Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 51 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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©ritt 948 Oesterreich ifchr Wochenschrift. Nr. 51 In kurzer Frist war cs urmöglich, viele Gesinnungsgenossen zu suchen. Einzelne Herren wurden nicht zu Hause gctrossen. Der Zustimmung ihrer Freunde halten sich die Unterzeichnten versichert." Unter den 130 Unterzeichneten befinden sich zahlreiche angesehene Fabrikanten und Kausleute, Rechtsanwälte, Stadtverordnete und Beigeordnete, der Vorsitzende der Handelskammer Commerzienrath Friedrich von Eynern, der Landtagsabgcordnete Ernst von Eynern, dcr Gymnasialdirector Dr. Henke, der Director der Töchterschule Kaiser, der Hauptlehrer Ereßler, der Postdirector Krieger, der Kgl. Elsenbahnstationsvorsteher Schlaack, Emil Rittershaus. Eislebe», 14. Dezember. Der hiesige antisemitische Verein giebt einen Geschäfts-Anzeiger heraus, welcher ans seiner ersten Seite die deutscheit Männer und Frauen auffordcrt, zum Weihnachtsseste nichts bei Juden zll kaufen, den deutschen Namen heilig zu halten und die deutsche Ehre nicht durch Einkauf bei Fremdlingen und Feinden unseres deutschen Volkes zu bcflecken. „Wir haben in unserm deutschen Vaterlande ca. 1 Million Fremdlinge, ivelche zwar deutsch reden, aber nicht, deutsch denken, deutsch fühlen, deutsch handeln." Um die Gefahr der Unterjochung Deutschlands durch die Juden recht anschaulich zu schildern, haben diese Geschäfts-Antisemiten also aus der halben Million in Deutschland lebender Juden stugs eine Million gemacht. — „Seht Ihr nicht, ivie täglich die jüdischen Geschäfte alle bürgerlichen Stände ausziehen, aussaugcn und schließlich an den Bettelstab bringen?" Und in diesem Tone geht es fort. Natürlich fehlen auch Hirsch seld und Wolfs nicht. — Zwischen den einzelnen Anzeigen finden sich allerlei schöne Aussprüche, wie z. B. folgende: „Die Juden sind listige, schmutzige und gefährliche Geschöpfe, die man gleich der giftigen Schlange behandeln muß." . . . „Gott erhalte alle Juden, — stelle uns aber eine Quittung über richtigen Empfang aus." . . . Die Juden sind unser Unglück. Professor H. ö. Treitschkc." . . . „Wie an der Eiche Pilz und Schwamm, so wuchert dcr Jude am Menschenstamm." . . . Es sei ausdrücklich betont, daß das Machwerk an seiner Spitze den Vernrerk tragt: Herausgegeben vom deutschen Rcformverein. Es werden in der Stadt Eislebcn auch Weihnachtsflugbl älter aus der Fabrik von Theodor Fritsch, Leipzig, verkauft, welchen mittelst Gumuristempels eine Abonnements - Einladung der „christlich-deutschen Tageszeitung „das Volk" aufgedrückt ist. Das „Volk" ist bekanntlich das Organ des Herrn Stöcker. Gegen das Treiben der Antisemiten veröffentlichen die hiesigen evangelischen Geistlichen folgende Erklärung: In diesen Tagen ist in unseren Häusern ein vom hiesigen deutschen Reformverein herausgegebener Geschäfts- SÜtzeiger verbreitet worden, welcher den Namen unseres Heilandes mit rein geschäftlichen Interessen und einer Gehässigkeit gegen das Judenthum in Verbindung bringt, die mit dem christlichen Geiste nichts gemein hat. Wir bedauern aufs tiefste eine solche Kampfesweise, die nur geeignet ist, die hohen Güter unsres christlichen Volksthums die eines reinen und edlen Kampfes werth sind, noch ntehr zu schädigen, lchnen jede Gemeinsamkeit mit derselben ab und sprechen das Vertrauen aus, daß auch unsere christlichen Mitbürger einschließlich der Geschäftsleute mit solchen Waffen nichts zu chun haben wollen. Eisleben, den 15. Dezember 1891. Die evangelischen Geistlichen der Stadt Eisleben. W. Rothe, Jordan, Hupfeid, Nithack, Trommsdorff, Eichholz, F. Stier, Orphal. Bukarest, 20. Dezember. (Dr. Sigmund Steiner gestorben). In Bucarest ist vor einigen Tagen der österreichische Consulatsarzt Dr. Sigmund Steiner im Alter von 53 Jahren gestorben. Derselbe erfreute sich hier eines außerordentlichen Ansehens und großer Beliebtheit. Dr. Steiner war Inhaber zahlreicher hoher Orden u. a. auch des Franz-Josephs- Ordens und der Eisernen Krone III. Elaste. Der.Verblichene zählte zu den wohltätigsten Männern der rumänischen Metropole. Eine Schwägerin des Verstorbenen ist die Gattin des Hof- und Gerichts-Advokaten Dr. Alfred Skr ein in Wien, Frau Annette Skrein. Die hiesigen Blätter widmeten dem verdienten Manne, der eine Witwe und vier Kinder hinterläßt, sympathische Nachrufe. Die Bestattung Dr. Steiner's fand unter großartiger Betheiligung aus allen Schichten der Bukarests Bevölkerung statt. Vor dem Trauerhause aus dem Boulevard Elisabeth hatte sich eine solche Volksmenge angesammelt, daß der Wagenverkehr unterbrochen werden mußte. Bevor der Sarg auf den Leichenwagen gehoben wurde, hielt der Rabbiner Dr. Beck die Trauerrede, in welcher er in bewegten Worten die Verdienste des Verblichenen in Erinnerung brachte und insbesondere hervorhob, daß hauptsächlich den kräftigen Bemühungen Dr. Steiner's der Bestand des israelitischen Spitals zu danken ist. Nach ihm ergriff der Student Fer est er das Wort und gedachte der Wohlthaten, welche der Verewigte den israelitischen Studenten jederzeit erwiesen hatte. Hierauf trug man den über und über mit prächtigen Kränzen bedeckten Sarg auf den Leichenwa/en und der Trauerzug setzte sich in Bewegung. Im Gefolge bemerkten wir den österr.-una. (Gesandten Grafen Golnchowski, den Unterrichts- und Kultusminister Take I o n e s c u, den Primär Pake P r o t o p o p e s c u , beit Polizeipräfecten, Oberst R a st y und andere hervorragende Persönlichkeiten. Die Aerzte gaben ihrem todten Callegen in Kotpore das letzte Geleite. Die militärischen Ehren erwies eine Abtheilung Infanterie. So wurde Dr. Steiner zur letzten Ruhe bestattet. Die allgemeine, so atlßergcwöhnlich zahlreiche Betheiligung liefert gewiß den Beweis, daß inan einen hoch-' verdienten und überaus beliebten Mann begraben har. Paris. Es scheint, daß wir von der antisemitischen Bewegung noch immer keine Ruhe haben. Eine amüsante Versammlung fand vor Kurzem in der Salle des Oout'erenotts am Boulevard de Capucines statt, bei welcher der Marquis Moräs gegen die Juden und insbesondere gegen die von Paris loszog. Der Marquis ist ein ganz merkwürdiger Typtls unserer Epoche. Obgleich Adeliger von Geburt, hat er sich zu verschiedenen Zeiten mit demokratischen und socialistischen Elementen alliirt, doch nahm tnan . ihn unglücklicher Weise in diesen Kreisen niemals für Ernst. Sein Vortrag war betitelt „Die Bank von Frankreich und die Rothschilds". So weit man nach seinen ganz unzusammenhängenden Bemerkungen urtheilen konnte, schien ihm die Position der Bank nicht wenig zu beunruhigen, welche seiner Ansicht nach sich in den Händen der Rothschilds befindet. Er fürchtete, daß das Capital der Bank nicht morgen intact sei. Dies sei ein besorgnißerregender Umstand, denn wenn ein Krieg ausbricht, woher nimmt die Negierung die Mittel! „Er" griff ferner das Ministerium an, weil es angeblich mit den Rothschilds in Verbindung stehe, die, wie er sagte, aus Frankreich vertrieben werden sollten, da sie im Kriegsfälle sicher zu den Preußen übergehen würden. Ich darf nicht vergessen, daß der Marquis sich in Begleitung eines rüstigen Schmiedes befand, eines gewissen Vallöe, der sein Busenfreund ist. London. Die Zeitschrift „Darkest Russin" veröffentlicht in ihrer jüngsten Nummer das nachstehende, aus Birmingham vom 30. v. M. daürte Schreiben Chamberlains: „Geehrter Herr! Ich zögere nicht, Ihnen die Versicherung zu ertheilen, daß Ihren Glaubensgenoffen bei den barbarischen Verfolgungen, welchen sie jetzt in Rußland ausgesetzt sind, meine innigste Ancheilnahme gehört. Die unwidersprochen gebliebenen Berichte über die ihnen zu Theil werdende Behandlung enthüllen ein Bild, welches uns in die dunkelsten Zeiten des Mittelalters zurücksührt. Fast scheint es, als ob Rußland China die Palme in Bezug aus Unduldsamkeit und Grausamkeit streitig machen wolle. Ich hoffe vott Herzen, daß die allgemeinen Proteste aller civili-