Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 51 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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«Veite 946 Aesterreichische Wochrnschrifl. Nr. 51 Hüllungen des „Deutschen Volksblatt" freuten, fühlten sich enttäuscht. Anton Eschenberger, berichtete das „Deutsche Volksblatt" nm andern Tage, ist ein Opfer seiner Nerwositat geworden; er besaß auch Neigungen für den Spiritismus. Das „Deutsche Volksblatt" spricht nur vom Spiritismus, nicht vom Antisemitismus; der Zettel in der Tasche des Selbstmörders weist darauf, daß der Antisemitismus den jungen Menschen aus wohlhabendem Bürgershause zu Grunde gerichtet. In zwei Tagesnotizen hat Verzani ein Bekenntniß abgelegt, das sich mehr als die schärfste Polemik von fremder Seite gegen ihn richtet und gegen den Antisemitismus. Welche Aehnlichkeit des Denkens, welche tiefe Stufe der sittlichen Empfindung, wenn man die Taschen eines Fanten durchstöbert mit dem einzigen Gedanken Behelfe zu einer Denunciation auffinden zu können. Dann erzählt das „Deutsche Volksblatt" ganz ruhig, wie es sich blamirt hat, und das kommt weder der Schriftleitung zum Bewußtsein noch den Lesern .des „Volksblatt". Das bringt eben nur ein Vergant zu Stande. Wie». (Herr Dr. Lueger — abermals dem Tode entronnen!) Der Vertreter des V. Bezirkes geberdet stch bekanntlich von Zeit zu Zeit, als gehöre er zu den allerreHendsten Parlamentariern. Er forderte vor einigen Jahren einen Wiener Abgeordneten. Dazu gehörte allerdings nicht sonderlich viel Todesverachtung, nachdem dieser Abgeordnete kurz vorher erklärt hatte, daß er jede Austragung eines Streitfalles mit der Waffe grundsätzlich perhorrescire. Vor Kurzem hatte nun Herr Dr. Lueger, eine etwas erregte Auseinandersetzung mit einem anderen Parlamentscollegen, von dem es bekannt ist, daß er als Couleurstudent seinerzeit eine sehr feine Klinge geführt, mit Herrn Professor Steinwender, der dem patentirten Vertreter des „kleinen Mannes" in öffentlicher Reichsraths - Sitzung den Vorwurf der „Ungezogenheit" ins Gesicht geschleudert hatte. Und siehe da, der Herr Dr. Lueger fühlte sich urplötzlich vonl tiefsten Mitleid übermannt und er schonte seinen Gegner, indem er in aller Form Abbitte leistete. Diesen Zwischenfall scheint der Herr Doctor -äußerst rasch vergessen zu haben; wie aus dem Parlamentsbwichte erinnerlich sein dürfte, gebrauchte er vor wenigen Tagen gelegentüch seiner Brandreden, in denen bekanntlich ja jedes Wort so wohl überlegt ist, der Deutschen Linken gegenübereinige verdächtigende Bemerkungen, in Folge deren ihm der Abgeordnete Dr. Otto Polak, gleichfalls in öffentlicher Reichsrachssitzung, etwas anbot, was selbst für solche Herren, die von der gütigen Natur mit einer dicken Haut beschenkt wurden, schmerzlicher ist, wie eine moralische Ohrfeige. Abgeordneter Polak fügte die Aufforderung hinzu, der also schwer Beleidigte möge sich nur an seine Person wenden, was mit der männlich-stolzen und selbstverständlichen Erwiderung: „Das werde ich auch thun!" quittirt wurde. Ebenso selbstverständlich bestimmte der nach möglichst schrecklicher Genugthuung Lechzende sofort seine Zeugen und zwar in den seinem Herzens und seiner momentanen politischen Ueberzeugung nahestehenden Herren Dr. G e ßm a n n und Fürst L ie chten sie in. Die beiden Eartelltrager erhielten von ihrem Auftraggeber die Weisung... den Abgeordneten Polak unter den schärfsten Bedingungen zum Zweikampf zu fordern? Ja, wenn der Gegner Dr. Lueger's früher die Erklärung abgegeben hätte, daß er ein principieller Ducllgegner sei, dann wäre ein so rabiates Vorgehen am Platze gewesen. Aber man weiß ja, daß der Abgeordnete Polak einem jeden Verlangen nach einem kleinen Waffentanze mit der größten Bereitwilligkeit entgegenkommen wurde. Die Herren Secundanten des Dr. Lueger — der, wir wiederholen dies ausdrücklich, in eurer Weise beleidigt wurde, die unter Männern noch nicht ruhig hingenommen worden ist — wählten also das unblutige Verfahren. Sie begaben sich nicht zu dm Zeugen des Beleidigers, fonderir zum ersten Bicepräsidcntcn des Abgeordnetenhauses, Freiherrn v. Chlumecky, von dem sie die Einberufung. eines Misibilligungs - Ausschußes verlangten. Das war' in Anbetracht der Sachlage gewiß ein sehr bescheidener Wunsch, aber Freiherr v. Chlumecky befand sich nicht in der Lage, ihn erfüllen zu können, da das stenographische Protocoll der Beleidigung nicht Erwähnung that. Daraufhin wünschten die Herren Zeugen, der von ihnen angerufene Schieds- . richter möge bei dem Abgeordneten Polak dahin wirken, daß Ausdrücke so kräftiger Natur von diesem (Abgeordneten Polak) ihrem Auftraggeber (Abgeordneten Lueger) gegenüber nicht mehr angewendet werden mögen. Freiherr v. Chlumecky theilte denn auch dem Abgeordneten Dr. Polak die Wünsche der antisemitischen Herren mit. Abgeord ictcr Dr. Polak äußerte sich hierauf aber dahin, daß er die Wünsche eines Herrn Dr. Lueger nicht weiter zur Kenntniß zu nehmen geneigt sei, nachdem er die commentmaßige Frist zur Austtagung der Ehrenangelegenheit unberützt habe verstreichen lassen, demnach ni ch t m e h r a l s .satisfactionsfähig zu betrachten sei. Wien. (Ausfall der Wahlen in Berlin.) Das „D. B." vom 18. December schrieb: Leider sind die Anstrengungen, die von antisemirischer Seite gemacht worden sind, um Dr. Bachler zum Siege über seinen freisinnigen Gegencandidaten Dr. Hauer zu verhelfen, vergeblich geblieben. Bei der heute stattgehabten Stichwahl siezte Dr. Hauer. Der Gesamimaussall der diesjährigen Stadtverordnekenwahlen ist mithin für die antisemitischconservative Bürgerpartei ein höchst uirgünsliger. Zu vercheidigen hatten im Ganzen die Liberalen 36, die Socialdemokraten 3 und die Eonservativen 4 Mandate. Bei den Wahlen siegten die Liberalen in 36, die Socialdemokraten in 7 Bezirken. Das Mosse'sche „Berliner Tageblatt" bemerkt zu diesem Anwachsen der Socialdemokratie: „Wir Freisinnigen können mit diesem Ergebnisse wohl zufrieden sein". Genügt zur Eharaktcrisirnng der freisinnigen Stützen von Staat und Gesellschaft. — Ucbrigens dürfte die Zurückdrängung der Bürgerpartei bei den diesjährigen Wahlen nur eine vorübergehende Erscheinung bilden. Die freisinnig-socialdemokratischc Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung trägt , selbst das Möglichste dazu bei, der antisemitischen Partei und ihren Bestrebungen die Wege zu ebnen. Sv verlautet, das; jüngst die Berliner Stadtverordnetenversammlung in geheimer (!) Sitzung den Beschluß gefaßt habe, keinen Lehrer an städtischen Schulen, der des Antisemitismus auch nur irgendwie verdächtig sei, zu befördern. Hossentlich beglückwünscht die Wiener Gemeinderathsiiiehrheit umgehend ihre hiesigen Gesinnungsgenossen zu dieser ihrer neuesten Heldenthat. Hoffentlich wird sie hier ihre Früchte tragen und die Reihen der antisemikischen Partei verstärken. So weit der Wiener Antisemiten-Moniteur. Uns selber wird aus Berlin gemeldet: Der Ausfall der Stadtverordnetenwahlen hat den Antisemiten eine Niederlage gebracht, wie sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen schlimmer kaum gedacht werden kann. Ein so klägliches Ende der Berliner Beivegung in einer Heit, in welcher der Stoff für antisemitische Hetze sozusagen auf der Straße lag und in welch-r seit Monaten eine so wüste Agitation entfaltet worden, wie selbst im Jahre 1883 nicht, hat sich der „zweite Luther" (wie Herr Stöcker von seinen Getreuen genannt zu werden pflegt,)nach zehnjähriger Hetzthätigkeit kaum trälnnen lassen. Nicht einmal im dritten Communalwahlbezirk, in welchem sonst regelmäßig das unabhängige Bürgerthum von den Portiers, Kutschern, Reitknechten und Hausdienern niedergestimmt wurde, hat der antisemitische Candidat. der allerdings durch die letzten Reichstagsmahlen an den Durchfall gewöhnt ist, den liberalen Neuling im Amte schlagen können, obgleich in diesem Bezirk auch bei politischen Wahlen die Reactton über ein Stimmenmaterial verfügt, das jeden Allgenblick bereit ist, aus Comlnando den Berühmten Sprung ins Dunkle mitzuinachen. Es sind jetzt genau zehn Jahre, daß die Bürgerpartei zum ersten Male auf dem Schlachtplan erschien uild den Sturm auf das „rothe Haus", der im Jahre 1883 mit Hilfe der Puttkammer'schen Auflösung der Stadtverordnetenversammlung zu einem allgemeinen Kamps der Parteien führte, eröffnete. Herr Gerold feierte damals die „Sonne, die im Osten ausgegaagen", womit er Herrn Liniprecht meinte, und der selige Ruppel machte die Entdeckung von einer in der Stadtverwaltung „verloren gegangenen" Million und forderte hunderttausend Berliner Bürger auf, i,hre Visitkarteu auf dem Rathhause abzugeben. Und heute? „Noch eine stolze Säule zeugt von verschwundener Pracht",