Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-01 · 1 (1.1.1892) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020901--01005-3025022
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1 Oestrrreichifchr Wochenschrift. Seite 7 Vereinen floß neues Geld zu, die Tempelspenden begannen wieder; der Cultusvorstand entschloß sich, die Armenpflege ins Gebi-'t seiner Thätigkeit zu ziehen. Man ließ die hochpolitischen Rücksichten bei Seite, kaufte bei Juden und trachtete, dem armen Juden zu helfen, unbekümmert um die Unterstützungspflicht der Großcommune. Leider blieb die hiesige Judenschaft hinter der gleichartigen Thätigkeit anderer Iudengemeinden weit zurück. Staunenerregend ist, was auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit geleistet wurde. Die Pester Chewrah Kadischa, deren Einnahmen (vom Friedhofsdienste abgesehen) die Einnahme der hiesigen um das Z'/zfache übertreffen, der Frauenverein, die Waisenhäuser, das neue jüdische Spital bilden Centren der Wohlthätigkeit, mit welchen wir uns nicht m'ssen können. Auch Berlin hat uns weitaus überflügelt. Beispielsweise sei erwähnt, daß sich dort 7 bedeutende Waisenftiftungen befinden, welche über 2 Millionen Mark verfügen. Dazu besteht eine stramme Centralisinmg im Schoße einer Armencommission des Gemeindevorstandes. Rechnungsmäßig stellen sich die Ausgaben der Gemeinde für Armenpflegszwecke in Berlin auf 11'4 fl. per jüdischen Einwohner, in Pest auf 70 kr., in Wien auf 49 kr. „Zu prunken" haben wir sohin nicht. Allerdings ist in jüngster Zeit so Manches nachgeholt worden, so durch Errichtung eines Altersversorgungshauses, des Gutmann'schen Mädchen-Waisenhauses, des Springer'schen .Knaben-Waisenhauses; die ansehnlichen Mehrleistungen des Handwerkervereins sind nicht zu unterschätzen; das Baron Hirsch'sche Wohlthätigkeits-Bureau übt segensvolle Wirksamkeit, allerdings meist auf dem Gebiete des Almosens. Doch darf es bei solchen vereinzelten Anstrengungen nicht das Bewenden haben. Vielmehr muß die Armenpfl-ge in organischen Zusammenhang gebracht, es muß die längst angeftrebte Centralisimng unserer jüdischen Woblthätigkeitsvereine angebahnt werden. Ohne die Autonomie der einzelnen Vereine zu verkürzen, bedarf es einer Central stelle, welche den Armen als rettender Rothanker, als Duelle für Rath und Auskunft, den Vereinen als ein wirksames Clearinghouse dient, wo durch Austausch gegenseitiger Erfahrungen, durch gemeinsame Statistik und Registratur eine Arbeitstheilung vorgenommen werden kann. Rur wenn sich die Vereine untereinander ergänzen und wenn — unter der Aegide einer vom Cultusvorstande zu leitenden Centralcommission — ein einheitliches Wirken erzielt wird — nur dann lassen sich die schwierigen Aufgaben der jüdischen Gemeinde, die heute 132.000 Seelen zählt, annähernd erfüllen. Die Vereine machen aber die private Armenpflege keineswegs überflüssig. Im Gegenteile lassen sie die Intervention zahlreicher Privatwohlthäter nur um so dringender erscheinen, je mehr sie — die Vereine — sich auf ihre Einzelaufgaben concentriren. Es wäre überaus erwünscht, daß der Contact zwischen den Besitzenden und den Armen wieder ein lebhafterer würde und daß wie ehedem der Jude aller Welt mit dem Beispiele vorangehe, wie man die Wohlthätigkeit als Gewissenspflicht zu betrachten habe. (Lebhafter allgemeiner Beifall.) Die Nervenleiden und die Juden, Von Dr. I. G., Spitalsarzt. Die rapide Zunahme der Nervenleiden ist ein Product des XIX. Jahrhundertes. In den früheren Jahrhunderten mangelte es nicht an nervösen Leiden, doch wurden die Fälle zu wenig beobachtet und am allerwenigsten von den dazu berufenen Factoren. Heute, wo die Nervenleiden so allgemeine Verbreitung finden, erregen sie das Interesse der Aerzte wie auch des Laimpublikums und dieses legt oft erstaunliche Kenntnisse auf dem Gebiete der Nervenheilkunde an dm Tag. Jrrthümlich ist die Auffassung, als ob die wohlhabenden Classen die nervösen Leiden einzig und allein in Pacht genommen hätten und der armen Bevölkerung in Folge Vergriffenseins dieser Leiden gar keine Gelegenheit geboten werde, daran zu partizipiren. Wir finden leider die arme Bevölkerung von dm nervösen Leiden stark heimgesucht, ein umso bedauerr^wertherer Umstand, weil solche Leiden nur für die Reichen paffen, denm ein großer Beutel zur Verfügung steht. Werfen wir einen Blick auf die Verbreitung der Nervmleiden unter den Nationen, Racen, so sehen wir die mlturell höchst.henden Völker von diesen Leiden am meisten heimgesucht. Unter den Racen stellt die jüdische das größte Eontingent für Nervenleiden und die größte Verbreitung findet unter den Juden die Neurasthenia, zu deutsch die krampfhafte Erschöpfbarkeit des Nervensystems. Diese Krankheit wird auch die Krankheit der Kaufleute und Speculanten genannt, und wird dort beobachtet, wo die volle geistige und körperliche Spannkraft des Einzelnen besonders lebhaft und anhaltend in Anspruch genommen wird. Und heute, wo den Juden der Kampf ums Dasein so schwer gemacht wird, wo der Jude mit dem Aufgebote aller seiner geistigen Kräfte sich nur mit Mühe eine Existenz erringen und die bereits errungene unter dem Drucke der socialen Verhältnisse nur mit großer Kraftanstrengung behaupten kann, soll es uns gar nicht wundern, daß wir so viele Neurastheniker haben; wir müssen uns vielmehr fragen, warum sie es schon früher nicht gewordm sind. Andere Geschenke des nervösen Zeitalters wie etwa die Hemicranie, (der halbseitige Kopfschmerz) ist zweifelsohne die Folge geistiger Ueberanstrengung. Affecte der Sorge, des Kummers, des Grams, wie ne das Ringen um eine Existenz zur Genüge erzeugt, geben unablässigen Stoff 31t Anreizungen und Anregungen des Gemüthes und legen dem Menschen Bedingungen auf, die er nicht immer ohne Gefahr für seine cerebralen Functionen erfüllen kann, lind so sehen wir bedauerlicherweise die Zahl der Psychosen, der Gemüthserkrankungen, bei den Juden stets anwachfen und die heutigen Irren jüdischer Race sind das Opfer der uu.,csimden socialen Verhältnisse, sie waren dem Kampfe um ihre Eristenz nicht gewachsen, und fielen der ewigen Umnachtung anheim — Wie intensiv die Einwirkungen auf die Nerven und das Gehirn beim Juden erfolgen, beweist der Umstand, daß selbst wenn Nerven und Gehirn Dank der größeren Widerstandskraft des Jndividuttnls verschont bleiben, so haben sie doch Erscheinungen zur Folge, die die moderne Wissenschaft unzweifelhaft als nervöse bezeichnet. Als solche Erscheinung auf dem Wege des Gehirnes und des mit ihm verbundenen sympathischen Nerven ausgelöst, ist der Diabetes mellitus (die Zuckerkrankheit), in dessen statistischen Tabellen die Juden obenan figuriren. Es sind viele Fälle bekannt, wo verfehlte Börsenspekulationen sicher den unmittelbarm Anlaß zur Zuckerkrankheit gegebm haben.' Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Juden theils eine ererbte, theils eine erworbene Prädisposition für Nervenleiden haben. Die Prognose ist daher für die Juden als eine ungünstige zu bezeichnen, es wird die Zahl der Nervenleidenden immer zunehmen, wenigstens so lange die jetzigen, mißlichen Verhältnisse bestehen, die eine aufreibende Thätigkeit eines jeden Individuums erfordern. Die 18. ordentliche Generalversammlung des israel. Tempelvereines für Mariahilf und Neubau. Der Israel. Tempelverein für Mariahilf und Neubau besitzt nicht blos einen Tempel, welcher ein architektonisches Kunstwerk ersten Ranges, zünden Sehenswürdigkeiten der Residenz zählt, und nicht blos einen herrlichen Gottesdienst, welcher eine mächtige Anziehungskraft für die Israeliten der westlichen Vororte bildet, sondern auch eine mustergiltige Vereinsleitung und Verwaltung. Solid, wie der Bau, welcher aufgefiihrt worden zur Ehre des Judenthums, harmonisch wie der Gesang, welcher bei dem Gottesdienst die Herzen in Andacht zu Gott erhebt, so arbeüet die Leitung des Vereines, solid und harmonisch, und konsolidirt von Jahr zu Jahr ihren finanziellen Besitz und das Vereinseigenthum. Sie bietet das Muster einer pflichtgetreuen, eifrigen, intelligenten und verständnißvollen Vereinsverwallung, für welche die jährlichen Generalversammlungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.