Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-12-18 · 50 (18.12.1891) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
50 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020898--00963-3024979
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Sette «24 iOeyerreichischr Wochenschrift. Nr. 80 dich sie der Bergänqlichkett unterworfen sind. Ein noch gut «haltenes Grab ist dasjenige des Rabbi Schrlu, er war eine Art Wunderrabbi aus Galizien und noch jetzt wallfahren Juden aus jener Gegend zu seinem Grabe. An dem Vorabende seines Todestages stehen diese frommen Leute stundenlang in der Abenddämmerung in stilles Gebet versunken, die Gedanken dem Todtm gewidmet. Eigenthümlich: Umstande haben dazu beigetragen, um dieses Andenken vergangener Zeiten zu erhalten. Im Jahre 1669, als die Kaiserin in guter Hoffnung war, wünschte ssie einen Erben chres Thrones. Ihr Beichtvater ermahnt sie, sie möge mit einer guten That die Gefahr, der sie entgegengeht, sühnen. Sie befolgte den Rath und beschloß, alle Juden aus dem Reiche zu verbannen. Alle, außer Marcus Schlesinger, dem Richter, mußten auswandern. Wenn es ihnen die Religion nicht verbieten würde, sie hätten die Gebeine ihrer Todtm mitgenommen, sie thatm, was in chrer Macht stand und zahltm einen hohen Preis für den Bodxn ihres Friedhofs und behieltm das Recht ihres Besitzes. Als Kaiser Josef 110 Jahre später befohlen, daß alle Friedhöfe der Stadt ou§ Sanitätsgründen zu schließen und außerhalb derselben zu errichten seien, ehrte der Kaiser das jüdische Recht, für welches sie 4000 Gulden in Silber zahlten und der Friedhof wurde verschont. Der jüngste Stein ist 100 Jahre alt, der älteste trägt die Jahreszahl 1517. Zu unseren Füßen sehen wir eine kleine Marmorplatte, die unsere Aufmerksamkeit fessellt, sie ist errichtet zum Andenken an „Abraham", den kleinen Sohn von Hirsch Kammanrein, dessen Weisheit und Gelehrsamkeit im Alter von zehn Jahren so groß war, als der eines großm Rabbi; der Körper war zu schwach, «nt die Last des Geistes zu ertrugen, so welkte der Knabe chin und starb. Der Stein trägt das Datum von 2 Jahrhunderten. Wir wissen alle, welchen schrecklichen Krankheiten und Epidemien diejenigen, die vor 2 Jahrhundertm lebten, unterworfen .waren und wie gering die Mitte! dagegen. Kein Wunder, daß unter den Grabhügeln so viele junge Leute ruhen. Namen und Atter einer ganzen Anzahl junger Mädchen gibt uns ein Bild dieser Jungfrauen mit ihren dunklen sprühenden Augen und Rabensiechten, die Namen sind so schön, daß es Schade ist, daß so wenige von ihnm jetzt benützt werden. So sind die Namen Lea, Merly, Saoel, Mindel, Edel, Frimet, Tirze, Godel, Beta, Bethsaba — süße Namen in hebräischen Lettem auf diesen verwitterten Sternen. Auf nroosbedeckten Gräbem lesen wir von einer Blume, Gitel, Hühnchen, Blüte, Rose, Perle, Freide, Vögelchen, Krone. In diesen alten weltvergessenen Steinen erzählt uns jeder Name ein Märchen — gewiß wir können glauben, daß der Starrsinn, mit denen die Juden ihre allen Sttten übten, auch von den Frauen geübt wurde, und daß Salomon's Lob der Frauen passmd war auf diejmigm, die da rühm, daß ihr Werth höher als der der Edelsteine war. Auf einem Steine' an der Mauer, von einem Mandelbaum überschattet, lese ich einen Namen, der einem mglischen gleicht, Buna, Tochter des John Tow, starb 1642, 22 Jahre att. Nicht wett davon ist *das Grab des Samuel Oppenheimer, Factor und Hofjude, dem der Staat, als er 1705 starb, 5 Millionen schuldete. Zwischen so viel Ehren- . gräbem üegt eines, das uns an eine Schandthat erinnert. Eine Jüdin, welche in der bestm Gesellschaft verkehrte, erschien vor dm Aeltesten der Gemeinde und erklärte, sie würde die Geheimnisse derselben verrachen, wenn man ihr Stillschweigm nicht durch eine große Summe erkaufen wolle. Es wurde verweigert, da die mosaischen Gesetze einen solchen Handel nicht billigm Md sie ging, um chre Religionsgmoffm zu verrathen. Als sie die kaiserüche Burg erreichte und den Michaelerplatz überschritt, kam sie unter die Hufe eines Retters und wurde derart am Mund verletzt, daß sie nie mehr ein gutes oder böses Wort über die Lippm bringm konnte. Es wurde als Gottesgericht betrachtet. — Eine andere Aufschrift erinnert an eine minder tragische Begebenheit, die aber sicherlich peinlich Kr die betreffende Dame gewesm. Samson Wertheim's Tochter Eva Rebekka, heiratete einen Bernhard Eskeles, sie war einäugig und der Voller, eingedenk der Worte in der Bibel „Auge um Auge" gab ihr eine Mitgift von fl. 70.000, da der Buchstabe, der im Hebräischen „Auge" bedeutet, die Zahl 70 ergibt. Femer eine an eineu gewissen Naftali W)t,der einer Traollioa zufolge, durch eine Nacht König von Polen war. Sein Grab ist mit einem großen Schwan geschmückt, eingemeißelt in der Mitte der Platte. Der einzige unbeschriebene Stein ist eine Art Delphin mit einem offenen Rachen; es wird angenommen, daß es eine Quelle am Gitter war, damit die Juden die rituellen Waschungen vornehmen können. Und jetzt will ich noch einige Worte über den Führer sagm, der mir an dieser traurigen Statte sein Geleite gab. Der Verwalter des jüdischen Versorgungshauses, Herr Koditschek, wird, ich bin dessen gewiß, jeden englischen Besucher mit derselben Liebenswürdigkett empfangen, die er mir erwiesen hat. Er erwähtte mir zum Cicerone einen seiner Kostgänger, um mich zu geleiten auf diesem Orte, wo jeder Stein mit versiegelten Buchstaben für mich dasteht, stellet Euch einen jüdischen Schriftgelehrten von 93 Jahren vor, noch frisch und munter mtt Augen, die noch sehen, mit Ohren, die noch hören, obgleich der Ganz schon müde, mit dem größten Interesse für Alles, was ich ihm über die Welt „da Draußen" erzählte. Kein trauriger Gedanke überkam ihn, als er mir die Namen derjenigen hersagte, die schon so lange in Kraft und Jugend dahingingen. Zuletzt setzte er sich auf ein Grab und sagte mir, wie entzückend es hier im Frühlinge sei, wenn die Mandelbäume voll Blüthen' und die zarten Blüthen durch die Trauerweiden sprießen, überhaupt von dein süßen Dufte der Veilchen, die die Lust würzen. — Zu dieser Zeit müssen Sie mich hier besuchen, sagte er: er war überzeugt, lange genug zu leben, um dem Gesänge der Vögel zu lauschen und den süßen Duft der Bäume einsaugen zu können — mit 93 Jahren. Anmerkung der Redaktion. Es ist bedauerlich, daß dieses großartige Institut nicht ganz bewohnt ist, aus Mangel an Mitteln zwei Stockwerke noch nicht adaptirt sind. Hier ist noch ein weites Feld für die dringende Wohlthätigkeit. Das Haus hat Raum für IVO Personen und beherbergt kaum 40 Greise und Greisinnen. thal'resMnäenLen. Wien. Das parlamentarische Strafgericht, welches im österreichischen Abgeordnetenhause über Dr. Lueger gehalten ivurde, bildete das Ereigniß der jüngsten Tage. Die frivole und leichtfertige Art, mit welcher der Abgeordnete von Margarethen die wichtigsten und vitalsten Angelegenheiten des Staates behandelt, hat von Seite der Regierung eine Züchtigung erfahren. Der internaüonale Charakter der antisemitischen Sippe ist bei dieser Gelegenheit klar in Erscheinung getreten. Lueger selber hat sie demaskirt. Herr v. Bilinski konnte unter Hetterkett des Hauses constatiren, daß Dr. Lueger „zufällig" mit denselben Schlagworten und in demselben Jargon arbeitet, wie die antisemitischen Hetzapostel im deutschen Reichstag und er bestätigte nur die Mittheilllngen des Reichskanzlers Caprivi über die geheimen Fäden, welche zwischen diesen vaterlandslosen Agenten in allen Ländern gesponnen werden. Jetzt verstehen wir, warum sich in der letzten Zeit der Cheftedacteur der „Kreuzztg." Herr von Hamm er stein im Vereine mtt dem biederen Ahlwardt in Wien Herumtrieb. Daher mlch die feindselige Haltung, welche die östen-eichischen Antisemiten gegen die Zollverträge einnehmen. Diese Schößlinge der politischen Ausartung, welche stets das Wort von der internationalen Vaterlandslosigkeit im Munde führen, gehorchen den Winken, welche sie aus der Fremde empfangen. In den Correspondenzen des Marquis von Morräs sind Briefe von österreichischen Antisemiten gefunden worden. Drumont rühmt sich in seinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.