Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 50 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Leite 936 ~ Vestrrrrichische WVchenschieM )tx. 50 ■' Bauet ihn mit allen Sprachen Zettern, ' Gott wird ihn bald in Grund zerschmettern! Und aus dem Schutt da dringt sein Nus: Ich "icht umsonst die Volker schuf. Nur im eig nen Volk giebt es Vollendung. Aller Misch-Masch das ist Schändung!"- Wir glauben, es ist genug mit diesen Proben!'„unverfälschten" Blödsinns. Leipzig. Die Heftigkeit, mit welcher der Leiter des conservativen sächsischen Landesvereines und der conservaüven Partei in Sachsen, der Rittergutsbesitzer Freiherr ». Friesen auf Rötha, sich in einer am 28. November in Meißen stattgefundenen Versammlung für das antisemitische Programm erklärte, hat Aufsehen erregt, obwohl es schon lange allgemein bekannt ist, daß der Antisemitismus ein? Eig-nschaft der waschechten Conservativen pirtistisch-orthodoxer Observanz ist. Herr v. Friesen formte seine Forderung in folgendem Lehrsatz: „Die Juden gehören nicht in unsere Schule, «acht an den Richtertisch, nicht in die Anwrltskammer. Wir Annen nicht Leute brauchen, die auf anderem sittlichen Boden sieben." Thatsachljch gibt es in Sachsen aber weder jüdische Lehrer an christlichen Schulen, noch jüdische Richter, jüdische Rechtsanwättc drei bis vier. Außerdem sind die Sittlichkeitsverbrecher in Sachsen seit einer Reihe von Jahren fast ausnahmslos Angehörige der christlichen Confessionen gewesen. Demnach existirt in Sachsen eine in diesen Best'Hungen vom Standpunkt christlicher Ausschließlichkeit eingetreten? Breinträchäßung des religiösen Bewußtseins gar nicht. Hierin fruiit also j rächt das Motiv gesucht werden, aus welchem dieser angesehene! Politiker neuerdings in so stürmischer Weise die Judenhetze! schürt. Bemerkenswerth ist auch ein Passus in einer Rede, welche der anüsemitisch? Wanderredner, Redacteur und Reichstagsabgeordnet? Zimmer.uann kürzlich in Roßwein gchatten hat. Er sagte: „Sachsen gehört zu den deutschen Landern, die «och am Wenigsten von den Juden zu leiden haben, die am Wenigsten von ihnen heimgesuchr werden." Ist dies der Fall, weshalb wird denn jetzt in Sachsen die Anüsemtterei mit einem so.riesigen Eifer betrieben, als stände Hannibal vor den Thoren, als drohe eine jüdische Ueberschwemmung? Ueberall reisen die Apostel der Judenhetze umher. In den Dörfern werden antisemitische Vorträge gehatten, auch in solchen, in die seit Menschengedenken kein Jude gekommen ist. In der Gründung antisemiüscher Ortsvereine, wird alles Mögliche geleistet. Warum dieser so plötzlich in Sachsen eingettetene anttsemitische Feuerherd Weil die Unzufriedenheit der Bevölkerung Sachsens mit der Theuerung der Lebensmittel von Tag zu Tag steigt. Die Judenhetze soll einen Abfluß für die hochgespannten Dämpfe des Volksunwillens gewahren. Das ist das wirkliche Leitmotiv, heutigen Tages ebenso wie im Mittelaller, wo in Pestzeiten der Volkszorn erfolgreich auf die Juden abgelettet wurde. Aber die berühmten sieben konservativen Weisen Sachsens versuchen, den Teufel mit Belzebub zu vertreiben. Sie säen den antisemitischen Wind und ernten den socialdemokratischen Sturm. In den antisemittschen Versammlungen sind es ausschließlich die „reichen Achen", die „mächtigen Juden", gegen welch? der Neid der Maste angestachelt wird. Auch sonst wird die social-revolutionäre Tendenz stark in diesen angeschlagen. Wer diese Vorgänge unbefangen beobachtet, dem kann es nicht entgehen, daß viele Leute dem Stande der Mühseligen und Beladenen erst durch dm Besüch äntisemitischer Versammlungen zur sich immer weiter verbrettenden Socialdemokratte geleitet werden. G&efetiC Hier hat aus Anlaß der Stadtratyswahlen eine Festversammlung der liberalen Partei stattgefunden, auf welcher u. A. der irutionalliberale Abgeordnete Sey ffardt sprach. Stadtverordneter Director D r. W o l l s e i f f e n nahm Veranlassung, das Treiben der Antisemiten,^ welche, auch dort Unfrieden zu stiften versuchen, mit scharfen, aber gerechten Aborten zu geißeln und für die „Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz, welchen Glauben sie auch bekennen, und welcher Raffe sie auch durch chre Abstammung angehören mögen", einzutreten. Er schilderte die Agitation, welche auf den „bösen Jnstintt der Menge" speculirt, und erwähnte, wie er die Angegriffenen vertheidigt Hab?, obgleich mmche Umstände ihm eine gewisse Furcht hätten einfloßen können: Erstens war es die Erwägung, daß der Anttsemit Rektor a. D. A h l w a r d t aus Berlin vielleicht mir über wäre in der Kenntniß, wischmutziger Gelderwerb und entehrende Habgier ihre Geschäfte im Dunkeln treiben; hat er doch, wie der Prozeß Manche dieses bewiesen, vertrauten Umgang mit manchen dunkeln Ehrenmänner» gehabt, die in Bezug aus Geldverdienst um j e d e n P r e i s dem geriebensten Hebräer noch eine Pferdelänge vor waren. (Lebhaftes Bravo.) Zwntens beunruhigte mich drr Gedanke, daß ich selbst, wenn ich am Tage einer Wahl di? Vertheidigunz von angegriffenen Mitbürgern übernähme dann vielleicht in den Verdacht kommen könnte, als wollte ich eine ungeeignete Beeinflußung auf die Wahl dieser Mitbürger versuchen. Es giebt nämlich Leute, die meinen, man müsse bei jeder Handlung von irgend einem egoistischen Motiv geleitet werden, die infolge dessen nicht begreifcn können, daß man auch allein von sittlichen Gefühlen angetrieben und durch ideale Regungen geleitet werden kann. Sie suchen eben den Fuchs hinter der Hecke, weil sie selbst hinter derselben gelegen. (Lebhaftes Bravo.) .... Solchen Hetzereien öffentlich gegenüber zu treten, fühlte ich mich verpflichtet als Lehrer und Leiter einer Reihe von israelitischen Schülern, die durch Fleiß und Tüchtigkeit eine Zierde des Gymnasiums waren und namentlich hinsichtlich der dankbaren Gesinnung, mit der sie ihrem alten Lehrer und Dsteetor stets entgegen getreten sind, ein volles Lob verdienen (Bravo); ich thue es als Bürger und als Vertreter der Gemeinde in der Stadtverordnetenversammlung, der Mitglieder alle, die stets darin einig sind, daß alle geheime und offene Mißachtung und Mißhandlung von Mitbürgern wegen der Confession aufs -schärfste zu verurtheilen seien; ich thue es als Mensch und Christ, der jedem Versuch, die religiöse Toleranz zu verletzen, mit allen Kräften, die ihm zu Gebote stehen, eutgegenzuarbeiten, fest entschlossen ist. (Bravo.) Meine Herren Antisemiten! Ich will Ihnen sagen, wie sehr wir uns darüber gewundert haben, daß in der Hauptstadt des deutschen Reich's, wo doch angeblich alle Intelligenz und Bildung zusammenftrömt, eine solche Ge.stesrichtung platzgreifen konnte, die ein Hohn auf den modernen Fortschritt ist. Erröthen Sie bei Ihrer intoleranten Gesinnung nicht, wenn Sie das Standbild Friedrichs des Großen unter den Linden sehen, der schon ein großer Mann sein würde, wenn erblos das Wort ausgesprochen hätte: In meinen Staaten kann jeder nach seiner Facon selig werden?! (Bravo!) Rufen Sie mit mir: Es lebe die religiöse Toleranz, es lebe das gleiche Gesetz für alle Preußen ohne Unterschied des Glaubens und der Raffe, es lebe die echte christliche Nächstenliebe, die man nicht blos im Munde zu führen, sondern auch im praktischen Leben zu bethätigen hat." . Mit lebhaftem Beifall stimmte die Versammlung in das Hoch' ein Kopenhagen. 7. December. Wie der Telegraph ihnen bereits meldete, ist vergangenen Donnersstag das geistliche Oberhaupt der dänischen Judenheit, Oberrabbiner Professor Dr. Abraham Alexander Wolfs im Alter von nahezu 91 Jahren sanft ohne Todeskampf verschieden. Sest mehr denn 60 Jahren gjänzte sein Name am Himmel des Judenthums unter dyn Ngmen der. hervorragendsten Rahbinen, Känzelredner unch gelehrten unseres Jahrhunderts. Seme Schriften auf dem Geöieie der jüdischen Theologie, Bibelexegese, Liturgie, Kanzelheredtsämteit, des Religionsunterrichtes und der Apologetik des Juden-