Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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<■ ' J": Seite 2 Vrstrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 1 wären sie von den Wohlthaten der Gesetze und der staatlichen Ordnung ausgeschlossen, überall den brutalsten Beschimpfungen preisgegeben. Mm begegnete dem Antisemitismus im GenchEsaal, eine antisemitische Zuhörerschaft bildete den Chor bei dm Verhandlungen und der Antisemitismus sprach oft genug aus dm Verdicten der Geschworenen. Auf Schritt und Tritt wurde der Jude daran erinnert, daß ihn das Auge des Feindes verfolge. Wien aber war ein besonders heißer Bodm. Hier hatte man dm Antisemitismus für unmöglich gehalten und hier gerade trat er in den brutalsten Erscheinungen zu Tage. Diejenigen, welche glaubten, durch vornehmes Jgnoriren über den Antisemitismus hinwegkommen zu könrren, sahen sich durch die Thatsache zurechtgewiesen und sie rafften sich, leider erst allzuspät, zu einer Energie auf, die man lmge bei ihnen vermißt hatte. Acht Jahre hindurch hat die „Österreichische Wochenschrift" den Kampf bestanden: sie überschätzt ihr Per dienst nicht. Aber wir dürfen auch eine gerechte Beurcheilung erwarten; wenn man vergleicht, den Probierstein ansetzt, prüfend der Wage sich bedient und Jedem sein Verdienst laßt, wenn man die Geschehnisse der Zeit in Erinnerung aufsrischt, von Rohling angesangen, durch die Episoden Driman, Türk u. s. w. hindurch bis auf Schneider und Consorten, die heute noch, gebrandmarkt vor der Oeffmtlichkeit, chr Unwesen treiben, dann wird man zugeben, daß die „Oesterreichische Wochenschrift" ihre Mission treu erfüllt hat, mit vollkommener Hingebung und rastlosem Eifer. Sie beugte sich nicht, sie bewarb sich nicht um falsches Lob, sie ließ sich nicht durch falsche Rücksichten beeinflußen, sie war und blieb das Organ der Juden, geschrieben von einem Judm. Anfänglich als Kampforgan gedacht, zur Abwehr der täglichen wider das Judenthum gerichteten Angriffe, zur Widerlegung der wider uns geschmüdeten Anklagen, ist die „OesterreichischeWochenschrift" allmählich zu einem Kriegsmagazin, zu einem wissenschaftlichen Arsenal emporgewcchsen, wo Alle in Nah und Fern, welche an unseren Vertheidignngskrieg theilnehmen, sich Waffen und Munition, Rath und Belehrung, Behelfe und Auskünfte holen. Heute begümen wir unfern neunten Jahrgang und ohne daß wir eine falsche Bescheidenheit heucheln, im Gefühle vielmehr unserer Leistung-n und unserer eigenthümlichen Stellung sei unser Blatt auf's Dringlichste empfohlen. Die Unterstützung, die unserem Blatte gewährt wird, indem man ihm die Pforten des Hauses öffnet, 'es zur Lektüre des Familientisches wählt, durch Wetterverbreitung seine Publizität verstärkt, wird den Dank in sich ttagen. Muthi^er wird der Jude den Erscheinungen der Zett in's Auge sehen, muthiger mit höherem Selbstgefühle und mtt größerer Hingebung an das Ganze. Wir dürfen eine gerechte Beurtheilung erwarten, sobald man uns kennen gelernt hat. Wir kommen nochmals auf die Periode zurück, die mit dem Perserkönig Cyrus ihren Anfang nahm. Man vergegenwärtige sich die hochrcgrnden, die -chochgewaltigen Persönlichkeiten. die ein halbes Jahrtausend hindurch über die Weltbühne schritten; man rergegenwärtige sich mich die hohen Lchren, die damals verkündigt wurden. Man erkennt, wie die Persönlichkett Mes ist, wie das Menschengeschlecht emporgchoben wurde durch große Persönlichkeiten und wie die Welt wieder zurücksank, nachdem die Persönlichkeiten fehlten. Die Epoche besaß aber auch für die Entwickelung des Judenchums seine große Bedeutung. Durch die Berührungen mit den Völkern, die in den Hauptstädten der großen asiatischen Reiche sich sammelten, war das Judenthum erst zur Klarheit über sich selber und zum vollen Bewußtsein seiner Mission gekommen. Die Sprache der Männer aus Israel, die zu Einfluß rmd Würden sich emporgeschwungen, hatte einen neuen Klang; das Judenthum hatte die Fühlung mit der civilisitten Welt gefunden. Unschwer ward es denn auch zu erkennen, welche Wichtigkeit das Judenthum für die Entwickelung der menschlichen Gesellschaft überhaupt besitzt. Man wird dann begreifen, daß es auf einem tieferen causalen Zusammenhang, auf einer weltgeschichtlichen Nothwendigkeit beruht, wenn die Lehre von dem unsichtbaren Gotte sich die Welt eroberte. Daraus wird sich rveiter ergeben, daß mit der Vertheidigung des Judenchums ein Dienst erwiesen wird auch der Menschheit. Man wird aber auch eine merkwürdige Analogie mit der von uns berührten Periode wahrnehmen. Auch in unserer Zeit hat das Judenthum das volle Bewußtsein seiner Mission von Neuem zurückgewonnen. Im Gegensätze zum Nationalismus der Mendelsohn'schen Schule, die die Erziehung des Judenchums von Neuenr ansangen, im Gegensätze auch zu der skeptischen Negation, welche die Religion des Judenthums auf einen Schatten reduciren wollte, steht das Judenthum der Gegenwart unter den Einwirkungen der historischen Schule, welche voll der Ehrfurcht für die Erscheinungen der Vergangenheit, den Lehrern die Achtung, den Traditionen die Würdigung nicht verweigert, dabei aber die Wahrheit als das Höchste bettachtet und der freisinnigsten, kühnsten Forschung hinsichtlich der Erscheinungen des Judenthums fähig ist, um die Wahrheit an das Licht zu bringen. Diesem Zuge folgend, ist die „Oesteneichische Wochenschrift" zur Vernrittlerin geworden, um die Ergebnisse der historischen Schule in populärer Form einem wetteren Kreise zugänglich zu machen. Die Vermehrung und Erweiterung der Erkenntniß ist unsere Waffe; der Jude wird irr fein er Energie sich gestärkt fühlerr, wenn er das Wesen des Judenthums gmndlich erschaut, und man wird allerseits dem Judenthum Gerechtigkeit widerfahren laffen, wenn man auf historischem Wege vom Jrrthume zur Wahrheit gesundet. Die Klärung urrd Vertiefung des Bewußtseins des Judenthums, das ist unsere positive Aufgabe, das ist unser Positivismus. Wir wollen die Kenntniß des Judenthums rrnd seiner glanzumflossenen Geschichte verbreiten, den Inhalt unserer ererbten Geistcsschätze der heutigen Generation "vermitteln — um Verrath und Abfall entgegenzuwirken. An Aeußerungen der Zustimmung und des Einverständnisses, an Zeichen der Anerkennung und freundlicher Ermuterung hat es uns in: Laufe der letzten Jahre nun wohl nicht gefehlt; unsere Gönner und Freunde waren — wir anerkennen das mit herzlichem Danke — unausgesetzt bemüht, für die „Oesterr. Wochenschrift" in ihren Kreisen zu wirken. An diese erprobte Anhänglichkeit unserer Leser, Freunde und Mitarbeiter in der Nähe und in der Ferne richten wir heute die herzliche Bttte, uns wie bisher treu zu bleiben, durch Empfehlung und Verbreitung auch fürderhin zu unterstützen. - SHWIWHIJ