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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-01 · 1 (1.1.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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> - *; Seite 6 Vesterretchifche Wochenfctzrist. wir sie, in echt mosaischem Geiste nicht als Sache des Mitleides und persönlicher Güte, sondern als Pflicht. Unter allen Nationen hat die bibelfesteste die englische eine auf ähnlichen Anschauungen beruhende Armengesetzgebung. Der Staat anerkennt, daß der Arme sein Recht menschenwürdig zu leben, gerichtlich geltend machen könne. Er stellt zu diesem Behufe ein Armenbudget von mehr als 8 Millionen Pfund Sterling für England, 3/4 Millionen für Schottland und V/4 Millionen für Irland zur Verfügung, also etwa soviel, als man bei uns für das Heer ausgibt, dazu einen wohlorganisirten Beamtenkörper. Die Armenbehörden genießen das höchste Ansehen und der Präsident des Armenamtes erhält einen Gehalt von 2000 Pfund Sterling, an den Berathungen des Präsidiums nimmt der Justiz- und Finanzminister Theil. Der freiwilligen Armenpfleger bedient er sich als Beiräthe, t&tc die wirkliche Unterstützungsarbeit vertraut er nur seinen wohlgeschulten,, gutbesoldeten und pflichttreuesten Organen an. Dcwei unterscheidet die englische Armenpflege zwischen den arbeitsunfähigen Armen und dem arbeitsfähigen Almen, welch Letzteren man nur dann über zeitweilige Noth hinweghilft, wenn er im Arbeitshause (Worckhouse) durch seiner Hände Arbeit die Pflege verdient. Durch diese consequent durch geführte Unterscheidung war man im Stande, allen Professionsbettel auszuschließen und die Armenlaft auf vernünftige Grenzen einzuschränken, dabei aber die Armenpflege zu verbessern und die Sterblichkeit der Unterstützten wesentlich zu verringern. Diese staatliche Armenpflege wird durch eine in colossalen Dimenswnen geübte private Wohlthätigkeitspflege ergänzt. So hat Peabody einen Complex von Häusern für wohlfeile Wohnungen erbauen lassen, in denen derzeit gegen 20.000 Menschen wohnen. Die Sterblichkeitsquote ist in denselben auf 17 von 10.000 gesunken, während sie in den benachbarten L>tadttheilen 23 beträgt. Die Schilderung des „Volkspalastes" wo selbst der Aermste sich eine frohe Stunde bereiten kann, ist durch alle Zeitungen gegangen und eben jetzt hat man für die zahlreichen polnisch-russischen Arbeiter jüdischer Confession einen Club gegründet, dessen Eröffnungsrede Lord Rothschild gehalten hat. Auch in Deusschland machte seit Gründung des neuen Reiches die Armenpflege wesentliche Fortschritte, indem sie fast überall auf dm Unterstützungswohnsitz basirt wurde, d. h. daß der Arme dort unterstützt werden soll, wo er seit 2 Jahren weilt. Nur ist dieser Anspruch nicht — wie in Cngland — klagbar und wird auch der grundlegende Unterschied zwischen Arbeitsfähigen und Unfähigen nicht festgehalten. Dadurch reducirt sich die deussche Armenpflege auf das Almosenertherlm, während die präventive Armenpflege noch sehr im Argen liegt. Daß es nicht auf die Geldmittel allein, sondern auch auf die Art chrer Verwendung ankomme, sieht man in Jtaüen. Dort sind Millionen Francs in wohlthätigen Stiftungen angehäuft und doch gibt es nirgends so viel Armuth als in Italien, weil man das viele Geld höchst unzweckmäßig verwendet. Am Schlimmsten aber steht es in unserem Vaterlande. Hier fehlt es vollständig an System. Die ganze Gesetzgebung beruht auf dem mittelalterlichen Grundsätze, daß der Arme nur in seiner Heimatsgemeinde eine Unterstützung beanspruchen könne. Da die Städte, in denm sich die Armuth concentrirt, zur guten Halste von Nichtzuständigen bewohnt sind, so befinden sich die meisten Armen dort, wo sie keinen Anspruch auf Urtterstützung haben. Sie sind auf Almosen angewiesen — präventive Armenpflege existirt nicht — die ultima ratio ist der Schub. Für dieses thörichte und unmenschliche Palliatw gibt der Staat (Cisleithanien) jährlich l*/2 Millionen aus, bie wahrlich öeffer angewendet werden könnten. Der Schub ist aber nur ein Mittel, den Armen los zu werden, ohne ihm zu Hessen. Obschon neuestens Manches zur Förderung der Armenpflege geschah —■ so fehlt es eigentlich doch an dem Wichtigste um die forsschreitende Verarmung aufzuhalten. Es fehlt Nr. I 1 an Kinder- und Jnfectionsspitälem, an Reconvalescentenhäusern, an Asylen für Epileptische und Geistesschwache, es fehlt namentlich an richtigen und festen Grundsätzen. Unsere freiwillige Armenpflege, ist ungenügend, sie läuft auf ein großes Bettelunwssen hinaus. — Darum vermehrt sich alljährlich das Ausgrbenbudget und die Zahl der Unterstützungsbedürstigen, ohne daß Merkliches geleistet wird. Das Land verläßt sich auf die Gemeinde, die Gemeinde auf die Vereine, d'.e Vereine auf die Einzelnen und schließlich'geschieht fast nie das Richtige. Man pricht sehr selbstbewußt vom „wohlthätigen Wien", allein der Ausblick auf andere Städte zeigt, daß wir sehr weit rückwärts reagiren. Die altjüdische Armenpflege verband das Bewußtsein der Pflicht, Mizwah mit dem ßachmones. Unter dem Drucke des Golus war das Gefühl der Zusammengehörigkeit ein sehr lebhaftes; der Jude, welcher durch ganz Europa gehetzt wurde, fand in jeder Gemeinde offene Thüren, leider häufig auch offene Kerker und Scheiterhaufen. Naturgemäß bestand die altjüdische Armenpflege meist in Naturalgaben. Dies erhielt sich bis um die Mitte dieses Jahrhunderts. Auch in Alt-Wien wurden Studenten, Lehrlinge, Reisende rc. in den besten Häusern zum Tische des Hausherrn zugelassen; das „Tagessen", die Betheilung mit Kleidern, die Gaben am Purim und Jontew waren allgemein. Mit dem Jahre 1848 trat hier ein Wandel ein. Die Judengemeinde demokratistrte und vermehrte sich, die Freizügigkeit brachte immensen Zuzug aus Ungarn und Polen. Allein noch immer bestand ein Con.tact zwischen Reich und Arm; im Tempel stand man neben einander; die jüdischen Aerzte übten eine weitreichende Armenpraxis und edle Glaubensgenossen, wahrhaft vornehme Familien thaten ihre Schuldigkeit. Allmälig vergrößerte sich die Gemeinde so sehr, daß die persönliche Wohlthätigkeit zurücktcat und der Vereinsthätigkeit Raum geben mußte. Aus Alt-Wien hatte man 3 Vereine mitcebracht: die Chewrah Kadischa, die Armenanstalt und den Frauen-Verein. Dieselben wurden auf breitere Grundlagen gestellt; hervorragende Menschensteunde, wie die edle Theresia Meier, Dr. Engel, Jos. Hertheim, Elias Pollak übten eine segensreiche Thätigkeit. Allein die Verhältnisse erschwerten die an sich schwierige Aufgabe. Die Armen, welche ehedem im II.. Bezirke eingepfercht waren,' vertheilten sich über das weite Stadtgebiet. Die jüdischen Aerzte konnten den geänderten Verhältnissen nicht mehr ge lügen. Die Zahl der Armen schwoll mächtig an, die Mittel reichten nicht hin. Die liberale Strömung der Neuzeit schuf weitere Hindernisse für die jüdische Armenpflege. Von vielen Seiten ward die Amalgamirung der Juden mit den andersgläubigen Mitbürgern angestrebt; das Gefühl der jüdischen Zusammengehörigkeit als Vorurtheil verworfen, die Thätigkeit der jüdischen Vereine als separatistisch verurtheilt. Der Cultusvorstand fand, daß die Armenpflege gar nicht in sein Bereich gehöre. Der jüdische Arme solle sich an die Großcommune halten. Die Tempelspenden hörten fast gänzlich auf, Collecten für derlei Zwecke wurden abgelehnt. Dazu kam die Rückwirkung der wirthschaftlichen Zustände, die Wohnungsnoth, später die Verarmung nach der 73er Krisis — rapide Zunahme der Unterstützungsbedürftigen, Versiegen der Geldmittel. Die Dinge gediehen weiter, als man annahm. Man hielt sich die Hand vor die Augen. Allerlei Katastrophen, die insbesondere in den Vororten eintraten, wurden todtgeschwiegen. Der Mittelstand that das Möglichste, allein die Hände ermüdeten. Das Facit lief auf zweckloses Almosengeben hinaus. Da trat der veus ex machina auf die Bühne, der Antisemitismus. Die Unglücklichen, welche in Rumänien und Rußland (1880) geopfert wurden, starben wahrlich lekiddusch haschem — sie haben das verfallene Judenthum wieder aufgerichtet. Mit dem wieder erwachenden Gefühl der Zusammengehörigkett trat wieder die Mizwah in den Vordergrund, den

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