Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 50 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 928 Orstrrrrtchifchr Wochrnfchrtst. Nr. SO Es heißt, daß seine Majestät der Czar von Rußland vor kurzem sich gemeiert hat, einen ihm vorgelegten Beschluß zu unterzeichnen, der eine weitere Verfolgung der Juden zum Zwecke hatte, und daß der Czar das Schriftstück vor den Augen des Bericht erstattenden Hof-Beamten in Stücke riß. Die emstesten Gedankm mögen durch die gegenwärtige Situation des russischen Reiches in der Seele eines schweigsamen Selbstbeherrschers wachgerufen werden, zu einer Zeit, wo eine loyale, dem Herrscherhaus ganz ergebene Bauernschaft vor Hunger zu Grunde geht und der „Titularvater" seines Volkes nicht im Stande ist, seinen Unterchanen Rettung und Hilfe zu bringen. Durch solche Ereignisse mag das Herz eines Autokraten weicher gestimmt werden, und er dürste nun Anlaß haben, sich verwundernd zu fragen, ob er von seiner Umgebung weise berathen wurde, als diese chn dazu drängte, dem ganzen russischen Geschäftsleben, welches bis jetzt gegen den lähmenden Einfluß einer schlechten Ernte und anderer Zufälle gesichert war, einen argen Stoß zu versetzen. Dies ist geschehen durch die Austreibung der jüdischen Bevölkerung, denn die russische Regierung hat durch den Ruin der jüdischen Zwischenhändler und Kornagenten sich des einzigen sicheren Schutzes beraubt, der die Millionen ihrer Unterthanen vor einer Hungersnoch sicherte, und das ist es, was der Czar vielleicht jetzt einzusehen beginnt. Argentinien. Ueber die jüdischen Colonien in Argenttnien wüd gemeldet, daß die Resultate befriedigend sind. Unter Dr. W. Löwenthal's Leitung sind die Colonien schon vor einigen Monaten ins Leben getteten. Die Colonisten zeigen Geschicklichkeit und guten Willen und es ist nicht zu zweifeln, daß sie in einiger Zeit alles Nochwendige erlernt haben werden. Mit dem Präsidenten der argentinischen Republik wurden Verhandlungen angeknüpft, um von chm acht Millionen Acker Staatsländereien anzukaufen. Da der Congreß jedoch den Vertrag nicht genehmigte, mußten mit der Regierung neue Verhandlungen eingeleitet weichen, die einige Verzögerung verursachen. Eine andere Schwierigkeit bereiten die Einwanderer, die auf eigene Faust nach den La Plata-Staaten gekommen sind, und nun in Colonien ausgenommen werden rvollen, die für sie nicht bestimmt sind. Baron Hirsch weilt gegenwärtig in England, um das Comits für BuenoZ-Ayres zu reorganisiren. Seine Absicht ist, vorwiegend Engländer hierfür zu gewinnen. In Argentinien sollen an vier -oder fünf Orten gleichzeitig die Colonisationspläne ins Werk gesetzt werden. Die Einwanderung der russischen Flüchllinge in London hat ganz aufgehört, die meisten von chnen zeigen besondere Vorliebe für die La Plata-Staaten. Von anderer Seite wird berichtet: Im October wurde dem Congresse von der Regierung ein Gesetzentwurf vorgelegt, wonach denr Baron Hirsch für die Dauer von vier Jahren 1300 Quadratleguas in den National- Territorien des C h a c o und der M i s s i o n e s zum Preise von 200 Pfd. Sterl. per Legua zur Auswahl überlassen werden sollen. Baron Hirsch will den Preis für diese Ländereien sofort erlegen unter der Bedingung, daß die argmtinische Regierung diese Summe mit 5 Percent verzinst und sich verpflichtet, den Saldo für das in der erwähnten Zeit nicht erworbene Land zurückzuzahlen. Des Weiteren will die Regierung dem Baron Hirsch das Vorkaufsrecht bei allen Verkäufen von Staatsländereien in den genannten Territorien und sonstige Begünstigungen einräumen. Diese Absichten finden aber in der Presse des Landes die heftigste Anfeindung, und es erscheint nicht sehr wahrscheinlich, daß das in Rede stehende Project der öffentlichen Meinung — um welche sich bisher freilich weder die Regierung, noch die Kammern sonderlich bekümmert haben — zum Trotze in der beabsichtigten Form zum Gesetze erhoben werde. — Die Einwanderung russischer Juden betrug im Monat October 205 Personen, so daß dieselbe bis zu diesem Monat folgendes Gesammt-Ergebniß auftveist: Juli ... 63 August . . . . 679 September . . . 315 October . . . 205 Zusammen 1272 All' diese Personen unterwarfen sich dem argentinischen „Immigrations-Gesetz" und wurden in Folge dessen auf Staatskosten in das Innere des Landes befördert, zumeist nach dem »karticko 9 de Julio“. VmniMes. Wien. Am Chanucafeste 1891 werden durch den Vorstand des Theresien-Kreuzer-Vereines an 689 Kinder betheilt werden. An Knaben: 114 Winterröcke, 60 Winterhosen, 240 ganze Anzüge, bestehend aus Beinkleid, Rock und Weste, 354 Paar Siesel, 330 Hemden, 60 Unterhosen, 15 Westen, 180 Paar Socken, 50 Paar Handschuhe, 354 Halsshawls, 160 Paar Pulswärmer, 200 Sacktücher,'Hüte und viele einzelne Kleidungsstücke. An 335 Mädchen: 225 Kleider, 110 Stoffe zu Kleider, 220 Hemden, 200 Sacktücher, 30 Paar Handschuhe, 335 Barchentröcke, 70 Schürzen, 335 Hauben, 320 Umhängtücher, 15 Mäntel 140 Paar StrÄmpfe, 335 Paar Stiefletten, 15 Muffe, 200 Halsboas, Echarpes und viele einzelne Kleidungsstücke. Wien. Der Kranken-Unterstützungsverein „Liwias Chen" in Wien ist mit nachstehendem Schreiben ausgezeichnet worden: „Sr. k. und k. Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Carl Ludwig lassen für die von dem geehrten Vereine mit Schreiben ddo. 7. d. M. dargebrachten Glückwünsche zur Wiedergenesung der Frau Erzherzogin Margaretha hiermit bestens danken. Wien, 11. December 1891. Im höchsten Aufttage: Catharin m. p. An den geehrten Ausschuß des^Kranken-Unterftützungs-Vereines „Liwias Chen" in Wien. Wien. In einem Aufsatz über den päpstlichen Index verbotener Büch er erzählt E. Schulte folgendes: Papst Clemens Vlli. ergänzte die tridentmischen Regeln noch dahin, „daß die frevelhaften talmudischen, kabbalistischeu und sonstigen gottlosen Schriften der Hebräer verdammt sein und von den Juden unter keinem Vorwände behalten, gelesen, gekauft und verkauft werden sollten." Das Buch Magazor, wie er es nennt, richtiger Machsor, welches die gottesdienstlichen Gebräuche der Hebräer enthalte, solle nur in hebräischer, nicht in einer anderen Sprache gestattet sein. Wien, 15. Dezember. '(Ein Fest für den Tempelbauverein des VIII. Bezirkes der Stadt Wien). Wiederholt wurden Klagen taut, daß der Tempel in der Florianigasse für einen so großen und volkreichen Bezirk wie es der achte ist, der so viele Glaubensgenossen zu seinen Einwohnern zählt, nicht genüge und daß eine Abhilfe dringend noththue. Um diesen Uebelstande, der namentlich an Feiertagen in empfindlicher Weise fühlbar wird, zu steuern, hat sich ein Eomitö von wackeren und anerkannt verdienten Männern zusammengethan, an deren Spitze die Herren Banquier Michael Strasser (Präses)/ Leopold Guttmann (Stellvertreter), Med. Dr. Ludwig Weiß, Industrieller Hermann Beck, Rentier Münz, Dr. Sig. Goldberger rc. rc. stehen. Behufs Vergrößerung seiner Fonds veranstaltete nun der genannte Tempelbau-Verein eine große Akademie, welche am 12. d. M. im Ballsaale des Etablissements Ronacher stattfand und — es sei hier gleich constatirt — einen überaus glanzvollen und würdigen Verlauf nahm. Der reizende im Style Louis quatorze, gehaltene Saal war von einem distinguirten Publikum dicht besetzt. Unter den Anwesenden bemerkte man den Protector des Vereines Herrenhausmitglied Baron Königswarter, den Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch, den Architekten Fleischer. Den Polizeibezirkarzt von Favoriten Dr. Koch, Dr.Pins, Concertmeister Professor Grün, das Mitglied des Wiener Singvereines Banquier Heinrich Halberstamm und zahlreiche hervorragende Fabrikanten und Jndufküelle. Eingeleitet wurde die Akademie mit einem Festgedichte, das Her-r Weisse vom Deutschen Volhstheater mit Schwung und edlein Feuer sprach. Dann folgte die bekannte Clavier-Virtuosin Frl. Jda Reich mit mehren Piecen. Die anmuthige Künstlerin erzielte mit ihrem trefflichen Spiele eine tiefgehende Wirkung, die in stürmischen Beifallskundgebungen zum Ausdruck gelangte. Den gesanglichen Theil besorgte mit gewohnter Meisterschaft Frl. Bertha Stein vom Theater an