Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 50 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Stf. ftO Vepen^i szischr Wortzensrirrift Seite 837 thums haben in wyiten Kreisen Verbreitung und verdiente Würdigung gefunden. Zeugniß der ungetheilten Liebe und Verehrung, welche der Verblichene in allen Schichten der Bevölkerung genoß, war die gestern Vormittag 12 Uhr stattgehabte Beerdigung, welche sich zu einer imposanten und zugleich vom Herzen kommenden Trauerkundgebun 1 gestaltete. Schon lange vor der festgesetzten Stunde füllte eine hochangesehene Versammlung von Inden und Nichtjuden die große Halle des neuen Begräbnißplatzes. Snne Majestät der König ließ sich durch seinen Cabinetssekretär Geheimen Staatsrath Rosen st and vertreten, das Staatslninisterium entsendete Se. Excellenz den Cultusminister Goos. Beide hohen Staatsbeamten sprachen es aus (der Minister in einem Schreiben an Herrn Rabbiner Dr. Simonsen), daß sie durch ihr Ersch'inen nicht nur dem Verstorbenen, sondern auch der Gemeinde ihre Sympathien zum Ausdruck bringen wollen. Ferner waren anwesend: der fungirende Oberpräsident, Bürgermeister Hansen, die Professoren Dr. van Mehren und Dr. Brandes, die Gemeinderepräsentanten uid Synagogenvorsteher, die Leiter der -jüdischen Schulen und sflmmtücher religiöser und wohlthätiger Anstalten der Gemeinde, Vertreter von Gemeinden außerhalb Kopenhagens rc. -London. Dürfen wir uns vielleicht schmeicheln, daß die Intervention einer einflußreichen Persönlichkeit dazu beigetragen hat, die Situation für die bedrängten russischen Juden zu ändern? Wir sahen, wie eine Mutter aus der Krim nach Hause eilt, Tag und Nacht sich auf der Reise befindet, um chrem geliebten Sohne, der in London auf dem Krankenbette liegt, Trost und Hilfe zu bringen. Das weiche Herz unserer allgeliebten Prinzessin von Wales schlägt aber nicht nur für die Sorge und Bedrängniß, von welcher ihre eigene Familie betroffen wird, sondern sie hat es gelernt, mit der ganzen glücklichen Menschheit zu sympathiesiren und in dieses umfassende Mitleid auch das Elend einzuschließen, in dem sich gegenwärtig die russischen Juden befinden. Einige hochgestellte Persönlichkeiten, die der Czarin mit Bittgesuchen im Interesse der jüdischen Bevölkemng sich zu nahen wünschten, wurden darauf aufmerksam gemacht, daß der Czar es auf das strengste verboten, seine Gemalin mit irgend einem Anliegen in dieser Sache zu behelligen. Aber eine Schwester hat ein Vorrecht und mannigfache Anläffe zu sprechen. Die hohe Dame, unsere verehrte Prinzessin, konnte sich selbst bei dem Czar durch ihre gewinnende Weise für die unglücklichen Juden verwenden, sie, die einst dazu bestinimt ist, die Krone von England zu tragen, und was den vereinigten Bemühungen der Diplomaten nicht gelungen ist, das brachte sie zustande. Vielleicht wird es einmal die Geschichte lobend verzeichnen, daß der Besuch der Prinzessin von Wales in Livadia zum Theil mit einer Gnadenbotschaft in Verbindung stand, und daß sie bei ihrer Rückkehr nach England Trost und Heilung mit sich brachte, nicht nur für ihren eigenen Sohn, sondern für Tausende von unglücklichen Seelen, deren Elend wenigstens jetzt nicht, wie befürchtet wurde, vergrößert werden wird, wenn es auch vorderhand nicht geringer wird. London. Die p o l n i s ch e n "u n d russischen Juden in London, die in East End ihre eigene Gemeinde Synagoge und chr Beth hamidrasch haben, wollten ihrer Dankbarkeit für die ihnm und ihren Ändern in diesem gastlichen freien Lande erwiesenm Wohlthaten, so wie für die in öffmtlichm Versammlungen bekundete Theilnahme an dem Geschick ihrer unterdrückten Landsleute einen ganz besonderen Ausdruck geben. Der Vorstand und die Leiter ihrer Gemeinde sandten daher am verflossenen Roschhaschana Gratulationswünsche und Dankschreiben nicht allein an ihre jüdischen, sondern auch an ihre christlichen Wohlthäter und Fürsprecher, zunächst an die Königin von England, den Prinzen von Wales, an die höchsten geistlichen Würdenträger, an Staatsmänner und Parlaments- MMederI Welch freundliche Äufnahme diese Ergüsse dankbarer Mrzm'gefunden, zeigten die Antwortschreiben, die am Simchas Thora vom Betpult herab inmitten des Gottesdienstes in der irrt mehr als 1800 Personen angefüllten Synagoge verlese» wurden. Es herrschte eine Begeisterung in der Versammlung, die um so erhebender war, da sie ungekünstelt vom Herze» kam: und als ein besonderes Gebet und ein besonderer Segensspruch (Mischeberach) für die einzeln genannten Männer zum Schluß gebetet wurderr, da besiegelte ein einstimmiges „Amen" der ganzen Menge, daß das, was in ihrer Aller Herzen lebte, soeben ausgesprochen wurde. Die Reihe der verlesenen Briefe eröffnete ein Schreiben der Königin Victoria, alsdann des Prinzen von Wales, der Erzbischöfe von Canterbury, Pork, Westminster, sowie vieler Bischöfe von London, Manchester, Liverpool, des Lord Salisbury, Gladstone, des Herzogs von Westminster und einer großen Zahl nicht minder bekannter und hochgestellter Männer. Petersburg. 1 Deceinber. In Fortsetzung der meisterhaften Artikel, welche Sie in dem „Brief aus Rußland" in Nr-. 49 der „Österreichischen Wochenschrift" besprochen haben, schreiben die „St. Petersburskija Wjedomosti": „Wenn die Juden in unserem Westgebiete gewaltsam in Städte und Flecken zusammengedrängt sind, wenn sie nicht einmal im Rayon ihres Wo mitzrechtes die gesetzliche Möglichkeit haben, sich mir Ackerbau und Landwirlhschaft zu beschäftigen, wenn in jenem Gebiete schon eine so große Anzahl von Jude» als Handwerker thätig ist, daß gewerbliche Arbeit sich bereits sehr schlecht bezahlt macht, so kann man sich doch gewiß nicht darüber wundem, daß sie in Massen sich dem Handel mit Erzeugnissen fremder Arbeit zuwenden. Hierin ist keine besondere, specifische Eigenheit der Juden zu erblicken: wenn irgend eine beliebige Gruppe der christlichen Bevölkerung in gleiche Lebensbedingungen hineingestellt würde, so müßte auch sie unzweifelhaft zu den gleichen Formen des Lebenserwerbes ihre Zuflucht nehmen. Es fragt sich aber nun, entspricht der Unbeliebtheit der Inden, die vielleicht eine Folge dieser ihrer Art des Erwerbes der Existenzmitt" l bildet, in der That auch die „Schädlichkeit" ihres Lebenswandels? Ihre „Gemeingefährlichkeit", ihr „demoralisirender Einfluß" müßte doch auch auf strafrechtlichem Gebiete Ausdruck erhalten. Nun, überlassen wir wieder den Zahlm das Wort! Seit ca. 18 Jahren gibt das Justizministerium statistische Materialien heraus, die sich auf die Rechtspflege in allen Gouvemements beziehen, wo die Justizreform von 1864 eingeführt ist. Außerdem erscheinen in jedem Gouvernement statistische Jahrbücher, die über alle möglichen Lebenserscheinungen Auskunft geben. Halten wir die Bevölkerungsmr.aöen der statistischen Jahrbücher mit den straftechtlichen Daten der „Statistischen Materialien" des Justizministeriums zusammen, so ergibt sich, daß im Gouvemement Wilna, wo die Anzahl der Juden 66.5 pCt. der Gesammtbevölkemng der Städte beträgt, von Verurtheilten aller Confessionen auf je 10.000 Einwohner 17.9 Personen entfallen, dagegen auf 10.000 jüdische Einwohner nur 14.1 Verurtheilte kommen. Würden die Juden in demselben Maße zu Bereicherung der Criminalistik beisteuem, wie der übrige Theil, so müßte natürlich auch die Verhältnißzahl von 66.2 pCt. constatirt werden. Aehnlich ist's in den anderen anliegenden Gouvemements. Im Wittebskschen beträgt die jüdische Bevölkerung 60.2 pCt. der gesammten städtischen Bewohner. Auf diese entfallen im Ganzen 23.9 Verurtheilte, während auf 10.000 Juden 19.9 Berurtheilte kommen. Im Gouvernement Grodno zählt man unter den Stadtbewohnern 80.5 Juden. Gerade in diesem Gouvernement aber sind die kriminalstatiftischen Zahlen niedriger. Es kommen hier auf 10.000 Städtebewohner aller Confessionen nur 13.8 Verurthellte, auf 10.000 Juden 10.6. Noch günstiger stellt sich das Verhältniß im Gouvemement Kowno. Es entfallen auf 10.000 Juden 9.9 Verurtheilte, auf 10.000 Einwohner aller Confessionm 14.3. Dabei ist aber die jüdische Bevölkerung m diesem Gouvemement ebenso groß, als im Grohnoschen und beträgt in den Städten 80.4 pCt." Petersburg. Was über die Absichten und Handlungm des Czaren von Rußland verlautet, ist immer so traurig, daß wir gerne einer freudigen Nachricht Glauben schenken, besonders wenn die Quelle, aus der sie stammt, Vertrauen verdient.