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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-12-25 · 51 (25.12.1891) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
51 (25.12.1891)
Date
1891-12-25
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Rr. Bl Srstrrrrichischr Wochenschrift. Seite »53 gar zu fürchterlich — Benjamin war schon da und es war schon morgen und grad' wollte man uns zur Chuppe führen, — da führt' man ihn hinaus, aber ohne Musik, nnd viele viele Leute liefen hinter ihm drein — aber man führt' ihn nicht in den Schulhof, wo die Chuppe immer steht, sondern die ganze Gaff' hinauf, hinterm Bergel, wo die neue Schul' soll gebaut werden — und da haben sie ihn auf nen saufen Holz gestellt — und seinen Kittel hat er angehabt-" „Und das kann Dich erschrecken? Denkst denn nicht, als wir neulich am Berget vorübergingen und davon sprachen, daß Dein Benjamin so fein soll lernen können, daß ich da sagte, wenn da die neue Schul wird stehen, sollten sie den Benjamin zum Raw wählen. In der Nacht ist Dir dies gewiß beigefallen und hast Dir gedacht, er wird da vor soviel Leut' dastehen." Tirza lächelte. „Wie Du Einem Alles so schön auslegen kannst, Mut.er lieb. — „Aber nein, nein!" schrie sie entsetzt auf, „ich hab's ja gut gesehen, das sind lauter Gojim gewesen, die um ihn gestanden sind vor Gojim darschent man doch nicht — und die haben ihn alle angeschaut. So fürchterlich! — so fürchterlich! —" Sie schlug die Hände vor's Gesicht und stöhnte laut. Mirjam fing an, ernstlich besorgt zu werden. So hatte sie ihre Tochter noch nie gesehen, doch sah sie ein, daß Vernunftgründe hier sür's Erste nichts fruchten werden, und hielt Ruhe für das beste Heilmittel in dieser überreizten Gemüthsstimmung. Längerem Zureden gelang es endlich, Tirza zu bewegen, sich wieder zu legeu; denn der Traum der sie schon in den ersten Stunden der Nacht beunruhigt, hatte ihr auch für die übrigen allen Schlaf geraubt, und fühlte sie sich jetzt so erschöpft, daß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte. Die Mutter setzte sich zu ihr an's Bett. „Soll ich Dir nun auch meine Hand geben, wie wenn Du als Kind nicht schlafen konntest?" Tirza nahm sie und drückte sie an die Lippen. Und ohne ihres Traumes weiter zu erwähnen, begannnun die Mutter, theils um ihrer Tochter trübe Gedanken zu zerstreuen, theils um sie auf die nahe Ankunft ihres Bräutigams vorzubereiten, sich in Lobeserhebungen über diesen zu ergehen, die bald Erröthen, bald Lächeln in Tirza's zwar jetzt verweintes, aber immer liebliches Antlitz lockten, und mit einem Lächeln auf den Lippen schlummerte sie ein. Beruhigt verließ sie Mirjam, und als sie nach einer Stunde wiederkehrte, da fand sie ihre Tochter neu gestärkt und schon aus dem Bette. Kannst Du mir verzeihen, Mutter lieb, daß ich so kindisch gewesen bin? Ich möcht' mich vor mir selber schämen. Und wie ich Dich erschreckt Hab'." „Laß gut sein, Kind, ich freu' mich nur, daß ich Dich wieder seh'. Hab' doch wahrlich geglaubt, werd' den Benjamin wieder heimschicken müssen." „Der dumme Traum, er hat mich ganz confus gemacht." „Denk nicht mehr d'ran und eil' Dich nur, jede Minut' können unsere Leut' hier sein." Rasch beendete Tirza ihre Toilette und Beide begaben sich in das untere Zimmer. „Wie Du wieder frisch aussiehst und was der Benjamin für 'ne Freud' haben wird." Kaum hatte Mirjam diese Worte gesprochen, als die Thüre sich öffnete und Löb hereintrat.. Er sprach nichts, aber sein Gesicht strahlte; ein hochgewachsener junger Mann folgte ihm aus dem Fuße. „Tirza!" jauchzte er, auf sie zueilend. „Benjamin!" und sie bebte vor Freude. Als eine Waise war Benjamin in das Haus seines reicher» Onkels Löb gekommen und von diesem wie ein Sohn geliebt und erzöget» worden. Nur um drei Jahre älter als Tirza ward er ein lieber Gefährte ihrer Kinderjahre, und mit inniger Freude bemerkten die Eltern die stets wachsende Neigung ihrer Kinder. Als Benjamin sein 16. Jahr erreicht hatte, verlobten sie ihn mit ihrer Tochter und sandten den Jüngling auf die Rabbinatshochschule nach Preßburg. Bald zeichnete er sich hier vor Anderen aus, und wenn er alljährlich in den Herbstfesttagen die Seinen besuchte, da war es Löb's größte Lust, ihn mit den anerkannten Talmudistrn in Eontroversen zu sehen. Und immer inniger ward auch das Band, das die Verlobten umschloß, immer schmerzlicher ward ihnen das Scheiden, immer glücklicher machte sie das Wiedersehen. „Wenn Du nun wieder heim kommst, da lassen wir Dich nimmer fort, da wird Ehasne gemacht," hatte Löb beim vorigen Abschiede zu ihm gesagt. — Seit vielen Wochen hatte daher Tirza schon die Tage gezählt, die ihr Bräutigam noch fern von ihr weilen mußte; und ihr Traum, ihre Angst und Alles war vergessen, als sie ihn nur wieder sah. „Wie schön Du geworden bist, Tirza, ich hielt's nimmer aus, sollt' ich nochmals von Dir fort!" und sie glaubte, das Herz müsse ihr springen vor seliger Lust. Es war Abend. In dem hell erleuchteten Zimmer des Hochzeitshauses bewegte sich eine muntere Gesellschaft, die ein alter jüdischer Brauch zur Vorfeier deS kommenden TagrS versammelt hatte. Das Brautpaar und dessen Eltern nahmen die Glückwünsche der Kommenden entgegen und die herzlichste Theilnahme sprach sich auch in den Blicken der Wünschenden aus. Löb befand sich in einem Meer von Wonne, seit Jahren hatte er die Freude dieser Tage im Voraus genossen, denn schon der nächste sollte die zwei Wesen, die ihm nächst seiner Gattin die Theuersten waren, für s Leben verbinden. Endlich ward aufgetragen. Die Tische bogen sich unter der Last der Schüsseln. Denn so zahlreich auch die Gesellschaft war, eine dreifach größere hätte nicht hingereicht, alle die Speisen zu bewältigen; sie waren aber auch gar nicht für sie allein bestimmt, sondern unter die Armen der Gemeinde vertheilt zu werden. Auf allen Seiten herrschte die fröhlichste Unterhaltung; auch die Verlobten nahmen lebhaft Theil an derselben, waren aber doch innerlich ftoh, als es ihnen nach dem Dankgebete möglich war, sich von den Versammelten ein wenig zurückzuziehen. Fern von den Tischen in einer Fensternische standen sie, sie hatten sich so lange nicht gesehen, sie glaubten sich so viel zu sagen zu haben und waren nun vereint und standen schweigend da. „Wie bist Du so herrlich anzuschauen^ Tirza." flüsterte er endlich, sie mit glühenden Augen betrachtend. „Aber morgen werd' ich's viel weniger sein." „Wie wär' das möglich?" „Nun, wenn sie mir die Haare werden abgeschnitten haben." „Wirst weinen, wenn's geschieht?" Er dilckte sie innig an. „Weißt, Benjamin, daß ich mich beinah' fteuen möchte, daß man mein Haar bald nicht mehr sehen wird." „Daraus freust Dich?" „Ja schau, wenn ich so durch die Gassen geh', da blicken mich die Männer so an, weil sie sagen, ich wär' schön; mir treibt's immer das Blut in die Wangen und es ist mir, als geschähe an Dir ein Unrecht. Wenn aber von morgen an mein Haar durch 'ne Haube verhüllt werd, da wird Jedermann wissen, daß ich Dir gehöre und Keiner wird mich mehr so anschauen —" Heftig ward die Thüre aufgeriffeu und mehrere Männer, Entsetzen in den geisterbleichen Zügen, stürzten herein. „Was giebt'z? Was ist geschehen?" erscholl es aus der bestürzten Versammlung. „DaS Volk dringt in die Judengassen, ein Ehristenbub' ist abhanden gekommen und sie schreien, die Juden hätten ihn gemordet." — Ein Angstschrei entrang sich jeder Brust. — In wenigen Minuten waren die Zimmer geleert. Jeder eilte heim zu den Seinen, denn sie ahnten, was ihnen bevorstand. Mit wildem Geschrei durchtobte die Menge die, vom mildem Mondeslichte erhellten Gaffen. Mit Knütteln und Aerten bewaffnet, drangen sie wüthend in die wehrlosen Judenhäuser. — Eine Mutter hält schützend den Säugling im Arme — die Rotte dringt herein, reißt das Kind von der Mutterbrust' — uud zerschmettert liegt es am Boden- — „Tausend Judcnbälge bezahlen ein Christkind nicht!" — Mit scharfen Messer wirst sich ein Weib auf ein Mädchen, von blendender Schönheit. „Erbarmen! Erbarmen!" fleht das Mädchen. „Haft selber Erbarmen gehabt, als ihr mir den Herzensbub' geschlachtet?" „Gerechter Himmel Hab' denn ich's gethan!" — „Laß' sie los!" herrschte Einer aus dem Haufen das Weib zurückstoßend; „die ist zu schön, die muß mein Liebchen sein!" — Verzweiflung ersaßt des Mädchens Herz und sie verleiht ihr Kraft. Sie springt aus das Weib, entteißt ihr das Messer und stößt sich's in die Brust. — Und immer wilder, immer blutgieriger wird die Menge. Löb's Haus war das letzte in der Gaffe. Der Morgen graute schon und noch hatten sie es nichterreicht, aber wehklagende Leute stürzen herein und berichten die Gräuel, und Verzweiflung bemächtigt sich der Herzen Aller. — Da kommen sie, das Eeheul der Wüthenden ist nah'. Ein Hause schleift den Schächter der Gemeinde durch die Gassen, ein anderer wälzt sich Löb's Haus entgegen. — Da durchzuckt es wie ein Himmelsruf Benjamins Brust, seine Augen funkeln, Verklärung leuchtet aus seinen Zügen. „Herr des Himmets! was ist dir? ruft Tirza, deren Blicke an ihm hingen. Er wendet sich zu ihr, mit tausend Banden ziehts ihn hin zu ihr. — Ein furchtbarer Kampf erhebt sich in seiner Brust. Doch nur einen Moment währt er, — entschlossen stürzt er fort. — „Um des heiligen Willen Benjamin." Aber er blickt sich nicht um, wirft die Thür hinter sich zu und sich den Andringenden entgegen. „Halt", schrett er, „mordet die Unschuldigen nicht, ich Hab ja keinen Helfer gebraucht, ich hab's ja allein gcthan!" „Du hast das Kind gemordet, und wo ist die Leiche?" „Der Bub hat mich gehöhnt und mit Koth beworfen, da Hab ich ihm einen Schlag versetzt, der ihn in die Schläf' getroffen hat, die Leiche Hab' ich in den Fluß geworfen." „So soll das Feuer der Rächer des Wassers sein, brüllte eine Stimme aus dem Haufen und wildjauchzend stimmten die Andern ein. Den Schächter loslassend, ergriffen sie den edlen Jüngling und zogen ihn schleifend fort. „Mein Traum!" schrie Tirza mit gräßlicher Stimme und stürzte sinnlos zu Boden. Vom Fenster aus hatte sie Alles gesehen. „Zum Bergel hin, zum Bergel! sie wollen sich dort einen Tempel bauen, dort hat's Holz!" — Und fort zogen sie, laut kreischend in teuflischem Jubel. Das Opfer in der Mitte wetteiferten Alle ihn mit Faust und Knüttelstößen zu martern; aber weder dies noch der scheuslichste Hohn konnte ihm einen Schmerzensschrei entreißen. — Endlich langten sie an bei der erwählten Stätte. In geschäftiger Eile war ein Scheiterhaufen errichtet, der Jüngling auf demselben befestigt und rasch zündete die Mordgier die Scheiter an. — Hoch schlugen die Flammen über de» sich dem Tode Weihenden zusammen. „Höre Israel, der Ewige, unser Gott ist ein einiges, ewiges Wesen!" ertönte es von seinen Lippen. Da schall ein grauenhafter Schrei durch die Lust — so herzerschütternd, daß selbst die Mörderrotte bebte. Mit Riesenkraft theilte ein weißer Arm den dichtgedrängten Haufen. „Benjamin! Benjamin!" die schwarzen Locken im Winde flatternd, stürzte Tirza mit ausgebreiteten Armen dem Flammenhaufen entgegen. Unwillkürlich hielten mehrere sie zurück. „Hei, da ist ja die Kalle des Mörders!" schrieen Einige. „Schickt sie doch zu ihrem Ehoßen!" brüllten Andere. Gewaltige Arme packten das unglückliche Mädchen und schleuderten es in die Flammen. — Ruhig war's in den Judengassen, ruhig wie auf dem Friedhose. — Auch in Löb's Hause war es sehr ruhig. Die Frauen, die bei Mirjams Leiche wachten, flüsterten leise, als ob sie die Todte zu stören besorgten. — Im Nebenzimmer wand sich ein Greis in Höllenqualen — es war Löb, heute ein Greis — gestern war sein Haar noch kohlschwarz gewesen. Stumm umstanden ihn seine Freunde. — Gegen Abend brc chte ein Bauer aus einem benachbarten Dorfe den gestern vermißten Christenknaben. Vor den Mißhandlungen seiner Stiefmutter war er entflohen, jenes Weibes, daß das schöne Judenmädchen ermorden wollte. — Aus der Stätte, wo der Edle sein Leben endete, erhebt sich noch heute eines der herrlichsten Gebäude seiner Art, die sogenannte Altschul. — (Jesehnran).

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