Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 50 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 920 Orstrrrrichifchr Wochrnschrist. Nr. 50 Zn einem antisemitischen Flugblatt ward die furchtbare Anklage erhoben, daß der jüdische Schwindel Eisenbahnen in China bauen wolle. Eisenbahnen in China — kann man sich ein größeres Verbrechen denken. Glücklicherweise sind die vom verstorbenen Professor Hochstetten (man machte ihn rasch zum Juden) vorgezeichneten Tracen noch nicht ausgeführt. Steigen Sie ein, Prinz Liechtenstein, wir macheu den Weg gu Land; wir vermeiden die Schiffe des jüdischen Lloyd, aber müssen leider auch jüdische Bahnen benützen. Wir haben keine Pazificbahn in der alten Welt, wahrend Amerika bereits Concurrenzlinien besitzt. Dort wo die russischen Bahnen enden, nimmt eine lange und beschwerliche Reise ihren Anfang. Man kauft sich einen Wagen und die russische Post stellt die Relais. Von Kiachta aus geht die Reise mit der chinesischen Post oder karawanenmäßig auf dem Rücken des Kameels. — Hat man endlich die mongolische Wüste überwunden, dann zeigt sich vom Hochplateau aus, unmittelbar bevor man die chinesische Mauer passirt, ein merkwürdiger Anblick. Oben die Wüste Gobi mit ihrem spärlichm Thierleben, diese furchtbare, rauhe Einsamkeit, in welcher der Tod zu hausen scheint; unten das Paradies, eine grenzenlos sich ausdehnende Landschaft mit der üppigsten Cultur, besät mit Städten und Dörfern. Das ist China. Und hier haben wir den Musterstaat, wie man in der Heimat chn anstrebt, hier ist es Wirküchkeit, was auf der Simmeringer Haide geträumt wird. Die Chinesen kennen die Bibel nicht; sie sind ohne jede Berührung mit semitischen Erzählungen und Weisheitssprüchen geblieben, sie haben niemals Patriarchenluft geathmet. Erst die Missionäre brachten die semitische Bibel; aber man steckt die Klöster in Brand und ermordet die Miffionäre. Dann kennt dieser Staat überhaupt keinen Volksunterricht, was noch idealer ist, als die confefsionelle Schule. Die strenge Ueberwachung der Preffe, die Absperrung gegen alles Fremde, bis Europa sich dm Zutritt zu erzwingen wußte, die Grausamkeit der Gerichte, die einen steinernen Tiger zum Symbol haben, die öffentliche Heuchelei, die Abneigung gegen philosophisches Denken, die Gleichgiltigkeit gegm die Wahrheit, die mangelhafte Empfänglichkeit für das Ideale in Dichtung und Kunst, das Alles gibt China jme Vorzüge, wie nur ein Antisemit sie wünschen kann. Es ist wahr, die gclehrtestm Mandarinen scheuen sich der Lüge nicht und das Lügen wird ihnen zur Gewohnheit. Es ist wahr, daß Bestechung und Raublust die Sphären der Verwaltung und des Rechtslebrns beherrschen. Es ist wahr, daß wenn Hungersnoth eintritt, oder die großen Flüße das Land überschwemmen, Millionen Menschen elend und hilflos zu Grunde gehen. Es ist wahr, daß wenn die Pest in den südlichen Provinzen wüthet, man auf der Landstraße über Leichen stolpert, ohne daß jemand sie begräbt. Wahr ist es, daß der Kindermord in den großen Städten grassirt, wahr ist das ungeheuere Elend der Armen, wahr ist auch, daß dem Volke jeder Rcchtsschrltz fehlt und jede Freiheit. Aber die Antisemiten haben doch nichts Anderes zu thun, als gegen einige Deutsche und andere Europäer in China zu Hetzen, mit der Behauptung, daß sie Judm sind und mit der Berichtigung, daß man sich geirrt habe, mit einer Berichtigung, die noch schamloser ist, als die ursprüngliche Verleumdung. Das „Vaterland" vom letzten Sonntag fleht die europäischen Mächte an, in China einzuschreiten, um dem barbarischen Blutvergießen Einhalt zu gebieten. Das „Vaterland" sollte aber nicht verschweigen, daß der in China gegen die Piropäer, die „Fremdm" lodernde Feuerbrand von den deutschen Antisemiten direct angezündet worden, allerdings in der Meinung, er werde blos — Juden mit seiner Gluch versengen. „Flugblatt Nr. 50". Dieses Machwerk aus Leipzig theilte ohne Weiters mit, daß der Kaiser von China ein Antisemit geworden sei. Man muß ein elendes Subject sein, um durch eine solche ganz unmögliche Behauptung sich selber an den Pranger zu stellen und man muß das Publikum für ungemein dumm halten, um auf diese Art Sensation zu machen. Jetzt, nach den Greuelthaten gegen die Christen, was ist jetzt der Kaiser von China? In dem erwähnten Flugblatte war auch von einem geborenen Wiener, von Herrn Mandel die Rede, der als Vertreter Krupp's in China sich Ansehen und Stellung erworben hat, vollkommen unbescholten ist und die europäischen Interessen in würdigster Weise repräsentirt. Er wurde als Jude und nahezu als Verbrecher hingestellt. Das „Deutsche Volksblatt" in Wien machte sich zum Abklatsch dieser Verleumdungen, um kurze Zeit darauf zu berichtigen, daß Herr Mandel hochachtbar sei in feinen geschäftlichen Beziehungen, daß er sich des vollen Vertrauens der chinesischen'Regierung erfreue, daß er ferner kein Jude sei, sondern vielmehr ein Protestant von arischer Abstammung. Und wenn Herr Mandel ein Jude wäre — die „Österreichische Wochenschrift" warf damals die Frage auf, wäre es dann patriotisch, wäre es dann irgendwie vereinbar mit der primitivsten bürgerlichen Moral, einen unbescholtenen Oesterreicher int fernen Gebiete China's durch verleumderische Behauptungen Schaden bringen zu wollen? Sieht man denn nicht ein, wohin dieser Wahnsinn des Hasses führen muß? Wie die Saat, so die Ernte; die Feinde der Christen und Europäer in China sind bei den deutschen und österreichischen Antisemiten in die Schule gegangen. Und nun sind wir beim „Goldenen Tiger" in Peking. Wir haben uns chinesisch so gut als möglich verkleidet, denn wir wissen ja, wie die Ordner einen Fremden zu behandeln haben. Ein liberaler Redner ergreift das Wort, um mit der Erinnerung an die Pflichten der Menschlichkeit es der geehrten Versammlung anheim, zu geben, ob die Ausschreitungen . . . Weiter konnte der Redner nicht sprechen: „Christenliberal", brüllte es ihm entgegen: „Europäerknecht". „Wir brauchen keine Humanität" schrien die Andern und dann stimmten sie Lieder an, welche die Sprechweise der Missionäre nachahmen sollte. Der Sturm legte sich; es.wurden Flugblätter und Zeitungsausschnitte verlesen. Was stand in einem solchen Flugblatte? „In Tiensin haben die Missionäre fortwährend kleine Kinder fortgelockt, um chnen die Augen und das Herz auszuschneiden. Als das Volk die Entdeckung machte, riß es die Häuser der Ausländer nieder. Im Innern der Häuser fand man dann Haufen von Leichen entführter Knaben und Mädchen. Diese Thatsachen sollten uns Chinesen vorsichtig machen, um uns vor solchen Gefahren künftighin zu bewahren. Wir sollten Hand und Herz vereinigen, um das Uebel fernzuhalten, ehe es uns heimsucht". Das ist wörtlich abgedruckt, die Chinesen haben großes Nachahmungstalcnt und sie haben die antisemitischen Phrasen in's Chinesische übersetzt. Auch an falschen Anklagen fehlt es nicht. Mansappellirt an die Barmherzigkeit der Nonneil in Jchany einen Säugling in's Haus zu nehmen und des andern Tags entsteht ein Auftuf, weil man die Nonnen beschuldigt, das Kind gestohlen zu haben. Unter dem Blutmärchen Leiden auch die Missionäre in Afrika. Der Teufel hat immer dieselbe Sprache, ob er weiß ist, gelb oder schwarz. Der Blutaberglaube der Chinesen stimmt genau überein mit den Blut-' beschuldigungen, welche europäische Antisemiten'alsvorbedachte Lüge gegen die Juden erhoben haben. Vor drei Monaten veröffentlichte die „Oesterr. Wochenschr." ein chinesisches Plakat, welches die Behauptung aufstellt, daß die Europäer Weiber von anderen Orten verschreiben, um Kinder zu enfführen. Dann sticht man den Kindern die Augen aus und schneidet ihnen die Eingeweide, das Herz und die Nieren aus dem Leibe. Es wird' erzählt, daß man zur Entführung eines Kindes ein Betäubungsmittel habe. In der katholischen Kirche habe man Leichen und vertrocknete Knochen kleiner Kinder' gefunden. Die Christen hätten den Mandarin bestochen, damit er die Kirche beschütze. Schließlich wird zur Zerstörung der Kirche aufgefordert und wird erklärt, daß nur, wenn Keiner von der Race übrig bleibt, könne China glücklich werden. Schon der berühmte Graf Szechenyi machte in einer Broschüre darauf aufmerksam, daß die Orte in der Umgebung Wiens einen chinesischen Klang haben: Peking, Nanking, Hietzing, Penzing, Ottakring, Liesing, Meidling, Simmering. Es fehlt nicht an Aehnlich-