Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-12-25 · 51 (25.12.1891) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
51 (25.12.1891)
Date
1891-12-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020899--00985-3025002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

s 'in riMin* »SV. 'Jix. 51 Oelrrrrtttzi^r MortzenschrtN. Seile 945 aus den heiligen Räumen der Gesetzgebung verdrängt wurden, sondern aus die künftigen im Schoße der 'Zukunft ruhenden Zeiten sollen wir erwartungsvoll bluten, in ihnen ruht unser und der Menschheit Heil. Wir leben sie mit, diese herzerhebcnde Erfahrung, in jedenr Zeitalter,- cs wird dcch immer mehr Licht. Nach und nach leuchtet es doch immer mehr auf, unsere Widersacher selbst helfen uns die gackeln cnzünden; indem sie ihre eigene Niedertracht immer mehr ir s Licht setzen, tragen sie unwillkürlich dazu bei, an dem Gegensätze zu ihren Schatten, unsere Lichtseiten erglänzen zu lassen. Die Verhandlungen im. österreichischer! Parlamente, die in den letzten Tagen statEefundcn, sie haben wieder ein grelles Licht geworfen auf die dunkeln G> stellten, die mit dem Brusttöne der Ueberzcugung für die sogenannte Rettung des Volkes einzustehen vorgeben und zu diesem löblichen Zwecke vor der staunenden und beifallklatschenden Menge im „Luchsen" oder „ Tiger" allabendlich einen anderen Juden mit Haut und Haaren verschlingen zu müssen glauben. Nun haben wir sie gesehen, die Gesellschaft, rvie sie ihren Giftspeichel spritzte; die Gesellschaft die mit ihrem Deutsch-. lhum stets prahlt, die nun ihren deutschen Genossen verrätherisch in den Rücken fällt, sich mit allen interessanten Nationalitäten verbündet, den Dreibund, der doch zunr Schutze des Deutschthumes gegen die anstürmende Fluth des Panslavismus und revanchelustigen Franzmann dient, bereit ist in Stücke zu zerschneiden. Wo bist du hin, du treuer deutscher Geist, von dem ihr euch erfüllt vorgabet, rvo der deutsche Vaterlandssinn, den ihr immer auf den Lippen habet? Das erste Lichtlein, das der Welt aufgesteckt rvrrrde über das antisemitische Treiben dieser angeblichen Volksbeglücker war dasjenige, das sie bei der Schaffung von Groß-Wien angezündet haben. Wien soll verkümmern, cs soll klein bleiben, es darf kein Verdienst, keine Arbeit, kein Erwerb, kein Leben geben — es könnte ja auch ein Jude ein Prositchen haben'. — lieb erhungern wir Alle und verderben mit. Das ziveite Lichtlein, es wurde nun bei dem, eine Weltaklion bedeutenden Handelsverträgen dreier Centralnrüchte der Welt aufgesteckt. Der noch von einer schmutzigen Wäsche triefende Bundesgenosse aus Berlin hat die Parole mitgebracht: Schließet euch zusammen, alle Finsterlinge, die ihr jeden gesetzlichen Bestand irn Reiche zu unterwühlen bereit seid, gegen diese Aktion, trachtet sie mit allen Kräften zu verhindern, die Welt soll und darf nicht in Ruhe aufathmen. Der Dalai-Lama in den hohen Buchenwäldern. der mit dem Olymp grollende Heros, wünscht es. Und wir sehen sie aufmarschiren die Herren mit dem Großrrrogul des Schwätzerthums an der Spitze, Arm in Arm mit dem „Göttcrmenschen" aus Czechien losziehcn gegen alles, was dem "Vaterland den Bestand erleichtert und garantii't. Nun kanr noch ein drittes Lichtlein herangezogen, das dem staunenden Barer lande noch fehlte. Von jenen Bänken her, von denen den Rodarnontnnden des großmäuligen Antisemiteuführers so viel Beifall geklatscht wurde, erhob sich ein Mann mit wuchtiger spitzenbesäeter Keule sie drohend zu schwingen gegen Staat und Dynastie, haßerfüllt, gespensterhaft, in einem tiefen Abgrund blicken lassend, das Vaterland bedrohend,— wenn es Gott behüte es — den vereinigten Umstürzlern gelingen sollte, es dahin zu bringen. Welch' ein Genosse des biederen unverfälschten Deutschthumes, des reinen nationalen Judenfressers — im Kothe haben sie sich gefunden. Nun sind deine Karten aufgedeckt, du biederer österreichischer Antisemitismus, ein Lichtstrahl fiel in deine dunkle, unheilgeschrvängerte Werkstätte des Hasses, der nicht etwa getränkt ist mit dem scharfen Scheidewasser des immerhin noch einen gewissen Grad von Achtung erweckenden Nationalismus, sondern mit dem echten, zerstörenden Pfützengifte des Anarchismus, der Verwilderung, der Verrohung, der Entrechtung und der nackten Enlsittlichui g. Ein schöner Weihnachtslramu ist es, den chr den Wählern nach Hause bringet. Rur. zu, hoffentlich werden ihrer noch mehr Nachkommen. Nur ncch mehr solcher Lichtlein, die euer Treiben crell beleuchten und ihr werdet bald eure Rolle ausgespielt haben. Es wird dann mehr Licht in Oesterreich, mehr Lichr bei den bisher Verblendeten auch für diejenigen, die in dieser trüben zumeist, wie immer zu leiden hatten, für Israel, das gekr-änkte, hintangesetzte, verdunkelte, wird „mehr Licht" in den komnrenden Tagen. Offlrmpndenzrn. Wien. (D e r Zettel des Selb ft m örde v s.) Wenn in einem Hause sich etwas Besonderes ereignet, dann rennen die Bewohner zusammen, um ihre Eedanten über den Vorfall auszutauschen, mit rvahrem oder geheuchelten Mitleid ihre Empfindungen zu äußern. Solche Seenen find in ihrer Naivität sehr humoristisch geschildert worden und es ist auch schon manches gerechte und scharfe Unheil über die Brutalität gesprochen, mit welcher eine rohe Neugierde Befriedigung sucht. Herr Bergani verfolgt jedoch bei solchen Dingen sichere Zwecke. Das Unglück l,n Haufe wird Glück im Hause, wenn daraus antisemitisches Eapital geschlagen werden kann. Am 17. September erschoß sich im Hause des „Deutschen Volksblatt" ein junger Mann. Das Haus gerieth in Aufregung: die Schriftleitung wurde ebenfalls von der Aufregung ergriffen. N rm hatte es eine Tagesnotiz in's Haus geregnet zum Berdruße aller Judenblätter. Die Schriftleitung des „Deutschen Volksblatt" faßte den großen Entschluß; es wurde, rvie das „Deutsche Volksblatt" wörtlich schreibt, sofort ein Mitarbeiter — an Orr und Stelle entsandt. Die Mission hatte Erfolg; der Berichterstatter legte die Reise glücklich zurück und er entdeckte wirklich, daß sich ein junger Mann erschossen hatte. Es wurden jedoch noch andere Dinge aufgefunden; nicht umsonst hatte der Unglückliche sich im Haus e des „Deutschen Volksblatt" erschoßen. Er wollte die Rache wachrufen. Man fand einen Zettel in der Tasche des Selbstmörders mit seinenr Namen Anton Eschenberger und mi t den Zeilen: Öott hat die Iudenplage geschahen Es ist bestimmt in Gottes Rmh. Daß wir büßen Der Teufel auf Erden. Diese Zeilen deuten zwar in ihrer ftyüstischen Form auf die Geistesverwirrung des Unglücklichen; allein Die Schrift- Leitung des „Deutschen Volksblatt" war sofort überzeugt, daß Anton Eschenberger das Opfer eines jüdischen Verbrechens geworden sei. Der Fall lvurde auch mit der Umständlichkeit erzählt, wie es paßt, wenn eine große Mtion eingeleitet rverden soll. Die scharfsinnige Combination des Herrn Vergani fand bei seinen Mitarbeitern, bei den Dienern der Schriftleitung und bei einigen alten Weibern, die im Hause wohnten, enthusiastische Bewunderung. Furchtbar genug klangen die Worte am Schlüsse der Notiz: „Die ominösen Worte aus den: Meldzettel werden uns natürlich veranlassen, dem Fall weiter nachzugehen um zu ergrüitden, was den Bedauernswerthen in den Tod getrieben hat." Am andern Tage aber war Herr Vergani sehr kleinlaut und die Antisemiten, die sich schon auf die Ent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.