Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 51 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 96* Vestrrreichifchr Wochenschrift. Nr. 51 Petersburg, 22. December. Das „Journal de St. Petersbourg" vernimmt, Arnold White habe nach mehrmonatlichen Aufenthalte Petersburg verlassen. Sein Project, eine Gesellschaft für die israelitische Colonisation in Verwaltungskreisen zu bilden, habe sympatische Aufnahme gefunden. White habe mit dem Minister d«8 Innern über die Bildung eines Eomitös, die Einreihung der jüdischen Militärpflichtigen, die Einführung von unentgeltlichen Auswanderungsscheinen an Stelle des gegenwärtigen Paßsystems und über andere wichtige Punkte verhandelt. # Petersburg. Der Nochstand in Rußland fangt an, die sogenannten „Bande der Ordnung" zu zerbrechen. Die unglücklichen Unterchanen „Väterchens" haben keine Lust, zur größeren Ehre des gottbegnadeten Selbstherrschers aller Reußen zu verhungern. Es bilden sich sogenannte „Räuberbanden", wie in Frankreich vor Ausbruch der Evolution — die plündernd das Land durchzichen. Der ruffische Adel beginnt eine" Revolution zu fürchten. Eine Anzahl „Edelster der Nation" sind zusammengetreten und haben beschlossen, eine Verfassung zu fordern. „Väterchen" roitt aber keine Deputation empfangen. Er denkt wohl, von einer „Verfassung" würden die Leute doch nicht satt, und wenn die geüebten Unterchanen ihrer Wicht, ruhig zu verhungern, nicht nachkommen wollen, gebe es ja Polizei und Soldaten. Run — weniger Unverstand hat schon hingereicht, Reiche und Dynastien zu stürzen. , SundSvall. Der Senator, General-Conful E. Fränkel der kürzlich von der schwedischen Regierung als Delegierter nach Paris zur Unterhandlung mit der französischen Regierung wegen Emeuerung des Handelstraktates geschickt wurde, hat im Gegensätze zu dm hiesigen Gepflogenheiten einmal geäußert „Meine Töchter gebe ich nicht mit meinem Willen an Nichtjuden", wobei zu bemerkm ist, daß die genannten Damm zu den Schönheiten Stockholms gehören. Eine derselben wurde letztes Jahr beim königlichen Hofball als die Erste von dem Kronprinzen zum Tanze aufgefordert. Sie hat sich neulich mit einem Sohne des Senators Philipsohn verheiratet. Die Wahl des Letzterm zum Senator war bemerkmswert. Sein Gegmcandidat war ein Bischof, trotzdem hat er von 38 Stimmen 25 erhalten. Philipson ist als Philantrvp in seiner Vaterstadt Dorrköping sehr geschätzt und auch um die schwedische Judenheit hat er sich verdimt gemacht. Abrümohßel. In dem in der Nahe gelegenen Orte Mustapha Pasha trat ein Dienstbote mit der Anklage gegen die Judm aus, es habm mehrere derselben einm christlichen Fleischhauer ermordet und den Leichnam in den Fluß geworfen. <As Judm wurdm deshalb eingesperrt und nach langwieriger Untersuchung von dem Strafgerichtshofe in Adrianopel angeklagt. Der Gerichtshof hat jedoch sämmtliche Angeklagte einsümmig freigesprochen. Jaffa Am 4. December wurde ein Theil der Eisenbahn Jaffa-Jerusalem (46 Kilometer von 67) dem Verkehr^übergchm. Der sranz. Consul M. Ledoulx, M. Frutiger, ein Banquier aus Jerusalem und Leiter der Eisenbahngesellschaft, sowie mchrere türkische Beamte benützm den Eröffnungstrain. Die erste Idee dieser Eisenbahn rührt von einem Juden namms Navon aus Jerusalem her. Die Ausführung erfolgte durch sranz. Jngmieure für eine Acüengesellschaft, deren Actim von einer ultramontanen Bank in Paris emittirt wurden. Denr Locomotiv, welche noch nicht bis Jerusalem vorgedrungm ist, ist eine noch jüngere Erfindung dabei vorausgeeilt — das elektrische Licht (Dwish Chronicle). Feuilleton. .Lus der Iudrngaffe „Wo ist denn Tirza, ist sie noch nicht munter?" „Ich weiß es nicht, doch ich bitte Dich, sei leise, Ungeduld und Auftegung haben sie vielleicht in der 9ladjt nicht schlafen lassen. Drum lass sie jetzt das Versäumte nachholen." „Nun, ich Hab' nichts dagegenaber ich glaubte wirklich, ich würd' sie schon in vollem Patz treffen, und ich sag' Dir, Mirjam, wenn sie meine Natur hätt', es duldete sie längst nicht mehr in den Federn. Seü vor Tags bin ich auf den Beinen, lauf' hier herum und da herum — Du kannst Dir's nicht denken, wie ich mich freu!" ,„Kann ich's wirklich nicht", fragte Mirjam und sah ihn lächelnd an, „seit wann steht denn Mutterliebe gegen Vaterliebe zurück? Oder ist vielleicht Tirza weniger mein Kind als Deins?" „Mir könnt' sie sein, was sie ist, wenn sie nicht Deine Tochter war'", antwortete Löb und schlang den Arm um die noch immer schlanke Taille seiner Frau; „weißt Du, Mirjam," fuhr er noch inniger fort, „daß es grade heut' zwanzig Jahr werden, daß wir unter der Chuppe gestanden?" „Zwanzig Jahr?" „Zwanzig Jahr, ja ja, Mirjam, wir werden alt. Damals hast Du ausgesehen, wie unsere Tirza jetzt, und ich Hab' geglaubt, ich hätt' Dich so lieb, daß ich Dich nie lieber haben könnt, und nun sind Deine Wangen blaß und eingefallen und ich habe Dich doch noch um zwanzigmal lieber." Freundlich blickte sie zu ihm auf. „Und wenn ich sie mir nun zurück denk, diese zwanzig Jahr'", fuhr er mtt gedämpfter Stimme fort, „was wir Alles zusammen haben durchgemacht, — all' die Freuden und Leiden. — Als sie unseren kleinen Daniel hinausgetragen haben auf den guten Ort, und als ich wahnsinnig vor Schmerz den Heiligen, gelobt sei Er, fast gelästert Hab' — als Du da gebetet — und als unsere kleine schöne Sarah dem Brüderlein bald gefolgt ist, als Du da gleich der Gattin Rabbi Meir's" — Ein Zittern durchzuckte Mirjam und Lot drückte sie fester an sich. Nach einigen Minuten schweigender Erinnerung fuhr er fort: „Damals habe ich Dich für fromm gehalten, Mirjam, für sehr, sehr fromm, — aber ich Hab geglaubt, die Kinder hättest Du nicht so lieb gehabt wie ich. — Kannst Du mir das verzeihen? — Als aber dann Tirza geboren worden ist und Du vor Freude fast wahnsinnig geschienen hast, — an Deinem fortwährenden Rufen „Es lebt, es lebt!" habe ich erst gesehen, wie Du bei dem Tode der anderen Kinder gelitten hast. Die Thüre ging auf und ein schönes Mädchen von 16—17 Jahrew trat herein. „Ah unsere Kalle!" rief L5b, mit einem Male seine frühere Munterkeit wieder erlangend. „Nun Kalle, noch sechs Stunden dauert's bis der Chvhen kommt, was fängst Du denn indessen an, das Chuppekleid versuchen, oder das Decktuch?" „Viel lieber versuch ich die Hochzeitskuchen da," entgegnete Tirza lachend. „Hast Recht, Kindlieb," sagte die Mutter, „morgen bekommst Du doch zum Frühsttick keine, und darum Hab' ich sie auf heut' schon hergegeben." Und alle Drei setzten sich an den Tisch, auf dem das Frühstück schon bereit stand. Löb war in der fröhlichsten Laune, voller Neckereien gegen Tirza, die dieselben mit ihrer gewöhnlichen Heiterkeit entgegennahm. Doch der Mutter scharfem Auge entging es nicht, daß diese heute nur erzwungen, und daß ihre Wangen viel blässer als gewöhnlich. Doch sie schwieg und wartete, bis ihr Mann nach dem nach ge- .endetem Mahle gesprochenen Segensspruch sich entfernt hatte. Als sie nun mtt ihrer Tochter allein war, versank diese in ein trübes Sinnen unbeweglich starrte sie auf das vor ihr ausgebreüete weiße Tischtuch, und eine Thräne entglitt endlich den langen schwarzen Wimpern. Länger konnte die Mutter, die mit immer steigender Unruhe ihr Kind beobachtet hatte sich nicht halten. „Was ist Dir, Tirza?" ftug sie sanft nnd nahm die herabhängende Hand des Mädchens in ihre. Diese fuhr zusammen. „Was mir ist, Mutter? Nichts, nichts, ganz gewiß nichts." „Meine Tirza weint nicht, wenn ihr nichts ist," entgegnete kopfschüttelnd die Mutter. „Und Hab' ich denn geweint, das müßt' ich wirklich nicht, verzeihe mir, Mutter lieb." „Verzeihen, gerne Kind, aber wissen möcht' ich doch, was Dich so sehr ergreift." Tirza sah sie mit einem eigenthümlichen Blicks an. „Und es ist doch nichts, in der That nichts; denn einen Traum kann man doch nicht wohl Etwas nennen." „Also ein Traum ist's, der Dich ängstigt? Das hätte ich kaum von Dir gedacht." „Versteh' ich mich denn selber? Habe ich denn je an Träume geglaubt. Aber Mutter dieser Traum, dieser Traum! —" ' Leichenblässe überzog plötzlich ihr Gesicht und es mit beiden Händen bedeckend, brach sie in ein leises Schluchzen aus. Mirjam war erschrocken über die Auftegung des sonst so munteren Mädchens, doch fühlte sie sich erleichtert, wenn sie an die Ursache derselben dachte. Mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln suchte sie ihre Tochter zu beruhigen, aber erst' nach längerer Zett gelang ihr dieses und nur zum Theil. Den Kopf an die Brust ihrer Mutter gelehnt, saß Tirza mit geschlossenen Augen, und an ihrem raschen, unregelmäßigem Athem erkannte man leicht, daß nur der Ausbruch ihrer Auftegung sich beschwichtigt hatte. „Aber Kind lieb," sagte endlich die Mutter, „nimm Dich doch zusammen» was wird denn der Benjaikiin sagen, wenn er Dich so trifft?" „Er kommt ja henk; er muß ja bald kommen," rief Tirza und sprang auf. „Ei daß er lieber Zurückbleiben möchte." „Das wünschest Du? — Ich Hab' immer geglaubt, Du aumertest bis zu seiner Ankunft, — aber wenn er Dir nicht mehr lieb ist, so macht Ihr morgen keine Chasne. Durch das Knaslegen bist Du nicht gebunden." „Benjamin sollt' mir nicht mehr lieb sein! Lieber, viel lieber als mein Leben ist er mir ja! — Aber eben darum möcht' ich, daß er nimmer käme, denn wenn er kommt — — so geschieht ihm ein Unglück," fügte sie mit leiser bebender Stimme hinzu. „Kind lieb. Kind lieb, so darf man nicht sprechen," sagte die Mutter ernst. „Oefsne Deinen Mund nicht dem Zoton, steht geschrieben." „Aber wenn Du gesehen hättest, was ich gesehen Hab'." — „Mochtest ihn mir nicht erzählen, Deinen Traum? Vielleicht erscheint's Dir minde^ schrecklich, wenn Du davon redest." „Ob ich's können werd' — es n>ac