Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 50 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 50 Arsterreichifche Wochenschrift. Seite 031 und besitzt auch praktische Kenntnisse in der Landwirthschaft. Von der sorgfältigen Auswahl unter den russischen Juden wird nun der Erfolg dieses Experimentes abhängen. Bei der günstigen Lage in der Nähe der Stadt ist die Beaufsichtigung der Colonie leichter möglich und ebenso ist die Gemüsegärtnerei in der Nähe von London im Allgemeinen sehr einträglich. Rom. Abermals wurde ein Jude in dem diplomatischen Dienste befördert, indem Signor Pollacco Secretär der Gesandtschaft in Paris zum Geschäftsträger in Haag ernannt wurde. Nom, 4. December. Baron Treves de Bonfili ist vom Könige motu poprio zum Commandeur des Ordens der Oorcmna d’ Italia ernannt worden. Turin. Signor Alesandro Malvano, dessen Ableben jüngst mitgetheilt wurde, gab die Initiative zu den öffentlichen Bauten, welche Turin zu einer schönen Stadt ausgeftalteten. Er war es, welcher die Demolinmg des Ghetto durchsetzte. Die Stadt Turin anerkannte ihn als einen ihrer hervorragendsten Bürger, indem sie ihn als Delegirten der Stadt beim Leichenbegängnisse des Königs Victor Emanuel bestimmte. Signor Malvano war Präsident der- Sparcasse, der Handelskammer und der subalpinen Bank, deren Gründer er war. Die jüdischen Gemeinden Italiens verdanken ihm das Gesetz, welches die Ausübung des Gottesdienstes der Juden in Piemont regelte, welches später auf ganz Italien ausgedehnt wurde. Athen. (Das Heine-Denkmal im Schlosse der Kaiserin.^ Einem Leser, der bei der Aufstellung der Statue Heine's int Park von „Achilleion" auf Corfu zugegen war, danken wir folgende Schilderung des Denkmals: Porträt-Aehnlichkeit und getreue Wahrheit jmb die ersten Bedingungen gewesen, unter denen die Kaiserin dem dänischen Bildhauer Hasselriis in Rom die Ausführung des Denkmals übertragen ließ. Deshalb ist auch nicht eine Spur des deutsch.',, Apolls, der er in seiner Jugend war, im Steinbild des Dichters zu finden. Er macht den Eindruck eines Erblindeten, dem äußere Erscheinung gleichgiltig geworden. Mit einem weiten, wollenen Gewände bekleidet, einen Plaid über die Knie gebreitet sitzt Heine gesenkten Hauptes mit beinahe geschlossenen Augen da. Da der Bildhauer nicht von der Wahrheit abgehen wollte „in Heine das eine gelähmte Augenlid stets geschlossen hielt, mußte er ihn beide Augen schließen lassen. In der Rechten, die ans dem Knie ausliegt, hält Heine den -Stift, in der Linken ein Album, aus dessen marmornen Blättern das Lied „Was will die einsame Thräue? Sie trübt mir ja den Blick/ in Heine's Schrift schwär; eingemeißelt ist. Die Statue hat mehr als L.'bensgröße. -zur Ausführung wurde Earrara-Marmor von einer eigeuthümlich dunklen, bläulichen Schattiruug genommen, die der ganzen Darstellung ein melaucholisch.'s Gepräge verleiht. Jedem, der die Statue sieht, gibt sie Stoff zum Rachdeuken und träumerischem Sinnen. Rew-Uork. Walter Ke m st er, einer der Auswanderungs- Commissäre der Vereinigten Staaten von Amerika, welche im Aufträge des Congresses die europäischen Staaten besucht haben, erklärte einem Berichterstatter in New-Pork Folgendes: „Das Publikum wird warten müssen, bis wir unseren Bericht dem Congresse vorgelegt haben, aber wenn die Thatsachen bekannt sind, werden sie die Welt überraschen. Die hier veröffentlichten Geschichten theilen nicht zur Hälfte das Elend mit, welches in Rußland herrscht. Die Verfolgung ist nicht auf die Juden beschränkt. Wir hören von den Leiden derselben mehr, iveil ihre Zahl größer ist, allein in Wirklichkeit wird ein religiöser Krieg geführt, gegen Jene, ivelche nicht zur Staatskirche gehören". Washington. Die im telegraphischen Auszugmitgetheilte, am 9. d. dem Congresse der V.-reiniglen Staaten von Nordamerika zugegangene Botschaft des Präsidenten H a rr i s o n hat bekanntlich auch einen Passus über die Jude nv erfolg UN gen in Rußland gebracht. Derselbe hat nachstehenden Wortlaut: „Die Vereinigten Staaten haben in freundlichem Geiste, aber mit vielem Ernste der Regierung des Ezars ihre ernste Betroffenheit wegen der harten Maßregeln gegen die Hebräer und die darauf erfolgte Auswanderung dieser Leute nach den Vereinigten Staaten ausgesprochen, die wahrscheinlich Verhältnisse annehmen wird, welche es schlver machen werden, für die Auswanderer Obdach und Beschäftigung zu finden, und die ernstlich den Arbeitsmarkt berühren können. Dieser Grund, wie auch Humanitäts-Rücksichten rechtfertigen hinreichend unsere Vorstellungen." San Franziska. (Ende November.) An der Ecke von Silver Avenue und Mission Straße wurde am 23. November ein jüdisches Altenheim eröffnet. Das Gebäude ist von der „Hebrew Ladies Society" einfach, aber vollständig und praktisch möblirt, und macht die Anstalt auf den Besucher ein n sehr guten Eindruck. Acht alte Personen bezogen dieselbe, darunter ein 90jähriger Mann, der gleich seinen Sarg mitbrachte, dm er schon seit Jahrm besessen hat. Die Beamten des Heims sind: S. W. Leoy, Präsident; Martin Heller, Bice-Präsident; Directoren: Jsaac Wormser, Louis Gerst!e, Sigismund Greenebaum und Judah Newman. Venezuela. Dr. Montenegro, der Minister des Aeußern für Venezuela, hat bekannt gegeben, daß seine Regierung bereit sei, unter gewiffen Bedingungen die Niederlassung russischer Juden in ihrem Lande zu gepalten, und zu diesem Ende 30.009 Pfd. St. aus dem Staatsschätze reservirt habe. Feuilleton. Vetter Maische. Eine ,Zedererzählung. In Galantha und der Umgegend domiuirl noch heute wie seit etwa siebzig Jahren die Familie K . . . , nennen wir sie Kraus. An einem Ende der Gasse schimmert hinter einem schönen Borgärtchen das hübsche, vornehme Haus des Herrn Abraham Kraus. Am anderen Ende der Gasse steht das niedrige schindelgedeckre Haus des Maische Kraus, den man weit und breit nur Ra-Moische nennt, weil er von Jedem nur Schlechtes redet. Der Maueranwurf des Hauses ist alt, geweißt ist es auch schon lange nicht worden — aber aus der Bank des Flurs mundet die Pfeife vortrefflich und Maische sitzt da tagelang die Borübergehenden musternd und kritisireud. Maische hat es während der letzten fünfundzwanzig Jahren, Jedermann, der auf dieser Bank eine Pfeife mit ihm geschmaucht, wenigstens zehntausendmal erzählt, daß eigentlich nicht jenes große Haus am anderen Ende der Gasse, sondern dieses ehrwürdige, vom Zahn der Zeit so stark benagte, das Stammhaus der Familie Kraus sei. Auch stamme nicht der reiche Abraham Kraus aus dem wahren, alten, reinen Blute der Kraus, sondern er. Denn Abraham sei nicht in gerader Linie der Urenkel jenes vielberühmten Takif Reb Leser Galantha, der einmal einem zum Tode verurtheilten Juden vom Galgen weg befreite. Hingegen stamme er, Maische, direkt von diesem Reb Leser her, der Hofjude eines Grafen Esterhazy de Galantha war, und durch diesen Magnaten im Komitate und bei der königlichen Tafel Alles durchsetzen konnte, was er wollte. Auch in der „Schül" sei nicht die „Statt," auf welche Abraham geht, sondern die. auf welche er, Maische, geht, die des Ahnherrn gewesen. Abraham habe seine „Statt" erst gemacht, seitdem er die „Schül" neu Herrichten und aus der obersten Reihe der Sitze anstatt der früheren zehn elf machen ließ. Denn, ob es nun eine Schande ist oder nicht, die Großmutter des Abraham war eine Morawtschikin, sein Vater war ein Hausirer, seine Mutter die Tochter eines -- Schames, mehr verräth er gewöhnlich nicht von den Familiengeheimnissen. Maische geht nicht der geringsten Beschäftigung nach, obwohl er immer von seinen Geschälten spricht; darum aber mangelt es ihm doch an nichts. Herr Abraham Kraus macht die Vorsehung des ewig grollenden armen Vetters. In dem Augenblicke, wo diesem nicht Alles nach Wunsch geht,, macht er sich in Reden gegen Abraham Luft. „Freilich die da drunten," und dabei zeigt er a >s das hohe Haus seiner reichen verwandten, „würden sich freuen, wenn ich zugrunde ginge^ Es gelüstet sie nach meinem Hause und nach meiner „statt" in der „schul." Run es soll sie nur gelüsten — das wahre, reine Blut Reb Leser Galamha's fl,ent doch nur in meinen Adern." Herr Abraham aber weiß sehr wohl, wie dankbar der Alte ihm gegenüber ist, und er beeilt sich, ihn zu versöhnen. Er schickt ihm ganze Wagenladungen von Mehl, Schmalz. Spezereien und herzerquickenden Wein. Vetter Maische findet dies alles sehr natürlich und sein Dank besteht darin, daß er durch den Neberbringer fragen läßt, ob all' diese Lebensmittel nicht vergiftet sind. _ . Herr Kraus, seine feine, schöne Frau und seine drei Kinder sprechen hie und da bei Vetter Maische vor. Diese Huldigung gefallt den Alten und er veranstaltet mit Hilfseiner Wirtschafterin, erue große „Gasterei." Wenn die Kinder ihm schmeicheln, legt sich fern Groll und er söhnt sich mit dem anderen Zweige der Kraus aus. Dan» aber erzählt er wochenlang, daß die Verwandten zu Hause nur großthun, aber hungern. Zu ihm kommen sie zuweilen, um sich zu sättigen, und sie essen ihn ganz auf. _ Und doch gibt Herr Abraham dem Vetter Maische reichlich Gelegenheit, sich bei ihm für das, was er bei ihm genossen, zu entschÄngen. Zwei-, dreimal wöchentlich wird Vetter Maische in den gastfreundlichen