramwapcondncrenr hat sich vom 4. Stockwerke gestürzt! Eine vollständig iimimietfaiue Persönlichkeit! Und Isaak Lubinger hat?r zu seinem Unglück auch noch geheisten! Der arme Teufel, dessen zerschmetterter Leichnam draußen in der Leichenhalle ruht und der sich Sonntag von der schwindelnden Hohe des 4. Stockwerkes auf das Pflaster geflürtt har, verdient es. daß man seine Geschichte erzähle, die Geschichte eines Ringenden, eiueS Kämpfenden, eines Untergehenden. Es mögen fünf Jahre her sein, daß er nach Wien kam. Cr war Lehrer. Er schrieb sehr hübsch, er sprach mehrere Sprachen, er ging nach Wien, weil er hier für seine Kinder eine bessere Erziehung, bessere Schulen zu finden hoffte. Er lebte für »eine Kinder. Er suchte nach Lektionen und fand sie nicht. Die geringfügigen Mittet waren bald erschöpft, er wurde Taglöhner. Die Hand, die gewohnt ist, die Feder zu führen, weiß mit-Krampen und Haue schlecht umzugehen. Man lachre ihn aus und er wurde sortgeschickt. Jetzt begann das große Hungern.