Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-12-18 · 50 (18.12.1891) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
50 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020898--00960-3024976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 50 Oesterrrichifchr Wochenschrift. Seite SSL feiten zwischen den Antisemiten der Ostmark und den Antieuropäem des chinesischen Reichs. Die Mandarinen schürten die Flamme, weil sie die europäische Controle fürchten, weil die eindringende fremde Civilisation sie um ihre Allgewalt zu bringen droht. Aberglaube und Borurtheil werden ausgenützt zu den verwerflichsten, egoistischenZwecken;äußerlich gab man vor,die Christen zu beschützen, im Geheimen ermuthigte man zum Aufstand und man schntt erst ein, als der Christenhaß schon seine blutigen Orgien gefeiert hatte und als die. Machthaber sich selber nicht mehr ganz sicher fühlten. Die Blutthaten in China sind aufs Tiefste zu beklagen. Nur Ihr Antisemiten müßt schweigen bei diesen Grausamkeiten, denn durch Euer Beispiel und durch d i r e c t e Anregung habt Ihr den chinesischen Fanatismus ermuthigt. Gegen die Juden, das heißt gegen die europäischen Juden, wollte man Hetzen und die Volkswuth tobt gegen Protestanten und Katholiken. Die Gleichberechtigung des Gehaßtwerdens wird in China keinem Europäer verweigert und jeder Europäer empfindet es dort, was es bedeutet, wenn das Aufschüren des Hasses, wenn die Brutalitäten des Volksaberglaubens eine laue Befeindung und sogar geheime Begünstigung finden und nicht rechtzeitig mit der nothwendigen Energie unterdrückt werden. Nus der arischen Gesellschaft. Ein Brief aus Berlin. Berlin, 14. December 1891. Trotz der nunmehr notorisch festgestellten Thatsache, daß bei dem jüngsten Bankkrach mehr christliche, sogar specifisch antisemitische Bankhäuser betheiligt waren, als jüdische, enthalten sich unsere gewissenlosen antisemitischen Preßbanditen nicht, von dem „Bankjudenkrach" zu reden und in den antisemitischen Versammlungen die Bankvorgänge zur Aufreizung der Massen allszubeuten. Nun hat zwar der antisemitische Agitator Prof. Ad. Wagner in einer Volksversammlung der Wahrheit die Ehre gegeben und zu nachstehender von der „Oesterr. Wochenschrift" bereits publieirten Enunciation sich aufgerasit. Er erklärte: „Woher komnu die ungeheure Summe der Börsencapitalien? Doch nur aus dem Volk! Spielt Niemand von Ihnen in der Lotterie? Ich fürchte Alle! Ich bedauere sehr, daß der preußische Staat die Lotterie begünstigt, die Staatslotterie sogar vermehrt hat. Ich bedauere die vielen genehmigten Gelegeuheitslotterieu. Das Börsenspiel aber i st nicht schlechter, sondern eher etwas besser als das Lotteriespiel, denn es erfordert doch etwas Nachdenken, etwas Berechnung; das Lorteriespiel gar nicht. Und auch bei diesem kommen doch die Gewinne von denen, die ihr Geld verloren haben. Man spielt nur deshalb in der Lotterie, um reich zu werden. Was das Börsenspiel betrifft, so sind nicht nur die Termingeschäfte, sondern auch die gewöhnlichen Spekulationen verwerflich. Ich bin fest überzeugt, daß auch hier viele sind, d i e m ü h e l o s r e i ch werden wollen, indem sie ihr Geld beim Bankier für sich arbeiten lassen. Also n i cht die Juden allein, sondern das ganze Publikum ist schuld. Die Effectenbörse ist etwas Nothwendiges zur Aufnahme von Staatsanleihen und zur Anlage der Ersparnisse der Bürger; aber das Börsenspiel brauchen wir nicht und das Publikum sollte sich davor hüten. Man sollte nicht den Reichthum an sich, sondern den anständigen moralischen Erwerb desselben achten. Man sollte alle Unehrlichen, auch wenn sie reich sind, gesellschaftlich vervehmen. Darin haben wir es verfehlt. Wie kommt es, daß die Lotterielose so starken Absatz haben? Wenn die Juden die Verführer sind, so laßt euch doch nicht immer verführen! Sucht doch die Wurzel des Uebels in euch selbst! Man soll nicht gewinnen wollen, wo man nicht verlieren will. Ich schließe mit dem alten Bibelworte: „Derjenige hebe den ersten Stein, der sich frei von Sünden weiß!" Selbst der konservative „Reichsbote" konnte nicht umhin seine Leser vor antisemitischen Schwindlern zu warnen. Er schreibt: „Wir haben im Laufe der Woche Veranlassung genommen, unsere Leser vor jeder Vertrauensseligkeit gegenüber ihren Bankiers zu warnen. Weder die äußere Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde oder zur conservativen Partei, weder das gesellschaftliche Ansehen, noch das ehrliche Aussehen sind, wie sich gezeigt hat und vielleicht noch ein- oder zweimal zeigen wird, eine Bürgschaft für die geschäftliche Zuverlässigkeit. In unserer vorigen Rundschau haben wir die Ursachen dafür angegeben: unzählige christliche Geschäftsleute haben zwei Gewissen, ein privates und ein geschäftliches. Das eine sucht sich mit dem lieben Gott in ein gutes Verhältniß zu setzen, treibt zum Kirchgang, zum Almosengeben, zur christlichen Kinderzucht u. s. w.; das andere kennt nur ein Gebot: du sollst Geld schaffen. Geh. Rath Wagner hat in der Tonha llen-Bers amm» lung diesen Borwurf gegen das ganze deutsche Volk gerichtet und zwar mit vollem Recht." Allein die antisemitische Preßbande ist bar jeher Ehrlichkeit und schimpft ununterbrochen „über die jüdischen Bankgauner", man publicirt Flugblätter, die nach lausenden in's Airsland speciell nach Oesterreich dirigirt werden, um die dortige öffentliche Meinung irrezuleiten. Darum war es ein dankenswerthes Unternehmen der „jüdischen Presse" eine „konfessionelle Statistik" zusammmzustellen, in welcher die Herren Arier sich spiegeln können. Wir sind himmelweit entfernt, die Vergehungen einzelner Christen der gesammten Christenheit, oder gar dem Christenthum zu Lasten zu schreiben — das wäre Wahnwitz; aber da, was dm Christen recht, uns Juden billig ist, werden die nachstehenden Darlegungen von selbst beweisen, daß eben jene Verfechter des Verallgemeinerungs-Princips ihr eigenes Bekenntniß schmähm, als dessm Vertheidiger und Retter sie sich spreizen. Alleinwährend desJahres 1891 — rvohlgemerktwährend d ies es einen einz igen Jahres — haben folgende Christen des betrügerischen Bankerotts, der Unterschlagung und Veruntreuung sich schuldig gemacht: Arendt, Rendant der Georgengemeinde in Berlin, veruntreute derselben 161.000 M. — John Bardsley, Schatzmeister von Philadelphia, wurde wegen Unterschlagung von 500.000 Dollars zu 15 Jahren Zuchthaus verurtheilt. — Major a. D. Becker, Bürgermeister von Bobersberg (bei Krossen a. O.), entleibte sich, nachdem er die städtische Sparcasse um 36.000 M. geschädigt. — Bessöde, Procurist des Crödit Lyonnais in Paris, mich eine Wechselfalschung in Höhe von 96.000 Frcs. mit 6 Jahren Zuchthaus büßen. — Buchhalter A. H. Biglahn, Procurist der Schwarzblechfabrik G. Kanow in Berlin, wurde wegm Unterschlagung von 31.907 M. zu 4 Jahren Gefängniß verurtheilt. — Stadtmeßner Billing in Karlsruhe erhielt 6 Monate Gefängniß, weil er der evangelischen Bibelgesellschaft 3233 M. veruntreute. — Charam elli, Direktor der Banea del industria e commercio in Turin, wurde wegen betrügerischen Bankerotts;u zwölf Jahren Gefängniß verurtheilt. — Bürgermeister Conrad in Radegast wachte, nachdem er amtliche Gelder unterschlagm, Bücher gefälscht rc., seinem Lebm durch Strychnin ein Ende. — Buchhalter Deibele veruntreute zum Nachcheile der Hofglashandlung Lobmeyer in Wien 150.000 Gulden. — Steuereinnehmer Diehr in Charlottenburg verschleuderte amtliche Gelder in Höhe von über 3000 M. — L. O. Dittmann, Generaldirector der Versicherungsbank „Saxonia" in Dresden, wurde wegen zahlreicher Betrügereim und Unterschlagungen verhaftet. — Der 73jährige Stadtkämmerer Dott, Rendant der städtischen Sparcaffe in Gudensberg (Hessen), unterschlug 43.000 M. — Der Notar Ducrocy in Paris wurde nach Unterschlagung 5 Millionen anvertrauter Gelder flüchtig. — Fritz Richard von Donop wurde von der I. Strafkammer in Berlin wegm mehrfachm Vertrauensbruchs zu 1 V4 Jahr, Carl Eichler, welcher die Anglo-Deutsche Bank in Hamburg um 150.000 M. betrog, zu 7 Jahrm Zuchthaus verurcheilt. — Otto Fisch er, Cassirer des Creditvereines in Meißen, unterschlug 300.000 M. und wurde am 1. Nov. verhaftet. — Fleischmann, Direktor der Bolks-Credit-Bank in Graz, Führer der dortigen Antisemiten, beging Selbstmord, nachdem er 70.000 fl. unterschlagen hatte. — Benno Franz, Direktor der Dampf- und Wollwäscherei-Maschinenfabrik in Dresden, veruntreute 95.000 M. — Generalmajor Frolow wurde wegm Unterschleife aus dem russischm Heere ausgestoßen und nach Sibirien verbannt. — Der 73jährige Pastor Dr. Gar cke in Dersheim (Kr. Halberstadt) unterschlug der Kirchmcafse 10.000 M. — Generalstabsoberst Gi seti wurde von dem Militärgericht in Tiflis wegen Unterschlagung mit Verlust aller Ehren und Verbannung nach Jeniffeisk bestraft. — Kaufmann O. Gressard in Elberfeld wurde wegen Unterschlagung von 330.000 M. zu 4 Jahren Zuchchaus verurcheilt. — Otto

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.