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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-12-25 · 51 (25.12.1891) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
51 (25.12.1891)
Date
1891-12-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Orsterrrichifchr Wochrnfchrift. Nr. 51 Seite 944 wimmelt das Buch Ligneau's — man vermeint förmlich, sich in einem Tollhause zu befinden. Und in welch' arroganter Weise tritt in diesem Sammelsurium von geistiger Plattheit und sittlicher Verrohung die Unwissenheit auf. 'Spanien wird glücklich gepriesen, weil es „durch die Inquisition vor der jüdischen Invasion bewahrt worden!" Daß dieser Antisemiten-Apostel der Inquisition eine Hymne singt, deren Andenken jedem wahren und aufgeklärten Christen die Schamröthe in's Antlitz jagt, mag noch hingehen, aber nicht zu wissen, daß die Inquisition, statt ein Präventiomittel gegen jüdische Invasion zu sein, der Faktor war, der die Juden aus Spanien vertrieb — das wird Herrn Ligneau kein Quartaner verzeihen. . . Und ist es nicht ämisch, wenn unser Buch positiv behauptet, der vorjährige Lordmayor von London sei von Sir Moses Monte fröre dazu verleitet worden, das Meeting zu Gunsten der russischen Juden einzuberufen? Aber Herr Ligneau! Sir Moses Montefiore ist ja schon seit 5 Jahren tobt — oder soll die Macht der Judm eine so große sein, daß diese selbst aus dem Grabe noch die nichtjüdische Menschheit zu allem Bösen zu nöthigen vermögen? Wie zartbesaitet das antisemitische Gemüth ist, auch davon liefert das Ligneau'sche Buch eine hübsche Probe. Unser Verfasier jauchzt förmlich vor Freude, da er die angebliche Dhatsache verzeichnet, daß in Rom anläßlich einer Schönheitsconeurrenz die Siegerin, weil sie Jüdin ^war, mit faulen Orangen beworfen worden ist. Ist das französische Galanterie? Herr Jean de Ligneau, es schickt sich nicht, Frauen geg nüber — und seien sie, wer sie seien — roh zu sein, wenn man ein Franzose ist! Ist aber Herr Ligneau auch wirklich Franzose? Fast möchten wir es bezweifeln. Das Volk, das 1789 frei gemacht hat, kann unmöglich auch nur einen einzigen so entarteten Sohn haben, wie dieser fanatische Obscurant einer ist, der in seinem Buche einen hundertfachen Hochverrath an all' dem begeht, was den unvergänglichen Stolz, den nie versiegbaren Ruhm Frankreichs ausmacht. Das Buch deutet ja an, daß Jean de Ligneau nur ein Pseudonym sei, und wenn Ligneau kein Ligneau ist, kann er dann nicht ebensogut ein Nichtfranzose sein? Die vierschrötige Brutalität des Buches, der vollständige Mangel an Geist, diese praktische gemeine Verlogenheit, diese dürre und selbstgefällige Unverschämtheit, sie leiten ja direct zu dem Argwohn hin, daß in der französischen Verkleidung — offenbar ein Russe stecken mag. Solche Anonymität stimmt ja auch gar nicht zu dem loyalen Charakter der Franzosen. Wäre es auch möglich, daß ein Franzose dieses Buch geschrieben habe, so würde er es doch unter semem wirklichen Namen veröffentlicht haben. Bei aggresiven Tendenzschriften dieses Schlages hat die Vorschiebung eines falschen Namens keine Berechtigung. Wenn jeder Mensch berechtigt ist, gemein zu sein, wie es ihm nur irgend beliebt, so muß er doch wenigstens den Much seiner Niedertracht haben. P. L. Diq Verfolgung der Deutschen in Rußland. („The Speaker/') Mr. 'Poultney Bigelow hat Rußland bereift, und bei dieser Gelegenheit -Erkundigungen über die Verfolgungen eingezogen, denen die Deutschen ausgesetzt sind. In Bessarabien traf er mit: einem Deutschen zusammen, der in besonders eindrucksvoller Weise die eigene Lage und die der Stammesgenossen schilderte. Der Deutsche gehörte einer Kolonie an, deren Vorfahren zum großen Thril im vergangenen Jahrhundert bereits nach Rußland eingewandert sind, wohin man sie zog mit den Versprühen, chnen Land zu geben und ihre Eigenart zu respektirenz sie waren sämmtlich Protestanten. Seit einem Jahrhundert haben sie chre Pflichten als russische Unterchanen erfüllt, haben den Militärdienst genügt, haben auf russischen Schlachtfeldern geblutet, um zu erfahren, daß man sie heute wieder wie lästige, fremde Eindringlinge behandell. Die russischen Beamten bedrücken sie in jeder Weise. „Sie bchandeln uns, wie sie die Juden behandeln, als ein Volk das auf gesetzlichen Schutz keinen Anspruch hat." Wollen die Deutschen einen Lehrer anstellen, so muß der Nachweis erbracht werden, daß er des Russischen vollständig mächtig ist; stellen aber die Russen in deutschen Gegenden einen Lehrer an, so fragen sie "gewiß nicht danach, ob er sich auch den Deutschen in deutscher Sprache verständlich machen kann. Zudem sucht man — gerade wie den Judm — so auch den Deutschen, sozial zu ruiniren. Es ist den Deutschen verboten, eine Maschine aufzustellen, oder wenn sie eine besitzen, sie in Gang zu erhalten. „Der Bruder eines Nachbars von mir ist Besitzer einer Wassermühle, aber es ist ihm nicht länger erlaubt, sie gehen zu lassen, und so liegt sie 'unbenutzt im Verfall da. Und doch ist dieser Mann in Rußland geborm; aber weil er einige Jahre in Rumänien gelebt hat, darum hat er seine Rechte als Russe verloren; er darf jetzt seine Mühle nicht mehr mahlen lassen, die ein großer Nutzen für unsere ganze Gemeinde war." Auch darf kein Deutscher neues Land erwerben und gleichzeitig ist ihnen die Auswanderung auf das Aeußerste erschwert. Denn sie finden keinen Käufer, der ihnm für ihr Land einen einigermaßen entsprechenden Preis zu zahlen bereit ist. So sind sie an die Scholle gebunden, wo ihnen das Leben mehr und mehr unerträglich gemacht wird, und rühren sie sich vom Flecke, so legt man ihnen zahllose Hinderniffe in den Weg, bis sie einen Paß erhalten; solch' ein Paß selbst für die kleinste Reise kostet zwanzig bis fünfzig Rubel. Und warum alle diese Bedrückungen? „Ich weiß es nicht," sägt der graukövfige Landmann zu Mr. Bigelow! „Wir thun ihnen nichts Böses. Vielleicht daß wir besser vorwärts gekommen sind, als unsere russischen Nachbarn und daß wir sie dadurch eifersüchtig gemacht haben." Am Schlüsse dieser interessanten Mittheilungen faßte Mr. Bigelow seine Eindrücke folgendermaßen zusammen: „Die Regierung verfolgt nicht eine einzelne Religion oder eine einzelne Nation, sondern Jedermann, der nicht mit Leib und Seele griechisch-orthodox ist. Dieser Krieg wird von einer Armee völlig unwissender und korrumpirter Beamten geführt, die so lange völlige Freiheit genießen, als ihr Eifer sich gegen die Wohlfahtt von „Fremden" richtet. Jeder Polizeibeamte in Rußland befindet sich mit seiner Gemeinde im Allgemeinen und mit seinen Vorgesetzten im Besonderen in stillschweigendem Einverständniß darüber, daß er jede Uebelthat geschehen lassen wird, vorausgesetzt, daß die Verfolgung nur einen Polen, einen Deutschen oder Juden zu Grunde richtet. Es gibt Opfer, die sich einen gewissen Grad von Duldung durch beständige Bestechung verschaffen, aber selbst die Vortheile, die so erreicht werden können, sind begrenzt. Und so kommt es denn, daß jetzt mehr als zehn Millionen in Rußland um Erlösung von dem moskowitischen Mißregiment beten." „Mehr Licht!" Eine Betrachtung zum Chanuckafeste von Rabbiner W. Reich in Baden. Nach und nach glitzern und blitzen sie auf die kleinen Lichter, immer eines mehr, bis vollendet ist die Reihe und erfüllt die religiöse Bestimmung. „Mehr Licht!" scheinen sie uns all'ährlich zuzurufen und diese erhabenen Worte, die der erleuchtete Geist des großen deutschen Dichterfürsten aushauchte, als er in die Walhalla der Unsterblichen einziehen sollte, sie bringen sich dem gläubigen Israeliten, gls ein uraltes Vermächtniß seiner Religion, in Erinnerung. „Mehr Licht!" rief uns die Schule Hillels zu, aus welcher das ganze nachbiblische Judenthum seine Sentenzen, seine rechts- und sittenbildenden Anschauungen gezogen, mit der Begründung: „Blicket auf die kommenden Tage!" Das ist auch unser erhaltendes Motto geblieben; das Judenthum war nicht, es wird erst sein; ein goldenes Zeitalter hat es noch nicht gegeben, es wird erst ein solches kommen. Nicht auf die vergangenen Zeiten soll unser Augenmerk gerichtet sein, wie die Schule Schrmais es lehrte, die deshalb

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