Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 51 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Aesterreichische Wocheufch^st. Nr. 51 chfitc 954 Meine zwei besten Kosttage. ■ Eine Bachurimgeschichte. Die Prcßburgrr Jeschiwah hat vor Kurzem d.n letzten Rest der Romantik abgestreift und sich modernisirt. Es ist für die arm.n Bachurim eine Volksküche errichtet worden, und die „Kosttage" und „Blert n", die feit Hunderten von Jahren die einzigen Ressourcen der mittellosen Talmudjünger gewesen, wenn sie sich nicht die ganze Woche mit dem ihnen von Rabbi Josua den Levi empfohlenen Menu: „Brot mit Salz', drg,lügen wollten, gehören nun der Geschichte an. Das erst: Argument für die Institution der Volksküche ist, der Arme solle nichts mehr geschenkt erhalten, um seine Menschenwürde nicht zu veletzen; aber ich glaube kaum, daß der Bachur, der einiges Selbstbewußtsein ersitzt, in der Athmosphäre der Volksküche irnd beguckt von den Ehrendamen und Ehrenfräulein sich weniger gedrückt fühlt, als bei den früheren Kosttagen. Und die Qualität des Essens selbst dürfte auch eher zu Gunsten der Kosttage sprechen. Die Volksküchensuppe ist ja in der Neuzeit ebenso sprichwörtlich, wie die Spartanersuppe im Älterer ume und die Klostersuppe im Mittelalter. Höchstens daß die Volksküche in der Quantität etwas voraus hat. Denn bei all' ihrer Frömmigkeit waren die Preßburger niemals so recht fürs Geben. Im Allgemeinen waren die Kosttage in unbemittelten Häusern besser als bei den Reichen. Es war dabei ein Bischen Eitelkeit im Spiele. Die Weniger bemittelte Frau wollte sich vor dem Bachur den Schein der Wohlhabenheit geben, auch fühlte sie sich durch das Kosttaggeben geehrt und der Bachur saß am Familientisch; während die Reichen zwar mehrere Bachurrm an einem Tage speisten, aber nicht an ihrem Tische und auch nicht von ihrem Menu, sondern so einfach und schlecht als ur möglich. Nicht selten machten sich die Bachurim den Spa«, von den koscheren llnschlittkerzen, die zwischen den Fenstern des Zimn ers, wo sic abgcspeist wurden, hangen, einige abzuschneiden und in das Gemüse zu werfen, um es fett zu machen. Bekanntlich essen die Russen Unschlittkerzen und es dürfte ein russischer Bachur, deren es in Preßburg immer gab, aus diesen Einfall zuerst gekommen sein. Die Güte der Zubereitung der Bachurimkost in den reichen Häusern hirng übrigens nur von der Gnade der Köchin ab. War unter den Benefizianten des Tages ein hübsches Bachurl, so kam es allen anderen zu gute, denn um seinetwillen griff die Küchenfee etwas tiefer in den Schmalztopf. Auch noch andere Umstände konnten die Kosttagc zu besseren machen, wie folgendes Beispiel aus meiner Kosttag-Praris lehrt. — Ich chatte zwei Kosttage —die Montage und Donnerst« e warcu es — in zwei Häu'ern, die mit einander befreundet waren, deren Frauen aber in jeglicher Beziehung eine die andere übertreffen wollte: in häuslichen Tugenden, in der Kivdererziehung, in der Wohnungsausstattung, in den Klebern, in Schmuck — nun wurde auch ich ein Gegenstand ih»r Rivalstät. Als ich das erstemal an einem Montage bei Frau B. aß, habe ich beim „Benschen" wirklich eine Blasphemie begangen, indem ich Gott für die Sättigung dankte und hungrig vom Tische aufgestanden bin. Ich vermuthete, daß es am Donnerstage bei Fra» G., der Freundin der Ersteren, nicht bester ausfallen werde, und um nicht wieder beim Benschen eine Sünde zu begehen, habe ich, bevor ich zum Essen ging, zu Hause einen Brotwecken von dem damals ein Drescher satt werden konnte, zerschnitten und verschluckt. Ganz umsonst war zwar diese Vorsichtsmaßregel nicht, aber nach meinem stereomettisch geübten Auge schien mir doch der Faffungsraum des Suppentellers etwas größer und das Stück Fleisch, das ich zugeschnitren erhielt, etwas weniger ideal als bei Frau B. Am Montage darauf wurde ich über Tisch von Frau B. ausgefragt, was ich bei Frau G. gegessen habe. Zu Ehren der Frau G. glaubte ich lügen zu dürfen und zählte einen Gang mehr ans, indem ich das Stückchen Brot, das mir neben dm Teller gelegt wurde, als Atehlspeise angab. Diese Lüge verhalf mir aber heute zu einer wi klichen Mehlspeise, der mav's ansah, daß sie nicht aus der eigenen Küche stamme, sondern erst aus dem Gasthause geholt worden ist. Am Donnerstage nahm mich wieder Frau G. in's Verhör, was ich bei ihrer Freundin gegessen habe. Diesmal konnte ich schon mit gutem Gewistm die Mehlspeise aufzählen, und. auch auf der werteren Frage um den Namen dieser Mehlspeise blieb ich bei der Wahrheit. „Mohnnudel", antwortete ich. „Etwas Besseres hat Frau B. nicht gewußt für den schwachen Magen eines Dachurs", lispelte Frau G, so für sich hin. Bei dieser diätetischen Fürsorge für meinen Magen konnte ich doch hmte keine Mehlspeise erwarten und ich wollte mich schon zum Benschen anfchicken, als zu meiner größten Ueberraschung das Hausfräulein, das hübsche Aennche , die schönste Knospe des ganzen Edelhofes, vor welcher alle Bachurim, die sie sahen. , die Blicke senktm, um nicht zu sündigen, einen gehäuften Teller mit Pöwidel-Tascherl hereinbrachte und mir vorstellte. Auch diese Mehlspeise wurde eigens für mich aus einem Gasthause geholt. Von nun an hatte man sich aber in beiden Häusern auf mich vorbereitet. Sie wetteiferten förmlich, mich zu füttern, und dieser Wetteifer schien fast in einen wissenschaftlichen Stteit ausgeartet und ich ein Versuchsobjekt ttl sein. Die eine Frau mußte Mehlspeisen, die andere Fleisch für das beste Nahrungsmittel gehalten haben, denn obwohl ich bei dieser wie bei jeuer Beides bekam, war zwischen da und dort doch ein Unterschieb in der Oualitat und Quantität derselben. Bei Frau B. bekam ich mehr Fleisch und weniger Mehlspeise und diese bestand immer aus Kuchen und Marzipan; bei Frau G. aß ich Kalbsschnitzel, oder Hühnerschlägel und ganze Schüsseln voll gekochter Mehlspeisen. » Ich hatte nach einigen Wochen bereits ein zweisaches Kinn, das mich meine eigene Mutter nicht mehr auf den ersten Anblick erkannt hätte. Endlich wurde ich von dirser systematischen Fütterung krank und pflichtschuldigst schrieb ich zierliche Briefchen an Leide Damen, nieitt Ausbleiben vom Kosttage entschuldigend. Aber nun ging der Kampf zwischen beiden Frauen erst recht los. Zuerst beschloß Frau B. den Feldzugsplan mit der Zuschickung von Fleischspeisen aller Art in meine „Matratzengruft." Allein es erging diesem Plan, wie allen geheimen Plänen — er wurde an den Gegner verrathen, und Frau G. erwiderte die Herausforderung mit ganzen Körben der substanziellsten Mehlspeisen. Es sah in meinem Quartier wie in einer Wirthshausküche aus, so standen die verschiedensten Speisen herum auf dem Tische, auf den Stühlen, ans dem Fensterbrett, sogar im Bücherkasten, zugedeckt mit den Folianten. Ich hätte die halbe Jeschibah speisen können, und niemals ist noch die Kardinaltugend des Krankenbesuches so fleißig geübt worden, wie an mir während meiner mehrwöchentlichen Krankheit. Ich sah Bachurim, die ich gar nicht kannte. Sie hielten ja förmliche Gastmähler bei mir. Nachdem ich wieder genesen war, ging ich natürlich von Neuem meine Kosttage essen, und jetzt wurde der Wettstreit zwischen den beiden Frauen in den mir zu reichenden Getränken geführt. Gab mir z. B. die eine rochen, erhielt ich von der anderen weißen Wein. So ging es etwa ein Jahr lang fort. Aber es war gar zu schön gewesen, wenn das so angedauert hätte. Wie Frau G. ihr Aenuchen, so hatte Frau B. ihr Matchen uns wie jenes die schönste Knospe des Edelhosts, so war dieses die Perle der Nesterhauscs. Und diese beiden Mädchen fingen min an gegeneinander eifersüchtig auf mich zu werden. Ich trug den Hut ganz regelrecht bis tief in die Stirne hinein und schlug die Augen nicht höher auf ald gebührlich bei einer wie bei der andern, und doch glaubte Jede sich von mir veruachläßigt zu Gunsten der Anderen, und machte um der Nebenbuhlerin zu schaden, bissige Bemerkungen, warum ich im Hause des Anderen so gut gelitten sei. Diese flüchtigen Bemerkungen durchflogen zuerst den Edelhof und das Nesterhaus, dann drangen sie in weitere Kreise, bis sie sich endlich bei dem Bachurim festsetzten, und mir von oben ein Wink zukam, diese beiden Kosttage aufzugeben. Ich erhielt zwar bald zwei andere Kosttage dafür, aber das waren ganz gewöhnliche und mein „Goderl" verschwand wieder, wie es gekommen. Briefkasten. E. I. Wien. Daß die Pöchterin des EursaloNS im Stadtparke ihre Plakate und Programme ausschließlich in antisemitischen Buchdruckcreien Herstellen läßt, ist allerdings ein Akt der Dankbarkeit für die Subvention, welche diese Pächterin von unserer Gemeindevertretung aus dem allgemeinen Steurrsäckel erhält. L. Wechsler, Tnrn-Sevcrin: Abonnementsbetrag bis Ende März 1892 erhalten. Wochrnkalender. Wochen- Dezember 1891 Kislew 5652 Kalender Freitag 25 24 Samstag 26 25 Sonntag 27 26 Montag 28 27 Dienstag 29 28 Mittwoch 30 29 ö Donnerstag 31 30 1 ßosclichodesch Freitag 1 1 2 Uü dem Ipwblihni („Erkmul Leeb Kohn", ein zeitgeschichtliches Culturbild von I n t r m u s.) Das ist der Titel eines sensationellen Romanes, den die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" von Neujahr ab veröffentlicht und in folgender Weise aukündigt: „Der Verfasser dieses Romanes kennt wie nur Wenige die antisemitische Bewegung aus eigener Wahrnehmung. Mit seltener Meisterschaft deckt der Autor die geheimen Fäden auf, an welchen diese ruck chiittliche Episode in unserem Jahrhunderte des Fortschrittes geleitet wird, er enthüllt hochinteressante Thatsachcn, die bisher gänzlich imfa,