Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 51 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. Bl Orstrrrerchischr Wochenschrift. Seite 9sS Wendung über dem Vormtheil und man wurde als Römer angesehen, auch wenn man seine jüdische Abstammung bekannte. Der Angeklagte war lein geringerer als der Apostel Paulus und der erwähnte Bericht ist in der Apostelgeschichte nachzulesen Was würde man dem Apostel Paulus zurufen, wenn er in einer Wiener antisemitischen Versammlung ein solches Bekenntniß allegen wollte. Jetzt aber nach achtzehn Jahrhunderten ist e3 dem Juden trotz seines tiefen deutschen Gefühls schwer zu sagen: „Ich bin deutsch"; denn selbst das Recht der Vaterlandsliebe wird ihm verweigert. Die drei Sterne: Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit leuchten schon lange der Menschheit, aber sie sind durch Wolken verschleiert und nur von Zeit zu Zeit, wenn die Wolken auseinander flattern, schimmert ihr Licht trübe durch den Schleier winterlicher Erde hernieder. „Dyr guih Wrrnhrr." Das „Correspondenzblatt für den kathotischen Clerus" nimmt bei Beantwortung der offenbar nur vorgeschützten Frage, „ob Werner der Name eines Heiligen fei“, Veranlassung, seinen Lesern, also dem „katholischen Clerus", die Geschichte von einem vierzehnjährigen Christen-Knaben Werner zu erzählen, der im Jahre 1287 zu Oberwesel von einigen Juden bei den Füßen aufgehangen worden sei, „damit er die heilige Hostie wieder von sich gebe". „Da dies nicht gelang, geißelten sie ihn, öffneten ihm die Adern, und preßten ihm das Blut aus. Werner litt geduldig und starb." Es liegt mir ferne, mich aus diese in unmißverständlicher Absicht vor Weihnachten aufgewärwte Hostiengeschichte, welche gerade so wahr ist, wie die zahlreichen ihres gleichen, tiefer einzulassen. Da den Juden so vieles nachgrsagt wird, so können sie sich dies auch noch gefallen lassen. Cie mach-n es wie — nach dem „Correspondenzblatt" —Werner, sie leiden geduldig, wenn sie auch nicht sterben. Das werden sie sich noch ein Bischen überlegen. Wenn ich trotzdem zu dieser, mir aus der „Deutschen Zeitung" bekannt gewordenen Notiz die Feder ergreife, so geschieht cs deshalb, weil ich meine Verwundenmg darüber nicht unterdrücken kann, was das „Correspondenzblatt für den kacholischen Clerus" diesem bieten darf. Das Ollromovn Colmariense bei Böhmer, Fontes rerum Germanicaium zum I. 1288 (p. 72), also eine gut katholische Quelle, theilt nämlich mit, „daß Kaiser Rudolf den Erzbischof von Mainz zu einer feierlichen Verkündigung auf der Kanzel verhalten habe, daß die Christen den Juden das größte Unrecht thaten, und daß der guteWernher, welcher gemeiniglich als von den Juden ermordet ausgegeben, und von einigen einfältigen Christen als göttlich verehrt werde, in Feuer verbrannt und dessen Asche in den Wind ge st reut und ins Nichts aufgelö st w erd e." Das Chronicon berichtet sogar, daß die Predigt statt-- gefunden habe und daß 600 bewaffnete Juden zu dem Zwecke gegenwärtig gewesen wären, falls ein Christ widersprechen sollte, denselben nicdcrzustechcn. Wenn die letztere Nachricht mit Recht bezweifelt wird, so laßt sich doch die Angabe nicht anfechten, daß Kaiser Rudolf gegen die Anklage, die Juden hätten den Knaben Werner einer Hostie wegen umgrbracht, ausgetreten sei. Denn es ist sowohl von diesem Kaiser wie von zahlreichen Päpsten bekannt, daß sie die Juden gegen die Anklage des Christenkind ermord cs in Schutz genommen haben. Ebenso wenig ist anzunehmen, daß der mönchische Chronist geschrieben haben würde, Werner werde nur von einigen einfältigen Christen für göttlich verehrt, wenn sich die Sache nicht so verhalten hätte. Womit die Thatsache, daß Werner heute von der Kirche alS Heiliger anerkannt und daß zu seinem Grabe gewallfahrtet wird, durchaus nicht in Widerspruch steht. Die Heiligenvcrehrung i st Glaubens fache der Kirche. D.rrüber maße ich mir kein Urtheil an, ich respectire sie vielmehr. Die h i st o r i s ch e Begründung aber verfällt der Krrtrk und diese steht jedem zu. Es ist also sehr unvorsichtig von dem „Correspondenzblatt für den katholischen Clerus" und meines Erachtens für den letzteren geradezu beleidiged, wenn es demselben die quellenmäßig so bestrittene Nachricht von dem Kraben Werner als ein unbestrittenes und ausgemachtes Factum aufzuttschen wagt. Dergleichen mag im „goldenen Luchsen" hingehen, denn Bier lind Wein sind schlechte kritische Hilfsmittel, und die dor igen Zuhörer werden leichter berauscht von dem was sie tränken, als von dem was sir hören, was die geehrtm VoWredner nicht immer selbstlos genug sind, zu unterscheiden. Aber dem katholischen Clenis, in welchem sich Männer von cuSgezeichneter Gelehrsamkeit befinden, darf doch nicht mit derartigen „h r st or i s ch e n" Facten aufgewartet werden! Ich gebe noch ein anderes zu bedenken! Was den Juden Ucbles nachgesagt werden kann, wird ihnen thatsächlich nachgesagt. Man hat sogar den rituellen K'nderrnord wieder auizuwärmen gesucht. Aber von einer Liebhaberei der Juden für verschi cke Hostien oder Hostienschändung der Juden hat man neuerdings i.rchts gehört. Wahrscheinlich verfängt also dieses Drittel nicht mehr. Die Antisemiten müssen es wissen. Wenn nun das „Correfpondenzblatt für den katholischen Clerus" trotzdem diese Hostiengeschichte vorbringt, so sollte es doch bedenken, daß der abgeschossene Pfeil auf den Angreifer zurückprallen und daß es dem Hostienglauben mehr schaden kann, als den Juden. Oder ist das „Correspondenzblatt" anderer Ansicht? Mir kann's recht sein. Rabbiner Dr. M. Güdemann. Weihnachten. (Aus den Mittheilungen „des Bereines zur Abwehr deS Antisemitismus in Berlin)." Weihnachtsfreude und Weihn. chtsfriede ist die Losung. Die Antisemiten legen ihre Waffen auch jetzt nicht nieder-, im Gegentheil, sie wetzen sie um so mehr. Ungezählte Flugblätter, „Kauft nicht bei Juden", werden vercheitt, ungezähmte Fluchreden werden gerade jetzt gehalten. In der Reichshauptstadt überbicten sich die antisemitischen Apostel, unter verschiedenen Titeln behandeln sie immer dasselbe Thema. Durch alle diese Hetzreden klingt nur der Neid, der den Antiseuriten mich die wahre Werhnachlsfreude verbittert. Christlich - a tisemilrsche Geschä tsleute senden ihre Handlungsgehilfen und Lehrlinge in die antis.'mitifchen Versammlungen, um das unheilige Feuer der Leidenschaft schüren zu helfen und den Reden der Führer Bei- * fall zu zellen. Von W'ihnachlsfrieden, der an Weihnacht in den christlichen Häusern und Herzen walten soll, findet man keine Spur. Und nnn, wie stimmt die antisemitische Hetzarbeit zu dem Sinn des Weihnachtsfestes? Weihnacht ist das F st des Lichtes. In die dunkelsten Tage hat es die Kirche alä Freudncst gelegt zum Sinnbild, daß es wieder Licht wird wie im Reiche der Natur, so im Reiche des Geistes. Der Stifter der christlichen Reli. ion, dessen Geburt die Christenheit feiert, hat der Wett ein Licht angezündet, „ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preise deines Volkes Israel", wie der Semit Simeon sagt. Aber dieses Licht soll nach dem Willen der Antisemiten nicht zum Preise, sondern zur Verhetzung des Volkes Israel dienen. Jesus als Jude geboren von jüdischer Mutter hat den großen Gedanken gehegt, den Kern der jüdischen Religion von der nationalen Schale zu lösen, um diese Religion auch Nichtjuden zugänglich zu machen, um mtt dem Licht des Monocheismus,