Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Oesterrrlchische Wochenschrift. Seite A EMst Vergani gegW den jüdischen Commis. Das „Deutsche Volksblatt" hat seinen Lesern eine eigenartige Weihnachtsfreude bereitet. Cs erzählt in seiner Sonntagsnummer die Geschichte eines christlichen Fabrikanten, dem lange Zeit „das Geld ins Haus flog" und der sich zum „Beherrscher eines reichen Marktes" aufgeworfen hatte, bis er an Stelle des verstorbenen, natürlich arischen Buchhalters einen Juden engagirt, der, wie der geschmackvolle Verfasser nachdrücklich betont, ein „Ohrfeigengesicht" hatte, weil „es Einen unwillkürlich juckt, darauf einen Schlag zu versetzen". Dieser jüdische Buchhalter nun ist überaus fleißig, kümmert sich um Alles, überwacht Alles, studirt Alles, bis er schließlich ein Concurrenzgeschäft gründet und seinem Chef die Arbeiter und die Kunden wegfängt. Wo diese lehrreiche Geschichte passirt ist, wer der Chef rmd wer der Commis ist, wird nicht gesagt. Der christliche Fabrikant und der jüdische Commis werden hier als Typen hingestellt. Cs gilt die Hetze gegen den armen jüdischen Handlungsgehilfen! Wir könnten dem gegenübermit einer anderen Geschichte von einem großen christlichen Fabrikanten, dem Besitzer eines Welthauses auswarten, der vor langen langen Jahren den AltbrÄnner Markt mit der ärgsten Pofelwaare beschickte, die ihm natürlich Niemand abnahm. Da kam der wackere christliche Fabrikant auf eine geistreiche Idee. Erließ die Waare umpacken und verkaufte einem armen jüdischen Händler 13 Stück für ein Dutzend. Alsbald verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, daß bei dem großen £. — wir könnten den Namen nennen — die Waare fehlerhaft gepackt sei und daß man 13 auf ein Dutzend bekomme. Nun strömten die Käufer herzu und in kurzer Zeit war mit dem Pofel aufgeräumt — selbstverständlich auf Kosten der kleinm jüdischen Händler. Wir könnten noch weitere Geschichten erzählen, wo just das, was das „Deutsche Volksblatt" von einem christlichen Fabrikanten und einem jüdischen Commis erzählt, jüdischen Fabrikanten von Seiten ihrer ch r i st l i ch e n Commis geschehen ist. Auch da stündm uns Namen zur Verfügung, aber wir werden dieselben nicht nennen, weil mit alldem nichts bewiesen wäre, als daß es unter Juden und Christen in gleicher Weise neben ehrlichen Leuten auch Spitzbuben gibt und daß die Confessiou"dabei gar keine Rolle spielt. Vor Allem aber hätte Her-r Vergani sich hüten müssen, seine namenlose Geschichte in seinem eigenen Blatte zu erzählen, denn in der Person des ungetreuen jüdischen Commis ist — er selbst, der polnisch-italienisch-germanische Ehrenmann, porträtähnlich gezeichnet. Die Kennzeichen passen auf ein Haar genau auf ihn, selbst bis auf das Ohrfeigcngesicht, denn auch diesem Gesichte gegenüber hat es schon Manchem in den Fingern gejuckt, und es wäre vielleicht nicht bloß beim Jucken geblieben, wenn nicht eben die Meisten an das Sprichwort vom Pech gedacht hätten, womit man sich beschmutzt. Die Geschichte vom „jüdischen Wettbewerb" paßt also genau auf Ernst Vergani. Vor Jahren gründete derreiche Georg Schönerer ein großes Fabriksunternehmen. Er erzeugte einen ganz eigenartigen Artikel, der auf den Massenabsatz berechnet war, er „machte" in Antisemitismus. Das Geschäft ging lange Zeit blühend. Herr Schönerer war im Besitze eines Fabriksgeheimniffes, er opferte große Summen für die publicistische Anpreisung seiner Waare, er beschäftigte eine Menge von Reisenden im In- und Auslande, er selbst war rastlos thätig und scheute keine Mühe, um sein Erzeugniß in aller Welt zu verbreiten. Eines Tages engaHÜte Georg Schönerer einen neuen Commis, Namens Ernst Vergani. „Das Aeußere desselben war keineswegs einnehmend, er hatte eines jener dreist lächelnden Gesichter, die man Ohrfeigengesichter nennt, aber er zeigte sich sofort ungemein anstellig und eifrig, er war weitaus über das Maß des gewöhnlichen Eifers hinaus thätig, kümmerte sich um die gesammte Concfpondenz, eignete sich die Fabrikattonsgeheimnisse an und ging sogar auf Reisen" für Herm Schönerer. Kurzum, der Commis Vergani lernte bei seinem Herrn und Meister Schönerer Alles, was zum Betriebe des antisemittschen Geschäftes nöthig war, und sein Herr fand so sehr Gefallen an ihm, daß er ihn zuletzt sogar zu seinem Afsociü erhob, indem er ihm zu einem Mandat in den Reichsrath verhalf. Jetzt hatte Vergani ausgelernt, und er benützte die nächste Gelegenheit, um seinen Herrn und Meister zu verrathm und sich sein eigenes Geschäft zu gründen. Kaum hatte Schönerer seine Kerkerzelle betreten, als der- Commis Vergani auch schon das „Deutsche Volksblatt" gründete, um darin die Firma Schönerer zu bekämpfen und ihr die Gunst der antisemittschen Kundschaften wegzuschnappen. Das Concurrenzgeschäft ging eine Weile recht flott, dann aber sank der Credtt Vergani's und in seiner Noth wandte er sich an denselben Schönerer, dm er verrathm hatte und winselte diesen um Unterstützung an. Sehen Sie, Herr Vergani, so tief würde sich auch der perfideste jüdische Commis nicht erniedrigen! Diesmal aber erhielt das Gesicht Vergani's wirklich die Ohrfeige, eine moralische nämlich, denn Herr Schönerer gab ihm zur Antwort, daß er sich einen Strick nehmen und daran aufhängen möge. So — das ist die Geschichte vom christlichen Herm Schönerer und von seinem arischen Commis Vergani. Sie ist mindestens ebenso lehrreich, wie jene, die das „Dmtsche Volksblatt" erzählt, nur mit dem Unterschiede, daß in der unserigm Namen und offenkundige Thatfachen Vorkommen. Aber auch dann, wmn wir die Schlechtigkeit gelten lassen wollen, die der jüdische Buchhalter an seinem christlichen Chef verübt haben soll, ja selbst dam:, ire i-. wir zugebm, daß es noch mehr solcher jüdischer Spitzbuben gibt, sind sie noch immer nicht so verabscheuenswerth, als ein arischer Zeitungs- Herausgeber, der seine eigenen bedenklichen Geschäftspraktiken durch den scheinheiligen Ruf: „Kauft nicht bei Juden!" zu verdecken sucht. Das jüdische Paradigma des Herm Vergani hat einen steinreichen Fabrikanten, dem „das Geld nur so irrs Haus flog", geschädigt. Das ist freilich eine Lumperei, eine tausendfach größere Lumperei aber ist es, wenn Herr Vergani durch seinen Hetzruf Hunderte der ärmsten Geschäftsleute schädigt, die das ganze Jahr über mit Kummer und Sehnsucht auf das Bischen Weihnachtsverdimst hoffen. Wir habm in der letzten Nummer gezeigt, wie Herr Ernst Vergani an seinen eigenen christlichen Geldgebern, an seinm antisemitischen Gesinnungsgenossen handette; wir haben heute gezeigt, wie er seinem Herrn und Meister Schönerer gegenüber, dem er mehr noch als seine polittsche Existenz zu danken hatte, die Pflicht der Dankbarkeit übte. Es erübrigt nur noch, darauf hinzuweisen, daß dieser selbe Emst Vergani trotz seines Anttsemitismus seinerzeit keinen Anstand nahm, mit dem jüdischm Ritter von Ofenheim — man merke wohl: mit Ofenhe im! — wegen Umwandlung seines Graphitwerkes in eine Actiengesellschaft in Verhandlung zu treten. Ernst Vergani hetzt heute seine Leser gegen ehrliche jüdische Geschäftsleute; er selbst aber hat mit dem Ritter von Ofenheim Geschäfte machen wollm, bei dmen nicht bloß das jüdische, sondem auch das christliche Publikum wahrscheinlich um sein Geld gekommen wäre! Und dieser Biedermann geht noch immer unangefochten durch die Alsersttaße, und wenn er von einer Reise in's Ausq land zurückkehrt, wo er mit den schlimmstm Feinden Oesterreichs Bmderschaft trank, läßt man ihn ruhig die Grenze passiren. Ein katholischer Pfarrer und bairischer Landtags-Abgeordneter gegen den Antisemitismus. „Es gibt ein Volk, dem alle Völker der Erde zu großem Danke verpflichtet find. Es ist jenes Volk, dem unter allen Kulturvölkern der . Vergangenheit unbedingt der erste Platz gebührt, es ist das Volk der Juden. Das Judenvolk hat von dem Lenker der Welt- und Menscheu»> geschichte die erhabene, ehrenvolle Bestimmung empfangen, die Kenntniß und Verehrung des Gnen wahren Gottes in der Menschheit zu bewahr« sowie die Hoffnung auf den verheißmen Erlöser zu erhalten. der auS ihm selbst hervorgehen sollte. Gott hatte es unter all« Völker» der Erd«