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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-12-18 · 50 (18.12.1891) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
50 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5o Orstrrrrichiptzr Wochenschrift. «Seite SIS Synagogenbau, dessen Kosten sich auf circa fl. 80.000 belaufen dürsten, aufzubringen. Nun hat Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser für diese Lotterie den Haupttreffer zu sp end en g eru h t, bestehend in einem sehr werthvollen, reich verzierten silbernen Caffee-Service, im Stile Ludwig des XIV., von welchem Acte allerhöchster Huld das Comits durch ein Schreiben aus der kaiserlichen Cabinetskanzlei verständigt worden ist. Die antisemitischen Blätter werden auch das verschweigen; desto lauter müssen aber wir es verkünden. Nicht als Hosiana, als ob damit der Antisemitismus lobt gemacht wäre. Wenn ein Bischossconzil mit dem Papst selbst an der Spitze, ein Kongreß aller Anthropologen der Welt, dem Virchow präsidirte und eine Fürstei-Versammlung unter Aegide des Kaisers Franz Joseph, der von allen Souveränen als der weiseste und gerechteste verehrtwird, den Antisemitismus vom religiösen, vomRassenwie vpm politischen Standpunkte verdammten, er wäre damit nicht aus der Welt zu schaffen, denn gegen Böswilligkeit und Dummheit kämpfen selbst Götter vergebens, der Antisemitismus aber ist das Product dieser beiden': Böswilligkeit von Seite der letzten Ritter des Mittelalters, die feindlich auf die Entwicklung des modernen Staats- und Gesellschaftslebens sehen, die Welt um hunderte Jahre umkehren möchten und die verwegensten Subjecte zu ihren Söldlingen und Sendlingen machen; Dummheit von Seite der Massen, die sich von den Phrasen derselben beihören lassen und den Strick drehen Helsen, den man auch ihnen als Lasso um den Hals wersrn wird, wenn es gelänge, die Juden um ihre Freiheit zn bringen. Derr Antiscnritismus kann nur die Jett verschwinden machen, der Fortschritt des Rrchtsbewußtseins und der Menschheitsidee; aber dieser Gnadenakt des Kaisers muß den Antiscmitensührern und ihren versteckten Hintermännern doch die Ueberzeugung beibringen von der Arlssichtslosigkeit ihrer Bestrebungen zur Herbeiführung einer Katastrophe oder zur Schaffung ron Ausnchmsgesetzen. Sie mögen Hetzen und zündeln, wie sie wolle,r. Und dieser kaiserliche Gnadenact muß uns erheben von allen den Dcmüthigungen, die uns vom Antisemitismus widerfahren, vor Allem von der Kränkung, daß man uns unsere religiöse Mission abspricht und vorgibt, daß das moderne Judcnthum keinen Glauben und keine Heiligthümer habe. Mit diesem Gnadenact erkennt es der Kaiser an, daß das Judenthum eine Religionsgesellschast ist, die heute geradeso wie früher mit heiligem Eifer an die Erbauung von Gotteshäusern geht, um dem religiösen Leben Pflanz- und Pflegestättcn zu schaffen. Diese hochherzige Spende des Kaisers für einen Synagogenbau in Wien erinnert an die Geschenke des Cyrus zum Tcmpelbau in Jerusalem und mahnt an die Dankbarkeit und Treue, welche die Juden den Perserkönigen bewahrten, daß sie selbst der Aufforderung eines Alexander, sich zu ergeben, Widerstand leisteten. Diese hochherzige Spende des Kaisers für einen Synaooeenbau ist das erhebendste Zeichen der Toleranz inmitten dertraurigen Strömung der Intoleranz dieser Tage. Wir beneiden den, der den Haupttreffer in der Lotterie für dcn Synagogcnbau machen und dieses Zeichen der kaiserlichen Gnade in seinen Besitz bekommen wird. Es hat für Juden einen idealen Werth, das I ud en t h u m darf es z u seinen Heiligthümern zählen. Die dem Comite zugemittelte hohe Verfügung lautet: K. u. k. General-Direction der A. H. Privat- und Familien-Fonde. 6660 An das geehrte Comit« zur Erbauung einer polnisch-jüdischen Synagoge in Wien. Snne kaiserliche und lönigliche Apostolische Majestät haben dem geehrten tirmilö für die zu veranstaltende Cfsecten-Lotterie, deren Reingewinn den, Zwecke der Erbauung einer polnisch-jüdischen Synagoge in Wien gewidmet wird, als Gewinnst-Gegenstand ein silbernes, reich verziertes Kaffee-Service im Style Louis XIV. für si cks Personen, bestehend aus einer Kafseekanne, einer Milchkanne, einer Zucr^'chale und einem silbernen Plateau sammt Ledercassctte, aus der Allerhöchsten Privatcassa huldvollst zu spendm geruhet. Indem ich diesen Gewinnst-Gegenstand zugleich mit der Berständigung dem geehrten Comitö übergeben lasse, ersuche ich, die Empfangnahme desselben, gefälligst bestätigen zu wollen. Wien, am 3. December 1831. Mayr in. p. Beim goldenen Tiger in Peking. Die Reise ist weit von den Ufern der Als bis zu den Ufern des Gelben Flusses; aber was liegt einem Prinzen Liechtenstein daran, wenn es die gute Sache gilt und wenn er geschützt gegen jüdische Berichterstatter, einen Vortrag halten kann beim Goldenen Tigerin Peking? In China nimmt der Adel ab, je weiter der Zeit und der Geschlechtsfolge nach die Nachkommen vom Ahnherrn des Geschlechts entfernt sind; in Europa ist das vielleicht, was adelige Eigenschaften betrifft, mitunter auch der Fall, aber es bleibt das Ädelsprädikat und cs festigen und mehren sich die Vorrechte mit der wachsenden Zahl der Ahnen. Die Reise des Prinzen Liechtenstein ist jedoch überflüssig; der Antisemitismus hat auch ohne den Prinzen Liechtenstein seine Wand rung nach dem fernen Osten vollbracht. So weit die drut'che Zunge reicht, so weit gelangt auch der Antisemitismus zur Erscheinung. Ob Deutsche als Auswanderer auf fremdem Boden sich eine neue Heimat gründen, oder ob sie nur zeitweilig in fremden Colonien sich aufhalten, immer findet die Krankheit der Heimat Gelegenheit, auch auf fremdem Boden fortzuwuchern. Die Befferdenkenden der deutschen 'Nation mögen das selber bbhast bedauern; aber die Thatsache steht aufrecht, der Deutsche trägt den Antisemitismus mit sich, wie der Engländer seine Rechtsgewohnheiten. In dm meisten Fällen ist der Antisemitismus nur ein Mittel für den Geschästsneid. Man fasse die Abenteurer in den Colonien des fernen Ostens scharf ins Auge; sie sind mit Rücksicht auf beklagenswerthe Zeitereignisse ein wichtiger Factor geworden. Man wird es natürlich finden daß Abenteurer sich von fremden Colonien angezogen fühlen; auch paßt es zu ihrem sonstigen Wesen, daß sie sich als Instrumente des Antisemitismus benützen lassen. Lenkt nun ein Deutscher in den Colonien die Blicke des Neides auf sich, weil er einen lohnenden Geschäftskreis oder eine einflußreiche Stellung sich erworben hat, so schreibt der Abenteurer oder ein obscurer Commis einen Brief in die Heimat, in welchem der Beneidete, mag er durch Begabung, Charakter und Energie sich auch in hohem Grade auszeichnen, zum jüdischen Schwindler und Betrüger gestempelt wird, auch wenn er kein Jude ist. Dadurch wirdein doppelter Zweck erreicht. In der deutschen Heimat findet die antisemitische Agitation ihre Rechnung, indem einem gläubigen Publikum erzählt wird, daß die deutschen Juden auch in fremden Colonien einer gefährlichen Thätigkeit sich schuldig machen. In der Fremde aber, in den Colonien benützt man die in antisemitischen Organen der Heimat abgelagerten Verleumdungen, um Diejenigen persönlich zu discreditiren, an deren Stelle man sich setzen möchte. Man sucht auch die Mandarinen des Ostens für den Judenhaß zu gewinnen. Die Mandarinen aber haben die Sache falsch verstanden; sie kennen keinen Unterschied der Religion, haben für die Racentheorie des Antisemitismus auch nur ein spöttisches Lächeln, sondern sie fassen die Europäer überhaupt, gleichviel in welcher Eigenschaft er bei ihnen erscheint und sie fühlen sich durch den europäischen Fanatismus nur erwuthigt, zur Anstiftung jener Blutthaten, denen die europäischen Missionen zum Opfer gefallen sind. Das ist der causale Zusammenhang zwischen deni Antisemitismus und den Christenverfolgungen in China. Der Antisemitismus passirt die Linie und macht die Metamorphose durch, welche durch die chinesischen Eigenthümlichkeiten bedingt ist. Die Schlaeworte, kie ganze Agftation zeigen eine auffallende Aehnlichkeit, aber das Object ist ein anderes geworden; der Haß richtet sich gegen die Europäer, gegen die Arier, gegen die Christen. Der Antisemitismus ist verantwortlich für das, was in China sich ereignet hat; er ist mit der Blutschuld belastet.

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